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Werbeanrufe Dubiose Aktiengeschäfte

Vermeintliche Finanzvermittler gehen vermehrt per Telefon auf Kundenfang. Wer Geld überweist, hat oftmals aber keinen Zugriff auf die angebotenen Wertpapiere.
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Viele Betrüger kontaktieren Menschen per Telefon, um ihnen Aktien zu empfehlen. Quelle: Photolibrary/Getty Images
Aktiengeschäfte

Viele Betrüger kontaktieren Menschen per Telefon, um ihnen Aktien zu empfehlen.

(Foto: Photolibrary/Getty Images)

FrankfurtAngefangen hat für Michael Kuhn* alles ganz harmlos mit einem Anruf im vergangenen November. Ein Mitarbeiter der Chris Gardner Group kontaktierte den Mittfünfziger aus Norddeutschland mit einer Aktienempfehlung. „Diese hat mich aber gar nicht interessiert“, sagt Kuhn. Später ließ er sich von dem vermeintlichen Finanzvermittler doch zu Geschäften überreden, zunächst „mit Spielgeld“, wie er sagt.

Dann wurde es etwas mehr. Das Geld scheint nun weg zu sein, die versprochenen Aktien hat er nicht bekommen. Ganze 55.000 Euro dürfte Kuhn verloren haben. Erst vor Kurzem warnten die Marktwächter-Experten der Verbraucherzentrale Hessen vor Werbeanrufen, bei denen Anleger Wertpapiere kaufen sollen. Privatanleger hatten den Verbraucherschützern vermehrt berichtet, dass ihnen Aktien zum Kauf angeboten worden waren, die sie nach Zahlung nicht erhalten hatten.

„Mit bekannten Unternehmensnamen werben diese Anbieter um das Vertrauen der Verbraucher“, sagt Wolf Brandes, Teamleiter Grauer Kapitalmarkt beim Marktwächter Finanzen der Verbraucherzentrale Hessen. „Sie täuschten den Aktienhandel aber offensichtlich nur vor und haben die Verbraucher schlicht um ihr Geld betrogen.“

Kuhn ist offenbar eines der Opfer solcher vermeintlichen Betrüger geworden. Mit dem Vorwurf konfrontiert, teilte die Chris Gardner Group lediglich in einer E-Mail an das Handelsblatt mit, die Anfrage an die Compliance beziehungsweise die Rechtsabteilung weiterzuleiten. Eine Stellungnahme liegt dieser Zeitung bislang nicht vor.

Doch der Reihe nach: Wie der vermeintliche Finanzvermittler an seine Kontaktdaten kam, kann Kuhn sich nicht erklären. Irgendwo habe er wohl eine Spur gelegt, vielleicht bei einer Beratung vor einiger Zeit seine Kontaktdaten hinterlassen. „Aufgefallen ist mir zunächst nur, dass der Anrufer sehr hartnäckig war. Erst hat er es privat probiert und sich dann über die Büroadresse an mich gewandt.“

Nach den ersten Anrufen im November kamen Mitarbeiter der Chris Gardner Group im laufenden Jahr wieder auf ihn zu, um darauf hinzuweisen, wie gut sich die Aktie seit der Empfehlung entwickelt habe. „Das habe ich nachgeschaut, das hat auch gestimmt“, betont Kuhn. Deshalb habe er beschlossen, etwas Spielgeld einzusetzen.

Empfohlen wurde ihm die Aktie von Media Lab, einem italienischen Softwareentwickler, der an der Pariser Börse gelistet ist. „Die ersten 1 500 Aktien habe ich selbst gekauft, und diese wurden auch in mein Depot gebucht“, erklärt er. Der Kurs lag zu diesem Zeitpunkt bei gut sieben Euro.

Damit war der Köder gelegt. „Wenig später meldete sich ein Mitarbeiter der Chris Gardner Group, der behauptete, das US-Unternehmen Symantec plane eine feindliche Übernahme von Media Lab“, erklärt Kuhn den weiteren Verlauf. Das sei aber alles noch geheim, deshalb würde man in der Öffentlichkeit nichts dazu lesen können.

