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ProvisionenSchwere Zeiten für Versicherungsvertreter

Die Versicherer zahlen immer mehr Geld an Vermittler. Das kann so nicht weiter gehen, sonst droht ein Kollaps, stellen Berater fest. Die Vertriebskosten müssten sinken. Der Rat kommt den Unternehmen gelegen.Thomas Schmitt 20.08.2013 - 08:23 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Versicherungsvertreter leben von Provisionen. Doch Unternehmensberater empfehlen deren Kürzung.

Foto: Getty Images

Düsseldorf. Vermittler sind das Herz der Versicherungsbranche. Doch sinkende Zinsen, aggressive Konkurrenten und kritische Verbraucher stellen die Verkäufer vor Ort wie auch die Versicherer vor gewaltige Herausforderungen.

Die Branche schrumpft, Sparprogramme verpuffen, Provisionen verteuern das Neugeschäft, steigende Schadenkosten bedrohen die Profitabilität: Das alles stellt die Unternehmensberatung Oliver Wyman in einer Studie fest, die Handelsblatt Online vorliegt. Hinzu kommt, dass die Erträge aus Kapitalanlagen womöglich bald nicht mehr ausreichen, um Ansprüche der Versicherten zu decken. Überdies überaltert die Branche: Den Unternehmen fehlten die Talente.

Das beängstigende Fazit dieser Analyse: „Einzeln ist jede dieser Herausforderungen zu bewältigen. Die Kombination hat das Potenzial, das Geschäftsmodell der Versicherungen zu gefährden.“ Die Unternehmen müssen wieder handeln und Kosten senken. Doch dieses Mal ist wohl auch ein Bereich betroffen, der mancherorts gerne ausgespart wurde: der Vertrieb.

Sechs Baustellen für Versicherungen und Vertreter
Die deutsche Versicherungsbranche steht vor der Herausforderung, eine Strategie für ein erfolgreiches Zukunftsmodell zu erarbeiten. Dabei sind sechs Trends zu beachten.Quelle: Oliver Wyman
Trend: Sinkende (Sachversicherung) beziehungsweise volatile (Lebenversicherung) Prämieneinnahmen bergen strukturelle Gefahren – neue Quellen für Wachstum müssen gefunden werdenRatschlag:          Flexibilisierung des Geschäftsmodells, um auf Volumenschwankungen bzw. volatiles Einmalbeitragsgeschäft reagieren zu können          Strategie für profitables Wachstum in neuen Feldern und Steigerung der Stückzahlen in den bekannten Sparten notwendig – Nutzung von Digitalisierungs-Trends          Wachstumswende von 2013 ausbauen
Trend: Stückkosten tendenziell steigend, bisherige Kostenprogramme verpuffen im „Teufelskreis“ der SchrumpfungRatschlag:Stärkere Variabilisierung der Kosten, um bei fallenden Volumina „automatisch“ steigende Kostenquoten abzufedernWeitere nachhaltige Kostenkürzungen erfordern strukturelle Maßnahmen und eine Neudefinition der Wertschöpfungstiefe in Versicherungen
Trend: Steigende Abschluss- bzw. Provisionskosten verteuern Neugeschäft und machen Produkte für Kunden unattraktivRatschlag:Reduktion des Provisionsniveaus notwendigFlexibilisierung der Provisionsstruktur notwendig – Umstellung von Abschluss- auf laufende ProvisionenProvisionseinbußen auf Seiten der Vermittler müssen durch Produktivitätssteigerung kompensiert werden – Überarbeitung des Vertriebsmodells notwendig
Trend: Steigende Schäden und Kosten bedrohen die Profitabilität (Sachversicherung)Ratschlag:Fortsetzung des Trends würde zu einer Schaden- und Kostenquote (Combined Ratio) größer als 100 in 2014 führenHandlungszwang zur Reduktion der Combined Ratio, zum Beispiel durch neue Wege im Schadenmanagement, notwendigTrendwende des Jahres 2013 stabilisieren
Trend: Kapitalanlage-Ergebnis schrumpft und reicht langfristig nicht aus, die Ansprüche der Versicherten zu deckenRatschlag:Optimierung der Kapitalanlage notwendig - Veranlagung in illiquiden Assets, zum Beispiel erneuerbare Energien zu prüfenMaßnahmenbündel zur Stabilisierung des Lebensversicherungsgeschäfts notwendig – Optimierung der Kapitalanlage alleine ist nicht ausreichendFür „überlebensfähige“ Versicherer heißt dies unter anderem: Entwicklung von neuen, kapitalarmen Produkten mit Garantien, Stärkung des Biometriegeschäftes, Risikoreduktion im Bestand, Suche nach neuen Renditequellen in der Kapitalanlage
Trend: Mitarbeiter überaltern, und es fehlen Talente für VersicherungsunternehmenRatschlag:Attraktivität und Arbeitsumfeld der Versicherung als Arbeitsgeber für Fachkräfte und Absolventen erhöhenFür Schlüsselpersonal Gehaltsstrukturen an direkte Konkurrenten (zum Beispiel Banken) anpassen

