Gesetzliche Rente „Die Sorge vor Altersarmut ist übertrieben“

Die gesetzliche Rente schrumpft, die private Vorsorge wankt. Im Interview erklärt Volkswirt Holger Bonin, warum Schwarzmalen unangebracht ist. Ein Gespräch über Fairness, Qualifikation im Job und mangelndes Finanzwissen.
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Holger Bonin, Rentenexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), hält wenig von der Panikmache zur Altersarmut.
Volkswirt bei der Arbeit

Holger Bonin, Rentenexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), hält wenig von der Panikmache zur Altersarmut.

Deutschland hat so große Angst um die Rente wie noch nie. Einerseits setzen Demographie und Rentengeschenke die gesetzliche Rente unter Druck. Früher als gedacht könnten die Beiträge anziehen. Zusätzlich leidet die private Altersvorsorge unter den anhaltenden Niedrigzinsen. Droht bald Altersarmut im großen Stil? Woher sollen die Einkünfte im Alter noch kommen? Holger Bonin, Rentenexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Kassel, hält von Panikmache wenig. Um zu erklären, warum aus volkswirtschaftlicher Sicht alles halb so schlimm ist, stiehlt sich der Wissenschaftler für eine halbe Stunde aus einer den Tag füllenden Konferenz.

Herr Bonin, die Rente scheint schon längst nicht mehr „sicher“, wie Norbert Blüm dies einst versprochen hat. Fürchten sich die Deutschen zu Recht vor Altersarmut?
Derzeit erscheint diese Sorge etwas übertrieben. Auch wenn die Gefahr von Armut bei den über 65-Jährigen in den letzten Jahren gestiegen ist: Das Armutsrisiko der heutigen Rentner ist immer noch deutlich kleiner als beim Rest der Bevölkerung.

Wir sprechen aber von der Zukunft. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt davor, dass in zehn Jahren mit mehr als sieben Prozent ein beträchtlicher Anteil der Rentner von Grundsicherung leben wird.
Das klingt zunächst nach viel. Aber von den Personen im Erwerbsalter lebt bereits heute jeder zehnte von Hartz IV oder Sozialgeld. Wer heute gar nicht oder nur im Niedriglohnsektor arbeitet, der steht in Zukunft vor einem hohen und wachsenden Armutsrisiko.

Das gesetzliche Rentenniveau sinkt bis 2030 auf 43 Prozent des Netto-Durchschnittslohns. Dann gehen noch Steuern ab. Da dürfte doch für viele Menschen zu wenig übrigbleiben.
Wenn wir nur auf die gesetzliche Rente schauen, stimmt das wohl. Allerdings sind die Menschen im Alter vielfach nicht nur darüber abgesichert. Deshalb würde ich nicht so schwarzmalen, wie das gerne getan wird.

Sie meinen, die Leute haben genügend andere Einkünfte?
Zumindest zeigen die Daten, dass sich bei vielen Menschen das Einkommen im Alter aus mehreren Quellen zusammensetzt. Zur gesetzlichen Rente hinzu kommen zum Beispiel Betriebsrenten, Riesterrenten, private Ersparnisse, aber auch das Wohneigentum oder ererbtes Vermögen.

Die heutige Generation soll sich aufs Erben verlassen?
Sicher nicht ausschließlich. Aber zumindest in dem Teil der Bevölkerung, wo es Vermögen zu vererben gibt, hat der Geburtenrückgang einen Nebeneffekt: die Erbschaften pro Kopf steigen. Dieser Effekt wirkt der Senkung des gesetzlichen Rentenniveaus, die durch die kleiner werdenden Jahrgänge zustande kommt, zumindest etwas entgegen.

Was tut aber einer, der nicht erbt? Im Niedrigzinsumfeld werfen private Ersparnisse kaum mehr etwas ab, Lebensversicherer schütten immer weniger aus.
Wir reden hier über das langfristige Risiko von Altersarmut. Also darf man nicht aus der aktuellen Niedrigzinsphase heraus denken. Im übrigen gibt es im Moment durchaus noch Ertrag bringende Anlageformen. Wer in Immobilien investiert ist, kann zum Beispiel von den steigenden Häuserpreisen profitieren. Und Aktienbesitzer können weiterhin gute Renditen erzielen.

„Wir brauchen bessere berufliche Qualifikation“
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20 Kommentare zu "Gesetzliche Rente: „Die Sorge vor Altersarmut ist übertrieben“"

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  • Was soll das ganze gerede von der privaten Altervorsorge. Zum Einen wird diese sukzessive entwertert, zum Anderen kommt das böse Erwachen dann als rentner. Für jede zusätzliche Einnahme zur gesetzlichen Rente, also auch Riester, Rürup Renten, der VOLLE Krankenkassen- und Pflegekassenbeitrag erhoben. Das kann sehr teuer werden.
    In Deutschland lohnt sich weder das Arbeiten, noch die private Vorsorge.

