Streitfall des Tages Neun von zehn Bankern beraten schlecht

Versicherungen, Wertpapiere oder Baufinanzierung: Neun von zehn Beratern orientieren sich laut Verbraucherschützer nicht am Bedarf der Kunden. Wie sich Betroffene wehren können und an gute Produkte gelangen.
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Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

Ein Ehepaar Anfang 40, zwei Kinder, hat bei verschiedenen Finanzberatern und bei einer Sparkasse Verträge abgeschlossen. Allein im Versicherungsbereich verfügt die Familie über eine fondsgebundene Rentenversicherung, eine fondsgebundene Riester-Rentenversicherung, eine fondsgebundene Basisrente, eine fondsgebundene Lebensversicherung und eine klassische Lebensversicherung. Hinzu kommen Bausparvertrag, Aktienfonds, Aktiendepot und Tagesgeldkonto.

Da sie auch noch ein Immobiliendarlehen zur Finanzierung bedienen müssen, drohen ihnen die Ausgaben für Sparverträge und Kreditraten über den Kopf zu wachsen. Sie wenden sich an die Verbraucherzentrale Baden Württemberg. Hier analysieren Experten die Finanzen.

Ergebnis: Zwei fondsgebundene Rentenversicherungen und die klassische Lebensversicherung sind nicht bedarfsgerecht. Der Schaden summiert sich für den Versicherungsbereich allein aufgrund der Abschlusskosten auf rund 13.000 Euro. Auch die Immobilienfinanzierung bewerteten die Experten als nicht bedarfsgerecht. Die Kreditsumme sei aufgrund der in Sparverträgen belassenen Eigenmittel zu hoch, die Tilgungsrate zu niedrig angesetzt. Zudem fallen Aktienfonds und Aktiendepot durch.

Die Relevanz

200 Verträge wertete die Verbraucherzentrale Baden Württemberg zwischen Oktober 2010 und April 2011 aus. Sie stammen von Anlegern, die in diesem Zeitraum zur persönlichen Beratung in punkto Geldanlage und Altersvorsorge kamen, um ihr Portfolio zu optimieren. In 176 Fällen weisen sie Mängel auf. Sie entsprachen völlig oder teilweise nicht dem Bedarf der Ratsuchenden. Die Verbraucherschützer schätzen den Schaden der jährlich durch Falschberatung entsteht auf mindestens 48 Milliarden Euro.

Um den Bedarf zu ermitteln, fragten die Verbraucherschützer die finanzielle Situation, die Risikobereitschaft und die Anliegen der Ratsuchenden ab. Diese Angaben wurden mit den Eigenschaften der vorgelegten Verträge verglichen. Verträge wurden als „bedarfsgerecht“ qualifiziert, wenn sie hinsichtlich ihres Risikos und ihrer Flexibilität zur individuellen Situation des Verbrauchers passen. Zudem sollten Verträge kostengünstig und möglichst transparent sein.

In mehr als 50 Prozent der Fälle wurden Verträge verkauft, die nicht der Risikobereitschaft der Verbraucher entsprechen. In 85 Fällen versäumte der Finanzberater die Flexibilität von Anlegern zu erheben und vermittelt unflexible Verträge. Drei Viertel der Verträge waren zu teuer. Es hätte in diesen Fällen Alternativen mit vergleichbarem Chance- und Risikoprofil zu deutlich günstigeren Konditionen gegeben.

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14 Kommentare zu "Streitfall des Tages: Neun von zehn Bankern beraten schlecht"

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  • Nein ! Falsch !

    Ich bin selbst Banker ! Wir beraten nicht falsch, sondern zielorientiert. Die Ziele - bei mir 20 Einzelziele - legt natürlich der Bankvorstand bzw. Vertriebsleiter fest.

    Einmal sagte ich vor einer Verkaufsschulung, dass ich das zur Schulung kommende Produkt (Zertifikate) im Verkauf nicht benötige. In der Pause nahm mich der Prokurist zur Seite und meinte, dass die Bank keine Berater bräuchte, welche nur Bankprodukte verkaufen wollen.

