Lücken im Krankenschutz Tiefschlag für private Krankenversicherer

Wissenschaftler stellen ein zentrales Werbeargument der privaten Krankenversicherung (PKV) in Frage: Die Versicherer würden in vielen Tarifen weniger leisten als die Krankenkassen. Die Branche wehrt sich.
Update: 11.06.2012 - 12:29 Uhr 13 Kommentare
Schwergewichtsboxer Axel Schulz Quelle: ap

Schwergewichtsboxer Axel Schulz

(Foto: ap)

DüsseldorfViele Tarife in der privaten Krankenversicherung (PKV) bieten nur einen schlechten Schutz bei Krankheit. Zu diesem Ergebnis kommen der Kieler Gesundheitsökonom Thomas Drabinksi und die Frankfurter Beratungsfirma Premiumcircle. Ihre Studie haben sie heute in Berlin vorgelegt.

Das Papier ist ein weiterer Tiefschlag für die PKV, die ohnehin unter starkem politischem Druck ist. Starke Prämienanstiege und übertriebene Provisionen haben die Branche ebenso in die Defensive gebracht wie Pläne für eine Bürgerversicherung. In der privaten Krankenversicherung sind rund neun Millionen Deutsche versichert, vor allem Beamte, Selbstständige und besser verdienende Angestellte. 70 Millionen Deutsche sind in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die von rund 150 Krankenkassen getragen wird.

Der Studie zufolge sind die Privatversicherten mit "teils existentiellen Leistungsausschlüssen im Krankheitsfall" konfrontiert, wie der "Spiegel" berichtet. "Mehr als 80 Prozent der Tarifsysteme der PKV leisten weniger als die gesetzliche Krankenversicherung", sagt einer der Autoren, Premiumcircle-Chef Claus-Dieter Gorr, dem "Spiegel". Dieses Ergebnis der Studie hatte zuvor bereits der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn in einem Thesenpapier verwendet. Damit wird ein zentrales Werbeargument der Privaten in Frage gestellt.

Drabinski und Gorr haben in den PKV-Tarifen Angebote analysiert, die in der gesetzlichen Krankenversicherung fest verankert sind, wie etwa die häusliche Krankenpflege oder sogenannte "Hilfsmitteldeklarationen ohne Einschränkungen". Die Autoren wählten 85 Tarifbestandteile aus, die sich am Leistungskatalog der gesetzliche Krankenversicherung orientieren. In die Liste wurden zusätzlich auch Angebote wie privatärztliche Versorgung oder Brillen und Kontaktlinsen aufgenommen, die gesetzlich Versicherten nicht erstattet werden. Insgesamt 32 der 47 PKV-Unternehmen nahmen sie so unter die Lupe.

Wie komplex die PKV ist, zeigt dabei dies: Grundlage waren 208 Tarifsysteme mit insgesamt 1.567 Kombinationen. Die Untersuchung ergab, dass kein Produkt alle 85 Kriterien erfüllen konnte. Tarife seien nicht bedarfsgerecht für Endkunden entwickelt worden, sondern unter der Prämisse, wie sie bei Preisvergleichen abschneiden würden, heißt es in der Studie. Besonders problematisch sei, dass viele Versicherungen nur eingeschränkt Anschlussheilbehandlungen, Psychotherapien oder wichtige medizinische Hilfsmittel übernähmen.

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13 Kommentare zu "Lücken im Krankenschutz: Tiefschlag für private Krankenversicherer"

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  • Genau. Man sollte darüber nachdenken ob man nicht die Pflichtgrenze wieder runtersetzt, damit mehr Menschen die Möglichkeit erhalten, sich Privat zu versichern.Mehr Menschen könnten dann selber für Ihre Zukunft vorsorgen. Eine qualifizierte und faire Beratung und die Wahl des richtigen Versicherers ist sehr wichtig. So können die immer wieder genannten Fälle von "unbezahlbaren Beiträgen" im Alter weitestgehend vermieden werden.

