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Studie Riester-Verträge erwirtschaften im Durchschnitt nicht einmal die Inflationsverluste

Die Bürgerbewegung Finanzwende hält Riester-Verträge für ineffizient. Stattdessen brauche es staatlich organisierte Vorsorgeprodukte. Vorbild könnte demnach Schweden sein.
03.12.2020 Update: 03.12.2020 - 13:51 Uhr Kommentieren
Riester-Produkte für die Altersvorsorge geraten immer wieder in die Kritik. Quelle: imago/Eckhard Stengel
Wandbild eines älteren Ehepaars

Riester-Produkte für die Altersvorsorge geraten immer wieder in die Kritik.

(Foto: imago/Eckhard Stengel)

Frankfurt Es ist eine zentrale Kritik an vielen Riester-Verträgen: Die Kosten sind zu hoch. Um festzustellen, wie massiv das Kostenproblem ist, hat die „Bürgerbewegung Finanzwende“ die von der Versicherungsbranche angebotenen Riester-Rentenversicherungen untersucht.

Die Organisation, die vom ehemaligen Grünen-Politiker Gerhard Schick geleitet wird, kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Kostenproblem nicht wegreformieren lassen wird. „Das Riester-Konzept ist nach 18 Jahren und etlichen erfolglosen Reformen gescheitert“, sagt Finanzwende-Vorsorgeexpertin Britta Langenberg. Jetzt sei es Zeit, neue Wege zu gehen.

Der Verein plädiert daher für einen Systemwechsel zu einem staatlich organisierten Vorsorgeprodukt für alle, das sich im Kern am schwedischen Vorsorgefonds orientieren soll. „Viele Menschen hätten so Tausende Euro mehr im Alter zur Verfügung“, betont Langenberg. Denn eine staatlich organisierte Altersversorgung ohne Gewinninteresse könne mit geringeren Kosten arbeiten und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

Im Rahmen seiner Studie hat der Verein Daten von 65 Riester-Versicherungen erhoben. Sie gelten für eine 37-jährige Musterkundin ohne Kinder, auf deren Vertrag 30 Jahre lang rund 1.200 Euro pro Jahr inklusive Zulagen fließen.

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    Die Daten stammen aus den jeweiligen Muster-Produktinformationsblättern Altersvorsorge (PIA). Daraus hat Finanzwende den Kostenanteil der Produkte je 100 Euro Beitrag und Zulagen versicherungsmathematisch ermittelt.

    Ein Viertel der Beiträge und Zulagen geht für Gebühren drauf

    Bei einem durchschnittlichen Vertrag, so die Studienergebnisse, fließt nahezu ein Viertel der eingezahlten Gelder – also Beiträge und Zulagen – in Kosten. Jede dritte Riester-Police vereinnahmt 30 Prozent und mehr für Gebühren.

    Langenberg resümiert: „Am Ende fließt zu viel Geld in die Kostenapparate der Versicherer, für die Altersvorsorge bleibt oft zu wenig übrig. Das kann nicht der Sinn einer staatlich geförderten Altersvorsorge sein.“

    Grafik

    In der Ansparphase schlagen insbesondere die Abschluss- und Vertriebsprovisionen für Vertreter und Vermittler zu Buche. Sie betragen häufig 2,5 Prozent aller Beiträge und Zulagen. Hinzu kommen laufende Verwaltungskosten, beispielsweise für die Kapitalanlage, und oft auch noch Ratenzahlungszuschläge, wenn der Kunde seinen Beitrag monatlich zahlt.

    Die tatsächlichen Gebühren seien ein Vielfaches von den zehn Prozent, die die Bundesregierung in Modellen unterstellt, kritisiert Finanzwende. Zusätzliche Gebühren für Kündigungen oder laufende Verwaltungskosten während der Auszahlphase hat der Verein in der Untersuchung noch gar nicht berücksichtigt.

    Gute Renditeaussichten bei niedrigen Kosten sind selten

    Anleger befinden sich zudem in einem Dilemma. Wer sich für eine Riester-Rente mit besseren Ertragsaussichten entscheidet, muss der Auswertung zufolge gleichzeitig hohe Kosten in Kauf nehmen.

    Umgekehrt bieten demnach Riester-Policen mit niedrigen Kosten oft nur maue Renditechancen. Nach Abzug der Kosten liegt die Kundenrendite dann in der Regel unter 0,5 Prozent.

