Standardisierung Eine Heidelberger Firma kämpft um die DIN-Norm für die Finanzbranche

Defino hat Standards für die Finanzanalyse entwickelt. Verbraucherschützer sind jedoch skeptisch.
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Normen für den Finanzbereich gibt es bislang kaum. Quelle: E+/Getty Images
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Normen für den Finanzbereich gibt es bislang kaum.

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FrankfurtBeim Arzt sind eine gründliche Untersuchung und die richtige Diagnose Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Überträgt man das Prinzip auf die Finanzwelt, heißt das: Sparer brauchen eine genaue Analyse ihrer finanziellen Situation und ihres Versicherungsbestands, um herauszufinden, wo Lücken bestehen und welche Produkte dazugekauft werden sollten.

Genau hier will der Heidelberger Finanzdienstleister Defino mit seinem Entwurf für eine „DIN-Norm für Finanzanalyse“ ansetzen. Vor dreieinhalb Jahren hatte Defino die Idee für eine entsprechende Standardisierung – und große Namen aus der Finanzbranche an Bord geholt. 40 Vertreter sind am Prozess beteiligt, von der Allianz über die Commerzbank, die Deutsche Bank und Signal Iduna bis hin zu dem Finanzvertrieb OVB und einigen Volksbanken – außerdem sind Verbände, Verbraucherschützer und Wissenschaftler involviert.

Matthias Kritzler-Picht vom Deutschen Institut für Normung (DIN) hält den Normierungsentwurf namens „DIN 77230 Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte“ für einen „Meilenstein“. Basis ist das weiterentwickelte Finanzanalysemodell von Defino. Der aktuelle Entwurf muss nach den DIN-Regeln nun bis zum 8. August in einer Konsultationsphase diskutiert werden. Im Dezember soll er verabschiedet und veröffentlicht werden. Defino-Chef Klaus Möller hofft, dass viele Finanzdienstleister in Zukunft ihre Beratung auf Basis der neuen DIN-Norm zertifizieren lassen.

Freiwillige Standardisierungen, wie man sie etwa vom Papiermaß („DIN A4“) kennt, gewähren Firmen wie Verbrauchern Vorteile. Laut Angaben des DIN-Instituts ersparen sie der deutschen Wirtschaft 17 Milliarden Euro jährlich und sorgen für verlässlichere Produkte. Normen für den Finanzbereich gibt es bislang allerdings kaum.

Das nun diskutierte Finanzanalysemodell ermittelt anhand finanzieller Grundbedürfnisse persönliche Finanzlücken, die mit Soll-Größen abgeglichen werden. Danach empfiehlt es bestimmte Produktarten, um die Lücke zu schließen, ohne jedoch konkrete Anbieter zu bevorzugen.

Holger Rhode vom Verbrauchermagazin „Finanztest“, Mitglied des Arbeitskreises, lobt den Normentwurf als methodisch transparente, beraterunabhängige Analyse, die alle wichtigen Themen enthalte. Finanzvertriebe könnten sie nutzen. Bei einem Rechtsstreit über mögliche Falschberatung könnte ein Dokument über eine normierte Analyse Beratern wie Anlegern helfen, ihre Position zu belegen, meinen die Experten.

Norm als Werbeinstrument

Im Bundesverbraucherministerium sieht man sich das Normierungsvorhaben an. In Regierungskreisen gilt eine DIN-Norm zur Finanzanalyse als grundsätzlich sinnvoll.

Verbraucherschützer kritisieren dagegen, dass die geplante Norm nicht im Sinne der Kunden sei. „Die Analyse ist nicht ausreichend gründlich, zu schematisch“, moniert etwa Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Es gebe viele pauschale Annahmen, etwa zum Finanzbedarf im Rentenalter.

Zudem würden für die Altersvorsorge teure Fondspolicen in dieselbe Renditeklasse gepackt wie günstige Fondssparpläne. Auch schütze eine solche Finanzanalyse nicht davor, dass Sparern von Finanzberatern teure Produkte verkauft werden, die sie nicht brauchen. In der Summe fürchten die Verbraucherschützer, dass die Norm der Finanzindustrie vor allem als Werbeinstrument dienen könnte. Der Verbraucherzentrale-Bundesverband hat den Arbeitskreis für die DIN-Norm daher verlassen.

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