  • Abgesehen von hilfreichen systematischen Aussagen halte ich die sogenannte Studie für eine Imagebroschüre der Premiumcircle Deutschland GmbH. Die Schlussfolgerung, dass komplexe Sachverhalte eines qualifizierten Beraters bedürfen – und dass eben dieses gut geschulte Personal schlecher als bislang bezahlt werden soll, leuchtet mir nicht ein. Im Detail ist das auf finanzdiskurs.de nachzulesen: http://www.finanzdiskurs.de/?p=327

  • Egal was auch noch über PKV an negativen Feststellungen kommt. Die Lobby ist so stark, dass jegliche Kritik abprallt. PKV sollte sich der Konkurenz GKV stellen müssen, dann würde sich das Problem schnell von selbst lösen. Unmöglich das Versicherte in einem System bleiben müssen, dass von den PKV Gesellschaften nicht mehr handelbar ist.

  • Das PKV-System ist absolut wettbewerbsfeindlich. Ab einem gewissen Alter ist ein Wechsel der PKV praktisch nicht mehr möglich, man ist dann "seiner" PKV komplett ausgeliefert und muß jedes Jahr die Beitragserhöhungen schlucken. Mein Rekord liegt bei 30%. Leider haben die privat Versicherten keine Lobby. Und wenn du mit 56 deinen Arbeitsplatz verlierst zahlst du (anders als in der Gesetzlichen) immer noch die hohen Beiträge. Ich kann nur vor der PKV warnen. Lieber in jungen Jahren in der gesetzlichen mehr bezahlt und dafür im Alter bezahlbare Beiträge.

  • Und gesetzlich Versicherte müssen sich von der Ärzteschaft immer noch anhören, dass sie ohne die Privatversicherten nicht über die Runden kämen. Dabei wird das Gesundheitssystem zu 95% von den GKVs und deren Versicherten getragen.

    Es wird Zeit, dass die PKVs und die div. GKVs zu einer Krankenkasse zusammengelegt werden. Bis heute verstehe ich nicht, wie man sich mit Organisationen, die letztlich nur der Weiterleitung der Beitragsgelder an die Leistungerbringer dienen, Konkurrenz machen will.

    Tatsächlich hat jede Krankenkasse Vorstände & Manager, Dienstwagen und Pensionszusagen etc. Niemand wird wohl behaupten, dass die Vielzahl der Kassen dem Wohle der Versicherten dient.

  • Es war absehbar, das die PKV irgendwann unbezahlbar wird.
    manch Schnäppchen stellt sich als Fass ohne Boden raus.

    Überhaupt, eine auf Gewinn ausgerichtete Krankenversicherung ist doch abnormal.

  • [+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++]

  • Liebes Handelsblatt, wie wäre es mal mit konkreten Fragen zum geschlossenen Hilfsmittelkatalog. Die Antworten der Versicherungswirtschaft blenden diesen Skandal gekonnt aus.

  • Ich kann das nur bestätigen. Meine PKV, die Hallesche, leistet nicht besonders gut. Machen ständig rum, Gutachten, Vertrauensarzt. Überhaupt, blasen sich auf und sind doch Versicherten-feindlich. Lange bin ich dort nicht mehr versichert...

  • die Central: ein Abzockerverein, schon immer gewesen. Ich bin siet etlichen Jahren bei der LKH. Den grössten Beitragsanstieg gab es durch die staatlich verordnete Bereitstellung eines Billigtarifs und das unbegrenzte Wechselrecht. Aus meiner Sicht arbeitet die PKV, zumindest bei meiner Versicherung, deutlich effektiver als die GKV. Wenn die Ausschlüsse, Zuzahlungen und versicherungsfremden Leistungen der GKV in einen solchen kompletten Vergleich einfliessen, zudem die unberechtigten Einnahmen aus Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld etc, dann möchte ich diesen Vergleich noch einmal sehen und zwar direkt: je Leistung PKV/GKV gegenübergestellt. Nur so ein Papier kann als Vergleich dienen.

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