  • Vorschlag und Forderung, damit die auch im Beitrag beklagte Müdigkeit zur privaten Altersvorsorge einen Kick bekommt (grob skizziert): Einführung eines jährlichen Freibetrages von mindestens 20.000 € für Kapitaleinkünfte, einerlei ob diese aus Zinserträgen oder Kursgewinnen stammen. Völlige Steuerfreiheit bei Erträgen aus risikobehafteten Kursgewinnen nach einer Haltedauer von z. B. 2 oder 3 Jahren. Um [anstelle von Verkonsumierung] einen vermögensbildenden Effekt zu erreichen, ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Nutzen aus den Freibeträgen nur dann ganz oder teilweise erhalten bleibt, wenn das durch den Vorsorgesparer frei wählbare (!) Anlageinstrument (etwa ein gemischtes Depot) mindestens 5, 6, 8 oder auch 10 Jahre aufrecht erhalten bleibt. Dann, davon bin ich überzeugt, würde sich auch hierzulande „Finanzbildung“ lohnen. Einem Bürger aber, dem nach dem Willen seiner vollmundigen und üppig versorgten Politiker die Erträge trotz Inflation zu nahezu 100 Prozent frivol besteuert werden, nützt es kaum, wenn er „mehr über Finanzthemen weiß“. - Und: Hände weg von einer wie immer vom typisch deutschen Neid gesteuerten Erhöhung der Steuersätze auf Kapitalerträge!
    Eine steuerliche Besserstellung freiwilliger Altersvorsorge in der Spar- und (!) auch in der Rentenphase ist zugegeben nur ein Aspekt, aber ein wesentlicher. Im Gegensatz zur deutschen Regierung haben das die meisten unserer oft gescholtenen Nachbarländer erkannt.
    Herr Rath beschreibt im Übrigen die Lage vollkommen zutreffend. Ein ausgemachter und politisch seit Jahren hingenommener Skandal!

  • Als Invalide und Rentner wegen voller Erwerbsminderung finanziere ich schon seit bald zehn Jahren den monatlichen Zahlbetrag gemäß den höchstrichterlich in dieser Frage vor dem Bundessozialgericht gefallenen Entscheiden zu einem Anteil von 10,8% selbst aus der eigenen Tasche. Eine private Vorsorge für das Alter scheitert deshalb bereits daran, dass zu einem erheblichen Teil Abzüge dafür fällig werden, damit auf lange Sicht zuvörderst die Tragfähigkeit dieser Form der gesetzlichen Rentenversicherung abgesichert ist. Insofern erzwingt der Gesetzgeber meine spätere Armut geradezu mit aller Macht, ohne mir auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, ihr zu Lebzeiten jemals noch entrinnen zu können. Mich angesichts dessen ungebildet zu nennen und darauf die Misere zurückzuführen, spricht somit nicht für die Wissenschaftlichkeit der Äußerungen des Vertreters des ZEW.

  • Aus dem ZEW kamen schon substanzhaltigere Statements. Statt zuzugeben, dass es ungeheuer schwer bis unmöglich geworden ist, eine tragfähige Altersversorgung aufzubauen, schleicht Herr Bonin mit seinen Argumenten um dieses Tatsache, wie eine Katze um bratheiße Kartoffeln. Beifall gebührt ihm allenfalls wegen seiner Kritik an der Riesterrente, die auch ein Konstrukt weltfremder Gehirne von Politikern und Gewerkschaftlern ist. An der Misere für eine wirksame Altersvorsorge hat bekanntlich die politisch motivierte Manipulation der Zinsen durch Mario Draghi (ehemals Goldman Sachs) und seine willfährigen Pusher aus der Politik den wesentlichen Anteil. Aber nicht nur: der deutsche Staat scheut sich nicht, auch von 0,15% per Anno Tageszinsen noch Steuern und sogar den längst als diebisch empfundenen Solidaritätszuschlag zu nehmen. Gleichzeitig bewilligt er nur einen mikroskopisch kleinen und ganz und gar unangemessen Freibetrag für Kapitaleinkünfte. Unter der Ägide des alle Anleger hassenden SPD-Finanzministers Steinbrück wurden 2009 zudem noch die Absetzbarkeit von Werbungskosten (ein Unikum in der Steuersystematik) und die Spekulationsfristen gestrichen. Kaum eines unserer Nachbarländer bestraft Vorsorgesparen derart wie der Hochsteuerstaat Deutschland, während scheinheilige und überproportional gut versorgte Politiker nicht müde werden, zu eben dieser Vorsorge aufzurufen. Selbst in Frankreich, das gemeinhin auch als Hochsteuerland gilt, existiert ein jährlicher Freibetrag von 20.000 € für Kursgewinne, in Luxemburg sind es bei einer Haltefrist von nur 6 Monaten gar 50.000 €, in Großbritannien auf sämtliche Kapitalerträge immerhin 6.800 €. Bezeichnend ist in meinen Augen, dass der Herr Professor aus dem subventionierten ZIW nicht auf die steuerbedingten Verwerfungen hinweist. Ach ja, der Interviewer hat ihn ja nicht auf die perversen Rahmenbedingungen für eine langfristig angelegte freiwillige Altersversorgung angesprochen.

