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Vermögensverwalter Piccor Schweizerische Scheinwelt – Warum prominente Fußballer um ihr Geld bangen

Im Skandal um den Vermögensverwalter Piccor legen Erkenntnisse der Ermittler einen großangelegten Betrug nahe. 2500 Anleger bangen um ihr Geld, darunter zwei Ex-Nationalspieler.
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Im Souterrain residiert der Picam-Verbund. Quelle: Lars-Marten Nagel / HB
Villa in Berlin

Im Souterrain residiert der Picam-Verbund.

(Foto: Lars-Marten Nagel / HB)

BerlinDie drei Dokumente hätten die Ermittlungen gegen die Piccor AG auf den Kopf stellen können. Seit September 2017 ging die Staatsanwaltschaft Berlin bei dem Vermögensverwalter dem Verdacht auf bandenmäßigen Betrug nach. Da fanden die Beamten des Landeskriminalamts in einem der 150 beschlagnahmten Umzugskartons einen Kaufvertrag, eine Quittung und die Kopie eines Ausweises. Thomas E., 53 Jahre, der Mann, den das LKA als Hauptverdächtigen führte, hatte demnach die Piccor AG schon 2009 an einen Rechtsanwalt in Stade verkauft. War Thomas E. also unschuldig?

Das scheint unwahrscheinlich. Den angeblichen Käufer konnte das LKA zwar nicht vernehmen – er starb schon vor vier Jahren. Ein Abgleich mit den amtlichen Daten des Einwohnermeldeamtes in Stade aber zeigte, dass weder die Ausweisnummer noch die Unterschrift des Verstorbenen mit dem übereinstimmte, was die Beamten in den Akten der Piccor AG fanden. Nun bleibt Thomas E. weiter in ihrem Visier. Fahnder gehen davon aus, dass die Papiere rückdatiert und gefälscht wurden.

Thomas E. und sein Strafverteidiger ließen Anfragen zu der Episode unbeantwortet. Für die Ermittler fügt sich der seltsame Vertrag in ein seltsames Bild: Im Reich von Thomas E. war nichts so, wie es schien. Als angebliche schweizerische Vermögensverwalter hatten E. und seine Partner seit 2008 unter den Namen Picam, Piccor und Piccox mehr als 316 Millionen Euro von deutschen Anlegern eingesammelt. „Schweizer Maßstab im Vermögensmanagement“, stand auf ihrer Werbung. Ende 2017 blieben Zahlungen aus. Seitdem bangen rund 2500 Anleger um ihr Geld.

Die Zahl der Beschuldigten wird immer größer

Zu diesem Zeitpunkt liefen die Ermittlungen bereits drei Monate unbemerkt von der Öffentlichkeit. Das Bankhaus von der Heydt hatte Thomas E. und einen ehemaligen Manager der Bank angezeigt. Die zehnseitige Strafanzeige begründete mit vielen Details, warum die Bank einen Verdacht auf Kapitalanlagebetrug, Kreditbetrug, Untreue, Geldwäsche und Urkundenfälschungen sah. Thomas E. und der Ex-Banker hätten gemeinsam Fonds und Darlehen initiiert und verdächtige Geldtransfers veranlasst, hieß es in der Anzeige. Es könnte sich um ein Schneeballsystem handeln.

Im Februar 2018 schlugen die Behörden zu und durchsuchten Büros und Wohnungen in Deutschland und der Schweiz. Seitdem stieg die Zahl der Beschuldigten auf mehr als 15. Darunter sind Banker, Vertriebsmitarbeiter, Treuhänder, Anwälte, Bürokräfte und Makler.

In Untersuchungshaft musste bislang niemand. Der mutmaßliche Kopf, Thomas E., meldet sich beim LKA ab, wenn er nach Mallorca fliegt. Er lebt in Berlin. Von hier, aus dem Souterrain einer Westberliner Villa, vertrieb er auch die „schweizerischen“ Anlageprodukte.

Wer sich beteiligen wollte, musste mindestens 50.000 Euro aufbringen. Eine interne Liste nennt zahlreiche Investoren, die bis zu 1,5 Millionen Euro anlegten. Einige Prominente sind dabei, wie zwei ehemalige Spieler der Fußball-Nationalmannschaft. Ein Stürmer investierte 370.000 Euro, ein Linksaußen fast eine Million Euro.

Auf eine ähnliche Summe wartet auch der Vorsitzende der CDU-Fraktion einer 100.000-Einwohner-Stadt aus Baden-Württemberg. Einige Familiennamen tauchen mehrfach auf. Offenbar wurde das vermeintliche Topinvestment weiterempfohlen. Heute sind die Anleger wütend. Die Staatsanwaltschaft zählte mehr als 800 Strafanzeigen.

Die Ermittlungen dauern an, erste Erkenntnisse liegen vor. Offenbar hatte die Gruppe ein Schneeballsystem aufgebaut. Charakteristisch dafür: hohe Renditeversprechen für Geldanlagen, die nur auf dem Papier existieren. Werterhöhende Geschäfte oder reale Investitionen gibt es nicht, oder sie erzielen nicht annähernd die versprochenen Renditen. Wollen Anleger aussteigen, werden sie aus Einzahlungen von Neukunden bedient.

Der Vertrieb der Piccor AG suggerierte den Anlegern, dass ein computergesteuerter Handel mit Dax-Futures Renditen von bis zu 30 Prozent im Jahr erzielen könne. Auch Thomas E. verbreitete diese Geschichte. In Wirklichkeit wurden die Gelder in einen Kreislauf eingespeist. Die Millionen der Anleger wanderten von Konten der Piccor AG bei der Berliner Volksbank zu Firmen, in Fonds, durch Kreditverbriefungen und in Darlehen.