Doch man versprach ihm, die Alteigentümer könnten Aktien zu einem Vorzugspreis von 5,50 Euro je Aktie kaufen, die ihnen später zu einem vereinbarten Preis von 14,70 Euro abgekauft würden. „Das klang in dem Moment verlockend. Also habe ich 55.000 Euro auf ein Treuhandkonto in den USA überwiesen.“ Der Geldeingang sei ihm Ende April bestätigt worden.

Passiert sei seitdem nichts mehr. Die Aktien seien nicht in seinem Depot aufgetaucht, auch das versprochene Geld habe Kuhn bisher nicht erhalten. „Die 10.000 Aktien, die ich entweder ins Depot gebucht bekommen, oder den Erlös aus dem Verkauf an Symantec, den ich erhalten hätte sollen, habe ich nicht“, sagt er.

Auf Kuhns Nachfrage bei der Chris Gardner Group hieß es, dass nicht alle Mitarbeiter im Haus mit dieser Angelegenheit vertraut seien. Schließlich sei es ein nicht öffentliches Angebot. Die zuständige Person befinde sich weiterhin auf Geschäftsreise, sie werde aber versuchen, ihn zu erreichen.

Und: Es handele sich bei dem Unternehmen weder um einen „Fake“, noch lasse die „Nichtreaktion“ auf „betrügerische Absichten“ schließen. Das geht aus dem Mailverkehr hervor, der dem Handelsblatt in Auszügen vorliegt. „Der angebliche Compliancebeauftragte der Firma hat mich immer wieder kontaktiert und versucht, zu schlichten, als ich sauer wurde.

Anfang Juni hieß es, der Ball liege jetzt beim Treuhänder in den USA – das ist der letzte Stand“, sagt Kuhn. Die Chris Gardner Group hat sich zu Kuhns Vorwürfen – wie oben beschrieben – gegenüber dem Handelsblatt nicht geäußert. Eine Symantec-Sprecherin sagte zu den Vorgängen lediglich, dass man sich zu Gerüchten und Spekulationen nicht äußere. Media Lab ließ eine Anfrage des Handelsblatts unbeantwortet.

Die Media-Lab-Aktie notierte Ende vergangener Woche nur noch bei 1,19 Euro. Kuhn sagt: „Das ist ein Hinweis, dass der Kurs kurzzeitig nach oben getrieben worden sein könnte.“ Auch der Finanzaufsicht Bafin sind mögliche Ungereimtheiten bei dem Papier bekannt: „Im Hinblick auf den Wert Media Lab haben wir Hinweise auf mögliche Marktmanipulationen erhalten.

Da die Aktie aber lediglich in Frankreich gehandelt wird, haben wir diese Informationen an die Aufsichtsbehörde des betreffenden Marktes – die französische AMF – abgegeben“, sagte eine Bafin-Sprecherin. Anleger Kuhn ist kein Einzelfall, wie Brandes von der Verbraucherzentrale Hessen betont: „Bei den unseriösen Aktiengeschäften haben wir aus sieben Bundesländern Beschwerden erhalten. Es gab sehr viele unterschiedliche Anbieter, die uns gemeldet wurden.“ Die Verbraucher berichteten, dass nach Zahlung in ihrem Onlinedepot keine entsprechenden Aktien auftauchten und der geforderte Übertrag auf ein bestehendes anderes Depot nie erfolgte.

Anbieter tauchen ab

Das Muster sei immer recht ähnlich: „Zum Erwerb der Aktien mussten häufiger Überweisungen ins Ausland getätigt werden, es wurde für einen Börsengang geworben, der nicht stattfand, es wurden Umtauschangebote gemacht, und es gab Nachforderungen“, beschreibt Brandes die Vorgehensweise.

Manche Anbieter tauchten in der Folge schlichtweg ab: Die Internetseite und das Depot konnten die Anleger in einigen Fällen nicht mehr aufrufen, auch sonst hatten Verbraucher wenig Möglichkeiten, Kontakt aufzunehmen. Allerdings erreiche die Verbraucherzentralen nur die Spitze des Eisbergs. „Viele Betroffene melden sich nicht, andere gehen zur Polizei oder zu einem Anwalt“, so der Finanzexperte.

