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Ex-Nationalspieler Jens Lehmann – Der Torhüter und die Moral

Der frühere Elfmeterkiller wollte stets ehrlich sein. Doch seine Steuerakte zeigt Konten auf einer Kanalinsel, unversteuertes Einkommen und doppelt kassiertes Kindergeld.
4 Kommentare
Jens Lehmann – Der Torwart und die Moral Quelle: picture alliance/dpa
Jens Lehmann

Ein Strafverfahren konnte der frühere Spitzenfußballer abwenden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Düsseldorf Fünf Gesichter hat Jens Lehmann, so steht es auf seiner Homepage: Trainer, Kommentator, Torwart, Botschafter und Redner. Lehmann bestritt 61 Länderspiele für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, engagiert sich für Unicef, hält vor Managern Reden über die Kunst, sich zu motivieren. 2010 schrieb Lehmann ein Buch, an dessen Ende er eine Hoffnung formulierte: „Dass alle, mit denen ich zusammengearbeitet habe, eins sagen können: dass ich ein korrekter, zuverlässiger und vor allem ehrlicher Mensch bin.“

Doch Lehmann hat noch ein sechstes Gesicht: Steuerjongleur. Dem Handelsblatt liegt seine Akte aus dem Finanzamt München, Abteilung I, Steuerfahndung vor. Auf 117 Seiten beschreiben die Beamten, wie Lehmann mit nach ihrer Auffassung „erhöhter krimineller Energie“ einen Trick nach dem anderen ausprobierte, um den Staat zu hintergehen, dessen Nationalfarben er trug. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Eine Anklage konnte Lehmann abwenden.

Er zahlte Steuern nach, dazu eine Geldauflage. Juristisch gilt er damit weiterhin als unschuldig. Als „ehrlich“ wohl kaum.

Entdeckt wurde dies per Zufallsfund. 2012 öffnete das Hauptzollamt Speyer ein an Lehmann adressiertes Paket aus der Schweiz und fand Kontounterlagen der Bank Sarasin. Die Daten wurden der Steuerfahndung München übermittelt, diese fand beim Abgleich heraus, dass Lehmann Gelder in Deutschland nicht versteuert hatte.

Die Wirtschaft studiert

Es begann eine Recherche, bei der die Beamten viel über Lehmann lernten. Er war ein ungewöhnlicher Fußballprofi. Lehmann, heute 49, interessierte sich schon als junger Mensch für Finanzen, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Fernuni Hagen und der Universität Münster. Für seine Geldanlagen holte er sich den Rat von hochkarätigen Experten. Lehmann agierte also nicht unbedacht. Wie passt das mit den Ansprüchen zusammen, die Lehmann öffentlich an sich selbst stellt?

Einblick in seine Gedankenwelt bietet sein Buch „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“. Er sei in Wahrheit „sehr bescheiden“, schreibt Lehmann – und trotz seiner Millionengehälter nicht reich. 2003 wechselte er von Borussia Dortmund zum FC Arsenal London. Schon in seinem zweiten Jahr dort seien die Immobilienpreise so gestiegen, „dass ich mir ein Haus wie in Deutschland nicht leisten konnte“.

„Natürlich verdiente ich gut“, schreibt Lehmann. „Aber im Vergleich zu echten Londoner Spitzengehältern war es wenig. Wenn man sich den ausschweifenden Lebensstil der Scheichs aus dem Nahen Osten oder der Russen ansieht, die London bevölkern, lernt man Demut. Wie klein man doch als Fußballspieler sein kann, wenn man von einem solchen Reichtum umgeben ist.“

Ich bin in Wahrheit sehr bescheiden. Jens Lehmann (Ex-Nationaltorwart)

So nutzte der Kleinsparer Lehmann eine Gelegenheit. Anders als in Dortmund würden in London nur seine englischen Einkünfte versteuert, nicht aber die aus anderen Ländern, erklärten ihm seine Berater. Lehmann gründete zwei Gesellschaften auf der Kanalinsel Jersey. In dieser Steueroase landeten Überweisungen des Deutschen Fußball-Bundes und von Sponsor Nike. Einmal angekommen, sollte Lehmann damit sogenannte weiße Einkünfte erzielen können. Ein Fachbegriff für Profite, die nirgendwo versteuert werden.

Zu diesem Zweck musste Lehmann die deutschen Finanzbehörden von etwas überzeugen: Nach seinem Wechsel zum FC Arsenal hatte er in Dortmund keine feste Adresse mehr. Wenn der Fiskus ihm das glaubte, würde Lehmann in Deutschland kaum Steuern zahlen müssen

Im November 2003 vermietete Lehmann sein Haus in Dortmund. Der Preis war ausgesprochen freundschaftlich. Für den 300 Quadratmeter großen Klinkerbau mit acht Zimmern und drei Bädern verlangte Lehmann ganze 1.000 Euro im Monat. Das hatte einen Grund: Der Mieter sollte nie darin wohnen.

