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Streitfall des Tages Wenn der Schaffner Rot sieht

Falsch gelöste oder fehlende Tickets sorgen beim Bahnfahren immer wieder für Ärger. Selbst auf dem stillen Örtchen lauern Schaffner den Reisenden auf. Wann Kunden zu Schwarzfahrern werden und wie sie sich wehren können.
2 Kommentare
Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

Raus aus dem Büro und ab nach Hause: Jörg H. weiß zwar, dass er kein Ticket für den ICE hat – aber egal. Der Zug steht gerade abfahrbereit am Gleis. „Dann zahle ich im Zug eben nach“, denkt sich der 40-Jährige Vielreisende mit Bahncard 50 und steigt ein, bisher war das nie ein Problem.

Zu früh gefreut: Er ist gerade auf der Toilette, als die Schaffnerin an der Tür rüttelt. Fahrscheinkontrolle. Viel Zeit lässt sie ihm nicht, bevor sie von außen gegen seinen Wunsch öffnet. Jörg H. wird mit hängenden Hosen vorgefunden und muss das „erhöhte Beförderungsentgelt“ von 40 Euro für Schwarzfahrer zahlen.


Die Gegenseite


Für die Deutsche Bahn ist der Fall ausgesprochen ungewöhnlich: „Ich kann das nicht glauben“, sagt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage. Die einzig mögliche Erklärung für ihn lautet: „Die Schaffnerin hatte das Gefühl, dass der Reisende vor ihr geflüchtet ist und sich verstecken wollte.“ Schließlich ist ein Aufenthalt in der Toilette bei Schwarzfahrern beliebt, um der Fahrschein-Kontrolle zu entgehen.

Schaffner müssen grundsätzlich die Möglichkeit haben, Toiletten zu öffnen. Schon allein für den Fall, dass dort jemand ohnmächtig wird und Hilfe benötigt. „Grundsätzlich gilt aber die Regel, mehrmals zu klopfen und zum Öffnen aufzufordern“, betont der Sprecher. Sollte eine Reaktion ausbleiben, muss der Zugbegleiter vor seinem Eintritt erst noch einmal ausdrücklich ankündigen, die Tür jetzt aufzuschließen.

Wann Fahrgäste ohne Ticket einsteigen können

Der Experte


Auch aus Sicht von Karl-Peter Naumann, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands „Pro Bahn“, ist das vermeintliche Schwarzfahren eine wahrscheinliche Erklärung für das rigide Vorgehen der Schaffnerin. „Denn sonst ist es im Fernverkehr kein Problem, den Aufpreis für einen höherwertigen Zug nachzulösen.“

Allerdings fällt neben der Nachzahlung noch ein Säumniszuschlag an. Laut Naumann ist es sogar möglich, sich mit einem Zweite-Klasse-Ticket in die erste Klasse zu setzen, bei der Kontrolle nachzulösen oder das Abteil zu wechseln. „Wer gar keine Fahrkarte hat, sollte sich selbst beim Schaffner melden“, rät Naumann. Nur dann kann der Fahrgast sicher sein, nicht als Schwarzfahrer abgestempelt zu werden.

Fahrgästen, die sich ungerecht behandelt fühlen, können einen Beschwerdebrief an die Deutsche Bahn schreiben, so Naumann: „Es reicht zur Nachprüfung, wenn darin der genaue Zug genannt wird, eventuell die Zugnummer“. Sollte es auf diesem Weg zu keiner Klärung kommen – und nur dann –, können sich Betroffene an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr wenden, die es seit Dezember 2009 gibt. Als eingetragener Verein eröffnet sie Kunden, die mit Bahn, Bus, Flugzeug oder Schiff unterwegs waren, die Möglichkeit, Konflikte unbürokratisch beizulegen.

Die Relevanz


Die Frage, ob ein Fahrgast ein Ticket aus berechtigten Gründen nicht lösen konnte oder schwarzgefahren ist, führt immer wieder zu Auseinandersetzungen. Die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (Söp) kennt viele solcher Fälle. 2069 und damit zwei Drittel aller Schlichtungsanträge betrafen im vergangenen Jahr die Deutsche Bahn – alles Fälle, in denen sich Fahrgäste im ersten Anlauf nicht mit dem Verkehrsunternehmen einigen konnten.

Insgesamt stehen die Chancen auf eine einvernehmliche Lösung aber gut: Die Söp verzeichnet in ihrem Jahresbericht bei den bisher abgeschlossenen Fällen eine Schlichtungsquote von 90 Prozent.