Das Geld rotierte zwischen Deutschland, Luxemburg, Liechtenstein und Spanien hin und her – verließ aber nicht den Einflussbereich der mutmaßlichen Bande. Rund 74 Millionen Euro wurden durch die Swiss Finance Group AG in Zug geschleust, die Ermittler Thomas E. zurechnen. Einen Derivatehandel mit außergewöhnlich hohen Renditen, wie sie auf Quartalsberichten Anlegern mitgeteilt wurden, konnte das LKA trotz umfangreicher Finanzermittlungen nirgends aufspüren.

Die Verantwortlichen zogen ihr Geschäftsmodell selbst dann weiter durch, als ihnen die Aufsichtsbehörden schon näherkamen. Anfang 2017 warnte die schweizerische Finanzaufsicht öffentlich vor der Piccor AG, trotzdem legten E. und seine Partner ein neues Wertpapier auf – das Piccox-Zertifikat. Die so neuen Millionen konnten die Katastrophe allenfalls aufschieben, aber nicht verhindern. Als Neukunden ausblieben, fehlte die Liquidität, um die Zinszahlungen der Altkunden zu bedienen.

Rund 40 Millionen Euro sollen die Beteiligten am Geldkreislauf verdient haben, indem sie Provisionen, Agios und Gebühren abrechneten. Die Staatsanwaltschaft schätzt den vorläufigen Schaden auf 87 Millionen Euro. Das sind die Gelder, auf die Anleger derzeit warten.

Rücktritt führt zu Kettenreaktion

Im Zentrum der Affäre steht die schweizerische Piccor AG, mit der Anleger ihre Verträge schlossen. Vieles deutet darauf hin, dass sie eine Briefkastenfirma war. Ihr Verwaltungsrat, der Schweizer Peter Z., legte im September sein Mandat nieder. „Ich bin aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden, da ich Grund zur Annahme habe, dass Unrechtmäßiges mit der Firma betrieben wurde“, erklärte er der „Luzerner Zeitung“. Die Staatsanwaltschaft führt ihn als Beschuldigten. Peter Z. sieht sich als Opfer. Er sei mit Tatsachen konfrontiert worden, die ihm „gänzlich unbekannt waren“.

Der Rücktritt von Peter Z. löste eine Kettenreaktion aus. Weil dem Unternehmen die Organe fehlten, ordnete das Konkursamt die Abwicklung der Piccor AG an. „Aufgrund der Größe und Komplexität der Verfahren stehen wir aber noch am Anfang“, sagt Andreas Hess, Amtschef des Handelsregister- und Konkursamts in Zug. Gläubiger könnten ihre Forderungen anmelden, müssten diese aber mit Belegen und Zahlungsnachweisen begründen. „Einige Gläubiger haben dies bereits getan“, sagt Hess. Fraglich ist aber, ob in der Schweiz überhaupt Gelder zu verteilen sein werden.

Zwar gibt es Vermögensarreste der Berliner Staatsanwaltschaft im zweistelligen Millionenbereich. Es ist aber nicht abzusehen, welche Werte sich aus den komplizierten Finanzprodukten des Geldkreislaufs retten lassen. Ziel sei es, die ganze Konkursmasse in die Schweiz zu bekommen, sagt Konkursamtsleiter Hess. Dafür versuche das Amt, bei deutschen Behörden herauszufinden, „was herausgegeben werden kann und welche Interessen jeweils Vorrang hätten“.

Die Anleger unterteilen sich in Profiteure und Opfer. Wer früh genug ausstieg, konnte sich die versprochenen Mondrenditen auszahlen lassen. LKA-Beamte glauben, dass die Gruppe seit 2012 rund 216 Millionen Euro an Anleger überwies. Ein nachträglicher Ausgleich zwischen den Anlegern ist nicht in Sicht.

Die Anfechtung ausgeschütteter Scheingewinne sei in Deutschland Aufgabe des Insolvenzverwalters, sagt Matthias Schröder aus der Frankfurter Kanzlei LSS Rechtsanwälte. „Aber da die Piccor AG in der Schweiz beheimatet ist, könnte diese Option ungenutzt bleiben.“ Auch mehrere Partnerfirmen in Deutschland, die in die Geschäfte verwickelt waren, sind inzwischen insolvent. Geschädigten bleiben nicht viele Optionen.

Der Frankfurter Anwalt Schröder vertritt rund 100 Anleger. Seine Kanzlei nehme sich die Makler vor, „immerhin sind die Pflichtverstöße der Vermittler gravierend“. Schröder hat zwei größere Maklerfirmen im Visier, bei denen er Haftpflichtversicherungen vermutet. Der geforderte Schadensersatz liege bei 80.000 und 250.000 Euro.

Die Anwälte der Kanzlei Witt aus Heidelberg verfolgen eine andere Strategie. Sie haben erstritten, dass sie gegen Pascal S. zwangsvollstrecken können. Der 45-jährige Vertriebsmann arbeitete eng mit Thomas E. zusammen und ist ebenfalls Beschuldigter.

Fahnder glauben, dass Pascal S. rund 2,7 Millionen Euro aus Provisionen zugeflossen seien. Es gebe Hinweise, wo Geld zu holen sei, sagt Anwältin Anna Zajac. „Wir hoffen, zeitnah auch einen Vollstreckungserfolg zu erzielen.“ Pascal S. erschien nicht vor Gericht sondern nahm ein Versäumnisurteil in Kauf. Eine Rückrufbitte ließ er unbeantwortet.

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