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Kommentar Wir müssen uns jetzt auf die Suche nach einem Atomendlager machen

Es werden noch viele Jahre ins Land gehen, ehe ein Ergebnis in greifbare Nähe rückt. Ein Wegducken darf nicht zur Leitschnur werden.
28.09.2020 - 15:52 Uhr Kommentieren
Der niedersächsische Ort wurde zum Symbol für die Kontroversen um die Nutzung der Kernkraft. Quelle: dpa
Ortsausgangsschild von Gorleben

Der niedersächsische Ort wurde zum Symbol für die Kontroversen um die Nutzung der Kernkraft.

(Foto: dpa)

Wer die am Montag von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) veröffentlichte Deutschlandkarte betrachtet, stellt fest, dass die Bundesrepublik reichlich mit Regionen gesegnet ist, in denen eine Endlagerung von hochradioaktivem Müll grundsätzlich in Betracht kommt. Salz-, Ton- und Granitformationen gibt es quer durchs Land, von der Nordseeküste bis zu den Alpen. Doch dieser Segen ist zugleich ein Fluch. Das Land steht vor einer jahrelangen Debatte über die Auswahl des optimalen Standorts für ein atomares Endlager.

Einen Vorgeschmack auf die zu erwartende Auseinandersetzung bekommt man bereits heute. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat Zweifel, dass es in Bayern überhaupt geeignete Standorte geben kann. Atomkraftgegner kritisieren, das Suchverfahren sei nicht transparent genug, die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger sei nur eine Farce. Die Kritik Söders und auch die Kritik der Anti-AKW-Bewegung überzeugen nicht.

Der Blick auf die Deutschlandkarte mit ihren 90 grundsätzlich geeigneten Standort macht überdeutlich, dass die Debatte jahrzehntelang falsch gelaufen ist. Der damalige niedersächsische CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht hatte Gorleben 1977 als Endlagerstandort angeboten und wollte möglichst rasch Fakten schaffen. Von einem transparenten Verfahren oder von einer Beteiligung der Öffentlichkeit konnte nicht die Rede sein.

Die frühe Fokussierung der Politik auf den niedersächsischen Salzstock war ein großer Fehler. Sie spaltete die Gesellschaft nicht nur in der betroffenen Region. Die Gorleben-Debatte verstärkte die Skepsis großer Teile der Bevölkerung gegenüber der Atomenergie insgesamt. Nun stellt sich heraus, dass der Salzstock Gorleben die geologischen Voraussetzungen nicht erfüllt. Hier war die Politik in einer Art und Weise unterwegs, die heute – Gott sei Dank! – nicht mehr vorstellbar ist. Das Standortauswahlgesetz von 2017 verfolgt einen vollkommen anderen Ansatz.

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Standort erkennen

    Die Suche startet auf einer weißen Landkarte

    Ziel des Gesetzes ist es, einen Standort zu finden, der „die bestmögliche Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahren gewährleistet“. Die Suche startete auf einer „weißen Landkarte“. Das bedeutet natürlich zwingend, dass alle Bundesländer einbezogen werden.

    Die Öffentlichkeit wird frühzeitig beteiligt, durch umfangreiche Informationen, durch überregionale Beteiligungsformate und durch Regionalkonferenzen, die in den betroffenen Gebieten eingerichtet werden. Ein Begleitgremium hat die Aufgabe, das Auswahlverfahren und insbesondere die Beteiligungsprozesse unabhängig sowie gemeinwohlorientiert zu begleiten. Für die Bewertung der Standorte stehen die geowissenschaftlichen Anforderungen und Kriterien im Vordergrund, die die Endlagerkommission erarbeitet hat. Das von Bundestag und Bundesrat eingesetzte Gremium hat die Kriterien für die Endlagersuche in der Zeit von 2014 bis 2016 erarbeitet.

    Man mag nun einwenden, von Transparenz und Bürgerbeteiligung sei bislang noch nicht viel zu spüren gewesen. Das erklärt sich aber allein damit, dass der Suchprozess gerade erst begonnen hat. Die BGE hat am Montag gewissermaßen den Vorhang geöffnet für den ersten Akt des Suchprozesses. Es werden noch viele Jahre ins Land gehen, ehe ein Ergebnis in greifbare Nähe rückt. Wer sein Bundesland jetzt schon für ungeeignet erklärt, hat das Verfahren nicht verstanden oder hintertreibt es bewusst.

    Die Komplexität des Prozesses offenbart die grundsätzliche Schwäche der Atomenergie: Sie mag technisch beherrschbar erscheinen, bürdet den Betreibern aber eine Verantwortung auf, der sie allein nicht gerecht werden können. Das Problem der Endlagerung wird zu einem Problem der gesamten Gesellschaft.

    Selbst wenn man die Risiken des Reaktorbetriebs für beherrschbar erklärt, bleibt das Problem der Lagerung über viele Tausend Jahre eine ungeheure Herausforderung. Insofern überrascht es nicht, dass sich nicht allein Deutschland bei der Suche nach einem geeigneten Standort für die Endlagerung schwertut. Weltweit sieht es nicht anders aus.

    Vor diesem Hintergrund erscheinen auch jüngste Debatten über eine Renaissance der Kernenergie in einem anderen Licht. Man kann sich kaum vorstellen, dass die überraschende Ankündigung der niederländischen Regierung, den Wiedereinstieg in die Kernenergie zu prüfen, lange Bestand haben wird. Eine kontroverse gesellschaftliche Debatte ist jedenfalls absehbar. Anders sieht es in Ländern aus, in denen Transparenz keine große Rolle spielt. Dort kann die Nutzung der Kernenergie verordnet werden, ihre wahren Kosten werden dann gerne verschleiert, eine Debatte darüber findet nicht statt.

    Ob der technische Fortschritt irgendwann Lösungen hervorbringt, die die Kernenergie besser beherrschbar machen und auch Fragen der Endlagerung in einem anderen Licht erscheinen lassen, sollte in der aktuellen Debatte keine große Rolle spielen. Wer sich auf diese Argumentationslinie begibt, könnte geneigt sein, das Problem der Endlagersuche weiter zu vertagen.

    Mehr: Wohin mit dem Atommüll? Die wichtigsten Fakten zur Suche nach einem Endlager.

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