Krankenversicherung: Für wen lohnt sich bei steigenden Beiträgen der Wechsel?
Berlin. Die steigenden Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung sind für viele Versicherte ein Ärgernis. Der sogenannte „Schätzerkreis“, ein Gremium aus dem GKV-Spitzenverband, dem Bundesgesundheitsministerium und dem Bundesamt für Soziale Sicherheit, geht davon aus, dass die Krankenkassen ihre Zusatzbeiträge im kommenden Jahr um bis zu 0,8 Prozent anheben könnten.
Für viele Versicherte würde das einen spürbaren Kostenanstieg bedeuten. Ließe sich der mit einem Wechsel der Kasse vermeiden? Doch für wen lohnt sich ein solcher Schritt – und wer ist überhaupt dazu bereit?
Der Zusatzbeitrag der Kassen kann sich erheblich unterscheiden. Während einige Krankenkassen etwas mehr als ein Prozent verlangen, liegt die Kaufmännische Krankenkasse beispielsweise bei über drei Prozent. Und die Prognose für das kommende Jahr sieht düster aus: Der Zusatzbeitrag liegt laut Schätzerkreis im Schnitt bei derzeit 1,7 Prozent und könnte somit auf 2,5 Prozent steigen.
Viele Versicherte würden diese zusätzlichen Kosten deutlich spüren. Schon jetzt ließen sich durch einen Kassenwechsel monatlich bis zu rund 50 Euro einsparen, wie Simon Arne Manner erläutert, Partner bei der Unternehmensberatung Horváth: „Bei einem Durchschnittsgehalt von 3667 Euro pro Monat kann man durch den Wechsel von der teuersten zur günstigsten Krankenkasse über 43 Euro pro Monat einsparen.“
Auch kleinere Unterschiede, etwa ein Prozentpunkt weniger beim Zusatzbeitrag, machen sich bemerkbar. Manner betont: „Selbst bei einem Unterschied von einem Prozentpunkt spart man immer noch rund 18,34 Euro pro Monat, was fast dem Rundfunkbeitrag entspricht.“
Warum Versicherte trotzdem selten wechseln
Trotz dieses Sparpotenzials zögern viele Versicherte. Eine bisher unveröffentlichte Umfrage von Horváth zeigt, dass nur 43 Prozent der 1643 Befragten tatsächlich über einen Wechsel ihrer Krankenkasse nachdenken würden, wenn die Zusatzbeiträge steigen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Yougov-Umfrage im Auftrag des Handelsblatts: Wechselbereit wären von den 568 Teilnehmern nur 19 Prozent, 55 Prozent ziehen einen Wechsel dagegen nicht in Betracht.
Dass die Wechselbereitschaft nicht höher ist, überrascht Peter Grieble nicht, Leiter der Abteilung Versicherung, Pflege, Gesundheit bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Nach Beitragserhöhungen sei die Mehrheit der Versicherten schon immer zurückhaltend gewesen, die Kasse zu wechseln. „Manche Ökonomen wundern sich, dass diese Möglichkeiten bislang so selten genutzt werden“, sagt er. Studien würden schon seit Jahren auf die Einsparpotenziale hinweisen.
Wenn aber ein Wechsel infrage kommt, dann sind es vor allem Familien, die laut der Horváth-Umfrage Interesse an einem solchen Schritt zeigen. „Hier ist der finanzielle Druck oft höher, und beide Elternteile prüfen die Angebote der Krankenkassen, um die besten Leistungen für sich und ihre Kinder zu sichern“, sagt Grieble. Bei jungen Familien, die Kosten sparen möchten (33 Prozent), spielen zusätzlich zu den Beiträgen auch Faktoren wie digitale Angebote (24 Prozent) und Nachhaltigkeitsprogramme (29 Prozent) eine Rolle.
„Da beide Elternteile gemeinsam eine Entscheidung über die Krankenkasse treffen müssen, beispielsweise für ihre Kinder, setzen sie sich möglicherweise in diesem Zusammenhang intensiver mit dem Leistungsangebot und den Vorteilen der verschiedenen Kassen auseinander“, erklärt Manner.
Dabei ist nicht selten, dass Eltern zu Beginn in unterschiedlichen Kassen versichert sind und bei einem Wechsel eine gemeinsame Entscheidung treffen. Für sie sind beim Kassenwechsel auch vereinfachte Prozesse (33 Prozent) entscheidend, was Grieble zufolge beispielsweise mit einer nahe gelegenen Geschäftsstelle zu tun haben könnte, um eine persönliche Beratung zu erhalten.
Hinzu kommen verschiedene Zusatzleistungen, die für einige Versicherte bei der Auswahl ihrer Krankenkasse ausschlaggebend sind, wie etwa Zahnreinigungen oder alternative Heilmethoden wie Homöopathie, erklärt Grieble.
Wechsel zur privaten Krankenversicherung
Ein Kassenwechsel kann auch bedeuten, in die private Krankenversicherung (PKV) zu wechseln. „Bei den aktuellen Beitragserhöhungen, die noch länger anhalten dürften, gilt das pauschale Argument nicht mehr, dass die gesetzliche Krankenversicherung immer günstiger sei als eine private Versicherung“, erklärt Grieble. Gut verdienende Singles, die langfristig in der PKV bleiben und nicht auf Familienleistungen angewiesen seien, könnten Grieble zufolge von einem Wechsel in die PKV profitieren. Für wechselbereite Familien oder ältere Versicherte trifft das eher nicht zu.
Zumal auch Privatversicherten in Zukunft deutliche Beitragserhöhungen drohen. So rechnet die PKV selbst für Anfang kommenden Jahres mit einer durchschnittlichen Anpassung für ihre Versicherten von 18 Prozent. Davon betroffen dürften laut PKV rund zwei Drittel aller Privatversicherten sein. Grieble gibt zu bedenken, dass sich ein Wechsel bei bestimmten Personengruppen wie Singles auch nach einem solchen Anstieg noch lohnen könnte. Wer also über einen Wechsel seiner Kasse nachdenkt, sollte vorher in jedem Fall nachrechnen, ob es sich wirklich lohnt.
Erstpublikation: 29.10.2024, 04:08 Uhr.