Doku „Versicherungsvertreter“: Mehmet Göker und das Schweigen der Versicherer
So viel Aufmerksamkeit hat noch kein Film über die Versicherungsbranche eingeheimst. Mehr als 20.000 Menschen haben den Streifen von Klaus Stern in bundesdeutschen Kinos angeschaut. Das ist für einen Dokumentarfilm ein hoher Wert.
Schon die Kurzversion des Films bestaunte ein Millionenpublikum im Fernsehen. Und auch die TV-Erstausstrahlung im WDR am Donnerstagabend dürfte im TV trotz der späten Sendezeit noch viele Zuschauer gefunden haben.
Der Film von Stern hat das Bild einer Branche, mit der jeder Deutsche Geschäfte macht, grundlegend verändert. Bisher galt als Gemeingut, was die Versicherungen gerne betonen. Zweifelhafte Vertriebsmethoden, wie etwa Lustreisen nach Budapest, seien die Ausnahme.
Klaus Stern habe dieses Bild mit seinem Film korrigiert, urteilt der Chefredakteur von Finanztest, Hermann-Josef Tenhagen. „Stern zeigt ganze schwarze Herden, präsentiert einen besonders eindrucksvollen schwarzen Leithammel und zeigt uns die dazugehörigen Schäfer aus den Vorstandsetagen der Assekuranz.“
Im Film selbst kommen die betroffenen Unternehmen allerdings gar nicht direkt zu Wort. Gerne hätte der Zuschauer erfahren, was denn die großen Versicherer heute zu den Vertriebsmethoden des Mehmet Göker und der Pleite des großen Finanzvertriebs MEG sagen. Ob es ihnen leid tut, dass sie auf vielen Millionen Euro an Verlusten sitzen geblieben sind? Ob sie nun den Verkäufer Mehmet Göker für alle Zeiten ächten? Ob künftig weniger aggressiv um Kunden geworben wird?
Solche Fragen hätte Klaus Stern den Versicherern gerne vor laufender Kamera gestellt. Viele Anfragen stellte er an große Konzerne wie Axa, Central, Inter oder Alte Leipziger. Doch er erhielt nur freundliche Absagen. Geprüft worden sei sein Anliegen immer, doch dann hätten Sprecher schnell auf offene rechtliche Auseinandersetzungen mit Mehmet Göker verwiesen. Der Filmemacher Stern hält diese Absagen für vorgeschoben, wie er Handelsblatt Online sagte.
Unabhängig davon haben Manager, Mitarbeiter und Vermittler in der Versicherungswirtschaft seinen Film stark beachtet. Der Filmemacher erinnert sich noch gut an die ersten Reaktionen, die ihm zugetragen wurden. Mit dem Film habe er der Branche und dem Berufsstand der Vermittler sehr geschadet, hieß es.
Wirklich? Stern kann da nur den Kopf schütteln.
Viele Dinge, die er in seinem Film beschreibt, gehörten einfach zum Vertrieb. Schnelle Autos, schöne Frauen und tolle Reisen zum Beispiel. Das Wohl des Kunden stehe im Verkauf eben häufig hintenan. Es geht den Vermittlern von Versicherung häufig in erster Linie darum, sehr schnell möglichst viel Geld zu verdienen.
Dass ging mit der Vertriebsmaschinerie von Göker fantastisch. Denn er war im Verkauf von privaten Krankenversicherungen schnell keine kleine Nummer mehr, sondern innerhalb von wenigen Jahren eine große. Das zeigen allein die Zahlen.
2006 hatte MEG 150 Mitarbeiter und 15 Millionen Euro Umsatz. 2007 waren es schon 350 Mitarbeiter und 42 Millionen Euro Umsatz. Im Jahre 2008 schnellen die Zahlen hoch: 1000 Mitarbeiter und 65 Millionen Euro Umsatz. Die Ziele für 2009: 1700 Mitarbeiter und 110 Millionen Euro Umsatz – natürlich mit Provisionen, allein durch den Verkauf von privaten Krankenpolicen.
Der Verkäufer Göker wollte sogar noch höher hinaus, ganz nach seinem Vorbild Carsten Maschmeyer, dem Gründer des Finanzvertriebs AWD – ein Unternehmen, das heute zum Versicherer Swiss Life gehört und seinen alten Namen abgelegt hat.
Im Mai 2009 sagte Göker: „Ich habe Ziele, realistische Ziele. Das realistische Ziel ist es, den größten Finanzvertrieb der Welt zu haben.“ Nur wenige Monate später ging MEG in die Insolvenz. Göker schied aus, verkaufte MEG in Deutschland. Gökers Firma ist zwar pleitegegangen, doch er selbst ist weiter aktiv – in der Türkei. Statt MEG heißt seine Firma, die er offiziell jedoch nicht führt, MEG TR.
Das neue Leben von Göker fernab in der Mittelmeer-Sonne zeigt der Film genauso wie Szenen, in denen er die Versicherungsbranche vorführt: „Ich kämpfe bei den Versicherern, bei den Vorständen, hole eine Scheiß-Kondition nach der anderen raus, nur damit ihr am Telefon zu den Menschen sagt: ich komme bei Ihnen vorbei, es dauert 20 Minuten, und Sie suchen sich am Laptop nach Ihren Wünschen das Beste raus. Einige verpennen das.“ Solche Sätze sollen seine Verkäufer motivieren.