    Also .. vertraue keinem Banker, sondern investieren Sie ihre wertvolle Zeit statt in eine Beratung lieber in die Lektüre von neutralen Finanzinformationen, z.B. Finanztest (von Stiftung Warentest).

  • Was wärst Du denn bereit, für ein Honorar zu bezahlen?
    Unter 300 € pro Stunde würde ich nicht arbeiten. Ich muss ja auch noch die defizitären Kollegen der "kostenlosen" Kontoführung mitfinanzieren.

  • Naja, die Tipps und Tricks die hier verraten werden sind für mich mehr als zweifelhaft.

    Anm. Nr.1.:
    Die Fondsanlage entwickelt sich nicht wie erwartet.
    Ganz klar. Bei einer guten Beratung wird natürlich vorher auch das Thema Wertentwicklung angesprochen. Wenn hier nun geraten wird nach Fehlern bei der Beratung zu suchen, die nur dazu beitragen sollen entgangene Wertentwicklungen ersetzt zu bekommen, muss ich echt an der Seriösität zweifeln.

    2. Unabhängigkeit:
    Klar, wenn ich zu einer Sparkasse gehen bekomme ich meistens DekaFonds und Provinzialversicherungen empfohlen, gehe ich zu der Dt. Bank sind es Allianz und DWS-Investmentfonds. So hat jede Bank seine persönlichen Favoriten bzw. Tochtergesellschaften. Ich weiss zumindest, dass meine Hausbank diesen Gesellschaften vertraut - und ich vertraue meiner Hausbank.
    Wenn ich zu einem freien Finanzvermittler gehe, dann erhalte ich nicht umbedingt die beste Versicherung oder den besten Fond. Woher will derjenige auch wissen, was sich in den nächsten Jahren gut entwickelt. Eine Glaskugel hat niemand. Allerdings muss ich hier mit der Angst leben, nicht ein Produkt aus vertrauen heraus, sondern aus Provisionsgründen verkauft zu bekommen.
    Ein darf man sicherlich nicht vergessen: Bei den meisten Instituten werden noch ordentliche Festgehälter gezahlt.
    (+Provision).

    Die Honorarberatung halte ich allerdings im Anlagebereich für sehr interessant. Hier sollte allerdings auch wieder die Bank des Vertrauens aufgesucht werden.

  • Natürlich ändern sich Lebenssituationen und somit auch der finanzielle Spielraum, doch dann ist es die Sache der Berater, die vorhandenen Kapitalanlagen auf die neuen Situationen anzupassen. Und genau an dieser Stelle wird es sehr schwierig bei Lebens- und Rentenversicherungen. Die Möglichkeiten sind zwar relativ vielfältig, allerdings für den Kunden meist mit erheblichen finanziellen Einbußen belastet. Eine Beitragsfreistellung bedeutet, dass zwar nicht weiter in den Vertrag eingezahlt werden muss, aber dennoch belasten die weiter laufenden Kosten das Guthaben in dem Vertrag und minimieren dieses dadurch stetig. Ein Policendarlehen ist nur für ganz kurze Zeitabschnitte sinnvoll. Hier zahlt der Verbraucher hohe Zinsen auf sein eigenes, bereits in den Vertrag eingezahltes Geld, welches er sich von der Versicherung leiht. Und kündigt der Verbraucher den Vertrag vorzeitig selbst, so muss er ebenfalls mit erheblichen monetären Einbußen rechnen.

  • wer in einem Banker einen Berater statt einen Verkäufer sieht, ist selbst schuld. Wer sich heute noch eine Lebensversicherung bei allen hinlänglich bekannten Nachteilen aufschwatzen lässt, hat es nicht anderst verdient.
    Genauso wenig bemitleide ich Kapitallebensversicherungs-Kunden, die sich eine mit relativ hohem Garantiezins behafteten Alt-Police abschwatzen und dafür irgendwelche anderen Finanzprodukte aufschwatzen lassen, die lediglich die Taschen des Beraters füllen. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Für 20€ kann jeder Laie mit einfacher Software wie KLV-Check nachrechnen, dass sich das nicht lohnt. Aber solange die Deutschen nicht bereit sind, ihre Finanzangelegenheiten SELBSTVERANTWORTLICH in die Hand zu nehmen, haben Sie auch kein Mitleid verdient. Das trifft meiner Erfahrung nach im übrigen den gut verdienenden Unternehmer genauso wie den einfachen Arbeiter!

