Zahnarztbehandlung

Versicherte wollen sich vor hohen Kosten schützen.

(Foto: dpa)

Der große Krankenkassen-Test Welche Krankenkasse den größten Mehrwert bietet

Im Wettbewerb setzen gesetzliche Krankenkassen auf Zusatzleistungen. Ein Ranking zeigt, welchen Anbietern dies besonders gut gelingt.
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KölnDie Nachricht ist Bestätigung und Ansporn zugleich: Die Treue von Versicherten zu ihrer gesetzlichen Krankenkasse (GKV) wächst. Von hundert Versicherten sind nur noch 20 zu einem Wechsel bereit, ermittelte die Unternehmensberatung Bain & Company im vergangenen Sommer. Vier Jahre zuvor waren es laut Studie noch 25 Wechselwillige. „Loyale Kunden fördern wie kaum ein anderer Faktor das Wachstum der Versicherer“, erläuterte Bain-Partner Christian Kinder das Ergebnis.

Die Kehrseite: Je loyaler die Versicherten, desto schwerer wird es auch, Versicherte der Konkurrenz anzulocken. Zumal viele ihrer Krankenkasse selbst dann treu bleiben würden, wenn es eine bessere Alternative gäbe, fanden die Bain-Experten heraus. Es gilt also, das Angebot weiter zu schärfen – der Innovationsdruck bleibt hoch. „Wer sich genauer als andere an den Bedürfnissen von Versicherten orientiert, hat einen Wettbewerbsvorteil“, sagt Thomas Lemke, Leiter des Deutschen Finanz-Service Instituts (DFSI) in Köln.

Aber welche gesetzliche Krankenkasse bietet genau jene Zusatzleistungen, die im gesetzlich verankerten Leistungskatalog fehlen, aber besonders beliebt sind? Dieser Frage ist das DFSI in einer Studie für das Handelsblatt nachgegangen. Die unabhängige Testagentur stützte sich dabei auf die Datenbank des Internetportals Kassensuche.de.

In der Auswertung von über 11.000 Anfragen auf der Plattform kam zutage, über welche Zusatzleistungen sich die Versicherten am häufigsten informieren. Diese Ergebnisse haben die Fachleute mit dem tatsächlichen Zusatzangebot von 73 gesetzlichen Kassen abgeglichen.

Das Siegel

Ganz oben auf der Wunschliste stehen Leistungen der Zahnmedizin. Fast jeder Zweite informiert sich auf Kassensuche.de über eine Kostenübernahme für eine professionelle Zahnreinigung. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung übernehmen mehr als 60 der rund 110 gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Kosten dafür komplett oder zumindest teilweise.

Und auch Platz zwei der Anfragen gilt der Sorge um die eigenen Zähne: 36 Prozent der Kassensuche.de-Besucher informieren sich über die Bonusprogramme für regelmäßige Zahnpflege. „Themen der Zahnmedizin stehen seit Jahren hoch im Kurs, weil die Versicherten es bereits gewohnt sind, beim Zahnarzt zuzuzahlen. Deshalb suchen sie dort nach Einsparpotenzialen“, sagt Lemke. Auf den Plätzen drei und vier folgen die Übernahme von Kosten für Osteopathie und die freie Krankenhauswahl ohne Mehrkosten.

Auffällig: Die Bedeutung des Zusatzbeitrags scheint abzunehmen – er rangiert in diesem Jahr nur auf Platz sechs – nach der Top-Platzierung im Vorjahr. Nur noch jeder vierte Nutzer informierte sich darüber, 2017 war es noch fast jeder zweite. Seit dem Jahr 2015 haben die Kassen die Möglichkeit, zu den gesetzlich vorgeschriebenen 14,6 Prozent des Einkommens den Zusatzbeitrag beim Versicherten zu erheben, den dieser allein schultern muss. Ziel war, den Wettbewerb unter den Kassen anzuregen.

Bis zu 1,7 Prozent verlangen die Kassen derzeit – einige aber verzichten auch ganz darauf. In diesem Jahr blieben die Beiträge der mitgliederstärksten Versicherer weitgehend konstant. „Der Zusatzbeitrag ist bei Versicherten immer dann ein Thema, wenn mehrere Kassen eine Erhöhung ankündigen“, nennt Lemke eine mögliche Ursache für das gesunkene Interesse.

16 Mal „sehr gut“

Beim Abgleich ihrer Zusatzleistungen mit der Nachfrage der Kunden schnitten 16 der 73 untersuchten Kassen mit der Testnote „sehr gut“ ab, weitere 17 erhielten ein „gut“. An der Spitze: die Hanseatische Krankenkasse (HEK), die Versicherten in ganz Deutschland offensteht. Sie bietet alle zehn der am häufigsten von Online-Nutzern nachgefragten Leistungen.