    Über alle betrachteten Riester-Versicherungen liegt die mögliche Effektivrendite nach Kosten zum Rentenstart immerhin bei durchschnittlich 1,6 Prozent. Die Spanne lag zwischen null und 3,3 Prozent.

    Doch Finanzwende weist auf ein weiteres Problem hin: Realistischerweise müssen Anleger auch die Inflation einkalkulieren. Mit einer durchschnittlichen Inflationsrate in den vergangenen 30 Jahren von 1,8 Prozent würden sie mit vielen Verträgen Geld verlieren.

    Das Fazit lautet daher: Es gibt kaum Angebote mit guten Renditeaussichten und niedrigen Kosten. Im Einzelfall könnten sich Riester-Verträge allerdings trotzdem rechnen, wenn beispielsweise Menschen mit vielen Kindern hohe Zulagen erhalten. Insgesamt sei das System aber ineffizient.

    Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) kritisiert die Berechnungen von Finanzwende. Der Verein verknüpfe unter anderem variable Kosten der Kapitalanlage mit fixen Beiträgen. Diese Verknüpfung führe zu irrigen Ergebnissen, denn je besser die Performance der Kapitalanlage, desto höher seien auch die performanceabhängigen Kosten.

    Diese dann auf den ursprünglichen Beitrag zu beziehen, hält der stellvertretende GDV-Hauptgeschäftsführer Peter Schwark für „bewusst irreführend“: „Attraktive Produkte werden so fälschlich als teuer deklariert.“

    Riester-Reform wird seit Langem diskutiert

    Die Riester-Rente wurde im Jahr 2002 als private und staatlich geförderte Zusatzvorsorge eingeführt. Sie hatte das Ziel, die abgesenkten Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung auszugleichen. Die entstandene Rentenlücke sollten rentenversicherungspflichtige Bürger sowie Beamte durch eine mit Steuergeldern geförderte Zusatzvorsorge privat auffangen können.

    Doch die Anbieter konnten längst nicht so viele Riester-Verträge verkaufen wie erhofft. Vielen Anlegern sind die Produkte schlichtweg zu kompliziert. Derzeit haben die Bundesbürger etwa 16,4 Millionen Verträge. Davon werden 10,7 Millionen von Versicherungsunternehmen verwaltet. Verbraucherschützer kritisieren seit Jahren die geringen Renditen und hohen Kosten vieler Policen.

    Seit einiger Zeit wird auf politischer Ebene über eine Reform der Riester-Rente diskutiert, die noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden soll. Knackpunkt ist offenbar, wie hoch die Garantien in der geförderten privaten Altersvorsorge künftig sein sollen.

    Der Versicherer-Verband GDV hatte bereits vor einem Jahr zusammen mit anderen Verbänden einen Reformplan vorgelegt. Dieser beinhaltet unter anderem ein vereinfachtes Zulagenverfahren, ein verständlicheres Fördersystem sowie eine Öffnung von Riester für Selbstständige.

    Etwa 16,4 Millionen Riester-Verträge haben die Deutschen abgeschlossen. Quelle: dpa
    Riester-Vertrag

    Etwa 16,4 Millionen Riester-Verträge haben die Deutschen abgeschlossen.

    (Foto: dpa)

    Die Anbieter streben angesichts der extrem niedrigen Zinsen auch eine Lockerung der Bruttobeitragsgarantie an. Verbraucherschützer und Politiker der hessischen Landesregierung hatten hingegen staatlich organisierte Vorsorgemodelle aufgebracht.

    Der schwedische Fonds, den Finanzwende als Vorbild sieht, zählt zur ersten Säule des schwedischen Rentensystems. Ein Teil der Abgaben für die gesetzliche Altersvorsorge fließt dort automatisch in kapitalmarktbasierte Produkte. Wer sich nicht selbst darum kümmert, erhält ein Standardprodukt. Finanzwende hält diese Variante für deutlich besser als das Riester-Konzept in Deutschland – vor allem mit Blick auf die Gebühren vieler Verträge.

    Ein staatlich organisiertes Vorsorgeprodukt nach dem Vorbild Schwedens würde der Musterkundin laut der Modellrechnung deutliche Vorteile bieten: Bei einer unterstellten Wertentwicklung von jeweils fünf Prozent haben schwedische Vorsorgesparerinnen nach 30 Jahren rund 16.600 Euro mehr auf dem Konto als Deutsche mit einer durchschnittlichen Riester-Rentenversicherung, rechnet Finanzwende vor.

    Mehr: Die Kapitalgarantie bei der Riester-Rente muss dringend weg

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