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Versicherungsbranche Vorbild Spotify: Signal Iduna wird von einer Handwerker-Versicherung zum agilen Konzern

Der Dortmunder Versicherer baut seine Struktur konsequent auf agiles Arbeiten um. Profitieren sollen Stammkunden wie Bäcker und Friseure.
12.07.2021 - 09:24 Uhr Kommentieren
Die Transformation der Signal Iduna kommt voran, agile Arbeitsweisen stehen dabei im Mittelpunkt. Quelle: BOSTELMANN / BILDFOLIO für Handelsblatt
Johannes Rath

Die Transformation der Signal Iduna kommt voran, agile Arbeitsweisen stehen dabei im Mittelpunkt.

(Foto: BOSTELMANN / BILDFOLIO für Handelsblatt)

München Es ist einer der ambitioniertesten Umbauten in der deutschen Versicherungswirtschaft: In den vergangenen vier Jahren hat die Signal Iduna nicht nur ihre Hauptverwaltung nahezu komplett auf agile Arbeitsabläufe umgestellt.

Der einst ausgerufene Strategieplan „Vision 2023“ zeigt inzwischen auch wirtschaftliche Erfolge. Die Beitragseinnahmen der einstigen Handwerker-Versicherung sind von fünf auf 6,1 Milliarden Euro gestiegen. Das anvisierte Ziel von sieben Milliarden Euro in zwei Jahren liegt in Sichtweite.

Johannes Rath ist als Chief Digital Officer von Anfang an maßgeblich für den Umbau verantwortlich. Seit wenigen Monaten hat er außerdem einen neuen Titel, der seine Rolle verdeutlicht: Er ist nun auch Chief Transformation Officer.

„Die neue Rolle ist sehr viel mehr umsetzungsgetrieben, davor ging es vor allem um Strategie und Innovationen“, so der 37-Jährige. Unter seiner Führung soll aus der einstigen Handwerker-Versicherung ein moderner Konzern entstehen.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er die fünf wichtigsten Veränderungen.

Die Strategie

Mehrjahrespläne sind gerade bei Versicherern modern. Die Umsetzung der „Vision 2023“ der Signal Iduna ist dagegen eher ein iterativer – sich also mehrfach wiederholender – Prozess, bei dem es immer wieder zu Veränderungen kommt. „Das war von Anfang an kein ausgeklügelter Plan, wir wollten uns den Fragen im agilen Sinne nähern“, so Johannes Rath.

Rund 250 Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens wurden anfangs aus ihren bisherigen Aufgaben herausgenommen, am Ende fanden sich rund tausend Kollegen in tausend neuen Aufgaben. Sie denken seither in Squads, Tribes und Chaptern. „Die gesamte Organisation der Teams ist jetzt sehr transparent“, beschreibt Johannes Rath die neue Struktur.

Das Vorstandsteam selbst und einige darunter angesiedelten Ebenen begaben sich auf Reise, waren bei ING und ABN Amro in Amsterdam und bei Royal London in der britischen Hauptstadt. Überall holte man sich Anregungen von Organisationen, die einen ähnlichen Prozess bereits durchlaufen hatten.

Inzwischen entsteht auch bei Signal Iduna etwas, was in der agilen Arbeitswelt als Spotify-Modell bezeichnet wird. Denn der Fokus auf Agilität kommt aus der Softwarebranche, die Streaminganbieter Netflix und Spotify gelten als Vorbilder.

Für die Organisation heißt das grob gesagt: Statt Projekte bis ins Detail von oben vorzugeben und durchzuplanen, sollen kleine Teams, besetzt mit unterschiedlichen Experten, in kleinen Schritten, dafür aber kreativer und schneller zum Ziel kommen – wie Mini-Start-ups. Die untereinander vernetzten Teams arbeiten selbstbestimmt und holen zwischendurch Rückmeldung von Kunden ein, um Fehler rasch zu korrigieren.

Deswegen schauen deutsche Wettbewerber immer öfter in Dortmund und Hamburg vorbei, um sich dort Anregungen zu holen. „Es geht um die Frage: Wie funktioniert Financial Industry, wenn man Kundenfokussierung und agile Zusammenarbeit für eine Gesamtorganisation umsetzen will“, so Rath.

Bis zum Ende der „Vision 2023“ soll die ganze Gruppe mit ihren mehr als 10.000 Mitarbeitern „agilisiert“ sein. Die Pandemie hat dabei die Dinge noch beschleunigt. Als den Mitarbeitern im Frühjahr vergangenen Jahres bewusst wurde, dass sich die Dinge um sie herum gerade massiv verändern, wuchs auch bei Signal Iduna die Zustimmung zur neuen Organisationsform.

Die IT

Gerade an den vielen alten Systemen und der damit erschwerten technischen Umsetzung scheitert bei vielen Versicherern der Prozess der Erneuerung. Bei Signal Iduna haben sie bereits Mitte des vergangenen Jahrzehnts im Zukunftsprogramm, dem Vorläufer der aktuellen Pläne, damit begonnen, in ihre IT zu investieren.