„Die Provisionen sind bereits auf hohem Niveau, doch in der Lebens- und Sachversicherung steigt ihr Anteil an den Gesamtkosten“, stellt Bernhard Kotanko, Versicherungsexperte bei Oliver Wyman, fest. Trotz erheblicher Kostensenkungen seien die Stückkosten in der Sachversicherung ebenfalls nach oben gegangen. Das mache eine Reduzierung der Vertriebskosten und Provisionen notwendig. Kotanko: „Versicherer kommen nicht um eine umfassende Neuaufstellung der Vertriebsvergütung herum.“

Solche Überlegungen treffen vor allem die Vermittler, egal ob sie sich nun Vertreter, Berater oder Makler nennen. Jeder Versicherer pflegt und päppelt diese Klientel. Schließlich bringt sie den Umsatz, den die meisten Manager in ihren Bilanzen später gerne als großen Erfolg vermarkten – Stichwort Wachstum. 

Und in der Tat bestätigen Manager unter der Hand: Der Wettlauf um immer niedrigere Kosten ist voll im Gange – und er wird weitergehen. Dabei sind Provisionen nun sogar offiziell ein Thema, denn die deutschen Versicherer diskutieren bereits eine Höchstgrenze für Vermittlerprovisionen bei Lebens- und Rentenversicherungen. Anlass seien die aktuelle Niedrigzins-Phase und die Kritik von Verbraucherschützern und Politik, sagte eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) der "Süddeutschen Zeitung".

Es gilt das Motto: Wer schlank ist, lebt am längsten. Was bedeutet dies für Versicherungsvertreter und ihre Kunden?

 

Was Verkäufer in der Finanzbranche verdienen
Die folgenden Euro-Beträge für verschiedene Produkte von Versicherungen, Banken, Bausparkassen und Fonds wurden anhand üblicher Provisionssätze und marktgängiger Anlagesummen berechnet. Die Rangliste liefert einen Anhaltspunkt über die Bedeutung der jeweiligen Provisionsart für Vermittler. Quelle: www.monero.de, Vermittler, Finanzunternehmen, eigene Berechnungen
Sachversicherung11,25 Euro für einen 1-Jahresvertrag in der Haftpflichtversicherung
Sachversicherung   45 Euro für einen 1-Jahresvertrag in der Hausratversicherung
Krankenzusatzversicherung90 Euro für eine Zahnzusatzversicherung
Sachversicherung200 Euro für einen Fünf-Jahresvertrag in der Hausratversicherung
Bausparvertrag325 Euro für einen Vertrag mit einer Bausparsumme von 25.000 Euro
Fondsanlage450 Euro für ein Investment mit einer Anlagesumme von 10.000 Euro
Lebensversicherung 1440 Euro für einen Vertrag mit einem Monatsbeitrag von 100 Euro, Laufzeit 30 Jahre
Immobilienfinanzierung1500 Euro für einen Vertrag mit einer Kreditsumme von 200.000 Euro
Krankenversicherung2100 Euro für eine PKV-Vollversicherung mit einem Monatsbeitrag von 350 Euro
Unternehmerische Beteiligungen3000 Euro für einen geschlossenen Fonds mit einer Anlagesumme von 30.000 Euro

Geht es nun den Vermittlern richtig an den Geldbeutel? Und profitieren davon die Kunden, weil sie weniger Provisionen zahlen müssen? Fragt man altgediente Versicherungsvertreter wie Michael Erdmann aus Hildesheim danach, ist die Reaktion große Gelassenheit. So neu wirkt das alles auf ihn nicht. Der Kostendruck nehme schon zu, wenn man sich den Forderungen nach mehr Umsatz beuge. Aber das wollten ja immer weniger Kollegen mit sich machen lassen. 

