Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

P&R Container P&R-Insolvenzverwalter schlägt Anlegern einen Vergleich vor

Eine gute Nachricht für die Gläubiger der P&R-Gruppe: Sie bekommen ihr Geld zurück. Zuvor müssen sie dafür aber einem Vergleich zustimmen.
Kommentieren
P&R: Insolvenzverwalter schlägt Anlegern einen Vergleich vor Quelle: dpa
Logo von P&R

Insgesamt kauften Privatinvestoren bei P&R Seecontainer für 3,5 Milliarden Euro.

(Foto: dpa)

BerlinDie 54.000 Anleger früheren Marktführers für Direktinvestments in Seecontainer P&R erhalten in diesen Tagen Post aus München. Die Schreiben von Insolvenzverwalter Michael Jaffé bringen gute Nachrichten. Sein Team konnte bislang 110 Millionen Euro sichern. Aus der Vermietung vorhandener Container fließt weiterhin frisches Geld in die Kasse. Für 2019 rechnet Jaffé je nach Entwicklung des Marktes mit weiteren 150 Millionen Euro. Angesichts dieser Zahlen scheint sein Ziel erreichbar, bis 2021 rund eine halbe Milliarde Euro zu erlösen.

Mit den mehr als 20 Seiten starken Briefen will Jaffé den Insolvenzprozess so ordnen, dass er ab 2020 eine erste Abschlagszahlung an die Anleger leisten kann. „Dies ist in einem Insolvenzverfahren dieser Größenordnung und Komplexität ein vergleichsweise früher Zeitpunkt“, schreibt Jaffé. Dem Handelsblatt liegen Entwürfe der Briefe vor.

Trotz des Hoffnungsschimmers wird darin auch deutlich, wie viel Geld wohl verloren ist. Insgesamt kauften Privatanleger bei P&R Seecontainer für 3,5 Milliarden Euro. Sie erwarben die Stahlboxen, die P&R dann über eine schweizerische Schwesterfirma an Reedereien vermietete. Später kaufte P&R die Container mit Abschlag wieder zurück. Dem Anleger blieben Renditen zwischen drei und fünf Prozent.

Als die Vertriebsgesellschaften von P&R im März 2018 überraschend pleitegingen, blickten die Anleger in den Abgrund. Insolvenzverwalter Jaffé stellte fest, dass eine Million Container nur auf dem Papier existierte. Viele Indizien sprechen dafür, dass P&R etwa seit 2010 ähnlich wie ein Schneeballsystem funktioniert hat. Die Staatsanwaltschaft hat Firmengründer Heinz Roth (76) inzwischen wegen gewerbsmäßigen Betrugs angeklagt. Auch wenn der Ex-Chef öffentlich zu allen Vorwürfen schweigt, könnte sich P&R als einer der größten Betrugsfälle der deutschen Geschichte entpuppen.

Nach der Pleite blieben Jaffé rund 600.000 Container, die weiterhin über Weltmeere fahren und jedes Jahr viele Millionen an Miete erlösen. „Jetzt geht es vor allem darum, dass diese Gelder auch an die Gläubiger ausgeschüttet werden können“, schreibt Jaffé an die Anleger. „Ein solcher Erfolg wird allerdings ohne Ihre Hilfe, um die ich Sie heute erneut bitte, nicht möglich sein.“

Konkret geht es um zwei zentrale juristische Weichenstellungen, für die er die Zustimmung der Gläubiger braucht: Eine neue Berechnung der Forderungshöhen und eine Verlängerung für bestimmte Verjährungsfristen. Dem Brief liegen deshalb zwei Vereinbarungen bei, die Anleger unterschreiben sollen.

Die erste Vereinbarung ist ein Vergleich, mit dem die Höhe der Insolvenzforderung des Gläubigers verbindlich festgelegt werden soll. Bislang haben Gläubiger ihre Forderungen als Maximalbetrag berechnet, indem sie alle Mieten und Rückkaufswerte aufaddierten, die ihnen bei einer Vertragserfüllung durch P&R zustanden hätten. Diese Berechnungsmethode erwies sich jedoch als unpraktikabel, denn die Rückkaufswerte für die Container waren in den Verträgen mit P&R nicht fixiert. „Steht aber nicht verbindlich fest, wie hoch der Rückkaufspreis ist, lässt sich auch nicht eindeutig ermitteln, in welcher Höhe den Anlegern nun Schadensersatzansprüche zustehen“, schreibt Jaffé.

Um alle Gläubiger gleich und fair zu behandeln, schlägt der Insolvenzverwalter ein anderes Modell der Schadensberechnung vor. Beim sogenannten „negativen Interesse“ wird der Anleger so gestellt, als hätte er nie P&R Container gekauft. Die Faustformel dafür lautet: Anlagesumme minus erhaltene Ausschüttungen plus vier Prozent Zinsen. Außerdem lockt Jaffé die Anleger mit einem „pauschalen Aufschlag“ von einem Drittel der Differenz zur ursprünglichen Maximalforderung. In den Schreiben findet jeder Anleger seinen individuellen Vergleichsbetrag.

Der Vergleich verpflichtet Gläubiger zudem, auf mögliche Ansprüche gegen andere P&R-Gesellschaften insbesondere gegen das Container-Management in der Schweiz zu verzichten. Jaffé will so sicherstellen, dass das Vermietungsgeschäft ungestört weiterlaufen kann. Vom Vergleich ausklammert sind hingegen Steuerschäden, die der Anleger gesondert zur Insolvenztabelle anmelden kann, sowie mögliche Anfechtungsansprüche.