Dafür wurde die SDA SE in Hamburg gegründet, eine Service-Plattform, an der auch die Debeka und die Allianz beteiligt sind. So soll zuerst eine Infrastruktur entstehen, ehe den Kunden Leistungen zugänglich gemacht werden. „Wir sind gerade dabei, die SDA SE als Plattform so zu nutzen, dass wir die Kundendaten zugänglich machen und unterschiedliche Funktionalitäten haben“, so Johannes Rath zum aktuellen Stand.

Die App

Blickt man auf die gesamte Finanzbranche, sind die Apps von Versicherungen eher unterrepräsentiert. Meist dominieren die Anwendungen von Kryptobörsen, auch Banken und Sparkassen bieten Services über das Smartphone an.

Der Grund ist einfach: Kunden interagieren mit ihrer Bank oder ihrem Wertpapierhändler öfter als mit ihrer Versicherung.

Dennoch hat es die Signal Iduna geschafft, als einer der wenigen Versicherer unter die Top 100 des Bereichs Finanzen in Apples App Store zu gelangen. Aktuell rangiert „Meine Signal-Iduna“ auf Rang 85. Die Kundenbewertungen mit 4,6 von fünf Sternen sind vergleichsweise gut.

Mittlerweile haben Kunden über die App über eine Million Belege digital eingereicht. Sie wurde 400.000-mal heruntergeladen, die Zahl der aktiven Nutzer liegt bei über 120.000. „Das beste Kunden-Feedback ist, dass die App genutzt wird“, sagt Johannes Rath. Dafür sei bei der Entwicklung von Beginn an aus Sicht des Nutzers gedacht worden.

Den Anfang machte die Rechnungs-App für die Private Krankenversicherung (PKV). In diesem Bereich ist die Interaktion am größten. Anschließend wurde die App sukzessive weiterentwickelt. Unter Entwicklern gilt das Bündeln von mehreren Versicherungssparten auf einer App als Königsdisziplin, an der sich viele versuchen, viele dabei aber auch die Kundeninteressen aus den Augen verlieren.

Das Ergebnis sind „Regale von ungenutzten Versicherungs-Apps“, wie es Dirk Schmidt-Gallas, Versicherungsexperte beim Berater Simon Kucher, formuliert. Stattdessen wünschen die Kunden beispielsweise einen Dokumenten-Store über ihre Verträge, was in der Umsetzung komplex ist. Bei Signal Iduna ist man mit SDA SE gerade dabei, etwas Passendes zu programmieren.

Ebenso werden die Services ständig ausgebaut, beispielsweise in der Schaden-Bearbeitung. Dabei bekommt der Kunde aktuelle Nachrichten über den Stand des Falls. Daneben werden Partnerschaften mit Kundennutzen in die App eingebunden. Eine davon besteht mit Kry, über die digitale Arztsprechstunden vereinbart werden können.

Die Beteiligungsgesellschaft

Als „Herzensprojekt“ bezeichnet Johannes Rath Signals Venture Capital. 15 Beteiligungen hat der Konzern inzwischen, nur zwei davon kommen aus dem Versicherungssektor. Stattdessen wird bewusst branchenübergreifend investiert, Softwarelösungen stehen im Mittelpunkt.

„Heute ist Signals für uns ein wichtiger Impulsgeber in der Fragestellung, wie wir Start-up-Partnerschaften schaffen“, sagt Johannes Rath. Drei Beteiligungen ragen heraus: Von der mobilen Coaching-Cloud Coachhub, in die Signal-Iduna gemeinsam mit anderen VC-Gesellschaften investiert hat, profitieren gerade viele Führungskräfte in ihren neuen Rollen.

Workpath als Plattform für agile Strukturprozesse hilft beim Aufbau und der Steuerung von Prozessen und soll zu schnelleren Resultaten führen.

Daneben ist mit der Beteiligung an dem damals größten deutschen E-Scooter-Verleiher Circ ein Geschäftsbereich für neue Mobilität entstanden. „Damit ist eine Versicherung für die minutengenaue Abrechnung entstanden, die sich an der urbanen Mobilität orientiert“, so Johannes Rath.

Inzwischen liegt der Umsatz mit E-Scootern im siebenstelligen Bereich, bis Ende des Jahres werden mehr als 100.000 Fahrzeuge versichert sein. Zu den Kunden zählen große Verleiher wie Bird, Miles oder Bolt.

Die Partnerschaften

Die kleinen und mittelständischen Kunden aus Handel, Handwerk und Gewerbe hat die Signal Iduna in ihrem Innovationsprozess nicht aus den Augen verloren. Mit dem Zentralverband des Handels initiierte ein agiles Team die Kampagne „Anfassbar gut“, die die Menschen nach den Erfahrungen des Onlinehandels im Lockdown wieder in die Innenstädte locken soll.

Mit anderen Zielgruppen-Themen für Bäcker, Friseure oder das Baugewerbe gab es vergleichbare Projekte, oftmals unkonventionell in der Umsetzung und sehr schnell. „Für den Kunden ist nicht entscheidend, wie wir uns hier aufstellen, sondern in welcher Weise wir Veränderungen erkennen und wie schnell wir uns anpassen“, sagt Rath.

Mehr: Versicherer nähern sich den digitalen Start-ups

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