Der Zurich-Vertreter, der jüngst sogar eine Doktorarbeit geschrieben hat, sieht das eher auf einer Linie mit all den Dingen, die Vermittlern seit Jahrzehnten das Leben versauerten. Von Informations- und Protokollpflichten über schlechtes Image bis hin zu „Kunden mit unglaublichen Ansprüchen“. Und schließlich sei da die Industrialisierung, die bereits vor einem Vierteljahrhundert in die Branche Einzug gehalten habe. 

Vor 25 Jahren habe man eine Din-A-4-Seite zum Lesen erhalten, wenn sich an Hausratversicherungen etwas änderte, erinnert sich Erdmann: „Die Veränderung war dann schnell in den Köpfen präsent, verarbeitet und verbreitet.“ Und wie ist es heute? „Man erhält eine DVD mit fünf Seiten Installationsanweisung und einem zu bestätigenden Identifizierungscode.“

Auch in anderen Versicherungssparten stellt er „solchen Irrsinn“ fest. Wenn vor 25 Jahren ein Gebäudeschaden gemeldet worden sei, habe er versucht, mit einem Sachbearbeiter das Procedere der Schadenabwicklung abzustimmen und zu entscheiden. Schließlich kannte er ja den Kunden und die Umstände des Schadens. Und heute? „Es ist nicht mehr die Telefonnummer des Sachbearbeiters, die besetzt ist, sondern die des jeweils zuständigen Callcenters – mit einer inzwischen perfektionierten musikalischen Untermalung der Wartezeit, während dann ein Angelernter zunächst einmal das anzulegende Bearbeitungstool abarbeitet“, ärgert sich Erdmann. 

Der Kampf um die Provisionen
Die Vergütung von Beratung steht im Fokus, da vermutet wird, dass die derzeit gängige Provisionsvergütung Interessenskonflikte und Fehlanreize auslöst. Dies wiederum kann für ungeeignete Produkte, überflüssige Umschichtung und eine suboptimale Diversifizierung in den Portfolien von Kleinanlegern sorgen. Quelle: Deutsche Bank Research
Bei der Provisionsvergütung zahlt der Anleger im Wesentlichen zwei Arten von Entgelten: einen einmaligen Ausgabeaufschlag und jährlich wiederkehrende Gebühren (Bestands-, Verwaltungs- oder Managementprovisionen). Den Ausgabeaufschlag erhält der Berater für seine Vertriebsleistung, die jährlich wiederkehrende Gebühr teilen sich der Produktanbieter und der Berater (bzw. dessen Arbeitgeber). Beide Entgelte fließen nur, wenn der Anleger sich entscheidet, der Anlageberatung zu folgen und das Produkt tatsächlich zu kaufen.
Honorarvergütung basiert entweder auf dem investierten Volumen (Prozentsatz p.a.), einer Gewinnbeteiligung, einem Festpreis oder einer Kombination dieser drei Varianten. Bei einer fixen Entlohnung auf Stundenbasis könnte ein Interesse des Beraters bestehen, sich mehr Zeit zu nehmen. Bei einer Entlohnung auf Basis des Depotvolumens könnte ein Interesse des Beraters bestehen, relativ mehr Zeit für größere Depotvolumen aufzuwenden als für kleinere.
Provisionsvergütung ist nach wie vor die am weitesten verbreitete Vergütungsform von Beratung. Sie basiert auf Anzahl/Volumen der Produktverkäufe und ist unterschiedlich je nach Produkt und Anbieter. 46 Prozent der Anleger vermuten daher, dass der Berater seine eigenen Interessen (also die Provisionen) zumindest mit berücksichtigt.
Ein Verbot der Annahme von Provisionen kann eine von mehreren Formen der Falschberatung lösen. Diese Form der Falschberatung besteht darin, dass die Bestands- oder Abschlussprovision, die der Berater vom Produktanbieter erhält, den entscheidenden Ausschlag für eine Produktempfehlung gibt. Bestands- und Abschlussprovisionen unterscheiden sich je nach Produkt und auch nach Anbieter.