  • @Finanztiger:

    Ich kann von einem ähnlichen Fall berichten:

    Wurde vor 3 Jahren verdeckt getestet mit dem Ziel einer Altersversorgungsberatung einer alleinlebenden Frau. Als ich mit ihr einen Haushaltsplan aufstellte, stellte sich heraus, dass noch ein Ratenkredit mit einem Zinssatz von eff. über 14% bestand.

    Ich empfahl der Frau daher, freie Sparkapazitäten zunächst für eine Laufzeitverkürzung zu verwenden, also die Kreditraten zu erhöhen, ggf. mit Überprüfung, ob sich eine Umschuldung zu einer Direktbank lohnen könnte.

    Denn keine Altersversorgung, auch nicht mit staatl. Förderung, erwirtschaftet eine Rendite in Höhe der Kosten des Ratenkredits. Also die Empfehlung: Schuldentilgung ist die beste Kapitalanlage (zumindest in dem Fall). Danach kann und sollte gespart werden, kurz-, mittel- und langfristig.

    Nichts vermittelt, keine Courtage verdient, fast 2 Stunden Zeit investiert, Testergebnis wurde natürlich nie veröffentlicht.

    Alle Testergebnisse, die den Vorurteilen der Tester missfallen, werden offensichtlich einfach unter den Tisch fallen gelassen.

    Schützt uns vor Verbraucherschützern...

  • Zitat: 'aber bitte transpaerent, unabhängig und nicht mit dem dem Ziel diese in zu jedem Preis schlecht darstehen lassen zu wollen!!!'

    Genau so testen aber die VZ: Intransparent, meist völlig realitätsfern und vor allem mit dem klaren Ziel, jeden Berater, der auch nur einen Euro an Courtage erhält, pauschal vorzuverurteilen.

    Ich habe noch nie einen selbstkritischen Bericht der VZ oder der Stiftung WT gelesen - man schwebt hier offensichtlich in anderen Sphären und glaubt an sich selbst als unfehlbarer Finanzgott.

  • Hallo lieber Mr. Transparency!
    Ich bin Anlageberater einer kleinen Geno-Bank. Im März/April waren (verdeckt) Tester von Finanztest bei mir und wollten Teur 30,0 anlegen. Die "Kunden" wollten max. 5 Jahre anlegen, sehr sicher und eventuell auch vorher darüber verfügen können. Ich empfahl deswegen Tagesgeld und Wachstumsparen (beides Kontoanlagen). Das schien den Testern nicht so zu gefallen; sie versuchten mir eine Empfehlung für Immobilienfonds abzuringen. Ich blieb aber bei meiner ersten Empfehlung. Der Banken-Test wurde in Finanztest veröffentlicht nach dem Motto: Katastrophale Beratung! ABER: Obwohl meine Empfehlung der "Musterlösung" entsprach, wurde meine Bank nicht erwähnt! Das heißt: Finanztest manipuliert!!!
    DAS ist unseriös!

  • Lieber Kommissar,

    diese eine Volksbank hatte sogar soviel Mut, weder ihren Namen zu nennen, noch den Namen des Testers zu veröffentlichen, noch die Testverfahren oder Auswertungen offenzulegen. Diese Verhalten wirkt auf mich höchst unseriös und wirft einige Fragen auf!!!Ich bin auch für eine Prüfung der Prüfer, aber bitte transparent, unabhängig und nicht mit dem dem Ziel diese zu jedem Preis schlecht darstehen lassen zu wollen!!!

  • Lieber Kommisar,

    diese eine Volksbank hatte sogar soviel Mut, weder ihren Namen zu nennen, noch den Namen des Testers zu veröffentlichen, noch die Testverfahren oder Auswertungen zu veröffentlichen...Diese Verhalten wirkt auf mich höchst unseriös und wirft einige Fragen auf!!!Ich bin auch für eine Prüfung der Prüfer, aber bitte transpaerent, unabhängig und nicht mit dem dem Ziel diese in zu jedem Preis schlecht darstehen lassen zu wollen!!!

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