Von seinem Geld hat sich Kuhn gedanklich schon verabschiedet. Eine Strafanzeige will er in den nächsten Tagen noch stellen. Dass er nie daran gedacht hat, dass die Chris Gardner Group unseriös sein könnte, bezeichnet er heute als Fehler. „Ich kann nicht sagen, warum ich das gemacht habe, ich bin einfach doof gewesen“, räumt er freimütig ein. Dabei bringt er aufgrund des beruflichen Hintergrunds durchaus eine gewisse Finanzbildung mit.

Das zeigt, dass Anleger nicht davor geschützt sind, auf mögliche Betrüger hereinzufallen, wenn ein satter Gewinn winkt. Das liegt auch an der Niedrigzinsphase, die Privatanleger auf der Suche nach Rendite mitunter auf riskante Wege bringt. Auf den ersten Blick wirkte auch bei der Chris Gardner Group alles recht professionell: „Die Leute sprechen perfektes Deutsch, sind im Umgang mit Kunden trainiert und haben auf alle Fragen eine Antwort“, so Kuhn.

„Wenn Sie einen Partner suchen, der sich verantwortungsvoll um Ihre Investitionen und Ihre Anlagebedürfnisse kümmert, dann sind Sie bei uns gut aufgehoben“, heißt es beispielsweise in einer E-Mail der vermeintlichen Anlagefirma. Dabei gibt es durchaus Hinweise, dass bei dem Unternehmen möglicherweise nicht alles mit rechten Dingen zugeht: Auf der Internetseite chrisgardnergroup.com gibt es kein Impressum.

Auch die Verlinkung zu den Social-Media-Kanälen funktioniert nicht. Kontaktiert wird Kuhn in der Regel aus Dänemark, eine Firmenadresse in Kopenhagen ist auf der Homepage angegeben. Manchmal könne er unter der Nummer jemanden erreichen, manchmal nicht. Insgesamt ist es schwierig zu erkennen, wer hinter dem Unternehmen steckt.

Der bekannte Chris Gardner – ein US-Broker, der es vom Obdachlosen zum Selfmademillionär brachte und dessen Geschichte im Jahr 2006 mit Will Smith in der Hauptrolle unter dem Titel „Das Streben nach Glück“ verfilmt wurde – hat mit der Firma jedenfalls nichts zu tun. Das bestätigte ein Mitarbeiter von Gardner dem Handelsblatt.

An die Öffentlichkeit geht Kuhn deshalb, weil er andere Anleger schützen will. „Am besten sollten Verbraucher sofort auflegen, wenn sie von einem vermeintlichen Finanzberater angerufen werden, den sie nicht kennen“, rät er. So auch der erste Tipp der Verbraucherschützer: keine Geschäfte mit unbekannten Wertpapierhändlern am Telefon eingehen.

Gut überlegen sollte man sich Kuhn zufolge auch, ob man seine Kontaktdaten auf Internetseiten hinterlegt. „Ich habe auch schon über Bitcoins recherchiert und meine Telefonnummer eingegeben, den Vorgang dann aber abgebrochen. Trotzdem wurde ich angerufen.“

Auch hier gibt es den Marktwächtern zufolge Betrügereien: „Ob vielversprechender Handel mit Kryptowährungen, binären Optionen oder Fremdwährungen – es gibt Anbieter, die – wenn das Geld erst einmal überwiesen ist – nicht mehr zu erreichen sind. Sitzen Anbieter im Ausland, ist es schwer, seine Rechte durchzusetzen“, sagt Brandes.

Vor einem Kauf sollte man deshalb in jedem Fall die Seriosität des Anbieters überprüfen und sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Die nationalen Finanzaufsichtsbehörden und die Europäische Aufsichtsbehörde Esma warnen auf ihren Internetseiten vor Anbietern, die bereits auffällig wurden.

*Name von der Redaktion geändert

Mehr: Die Finanzaufsicht geht verstärkt gegen Anlegebetrüger vor. Diese haben durch die Digitalisierung leichteres Spiel.

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