Dabei werde der Vorfall dann entweder in einem komplizierten Zufallsverfahren oder nach genauestens vordefinierten Zuständigkeitskompetenzen zugeordnet, mit einer Schadennummer und einer Schadenbearbeitungsfortschritts-Nummer sowie mit einer Zuständigkeitscodierung. Die Telefonnummer eines Entscheidungsträgers erhalte man dann immer noch nicht, sondern in der Regel eine 0800er-Nummer. Über die müsse man sich dann die mündliche Besprechung und Abstimmung im Ernstfall über ein anderes Callcenter erbetteln – „natürlich ebenfalls mit entsprechender Begleitmusik“, wie Erdmann sarkastisch hinzufügt. 

Sein ernüchterndes Fazit: „Immer mehr Arbeitszeit wird nicht mit der Beschäftigung mit dem Problem und dem Lösen des Sachverhalts verbracht, sondern geht verloren mit dem Abarbeiten von Fragestellungen zu elektronischen Entscheidungsbäumen, Listen, Eingabetools und Exceltabellen – nur um überhaupt in die Nähe einer Entscheidung zu kommen.“

 

Diese Veränderungen im Arbeitsalltag der Vermittler nehmen Kunden in aller Regel gar nicht wahr. Sie führen jedoch mit dazu, dass immer mehr Vermittler enttäuscht die Brocken hinwerfen und aus dem Beruf ausscheiden. Auch ein Problem der Branche: „Ich glaube schon, dass man so etwas wie ein Vermittlersterben beobachten kann“, stellt Erdmann fest. 

Aus den verfügbaren Zahlen ist diese Einschätzung allerdings nur mühsam herauszulesen. Es gibt zwar ein Register für Versicherungsvermittler. Danach vermitteln in Deutschland mehr als 250.000 Personen Versicherungen. Doch weitergehende Informationen über die dort Registrierten liefern die zuständigen Handelskammern bisher nicht - sehr zum Ärger von Vermittlerverbänden.

 

Worum es im Film „Versicherungsvertreter“ geht
„Wer seine Grenzen nicht kennt, hat auch keine.“ So wird Mehmet Göker zitiert. Der Film erzählt die Geschichte des heute 32 Jahre alten Verkäufers von privaten Krankenversicherungen. Er war aus der Sicht des Filmemacher „ein absoluter Herrscher über ein sektenähnliches Versicherungsimperium“. Der Film zeigt Aufstieg, Fall und Neuanfang des türkischstämmigen Jungunternehmers aus Kassel.Quelle: www.versicherungsvertreter-derfilm.de
Der Film ist eine Geschichte von Gier und Größenwahn, er gibt aber einen Einblick in das Geschäftsgebaren privater Krankenversicherer. Göker wollte mehr als „nur einen Krümel vom Kuchen abhaben“: mit 25 hat er mit dem Vertrieb privater Krankenversicherungen am Telefon seine erste Million verdient.
Die MEG wächst schnell aus kleinen Anfängen. Der Umsatz steigt rasant. Immer neue Mitarbeiter werden angeworben und durch großzügige Provisionen gelockt. Verschwenderische Reisen für die besten Vermittler und Ferraris gehören zu den kleinen Annehmlichkeiten der ranghöheren Mitarbeiter. Die Jubel-Veranstaltungen der Firma wirken selbstherrlich, sind pompös gestaltet und enthalten groteske Rituale.
Mehmet E. Göker ist der alleinige Herrscher in diesem Imperium, das 2009 über 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Er präsentiert sich als ein hyperaktiver Unternehmer, dem die privaten Krankenversicherer (unter anderem AXA, Allianz, Hallesche und Central) immer absurdere Provisionen zahlen. Bis zu 8.000 Euro kassiert die MEG AG für die Abschluss eines Vertrages. Auf dem Höhepunkt im Jahre 2009 ist die Firma der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland.
Firmenchef Göker ist umgeben von hörigen Gefolgsleuten, die sich auch mal eben das Firmenlogo aufs Handgelenk tätowieren lassen. Göker schafft es, einen Kult um MEG zu erzeugen, dem sich seine Mitarbeiter nur schwer entziehen können. MEG ist nicht nur ein Arbeitgeber, MEG ist für die Leute in der Maschinerie ein Lebensstil. Auch Jahre später schwärmen sie noch davon. Kritiker sehen in MEG dagegen schlicht ein betrügerisches Schneeballsystem.
Ende 2009 ist der Versicherungsmakler pleite und die Staatsanwaltschaft ermittelt bis heute gegen Göker, unter anderem wegen Untreue, Insolvenzverschleppung und unlauterem Wettbewerb. Das System seines Strukturvertriebs war schon 2007 ins Wanken geraten, als Göker wegen unter anderem wegen Steuerhinterziehung zu 720.000 Euro Geldstrafe verurteilt wurde. Aktuell hat Mehmet Göker 21 Millionen EUR private Schulden.
Mehmet E. Göker ist nur noch selten in Deutschland, er lebt in der Türkei, wo seine Eltern herkommen. Und er ist wieder aktiv. An der türkischen Ägäisküste lebt und arbeitet er mit über 50 Mitstreitern. Die neue Firma ist formal aber nicht seine eigene, beteuert er. Die „Göker Consulting Group“ gehöre seiner Mutter, er selbst sei dort nur Angestellter.
„Eine herrlich bösartige Entlarvungs-Doku über das, was man mit Einfallreichtum sowie ein wenig krimineller Energie in unserem Land erreichen kann. (…) Exzellent montiert.“ So urteilt Bild. „Eine köstliche Realsatire – und sehenswert“, stellt Deutschlandradio fest.„Göker ist ein extrem leidenschaftlicher Verkäufer. Vor allem seiner selbst. (…) Verwirrend sind die Unschuld und die fast schon relegiöse Überzeugung, mit der das tut. Göker , der zu seinen größten Erfolgszeiten Bilder von seinem Vater, Mahatma Gandhi und Richard Branson über dem Schreibtisch hängen hatte, kann sich und andere die tollsten Dinge einreden.“ Das meinte Josef Engels in der Welt.