Nur, wer den Vergleich wie vorgelegt unterschreibe, könne an der geplanten Abschlagzahlung 2020 teilnehmen, betont Jaffé. Er appelliert auch an die Verantwortung des Einzelnen für das Ganze. Der Insolvenzverwalter ist darauf angewiesen, dass sich eine „überragende Mehrheit“ der Gläubiger für den Vergleich ausspricht. Wenn es nicht zu einer Mehrheit käme, so Jaffé, „ließe sich der Verlauf des Insolvenzverfahrens nicht mehr prognostizieren“.

Von dem Szenario geht Jaffé nicht aus. Er rechnet mit Zustimmungswerten von 90 Prozent oder mehr. Das ist kein übertriebener Optimismus. Jaffé verweist auf das Votum der Gläubigerausschüsse. „Ihre Vertreter empfehlen den Abschluss des Vergleichs nachdrücklich, da es keine besseren Alternativen gibt, um die Schäden zu minimieren.“

Ein Mitglied in den Gläubigerausschüssen ist der Münchner Anwalt Peter Mattil. Seine Kanzlei hat Vollmachten für 10.000 P&R-Verträge. „Die Anleger sollten den Vergleich in Ruhe prüfen“, sagt Mattil. „Für die überwiegende Mehrheit sollte er geeignet sein, eine Beschleunigung des Verfahrens herbeizuführen.“

Auch andere Anlegeranwälte haben gegenüber dem Handelsblatt signalisiert, dass sie das Vorgehen im Kern für richtig halten. „Wer kein Zertifikat hat, kann den Jaffé-Weg in vollem Umfang mitgehen. Ich sehe keine Möglichkeit, individuell bessere Ergebnisse zu erstreiten“, sagt Wolfgang Schirp von Schirp & Partner aus Berlin.

Nur bei Investoren, die Zertifikate für ihre Container vorlegen können, sehe er eine Möglichkeit, Sonderrechte auf dem Klageweg durchzusetzen. Dieser Schritt dürfte zu einer langfristigen Konfrontation mit dem Insolvenzverwalter führen, wie Schirp erwartet. „Dann sind aber auch deutlich bessere Ergebnisse für die betreffenden Gläubiger möglich.“

Wenn ein Zertifikatsinhaber gerichtlich klären möchte, ob ihm Vorrechte gegenüber anderen Gläubigern zustünden, „kann er dies natürlich tun“, schreibt Jaffé und gibt sich zugleich kampfbereit. Eigentümer eines Containers könne ein Anleger nur dann sein, wenn die entsprechende P&R-Gesellschaft beim Verkauf auch schon Eigentümer war. Das wiederum sei kaum zu beweisen, betont Jaffé. „Die interne Dokumentation vermeintlicher Übereignungsvorgänge innerhalb der P&R-Gruppe ist gänzlich unzureichend.“ Die Zahl der Anleger, die diese Option überhaupt erwägen können, ist überschaubar. Mehr als 90 Prozent haben nie ein Zertifikat für ihre Container erhalten.

„Die Briefe sind wie Zuckerbrot und Peitsche“, resümiert Marc Gericke von den Göddecke Rechtsanwälten aus Siegburg. Sein Kritikpunkt: „Der Verzicht auf mögliche Ansprüche gegen die schweizerische Gesellschaft ist aus unserer Sicht schwierig, da Anleger diese später in der Abwehr der Anfechtungsansprüche noch brauchen könnte.“ Gericke spielt damit auf die zweite Vereinbarung an, um deren Abschluss Jaffé bittet.

Diese „Hemmungsvereinbarung“ zielt auf eine Verlängerung der Verjährungsfrist bei sogenannten Anfechtungen. Unter bestimmten Voraussetzungen sind Insolvenzverwalter verpflichtet, Auszahlung von „Scheingewinnen“ an Anleger zurückzufordern, die bis zu vier Jahre vor der Pleite geleistet worden sind. Im Insolvenzgutachten hatte sich Jaffé skeptisch geäußert, ob ein solches Szenario auf P&R überhaupt zutreffe. Den Anlegern seien keine Gewinne ausgezahlt, sondern „Zahlungen auf vertragliche Ansprüche aus Mieten bzw. Rückkäufen“ geleistet worden, argumentierte er.

Die abschließende Entscheidung, ob er im Fall P&R Zahlungen anfechten müsse oder nicht, sei indes schwierig, scheibt Jaffé nun. Es gebe keine „einschlägige Rechtsprechung“, die sich übertragen lasse. Um sich abzusichern, will der Insolvenzverwalter die Frage in mehreren Musterprozessen höchstrichterlich – also beim Bundesgerichtshof – klären lassen.

Solche Prozesse können Jahre dauern. Aber für den Jaffé tickt die Uhr. Ende 2021 läuft die gesetzliche Verjährungsfrist ab. Bis dahin müsste er Mahnbescheide und Klagen auf den Weg bringen. Deshalb bittet er die Anleger nun, die Verjährung freiwillig um zwei Jahre zu verlängern, um Zeit für die Musterprozesse zu gewinnen

Warum sollten Anleger ihm soweit entgegenkommen? Die Antwort ist einfach: im eigenen Interesse. Alle, die nicht unterschreiben, müssen damit rechnen, dass sie spätestens 2021 vorsorglich von Jaffé zu Rückzahlungen aufgefordert werden, obwohl noch gar nicht feststeht, ob Anfechtungen überhaupt nötig werden.

Startseite

Mehr zu: P&R Container - P&R-Insolvenzverwalter schlägt Anlegern einen Vergleich vor

0 Kommentare zu "P&R Container: P&R-Insolvenzverwalter schlägt Anlegern einen Vergleich vor"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote