Kritik an der Geldpolitik der EZB Bausparkassen sehen schleichende Enteignung

Reale Verluste für Sparer in Deutschland hat es auch früher gegeben, sagt die Europäische Zentralbank. Jetzt hat der Verband der privaten Bausparkassen nachrechnen lassen und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis.
Die Geldpolitik der Notenbank steht in der Kritik. Aus Sicht der privaten Bausparkassen wird die Bereitschaft der Sparer, für das Alter vorzusorgen, untergraben. Quelle: dpa
Zentrale der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

Die Geldpolitik der Notenbank steht in der Kritik. Aus Sicht der privaten Bausparkassen wird die Bereitschaft der Sparer, für das Alter vorzusorgen, untergraben.

(Foto: dpa)

BerlinDie Nullzinspolitik der  Europäischen Zentralbank (EZB) lässt die Deutschen am Sinn des Sparens zweifeln. Es gibt kaum mehr etwas für Spareinlagen. Von einer unfairen Bestrafung der Sparer will die EZB aber nichts wissen. Schon früher habe es Zeiten in Deutschland gegeben, in denen die Inflation höher gewesen sei als der Sparbuchzins, sagte EZB-Präsident Mario Draghi und verwies auf die Monatsberichte der Deutschen Bundesbank.

Reale Verluste seien also keine neue Erfahrung für deutsche Sparer, so die Botschaft Draghis. Mit anderen Worten: Wenn die Inflation bei vier Prozent liegt und der Sparbuchzins bei drei Prozent, erleidet der Sparer auch reale Verluste, auch wenn es sich subjektiv  anders anfühlen mag.

Das wollte der Verband der privaten Bausparkassen aber nicht auf sich beruhen lassen und beauftragte das Ifo-Institut in München mit einer Analyse der Sparrenditen. Das Ergebnis:  „Für kurzfristig kündbare Anlagen wie das Sparbuch ist die Aussage der EZB richtig, für längerfristige Anlagen stimmt es nicht“, so Verbandspräsident  Andreas Zehnder.

Als Beispiel verweist er auf einen Sparbrief mit vierjähriger Laufzeit. Dieser brachte zwischen 1970 und 1979 eine reale Rendite von 2,2 Prozent ein. Zwischen 1980 und 1989 lag diese bei 3,8 Prozent, in den 90er-Jahren bei real 3,4 Prozent und zwischen 2000 und 2010 bei 1,7 Prozent, zwischen 2010 bis 2015 sank sie auf 0,5 Prozent.

Mit Blick auf das kurzfristig kündbare Sparbuch habe Draghi aber recht. Hier habe es nur in der 80er-Jahren reale Renditen von 0,4 Prozent gegeben. Ansonsten mussten die Sparer Verluste hinnehmen. „Der Hinweis der EZB spiegelt also nur die halbe Wahrheit wider“, so Zehnder.

„Die Sparer haben es selbst in der Hand“
„Die Sparer haben es mit ihren Anlage-Entscheidungen auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen, auch in Zeiten niedriger Zinsen. Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten.“
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Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, lässt Kritik an sich abperlen. In einem Interview mit der „Bild”-Zeitung sagt er am 28. April 2016, der Wirkungsnachweis seiner Politik benötige Zeit und Geduld. Sparer legt der EZB-Präsident nahe, mehr Risiken am Kapitalmarkt einzugehen.

„Mittlerweile geht die expansive Geldpolitik in ein expansives Versagen über. Aus 'Quantitativer Lockerung' wird 'Quantitatives Scheitern'.“
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Nigel Wilson, Chef des britischen Versicherers Legal & General, im Handelsblatt-Interview am 28 April 2016.

„3 Prozent Zins bei 3 Prozent Inflation ist nicht dasselbe wie 0 Prozent Zins bei 0 Prozent Inflation.“
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am 8. April 2016 auf einer Veranstaltung in Kronberg über die unterschiedliche Wahrnehmung einer realen Verzinsung in Höhe von null Prozent. Er sagte zudem laut „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dass die Zeit der extrem lockeren Geldpolitik enden müsse.

„[Negative Zinsen] bestrafen die Sparer auf der Welt ganz erheblich.“
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Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, am 10. April 2016 in seinem Brief an die Aktionäre.

„Wir wären besser dran, wenn wir das Geld unter eine Matratze stecken würden.“
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Das Problem: Er bräuchte nur eine vertrauenswürdige Person, die dann darauf schlafen würde. Der US-Investor Warren Buffett klagt im Programm des US-Wirtschaftssenders CNBC am 29. Februar 2016 über die notorische niedrigen Zinsen in Europa. Die Zinspolitik „verzerrt alles“.

„Das wird eine Reihe ungewollter Konsequenzen nach sich ziehen, die wir nicht verstehen.“
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Der CEO der Investmentbank JP Morgan, Jamie Dimon, kann sich negative Zinsen in den USA nicht vorstellen. Über den Minuszins in Europa sagt er dem US-Wirtschaftssender CNBC am 3. März: „In fünfzig Jahren werden darüber Bücher geschrieben, was wir hätten tun sollen, was wir getan haben, hätten tun können – und was wir daraus lernen können.“

„Die aktuellen Bedingungen könnten das Potenzial für künftige Systemrisiken schaffen.“
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Der Vorstandsvorsitzende der schweizerischen UBS, Sergio Ermotti, mahnt am 2. März 2016 in einem Interview mit Bloomberg vor den niedrigen Zinsen. „Manche Banken übernehmen sich bei der Kreditvergabe“, gibt er zu Bedenken.

Unterm Strich hält der Verband an seiner Kritik fest. Die EZB-Politik sorge für einen „schleichenden Vermögensverlust“. „Die Bereitschaft der Sparer, für das Alter vorzusorgen, wird untergraben“, unterstreicht Zehner. Sicherheitsorientierte Sparer, die ihr Geld längerfristig anlegen wollen, seien die Verlierer der Geldpolitik der EZB. Der Verband der privaten Bausparkassen steht mit seiner Kritik nicht allein. „Was soll diese Geldpolitik noch bringen?“, fragt die DZ Bank in einer aktuellen Studie und diagnostiziert, dass in Deutschland das Verständnis für die Haltung der EZB abnimmt.

Die wachsende öffentliche Kritik an der Nullzinspolitik der EZB aus Deutschland treibt auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) um. Mitte April sagte er laut "FAZ.net" auf einer Veranstaltung der Stiftung Marktwirtschaft, ihm seien höhere Zinsen lieber als niedrige. Sein Augenmerk gelte den vom fehlenden Zins ausgehenden Fehlanreizen für private Vorsorge. Aus dieser Sicht gelte: „Drei Prozent Zins bei drei Prozent Inflation ist nicht dasselbe wie null Prozent Zins bei null Prozent Inflation.“

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