Experten wie der Wissenschaftler und Journalist Matthias Beenken schätzen, dass es tatsächlich viel mehr Versicherungsvermittler in Deutschland gibt als registriert sind. Er schätzt die Gesamtzahl auf rund 370.000 Personen. Interessant daran ist: Das wären viel weniger als vor Einführung der Registrierungspflicht. Damals schätzten Experten die Zahl der Vermittler auf etwa eine halbe Million, wobei haupt- wie nebenberuflich Tätige gezählt wurden. 

Unter dem Strich könnten also in den vergangenen Jahren mehr als 100.000 nebenberufliche Gelegenheitsvermittler oder Tippgeber aufgegeben haben, weil sie den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen waren. Hinzu kommt, dass mehrere Hunderttausend wohl nicht von ihren Provisionen leben können.

 

Beenken schätzt, dass knapp 100.000 hauptberufliche Betriebe – ob nun Vertreter, Berater oder Makler – „im Markt eine Bedeutung“ haben. Davon sei die Masse für nur einen Versicherer tätig. Von diesen Ausschließlichkeitsvertretern gebe es 58.900, also gut 60 Prozent.

Das wären dann die Profis, über die immer wieder hergezogen wird. Warum eigentlich ist das Image des Versicherungsvertreters so schlecht? Das fragt sich Frank Weber, der früher für die Württembergische Versicherung gearbeitet hat und heute als Berater tätig ist. Seine Antwort: „Es scheint im nationalen Gen-Code verankert zu sein, dass Versicherungs-Bashing zum guten Ton gehört.“ So sage bereits der Volksmund: „Und ist ihm gar nichts sonst gelungen, so macht er in Versicherungen.“

 

