Streitfall des Tages Wenn PKV-Versicherte nicht zahlen

In der ersten Klasse knirscht es gewaltig. Immer mehr Privatversicherte können (oder wollen) keine Beiträge mehr zahlen. Aktueller Fehlbetrag: eine halbe Milliarde Euro. Irgendetwas sollte sich wohl ändern. Aber was?
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Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall
Stolz auf ihren Laden ist Ursula Wiedmer* noch immer. Auch wenn das Geschäft mit „Blumen und mehr“ deutlich besser laufen könnte. Zu Beginn des Jahres ist ihr einziger Großkunde weggebrochen. Seither kämpft die selbstständige Floristin ums Überleben. Das Geld für Miete, Pacht und ihre Ware kann sie gerade noch aufbringen. Für andere wichtige Posten fehlen aber die Mittel. Und damit auch für ihre private Krankenversicherung.

Zwar wechselte Wiedmer schon vor einiger Zeit in den brancheneinheitlichen Basistarif, um Geld zu sparen. Der kostet aber immer noch gut 600 Euro im Monat. Und das ist derzeit einfach nicht drin.

Inzwischen ist sie bei ihrer Versicherung mit drei Monatsbeiträgen im Rückstand. Die Mahnung der Assekuranz hat sie ignoriert. Ebenso das Schreiben des Versicherers, dass ihr Leistungsanspruch ruhe und Arztrechnungen nur noch in akuten Notfällen bezahlt würden. Und zwar auf unbestimmte Zeit. Denn zur vollwertigen Versicherten wird sie erst wieder, wenn sie regelmäßig die vollen Beiträge überweißt und ihre Schulden bei der Assekuranz beglichen hat.

* Name geändert

Die Rechtslage

Es ist noch gar nicht lange her, da durfte in Deutschland (dauerhaft) nur derjenige einen privaten Gesundheitsschutz sein eigen nennen, der regelmäßig Prämien entrichtete Wer der Versicherung Geld schuldig blieb, riskierte, dass die Assekuranz ihn vor die Tür setzte. Wenn, wie in den meisten Fällen, eine Rückkehr in die gesetzlichen Kassen ausgeschlossen war, standen die Betreffenden dann ohne Krankenversicherung da.

Erst Ulla Schmidt führte 2009 die Krankenversicherungspflicht für jedermann ein. Seither können Allianz und Co. klammen Künden nicht mehr ohne weiteres kündigen. Ein sorgloses Leben haben die Betroffenen aber trotzdem nicht, wie der Fall von Ursula Wiedmer belegt. Einziger Trost: Sie ist mit ihrem Schicksal nicht allein.

Die Relevanz

Die Zeiten, in denen Privatversicherte ihren Status durchweg als Privileg empfanden, sind vorbei. Viele Kunden von Allianz und Co. fühlen sich inzwischen von den Kosten überrollt. Die Beiträge der privaten Policen steigen im Schnitt doppelt so schnell wie in der gesetzlichen Versicherung. Vermeintlich günstige Einsteigertarife mit denen die Assekuranzen in den vergangenen Jahren selbst Selbstständige mit eher bescheidenen Einkommen als Kunden gewonnen haben, werden oft zur Kostenfalle.

Die Folgen: Ende 2011 waren fast zwei Prozent der rund neun Millionen Privatversicherten mit ihren Beiträgen im Rückstand. Die offenen Forderungen summieren sich inzwischen auf mehr als eine halbe Milliarde Euro. Ein Umstand, der nicht nur für den Gesellschaften, sondern auch den zahlenden Versicherungskunden missfällt. Sie nämlich finanzieren mit ihren Beiträgen auch die Nichtzahler mit. Und die kosten eine ganze Menge. Erstens, weil ihnen zumindest im Notfall medizinische Leistungen zustehen und zweitens, weil die Assekuranzen auch für sie Rückstellungen zur Beitragsstabilisierung bilden müssen.

Wer für andere zahlen muss
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14 Kommentare zu "Streitfall des Tages: Wenn PKV-Versicherte nicht zahlen"

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  • Wichtig wäre vor allem echte Konkurrenz zwischen den gesetzlichen Kassen, der Einheitsbeitrag verhindert doch den ansonsten immer und überall gewünschten Wettbewerb. Ich glaube, dann hätte sich zumindest das Problem des zu hohen Einstiegsbeitrags erledigt. Was spricht im übrigen dagegen, weniger als 2000.- im Monat selbstständig zu verdienen, wenn es für das eigene Leben reicht? Das Gefasel von Freiheit hört man immer nur, wenn es um Millionenbeträge geht. Und was spricht dagegen, die Beiträge Selbstständiger nach dem tatsächlichen Einkommen zu berechnen, ohne Mindest- und Höchstbemessungsgrenze?

  • "Die Politik soll es ermöglichen dass jeder die Wahl bekommt ob PKV oder GKV."

    PKV bedeutet Selbstzahler und das überfordert mehr Menschen, als gesetzlich versichert sind, also die meisten Selbstzahler. Nein, das kann man nicht einfach freistellen und jeder kann so, wie er persönlich Vorteile hat, in und her switchen!

