Verbraucherschutz Inkassofirmen verlangen immer höhere Gebühren – Regierung ohne Konzept

Eine Studie belegt, dass Inkassofirmen immer höhere Gebühren verlangen. Die Regierung will Schuldner besser schützen, hat aber noch kein Konzept.
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Inkasso-Firmen stehen in der Kritik. Quelle: Stone/Getty Images
Wolf im Geschäftspelz

Inkasso-Firmen stehen in der Kritik.

(Foto: Stone/Getty Images)

BerlinPaula D. staunte nicht schlecht. Mit ihrer geklauten Girocard wurde eine Tankstellenrechnung über 56 Euro beglichen. Diesen Betrag forderte sie über ihre Bank zurück. Wenige Tage später bekam sie Post von einem Inkassounternehmen. Ihr wurde mitgeteilt, es sei von der Mineralölfirma mit dem „Einzug der überfälligen Forderung“ beauftragt worden. „Wir sind nun in dieser Angelegenheit Ihr Ansprechpartner“, hieß es.

Doch von 56 Euro war nicht mehr die Rede. Eine wundersame Vermehrung hatte stattgefunden. Einschließlich der Kosten für Bankrücklastschriftkosten (5,50 Euro), Adressermittlungskosten (zehn Euro), Bearbeitungsgebühren eines Payment-Services (9,76 Euro), Geschäftsgebühr (45 Euro) und Auslagen (neun Euro) summierte sich der Betrag nun auf mehr als 135 Euro.

Auch wenn das Inkassounternehmen im Fall Paula D. seine Forderung wegen Kartendiebstahl nicht eintrieb, sind die Aufschläge auf die Ursprungsrechnung eindrucksvoll. Insgesamt seien die Kosten, mit denen Schuldner bei Zahlungsverzug durch die Inkassobranche belastet werden, „deutlich gestiegen“, belegt eine Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz erstellt wurde.

Das Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (iff) hatte den Auftrag, die inkassorechtlichen Vorschriften des Gesetzes gegen unseriöse Geschäftspraktiken zu untersuchen, das seit Ende 2014 in Kraft ist. Auf dieser Basis will das Bundesverbraucherministerium entscheiden, ob weiterer Regelbedarf besteht.

Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD darauf verständigt, den rechtlichen Rahmen der Tätigkeit von Inkassounternehmen verbraucherfreundlich weiterzuentwickeln. Noch ist nicht absehbar, welchen Weg das Bundesverbraucherschutzministerium einschlägt.

Aus Sicht des iff besteht dringend Handlungsbedarf. Denn der Kostenrahmen, der durch die Anwendung des Rechtsanwaltsvergütungsgesetzes gesetzt wird, werde auch bei Kleinstbeträgen und geringem Betreibungsaufwand voll ausgeschöpft. „So kann bereits eine Forderung über einen Euro mit dem ersten Inkassoschreiben auf 71,20 Euro anwachsen“, sagt Dirk Ulbricht vom iff. Das ursprüngliche Ziel, unverhältnismäßig hohe Inkassokosten zu verhindern, werde vom Gesetz verfehlt.

Intensiv hat sich das iff auch mit den „Eintreibungsmethoden“ von Inkassounternehmen beschäftigt. 95 Prozent der befragten Schuldnerberatungsstellen berichten, dass das Androhen von Vollstreckungsmaßnahmen zum festen Vorgehen von Inkassodiensten gehöre – selbst wenn noch kein Titel erwirkt wurde. Ein Drittel der Schuldnerberatungsstellen berichtet sogar von Haftandrohungen seitens der Inkassounternehmen.

Abzocke durch Inkassofirmen: Portal „Inkasso-Check“ bietet Verbrauchern Hilfe

Auch die Androhung von Strafanzeigen gehöre zum Repertoire. Ein Mitgliedsunternehmen des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) stellt beispielsweise auf seiner Website heraus, dass „der Druck auf Ihren Kunden stetig höher wird“. Die in „unserer empirischen Untersuchung als typische Verhaltensweisen festgestellten Praktiken sind unproblematisch als unseriöse Geschäftspraktiken zu erfassen“, urteilt das iff.