So kam es auch. Familienfotos der Lehmanns zeigen sie beim Grillen im Garten 2004, Geburtstagsbilder von Lehmanns Sohn 2005, eine Weihnachtsfeier 2006 – alles an der alten Dortmunder Adresse.

Wo war der Neumieter? Als dieser von der Staatsanwaltschaft vernommen wurde, verweigerte er die Auskunft. Er könne sich sonst selbst belasten, sagte er kleinlaut. So viel verriet er aber doch: Seinem Vermieter sei wichtig gewesen, in Dortmund stets ein Zuhause zu haben. Die Kinderzimmer der Lehmann-Jungen sollten unverändert gelassen werden. Als 2006 ihr Schwesterchen zur Welt kam, erhielt auch sie ein eigenes Zimmer in Dortmund.

Welcher Mieter akzeptiert solche Umstände? Die Antwort liegt in der Familie. Lehmann „vermietete“ das Haus an den Mann seiner Schwiegermutter. Abgerechnet wurde später in bar. Im Spätsommer 2006 zum Beispiel schrieb Lehmann in sein Notizbuch: „€2000 an Guggy gegeben für 8/9 2006 Miete.“ Guggy war der Kosename seiner Schwiegermutter.

Dass Steuerfahnder jemals seine interne Buchhaltung finden würden, hatte Lehmann offenbar nicht geahnt. Dabei war er durchaus vorsichtig. Als sein Vater, der zugleich Hausmeister der Dortmunder Bleibe war, eine Mail mit Details über die Vorgänge im Klinkerbau schrieb, mahnte Lehmann ihn ab. So etwas gehöre weder in Mails noch in Telefongespräche.

Die Schlussfolgerung der Beamten: Lehmann hatte Angst, seine Kommunikation könne abgefangen werden. Weiterer Hinweis war ein Fax an seinen Immobilienmakler: „Namen sollen auf gar keinen Fall genannt werden!! … Ich bitte dich um größtmögliche Verschwiegenheit.“

Moralische Zweifel an Lehmanns Geschäftsgebaren hatten offenbar nur andere. Er habe dem Torhüter durchaus gesagt, dass jeder, der die deutsche Infrastruktur nutzen wolle, auch seinen Beitrag leisten müsse, sagte sein „Mieter“. Lehmanns Antwort ist nicht bekannt. Die Gespräche seien „kontrovers“ gewesen.

Das doppelte Kindergeld

2008 kehrte Lehmann zurück nach Deutschland und stand fortan im Tor des VfB Stuttgart. Auch dort fand die Steuerfahndung Merkwürdiges: Die Lehmanns kassierten doppeltes Kindergeld. Die Zahlungen aus Dortmund liefen fort, die Eltern stellten aber auch einen Antrag bei der Familienkasse Passau. In den folgenden fünf Jahren erhielten die millionenschweren Lehmanns laut Steuerfahndung rund 20 000 Euro zu viel.

Sein Anwalt sagt dazu, dass sich Lehmann ordnungsgemäß beim Einwohnermeldeamt Dortmund abgemeldet habe. Von der Fortzahlung des Kindergelds, die nicht auf sein Konto erfolgt sei, habe Lehmann erst viel später erfahren. Außerdem habe sie nicht fünf Jahre gedauert, sondern wesentlich kürzer. Am Ende zahlte Lehmann das Geld zurück.

Fünf Jahre lang waren die Steuerfahnder Lehmann auf den Fersen. Im Juli 2016 schickten sie ihren Bericht an die Staatsanwaltschaft München II. Lehmann habe 934 837 Euro an Steuern hinterzogen.

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4 Kommentare zu "Ex-Nationalspieler: Jens Lehmann – Der Torhüter und die Moral"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Auch die kleinen haben es zu leicht und sind meist nicht dran, denn der Hartzer kann geldmäßig nicht für sein Tun bestraft werden.
    Das Problem ist, Überwachung will der Staat überall schon einführen, aber eine geordnete und gut strukturierte und vernetzte Bürokratie, welche die auszuzahlenden Beträge mit dem Meldeamt abgleicht, dazu sind sie zu unfähig.
    Und Strafen bei Vermögenden Personen fallen immer zu niedrig aus, Betrag einfach mind. mal 3 zzgl. Zinsen, diese ganzen Vergleiche sind auch Verarschung vom kleinen Mann

  • Egal, wer oder wo,
    Je höher die Einkommen, desto größer die Betrügereien.
    - wehe ein "Schwarzfahrer" wird bei Bahn oder Bus erwischt.
    von wegen wir haben verstanden!

  • Gier friesst Hirn....

  • kleine Sozialhilfe Betrüger sind schnell dran und das ist auch gut so, aber der große Herr Lehmann ist sakrosankt und das ist nicht gut so,die Kleinen hängt man..........

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