    "Jeder soll dass zahlen was er sich leisten kann. Warum sollen PKV Versicherte durch Krankenkassenbeiträge in Sozialhilfe kommen."

    Was wollen Sie denn nun? PKV als Rückversicherung von Selbstzahlern oder nicht? In einem PKV System, so wie wir es haben, muss man den Beitrag bezahlen und nicht so viel, wie man möchte oder kann! Und man wird nicht wegen den Kassenbeiträgen zum Sozialfall, sondern wegen anderen Sachverhalten!

    Es wird auch keiner zum Bettler oder Sozialschmarotzer, weil man ökonmisch erfolglos war oder sein Geschäftsmodell gescheitert ist. Man erhält Grundsicherung um wieder auf die Beine zu kommen, oder Hartz IV!

    Auch Forderungen wie "Dann sollen z.bsp. die Altersrückstellungen des PKV Versicherten dem Versicherten überlassen werden, und er kann diese in die Allgemeinheit der GKV einbringen." sind hier nicht zielführend. Das ist eine Frage im Zusammenhang mit der Einführung einer Bürgerversicherung, aber eben nicht der Frage "Lösung individueller Probleme"!

    In diesem Artikel ging es um die Frage, wie im heutigen System menschen mit individuellen Problemen geholfen werden sollte. Und es gibt Lösungen und wir brauchen keinen Notfalltarif, weil der nur den Versicherern, aber nicht den Versicherten hllft!

    Was Sie anreißen ist die Frage, wieso sich jemand aus dem Grundschutz-System verabschieden darf. das ist zu beenden, aber das ist auch eine Frage, wie die nächste Wahl ausgeht und was sich die Politiker trauen!

  • @ derKVProfi
    warum müssen Leute zum Amt gehen!!!

    Die Politik soll es ermöglichen dass jeder die Wahl bekommt ob PKV oder GKV. Jeder soll dass zahlen was er sich leisten kann. Warum sollen PKV Versicherte durch Krankenkassenbeiträge in Sozialhilfe kommen. Da muss es auch Härtefallregelungen geben, und zwar durch Gesetze und keiner darf zum Bettler und Sozialschmarotzer abgestempelt werden.
    Dann sollen z.bsp. die Altersrückstellungen des PKV Versicherten dem Versicherten überlassen werden, und er kann diese in die Allgemeinheit der GKV einbringen. Man kann jeden vertrag beenden, warum soll man mit der PKV für immer verbandelt sein.
    Manche PKV Versicherte werden wie Schwerverbrecher behandelt. Ich kenne PKV Versicherte, die trauen sich nicht mehr zum Arzt.

  • Teil II

    keine Alterungsrückstellungen bilden und die bisher gebildete Alterungsrückstellung aufzehren. Das Ganze muss der Kunde dann später mit höheren Beiträgen nachfinanzieren.
    Außerdem werden Leistungen in den Zahlungsrückstand erstattet. Beim Basistarif wird die Versicherungsleistung an den Arzt gezahlt!
    Der Versicherte erfüllt beim Leistungserbringer den Straftatbestand des Betruges.

    Das wird von kritischen Journalisten, in Unkenntnis wegen mangelnder Recherche, dann noch gelobt. Ich bin entgeistert!

    Der Experte Wortberg sagt doch alles: die Instrumente reichen aus. Die Menschen müssen eben nur zum Amt gehen und die entsprechenden Leistungen einfordern!

    P.S.: Dass das ganze Thema dann wieder in den Kommentaren zur Diskussion über Sinn und Unsinn des geteilten Systems genutzt wird, zeugt von vielem, was nachdenklich machen sollte.

  • Und wieder ein Artikel voller fachlicher Fehler auf der Basis einer Geschichte an der vieles nicht stimmen kann!

    "Ebenso das Schreiben des Versicherers, dass ihr Leistungsanspruch ruhe und Arztrechnungen nur noch in akuten Notfällen bezahlt würden."

    Das ist falsch! § 193.6 VVG sagt es klar und esdeutlich: "Während der Ruhenszeit haftet der Versicherer ausschließlich für Aufwendungen, die zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände sowie bei Schwangerschaft und Mutterschaft erforderlich sind"

    Die Geschichte: "Zwar wechselte Wiedmer schon vor einiger Zeit in den brancheneinheitlichen Basistarif, um Geld zu sparen. Der kostet aber immer noch gut 600 Euro im Monat."

    Niemand wechselt aus dem Grund in den Basistarif! Wenn, dann wäre ein hohes Alter und eine entsprechende Vorversicherungs-Dauer zu unterstellen. Dann wäre der Standardtarif die Wahl gewesen. Wenn die Voraussetzungen für ST nicht erfüllt sind, dann gäbe es andere Wege!
    Hier ist zu unterstellen, dass Anfechtung/Rücktritt wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht vorangegangen ist oder der Versicherer hier ganz einen schlechten Job gemacht ha! Das wäre dann eine Story gewesen!

    Zitat: "Denn zur vollwertigen Versicherten wird sie erst wieder, wenn sie regelmäßig die vollen Beiträge überweißt und ihre Schulden bei der Assekuranz beglichen hat."
    Welche Minderleistungen hat Sie denn? Vorsorge wird nicht bezahlt!