  • Herr Ingo Ulrich@
    Dieses miese System wurde mit unseren "Volksvertretern" und der Arbeitgeberverbände / Versicherungen zu unseren verdienten Lebensabend "wohlwollend" ausgearbeitet !

    Das trifft voll zu !!

  • Ist dieser Artikel und diese "Experten"-Meinung ernst gemeint ? Unerträglich !

    Es ist zuwider, wie im diesem Land mit dem ALTER und die Anerkennung einer Lebensleistung umgegangen wird !
    Diese Schön-Blöd-Darstellung ist eine Unverschämtheit dem Arbeitnehmer gegenüber und zeigt eins auf, das man IHN für blöd hält !

    Es steckt ein SYSTEM dahinter, die Kosten der Renten für die aufkommenden Geburten starke Jahrgänge, zu minimieren !

    Senkung des Rentenniveau 43% - ab 45 Jahre erschwerte oder chancenlose Einstellung - ab Hartz4 wird kein Rentenbeitrag weiter bezahlt - Lobby-Riester-Renten-Verars..ung !!!

    So senkt man Kosten und verhindert überfällige Reformen und hat Geld zur Verfügung für LOBBY-Interessen, siehe das Beispiel Zalando / Sendung Fakt ... oder unseriöse EU-Ausgaben....und... !

    Ein anderes Beispiel: Wenn ich einen Rentenbeitrag von 12.000 € / Jahr einzahle, dann wird mir eine Rente für das Jahr von unter 49 € / Monat angerechnet !
    Wenn ich ein Brutto-Einkommen von 2000-2500 € habe, dann erhalte ich eine Rente, die ein klein wenig über den Hartz4-Satz liegt, ein hoch auf die Lebensqualität !

    Dieses miese System wurde mit unseren "Volksvertretern" und der Arbeitgeberverbände / Versicherungen zu unseren verdienten Lebensabend "wohlwollend" ausgearbeitet !

    Arbeit lohnt sich in Deutschland nicht mehr !!!

  • Und jetzt noch eine zusätzlichen Bausparvertrag mit Abschlusskosten, Kontoführungsgebühr und echten 0,25 Prozent Guthabensverzinsung bei seiner Bank, äähh ich meine Sparkasse abschliessen. So funktioniert Bank, äähh Sparkasse.

    Oder doch lieber auf die GRV ala Blüm vertrauen. Wenn das die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder ist, verstehe ich warum einige nur Kinder kriegen und die Schlangen einiger Ämter nicht kürzer werden.

    Und ich dachte immer Arbeit sollte lohnen.Bei der Rentenaussicht werde ich lieber Beamter. Ist vielleicht der bessere, zumindest aber der sichere Weg.

  • Nur mal so für diejenigen die so irgendeine Randpartei wählen und eh keinen Einfluss haben und nur nonsens von "Veggidays" , "Gutmenschen" u.v.m. uns erklären. Nach schlappen 4 Jahren im Bundestag und viel Blödsinn erzählen erhält so eine/einer 825 Euro monatlich. Ein AN braucht dazu fast 45 Jahre.

    Und die Politiker wollen bei diesem Missverhältnis dem Volk glauben lassen, dass sie für das Volk da sind.

  • Nach mind. 45 Jahren kann man (n) sich auch seine Rente von monatlich 800, 1000, 1200 oder max. ca. 1500 Euro gerne auch aus der Gesetzlichen Rentenvericherung "schönreden".

  • Die Sorge vor Altersarmut ist wirklich übertrieben. In Griechenland zum Beispiel gibt es gar keine Tradition für private Altersvorsorge, ausser einem abbezahlten Eigenheim und evt. einem Olivenhain, der von Generation zu Generation geht. Und - Sind die Griechen damit etwa schlecht gefahren? Ganz sicher nicht, sonst stünde das Thema ja auf der ansonsten so umfangreichen Liste von Reformvorhaben der neuen Regierung. Ja im Gegenteil: Zu Tsipras ersten Amtshandlungen gehörte die Plünderung der Rentenkasse. Das kann ohne Weiteres auch hier passieren, sowohl auf die direkte wie auch die indirekte Tour. Sparen - Für wen?

    Die Deutschen machen sich immer viel zu viele Sorgen. Schmeisst doch die ewige Sparwut mal in den Mülleimer und lernt, das Leben zu geniessen, hier und jetzt. Eure Ersparnisse gehören sowieso nicht Euch, die europäische Transferunion ist laut Sigmar Gabriel bereits unterwegs.

    Leute, ihr könnt nur entweder Sparer sein, oder Empfänger von Spareinlagen. Sucht´s Euch aus, denn Südeuropa hat sich bereits entschieden. Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr in der Transferunion. Die Schlausten in der Klasse merken das zuerst und richten sich entsprechend frühzeitig darauf ein. Die Anderen werden ihr Erspartes als Lehrgeld abschreiben müssen, aber Lehrgelder ist ja nicht unbedingte die schlechteste Ausgaben...

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