Ratenzahlungen werden zur Falle

Dem Bundesverband Verbraucherzentrale ist die Vergütungspraxis der Inkassounternehmen ebenfalls ein Dorn im Auge. Es sei nicht angemessen, dass diese Unternehmen Rechnungen nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz verschickten. Dafür gebe es keine Grundlage, weil der kaufmännische Forderungseinzug in der Regel automatisiert sei und keine rechtliche Beratung erfolge, heißt es in einem Positionspapier, das dem Handelsblatt vorliegt. Bei der Vergütung sollte man sich allenfalls an Gebühren orientieren, die ein Rechtsanwalt für ein Schreiben einfacher Art erhalte.

Nicht nachvollziehbar ist für die Verbraucherschützer die Praxis, dass auf ein Inkassoschreiben, auf das nicht reagiert werde, in einem kurzen Abstand ein Anwaltsschreiben folge. Das sei in der Regel zwar inhaltsgleich, aber mit weiteren Kosten verbunden. Schuldnerberatungsstellen sehen diese „doppelte Gebührenberechnung“ als größtes Problem an.

Ein weiteres Problem ist die Tendenz, Verbraucher in Ratenzahlungsvereinbarungen zu drängen. Diese seien häufig mit einem Schuldanerkenntnis verbunden. „Damit können auch von vornherein rechtswidrige Forderungen rechtmäßig beigetrieben werden“, heißt es.

Die Verbraucherschützer beraten auch Schuldner. Sie bieten eine erste schnelle Hilfe an unter der Adresse: www.verbraucherzentrale.de/inkasso-check. Daneben gibt es Rechtsanwälte, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben. Die Rechtsprechung, etwa zu der Frage, wann und wie weit Gläubiger die Kosten durch Inanspruchnahme von Inkassounternehmen hochtreiben dürfen, ist strittig. Teuer kann es für die Schuldner werden, Inkassoschreiben einfach zu ignorieren.

Auf der anderen Seite empfiehlt es sich in manchen Fällen, sich von dem Unternehmen Belege vorlegen zu lassen oder dessen Registrierung zu überprüfen. Es gibt auch Fälle, in denen Inkassoforderungen nicht mehr als eine Betrugsmasche sind.

Widerspruchsschreiben müssen gut begründet werden. Es kann daher Geld sparen, sich professionellen Rat zu holen, bevor man sich unter Druck setzen lässt und unbedacht reagiert. Das Handelsblatt wird demnächst die Frage, wie man sich als Schuldner gegenüber Inkassounternehmen verhalten sollte, eingehender behandeln.

Der Hauptgeschäftsführer des BDIU, Kay Uwe Berg, weist die Vorwürfe des iff und der Verbraucherschützer zurück. „250 Beschwerden bei Verbraucherberatungsstellen werden synonym für eine Branche genommen, die jedes Jahr weit über 20 Millionen Mandate komplett beanstandungsfrei regelt“, argumentiert Berg, dessen Verband rund 560 Mitglieder vertritt, die jährlich Forderungen in Höhe von fünf Milliarden Euro eintreiben.

Nur ein Prozent aller Forderungen, die die Inkassounternehmen halten, seien niedriger als zehn Euro. Der Durchschnitt liege bei 683 Euro. Die Arbeit der Inkassounternehmen sei „hochgradig komplex“ und mit einer Anwaltstätigkeit absolut vergleichbar. Er räumt ein: „Selbstverständlich verlangen Auftraggeber von Inkassounternehmen, dass sie alle gebotenen Maßnahmen durchführen, damit ein Schuldner die jeweilige Forderung begleicht.“ Dazu gehöre, von Mahnstufe zu Mahnstufe die Ansprache zu verstärken.

Selbstkritik auch in der Inkassobranche

Doch es gibt auch kritische Stimmen im Verband selbst. „Wir müssen von dieser Drohkulisse wegkommen“, sagt Stephan Stricker, Chef von Pair Finance und BDIU-Mitglied. Berg selbst sieht auch Verbesserungsbedarf. „Bereits seit vergangenem Jahr arbeiten wir an einem weiter gefassten Code of Conduct (Verhaltenskodex) für das Forderungsmanagement.“ Dabei will er auch das Gespräch mit Verbraucherorganisationen suchen. Letztlich ist die Branche auch nicht glücklich über ihr Image.

Einig sind sich das iff und der Inkassoverband darin, dass die Aufsicht über die Inkassounternehmen wenig effektiv sei. Derzeit sind 63 Gerichte dafür zuständig, die auch noch sehr ungleichmäßig über die Republik verteilt sind. Verbraucherschützer setzen sich für eine Zentralisierung ein – so könnte das Bundesamt für Justiz diese Aufgabe übernehmen.

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