    Zitat: "Nun allerdings soll alles anders werden: Politiker und Brancheninsider tüfteln derzeit an der Entwicklung eines speziellen „Nichtzahlertarif“. Auch hier zahlt die Versicherung den Arzt nur in echten Notfällen. Im Gegensatz zur geltenden Rechtslage allerdings muss der Kunde für diese „Rumpfversorgung“ nur etwa 100 Euro im Monat zahlen – und häuft folglich weniger Schulden an."

    Nächster Fauxpas: die Leistungen Notfalltarif entsprechen § 193.6, nämlich dem AsylBeLG! Inhalt s.o.!

    Der Vorteil für die Assekuranz ist nur, dass sie keine Aterungsrückstellungen mehr bilden und

  • Auch ich befürworte inzwischen die sogenannte Bürgerversicherung und das sage ich als Versicherungsmakler. Ob dies für Beitragsstabilität in der GKV führt, wird sich zeigen. Außerdem müsste der Mindestbeitrag unbedingt reduziert werden, da 350.-
    (inkl. PVN) für viele Existenzgründer kaum finanzierbar sind. Warum ich für die Abschaffung der privaten Krankenvollversicherung bin? Weil die privaten leider Narrenfreiheit geniesen und die Beitragsanpassungen explodieren. Ich spreche aus eigenener Erfahrung:36% in den letzten 3 Jahren bei der UKV. Da bei vielen Vorerkrankungen ein Versichererwechsel nicht mehr möglich/
    -sinnvoll ist und innerhalb der Gesellschaft oft keine Alternativen angeboten werden, ist man seinem Versicherer gnadenlos ausgeliefert.

  • Warum knüpft man eine PKV Versicherung an sozialversicherungspflichtige Einkunftshöhen.
    Lasst doch dem Bürger die Entscheidung wo er sich versichern will. Sowohl GKV und PKV sollte eine vernünftige und bezahlbare Versorgung anbieten.
    Darüber hinausgehende Versorgung sollte ein Zusatzversicherung anbieten.
    Probleme an dem ganzen dürfte der bestehende Versicherungszwang in der PKV für Beamte sein.
    Da sich die PKV so sicher ist, und auf dem Standpunkt steht, ihre Versicherte wären rundum zufrieden, könnten sie dem ganzen ja beruhigt entgegen sehen. Da sowohl GKV und auch PKV hohe Rücklagen haben, und die Versicherungsbeiträge wohl ausreichen, wäre doch eine sogenannte Gleichbehandlung (Einklassenmedizin) machbar.
    Das Grundübel des ganzen liegt aber darin, das Medizinische Versorgung nicht als Hilfe und Unterstützung für Kranke gewollt ist, sondern nur noch als Geschäftemacherei.
    Jetzt macht der Herr Bahr schon Vorschläge, wie man die Versichertenbeiträge in unnützen Maßnahmen wie Bewegungstherapie,Diätplänen etc.
    verbraten kann. Als Versicherte würde ich es begrüßen wenn man bezahlbare Versicherung für ehrlichen Mindeststandard bekommen könnte.
    Warum können angebotene Leistungen nicht einmal bewertet und für jeden offen gelegt werden.
    Ich habe es echt satt, für immer mehr Fürze höhere Tarifsteigerungen zu bekommen. Als Versicherter sollte man selbst die angebotenen Leistungen mitbestimmen können. Dadurch könnte der Versicherte selbst mal sehen, wie viele Tausender durch unnötige Behandlungen zusammen kommen.

  • Nicht nur für Kunden der PKV ist es schwierig, die geforderten Beiträge zu entrichten. Auch die GKV ist für freiwillig Versicherte nicht ohne Tücken.
    So zahlt man als Selbstständiger mindestens knapp 350 EUR im Monat, auch wenn man vielleicht nur 700 EUR im Monat verdient hat. Denn die GKV geht einfach davon aus, dass man als Selbstständiger mindesten 2.021,25 Euro im Monat verdient. Das ist die sogenannte Mindesteinnahmegrenze, ein vom Gesetzgeber festgelegter Wert, der den Beitrag nach unten begrenzt. Ein Betrag, der oft für viele Ein-Mann/Frau-Betriebe das wirtschaftliche aus bedeutet oder eben, nicht krankenversichert zu sein. Obwohl des mitlerweile gesetzlich vorgeschrieben ist.
    Lösung: Kopfpauschale, Bürgerversicherung, Risikozuschläge, Beamte zahlen auch, etc. Es gäbe viele Möglichkeiten, nur der politische Wille, etwas zu ändern, zu verbessern fehlt.
    Deshalb ist Herr Rösler (FDP und studierter Mediziner) auch lieber Wirtschaftsminister als Gesundheitsminister;-)

  • In fast jedem Absatz des Beitrags ein Schreibfehler ...

  • Welche der beiden KVs war es, die 26 (mittlerweile wohl deutlich mehr) Milliarden € auf der hohen Kante haben und nicht wissen wohin noch investieren?

    Oder waren's beide zusammengenommen?

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