Finanzkrise Versicherer AIG ist zehn Jahre nach der Rettung wieder auf Wachstumskurs

Mit 182 Milliarden Dollar musste AIG nach dem Kollaps von Lehman Brothers gerettet werden. Heute will der Konzern wieder wachsen, allerdings mit weniger riskanten Geschäften.
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AIG ist wieder auf Wachstumskurs. Vorstandschef Brian Duperreault denkt über Zukäufe nach. Quelle: Reuters
Brian Duperreault

AIG ist wieder auf Wachstumskurs. Vorstandschef Brian Duperreault denkt über Zukäufe nach.

(Foto: Reuters)

New YorkPolitisch war es schwer zu erklären. Gerade erst hatte sich die US-Regierung gegen eine Rettung von Lehman Brothers ausgesprochen. Doch nur einen Tag nachdem die Investmentbank Insolvenz angemeldet und weltweit heftige Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst hatte, wurde die American International Group (AIG) gerettet. Am Dienstag, den 16. September 2008, gewährte die US-Notenbank Federal Reserve einen Kredit von 85 Milliarden Dollar.
Eine Pleite des Versicherers, wäre „katastrophal“ gewesen, erklärte der damalige Fed-Chef Ben Bernanke damals. AIG hatte im großen Stil Kreditausfallversicherungen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), an Finanzinstitute verkauft.

Die komplexen Verflechtungen „hätten den Run auf das internationale Bankensystem intensiviert“. Notenbank und US-Regierung wollten nicht riskieren, dass noch mehr Banken Pleite gehen.

Insgesamt 182 Milliarden Dollar an Finanzspritzen benötigte der Versicherungsriese und trat im Gegenzug 79,9 Prozent der Anteile an den Staat ab. Im Nachhinein lässt sich sagen: Die Rettung hat sich gelohnt. Die US-Steuerzahler haben das Geld zurückbekommen, sowie zusätzliche 23 Milliarden Dollar durch Zinszahlungen und den Verkauf der Aktien, der im September 2012 abgeschlossen wurde.

Heute, zehn Jahre später, ist AIG wieder auf Wachstumskurs. Vorstandschef Brian Duperreault denkt über Zukäufe nach. Allerdings nicht in riskanten Bereichen, was ein wichtiger Unterschied zu früher ist.

CDS waren Lehman zum Verhängnis geworden. Mit diesen Finanzprodukten konnten sich Banken zum Beispiel gegen den Ausfall einer Anleihe versichern. Der Markt wuchs in den Jahren vor der Krise rasant an.

Finanzinstitute nutzten CDS sowohl zu Spekulationszwecken, als auch um sich gegen Risiken abzusichern und ihre Portfolios auszubalancieren. Oft verzichteten die Institute darauf, die Anleihe zu kaufen, sondern kauften lediglich die Kreditausfallversicherung.

Es war ein lukratives Geschäft. Anleihen von gut bewerteten Konzernen wie General Electric fielen quasi nie aus. Wer eine Versicherungspolice auf diese Anleihen ausgab, konnte also die Versicherungsbeiträge einstreichen ohne jemals für einen Ausfall geradezustehen.

Und plötzlich war Zahltag

Das änderte sich in der Finanzkrise, vor allem nach dem Kollaps von Lehman Brothers. Banken und Hedgefonds gaben CDS-Policen aus, kauften jedoch auch Versicherungen gegen Kreditausfälle. In der Krise waren ihre Verluste daher nicht ganz so hoch, weil sich viele dieser Kontrakte ausglichen.

Anders jedoch AIG: Der Versicherungskonzern gab lediglich CDS-Policen aus, ohne selbst auch welche zu kaufen, insgesamt im Wert von über 440 Milliarden Dollar. Und plötzlich war Zahltag.