Die Rechtsgrundlage


Wer ohne gültige Fahrkarte ein öffentliches Beförderungsmittel benutzt, macht sich der Erschleichung von Leistungen nach § 265a StGB strafbar. Bei der Deutschen Bahn wie auch bei allen anderen Unternehmen im öffentlichen Verkehr haben Fahrgäste ohne gültiges Ticket zivilrechtlich den erhöhten Fahrpreis von mindestens 40 Euro zu zahlen.

Wie sich Bahnreisende wehren können

Fazit


Im Zug nachzulösen ist bei der Deutschen Bahn nur im Fernverkehr (ICE/IC/EC) möglich. Probleme entstehen deswegen meistens in Verkehrsverbünden oder in Regionalzügen ohne Schaffner. Wer da bei einer Kontrolle ohne Ticket dasteht, muss mindestens 40 Euro zahlen – egal wie triftig die Gründe für das Nicht-lösen-können sein mögen.

Aus Sicht Karl-Peter Naumanns ist es bei Zügen, die im Zehn-Minuten-Takt fahren, Reisenden durchaus zuzumuten, vor der Abfahrt für ein Ticket zu sorgen, selbst wenn ein Automat zickt. Handlungsbedarf sieht der Bundesvorsitzende von „Pro Bahn“ allerdings bei Regionalzügen, die nur stündlich verkehren. „Da muss es eine bessere Lösung geben.“

Der Vorschlag des Fahrgastverbands: Solche Regionalzüge mit Automaten auszustatten. Oder noch besser: mit Personal. Die Usedomer Bäderbahn und die Salzburger Lokalbahn haben sich für Zugbegleiter entschieden, berichtet Naumann. Das Ergebnis: weniger Schwarzfahrer, weniger Vandalismus.


Nützliche Adressen

Über Fahrgastrechte informiert der Fahrgastverband „Pro Bahn“: www.pro-bahn.de

Für Beschwerden ist bei der Deutschen Bahn die Kundenbetreuungsstelle zuständig. Kunden sollten Zeit mitbringen: DB-Fernverkehr AG, Kundendialog, Postfach 100 613, 96058 Bamberg; Telefon (14 Cent/Minute): 01805-99 66 33; Internet: www.bahn.de/kontakt

Für den Fall, dass es bei einer Beschwerde mit der Bahn zu keiner Einigung kommt, gibt es die Möglichkeit, sich an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr zu wenden: www.soep-online.de/ihre-beschwerde.html

Alle Teile der Serie "Streitfall des Tages": www.handelsblatt.com/streitfall



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2 Kommentare zu "Streitfall des Tages: Wenn der Schaffner Rot sieht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Als Leitragender kann ich nur anmerken, dass die Empfehlung sich an die Schlichtungsstelle zu wenden oft nichts bringt.
    In meinem Falle saß ich in Köln (Besuch als Tourist) mit einem 2.Klasseticket versehentlich in der 1. Klasse (Sonntagmorgen um kurz nach 7 Uhr in einer fast leeren S-Bahn). Aus Städten wie Berlin und München ist mir die Existenz der 1. Klasse fremd und die Ausschilderung war auch eher dürftig. Der Kontrolleur (ein im hohen Maße arroganter und selbstherrlicher Zeitgenosse und angestellter der Deutschen Bahn AG) verpasste mir genüsslich 40,- € erhöhtes Beförderungsentgelt und eine Anzeige wegen "Erschleichung einer Dienstleistung". Folge: Die Schlichtungsstelle vermittelt in diesem Falle nicht und die Rechtsschutzversicherung zahlt auch keine Anwaltskosten. Warum: "Erschleichung einer Dienstleistung" ist per Definition eine "Straftat mit Vorsatz" und somit sind beide Institutionen raus aus dem Spiel. Das Verfahren wurde nach einigen Wochen zwar eingestellt, aber mit dieser Methode verhindert die Deutsche Bahn AG, dass Kunden zu leicht gegen unberechtigte oder überhöhte Forderungen vorgehen können und der Staatskonzern somit die 40,- € final vereinnahmen kann.
    So sieht es aus bei der Deutschen Bahn AG!

  • Die Person hatte eine BC 50, wieso gibt es keinen Automaten im ICE - Displays als Terminal verwenden + Drucker und Kartenschlitz daneben einbauen - wo ich die Karte einfach durchziehen kann und dann vom Konto abgebucht wird?!

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