Mit diesem großen Konzern, der hierzulande in Köln sitzt, war Göker besonders eng verbunden, wie auch andere Szenen im Film zeigen. Über die Versicherer an sich, also unter anderem Allianz, Central und die zur Alten Leipziger gehörende Hallesche stellte Göker dabei fest: „Und dann kamen die zu mir: Was wollen Sie? Wie wollen wir es machen? Was können wir für Sie machen? Wollen Sie das? Wollen Sie dies? Wollen Sie jenes? Ja, klar, natürlich, wenn Sie es mir anbieten! Gerne! Ist ja nichts Verwerfliches dabei, wenn einer kommt und sagt: Möchten Sie mehr Geld?“
Dass manchem Manager aus der Versicherungsbranche die Gier früherer Jahre heute doch peinlich sein könnte, ist im Film selbst nicht zu erkennen. Das lässt sich nur indirekt erschließen – an den Reaktionen auf den Film. Ein Beispiel ist da die Geschichte von Frank Kettnaker, eines Managers des Versicherungskonzerns Alte Leipziger. Der Mann zog sogar vor Gericht, weil er nicht in dem Film auftauchen wollte.
Laut Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung (HNA) steht Frank Kettnaker dabei auf der Bühne und sagt zum MEG-Chef Göker: „...und vielen Dank für Ihren Erfolg, denn ihr Erfolg ist letztlich der Erfolg von uns allen, vielen Dank.“ Kettnaker verlor, und gestern Abend durfte sein Loblied auf Mehmet Göker auch gezeigt werden. Vielen dürfte es gar nicht aufgefallen sein, nur Insider kennen den Manager, auf der Straße würde er wohl kaum erkannt werden.
Stern vermerkt im Nachhinein lobend, dass die Branche – bis auf dieses kleine Beispiel – nicht versucht habe, seinen Film zu verhindern. Davor hatte er im Vorfeld Angst. Doch schließlich musste er nur den Prozess gegen die Alte Leipziger heil überstehen. In der Sache ging es hier nur um wenige Sekunden.
Er sei auch nicht ausgeforscht worden, soweit er das wisse. Die Reaktion sei „einfach nur Schweigen“ gewesen, so der Filmemacher.
Auch sein Versuch, der Branche mit seinen Erfahrungen anschließend zu helfen, fand keinen Widerhall beim PKV-Verband. So hätte Stern gerne Seminare darüber gehalten, was Versicherungsvertreter und die Unternehmen selbst aus seinem Film lernen können.
Stern findet eine ganze Menge. Erstens: Schnelle Geschäfte sind nicht nachhaltig. Zweitens: Es kommt wie ein Bumerang zurück, wenn man unsauber arbeitet. Drittens: Die Branche sollte lieber gegen ein Honorar beraten als gegen Provision zu verkaufen.
Gerade mit dem dritten Punkt schneidet Stern jedoch eine heilige Kuh an. Der Verkauf auf Basis von Provisionen, die mit den ersten Prämien gezahlt werden, wird von der Branche zäh verteidigt. Die wenigen Verbraucherschützer, die ebenfalls für Honorarberatung sind, haben bisher in der politischen Diskussion wenig Chancen. Deshalb fristet die unabhängige Beratung gegen Honorare in Deutschland auch ein Schattendasein.
Stern hat noch einen weiteren Tipp für die Versicherer: Sie sollten schauen, mit wem sie zusammenarbeiten. Es habe ja genug Anzeichen gegeben, dass die Vertriebstruppe von Mehmet Göker vielleicht nicht der ideale Partner sein könnte. Doch die Konsequenzen zogen die Versicherer dann nicht oder zu spät – als die Millionen Euro an Vorschüssen an Mehmet Göker weg waren.
Das Geld, das die Versicherer zahlten, sollte eigentlich für den Verkauf von privaten Krankenversicherungen sein. Doch daraus wurde nichts mehr wegen der MEG-Pleite. Die Folge: „Die privaten Schulden des Mehmet Göker belaufen sich auf insgesamt 21 Millionen Euro: Die Versicherungsgesellschaft fordern 17 Millionen, der Insolvenzverwalter vier Millionen.“ So lautet eine Einblendung im Film.
Wie schafft man es, diese Summe zurück zu zahlen? „Gar nicht“, antwortet Göker auf die Frage.
Zu seinen Schulden sagt Göker dann im Film weiter: „Wie soll man 20 Millionen Euro zurückzahlen? Es geht nicht. Soll ich es mir aus den Rippen schneiden? Und die Summe, um die es sich dreht, sind dann am Ende circa zwei Millionen. Oder anderthalb sogar nur. Aber es kommt am Ende nicht zustande, weil zwei Gläubiger von den sieben nicht mitspielen. Welche zwei das sind, spielt jetzt auch keine Rolle. Die leben nach dem Motto: Hängt ihn höher. Ich glaube, da gab es mal einen schönen Western. Hängt ihn höher. War der mit John Wayne?“
Nein, da hat sich Mehmet Göker vertan. In diesem Film spielt Clint Eastwood die Hauptrolle.
Göker selbst ist durch den Film in der Vermittlerbranche noch populärer geworden. Er nutzt den Film auch gezielt zur Eigenwerbung. Wie viele positive Kommentare auf seiner Facebook-Seite zeigen und auch die Seminare für Verkäufer in der Türkei, hat er Erfolg damit.
In Deutschland ist Göker zuletzt seltener gesehen worden. Der Grund: Er wird nach Informationen der HNA mit einem Haftbefehl gesucht. Einer seiner engsten Gefolgsleute sitzt bereits hinter Gittern.