Grafik

„Wir berücksichtigen sehr genau, was von unseren Kunden nachgefragt wird“, sagt der Referent des Vorstands, Johannes Wittkamp. „Wenn uns eine Leistung sinnvoll erscheint, sie finanzierbar ist und eine kritische Masse sie wünscht, nehmen wir sie in unseren Katalog der Zusatzleistungen auf.“ Das kommt gut an.

Die HEK mit ihren derzeit gut 500.000 Versicherten verbucht ein jährliches Mitgliederplus zwischen 2,5 und 3,5 Prozent. „Unser Katalog an Zusatzleistungen bringt uns viele Neukunden“, erläutert Wittkamp. Die Kasse wirbt Mitglieder vor allem in Großstädten und spricht hier verstärkt junge Menschen an. Zuschüsse gibt es etwa für zusätzliche Ultraschalluntersuchungen für Schwangere, für eine Kunsttherapie und viele pflanzliche Heilmittel. „Der Gesamtkatalog unserer Zusatzleistungen ist eines unserer Herausstellungsmerkmale“, sagt Wittkamp.

Platz zwei belegt die IKK Südwest, die damit auch die beste regional geöffnete Kasse ist. Wenn es darum geht, den Katalog von Zusatzleistungen festzulegen, dürfen die Mitglieder mitreden. Regelmäßig führt die IKK Südwest unter ihren 650.000 Kunden Online-Befragungen durch. „Wir fragen unsere Versicherten etwa, ob sie mit einer bestimmten Behandlung zufrieden waren oder welche Leistungen sie sich wünschen“, sagt Service-Referent Mike Leßmeister.

Auf diese Weise hat die Hebammenrufbereitschaft den Weg in den Katalog gefunden. Bei dieser Leistung steht die Geburtshelferin für eine Schwangere rund um die Uhr bereit. „Den Bedarf zur Kostenübernahme haben wir durch das Feedback unserer Kunden erhalten“, sagt Leßmeister.

Versicherte der IKK Südwest, die während ihrer Schwangerschaft und bei der Geburt Hilfe durch eine freiberufliche Heb‧amme in Anspruch nehmen, haben nun Anspruch auf Erstattung der Kosten, die für die Rufbereitschaft entstehen – bis zu einem Höchstbetrag von 250 Euro. Doch auch unabhängig von den Kundenwünschen baut die IKK Südwest ihre Leistungen aus. So beschloss die Kasse, dass ihre Versicherten den Arzt bald auch per Videotelefonie konsultieren können.

Beliebte Homöopathie

Oft bringen solche neuen Services einzelner Kassen einen Stein ins Rollen, hat DFSI-Chef Lemke beobachtet – vor allem dann, wenn mitgliederstarke Kassen vorangehen: „Große Kassen haben mehr Marktmacht. Wenn sie Zusatzleistungen anbieten, ziehen die anderen oft nach.“ Eine Zusatzleistung erzeuge vor allem dann weitere Nachfrage, wenn sie schon im Fokus der Öffentlichkeit gestanden habe.

So hat etwa die umstrittene Homöopathie als Zusatzleistung an Bedeutung gewonnen. Der wissenschaftliche Nachweis ihrer Wirksamkeit steht weiterhin aus. Auf der DFSI-Liste der nachfragestärksten Leistungen rangiert die Homöopathie jedoch auf Rang fünf – nach Platz sechs im Vorjahr. Viele Kassen zeigen sich hier spendabel: Nur fünf der vom DFSI untersuchten Versicherungen geben keine Zuschüsse. Zahlungen für die professionelle Zahnreinigung indes verweigern 25 Kassen.

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1 Kommentar zu "Der große Krankenkassen-Test: Welche Krankenkasse den größten Mehrwert bietet"

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  • Die Umfragen der IKK-Südw. finde ich besser als die gewählten sog."Versicherten Vertreter" anderer Kassen
    und der Mitglieder-Zulauf bestätigt dies. Es wäre ohnehin besser, wenn derartige Umfragen -die ohnehin ständig, oft wg.unbedeutenden Dingen, erfolgen- lfd. (wie bei IKK) erfolgten. Dies statt der enorm teuren Postwurfsendungs-Umfragen zur Vers.Vertreter-Wahl -bei der zudem häufig Vertreter von Gewerschaften etc.
    zur Wahl stehen, die schon mit "Ämterhäufung" belastet sind und den Kontakt/dasWissen um die Nöte der Versicherten zumindest teilweise verloren haben.

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