„Niemand hat geglaubt, dass ein Versicherer wie AIG einmal ein Liquiditätsproblem bekommen könnte“, erinnert sich Brad Hintz, Finanzprofessor der New York University, der damals der führende Aktienanalyst beim Broker Sanford Bernstein war. „Versicherer sollten schließlich immer jede Menge Cash haben, sie haben ja schließlich auch die Prämien kassiert.“

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Die Pleite von Lehman Brothers stieß AIG in eine lebensgefährliche Abwärtsspirale. Wegen der hohen Zahlungen für die CDS, die fällig wurden, stuften die Ratingagenturen den Versicherer herab, dessen Kreditwürdigkeit bis dahin mit der Bestnote AAA bewertet wurde.

Das wiederum führte dazu, dass AIG für eine Reihe von Geschäftspartnern Sicherheitszahlungen hinterlegen musste. Und dem Konzern fehlte schlicht das Geld. Wer sich mit Derivaten gegen Risiken abgesichert hatte, hatte plötzlich ein Problem. „Wenn der Vertragspartner ausfällt, dann ist die Absicherung weg. Und niemand war damals bereit, einzuspringen und die Löcher zu stopfen“, erinnert sich Hintz.

Wäre AIG als Versicherer ausgefallen, wären noch deutlich mehr Banken in ernsthafte Probleme geraten. In den Boom-Zeiten vor der Krise hatte niemand über ein solches Szenario nachgedacht. „Wir waren doch nicht so schlau, wie wir dachten“, räumt Hintz ein.

Buffett nannte CDS damals „Massenvernichtungswaffen“

Der weltweite Markt für CDS, der Ende 2017 auf rund 60 Billionen Dollar angeschwollen war, implodierte. Und niemand wusste genau, wer viele Derivate auf welches Unternehmen hielt. Ein zentrales Register gab es damals nicht. Star-Investor Warren Buffett nannte CDS damals „Massenvernichtungswaffen“.

Um die Kredite der Regierung zurückzuzahlen, musste AIG die lukrativsten Geschäftsteile verkaufen, die der langjährige und umstrittene Chef Hank Greenberg zielstrebig aufgebaut hatte, um AIG zu einem der größten Versicherer der Welt zu machen.

Duperreault sucht nun gezielt Übernahmeziele für das Geschäft mit Lebens- und Rentenversicherungen. Doch der 71-Jährige, der in den 1970-er Jahren schon einmal für AIG gearbeitet hatte, muss zunächst dringend die Standards verbessern, nach denen AIG-Mitarbeiter Risiken zeichnen.

AIG ist zwar wieder profitabel, doch beim sogenannten Underwriting hängt der Konzern deutlich hinter der Konkurrenz. „Warum schneiden wir schlecht ab, während andere ganz passable oder sogar gute Geschäfte machen? Es kommt wirklich darauf an, smart mit Risiken umzugehen“, sagte Duperreault in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir können nicht in allen Geschäften mitmischen.“

Der AIG-Chef weiß, dass er sich keine großen Fehler erlauben kann. Schon jetzt gibt es wegen seines hohen Gehalts Verstimmungen bei den Aktionären. Im vergangenen Jahr verdiente er 43,1 Millionen Dollar – soviel wie zuletzt Greenberg 2005 – und wurde dafür von den Aktionärsberatern ISS und Glass Lewis kritisiert.

Bei der Hauptversammlung im Mai unterstützten nur 62 Prozent der Aktionäre den Vergütungsplan. Üblich ist bei Unternehmen aus dem S&P 500 eine Zustimmungsquote von rund 90 Prozent.

Der Gewinn im zweiten Quartal fiel mit 961 Millionen Dollar deutlich geringer aus als Investoren erwartet hatten. Analysten sind verhalten optimistisch. Duperreault könne den Anfang machen, um AIG wieder auf einen soliden Wachstumskurs zu bringen, sagt Paul Newsome von der Investmentbank Sandler O’Neil. „Doch es wird sehr sehr lange dauern, bis AIG wieder zu alter Stärke zurück kehrt, wenn das überhaupt möglich ist.“

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