Wer Versicherte berät
Sie nennen sich Berater, Makler, Vermittler oder Vertreter - und alle haben sie mit Versicherungen zu tun. Was steckt hinter den Begriffen?
Wer in Sachen Versicherungen unterwegs ist, will meistens verkaufen. In der Regel verdienen sie an der Provision, die der Kunden mit seinen ersten Beiträgen zahlt. Nur ganz wenige Personen beraten in Deutschland in Versicherungsfragen gegen ein Honorar.
Versicherungsvermittler und -berater benötigen in Deutschland in der Regel eine Erlaubnis. Dazu müssen sie vor der IHK ihre persönliche Zuverlässigkeit, geordnete Vermögensverhältnisse, eine Berufshaftpflichtversicherung und die entsprechende Sachkunde nachweisen.
Unter dem Oberbegriff „Versicherungsvermittler“ werden laut §59 VVG (Gesetz über den Versicherungsvertrag) drei Berufsgruppen zusammengefasst. Laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHT) sind  in Deutschland 211.856 Versicherungsvertreter tätig - das sind in der Regel Personen, die nur für einen Versicherer arbeiten. 44.864 Personen gelten als Makler, die unabhängig von einem einzelnen Versicherer sind. Und nur 203 nennen sich Versicherungsberater, die für ihre Dienste ein Honorar verlangen.
Im Volksmund werden sie einfach Vertreter genannt. Doch auch diese Gattung der Versicherungsvermittler gibt es in verschiedenen Varianten, etwa als Mehrfachversicherungsvertreter, Generalagent oder Mehrfachagent. Sie sind formal betrachtet sind Handelsvertreter, die von einem oder mehreren Versicherungsunternehmen beauftragt sind, deren Versicherungen zu vermitteln. Und sie erhalten Provision, wenn der Kunde einen Vertrag abschließt.
Versicherungsmakler sind Kaufleute nach dem Handelsrecht und vertraglich nicht an ein Unternehmen gebunden. Insofern sind sie im Vergleich zu Vertretern unabhängiger und können zwischen Produkten mehrerer Anbieter wählen – doch auch sie bekommen bei Vertragsabschluss eine Courtage der jeweiligen Versicherung. Zudem kann der Versicherungsmakler die Versicherungsverträge eines Kunden dauerhaft betreuen, um sie immer dem aktuellen Bedarf anzupassen.
Versicherungsberater – im Vergleich eine verschwindend kleine Anzahl – sind verpflichtet, ihre Kunden individuell und in deren Interesse zu beraten. Um ihre Unabhängigkeit zu gewährleisten, beziehen sie keine Provisionen von Versicherungen, sondern beraten Kunden auf Honorarbasis. Sie rechnen entsprechend der Rechtsanwalts-Vergütungsverordnung (RVG) ab. Das Honorar wird vorab mit den Mandanten vereinbart. Üblich ist ein Stundenhonorar.
So nennen sich die Vermittler, die für den größten deutschen Finanzvertrieb DVAG unterwegs. Formal betrachtet handelt es sich oft um Handelsvertreter, die nur Produkte des Versicherungskonzerns Generali im Gepäck haben. Das Problem für Kunden: Der Begriff Berater wird von vielen Verkäufern in der Finanzbranche verwendet. Wichtig ist es daher, den jeweiligen Hintergrund genau zu erfragen.
Wenig trennscharf ist auch der Begriff des Versicherungskaufmanns. Dies kennzeichnet vor allem die Ausbildung eines Verkäufers oder Beraters. Versicherungskaufleute gibt es in den Versicherungskonzernen genauso wie bei Maklern oder auch in Banken oder in größeren Unternehmen mit einer Versicherungsabteilung. Sie können auch selbstständig sein und Versicherungen vermitteln oder auch einfach nur gegen ein Honorar beraten.

 

Das schlechte Image muss besser werden, nur dann lassen sich Versicherungen auch gut verkaufen. Und folgt man dem Gedankengang mancher Branchenkenner, dann könnten Unternehmen einerseits und Vermittler andererseits auch dafür sorgen. Allerdings müssten die Akteure dann wohl auch einige unangenehme Wahrheiten akzeptieren.

„Die Versicherer müssen sich auf einen dauerhaft gesättigten Markt einstellen.“ Das erwarten die Berater von Bain & Company. Die Verkäufer müssten sich umstellen und künftig „effizienter, kundenorientierter und qualifizierter“ arbeiten. Dafür sei jedoch ein umfassender Kultur- und Strukturwandel nötig.

 

Henrik Naujoks, Bereichsleiter für Versicherungen bei Bain, erwartet strukturelle Überkapazitäten im Vertrieb. Mit anderen Worten: Es gibt noch immer zu viele Vermittler. Und wie seine Kollegen von Oliver Wyman findet auch er, dass deren Einnahmen zu hoch sind. Das könnten sich die Versicherer bald nicht mehr leisten. Um die Ertragskraft der Versicherer wiederherzustellen, „müssen auch die Vertriebskosten sinken“. 

Gleichzeitig dürften Versicherer und Unternehmen aber nicht weitermachen wie bisher. Das heißt: Statt in erster Linie auf schnelle Abschlüsse und hohe Einnahmen zu schielen, sollten sie sich stärker auf das Geschäft mit den vorhandenen Kunden konzentrieren. Ertrag und Qualität müssten dabei im Vordergrund stehen – genauso wie Bindung und regelmäßige Betreuung der Bestandskunden.

 

„Im Versicherungsvertrieb ist das ein Paradigmenwechsel, wenn nicht sogar eine Revolution“, urteilt Branchenanalyst Naujoks. Denn dies erfordere „ein viel langfristigeres Denken, ein gutes Kundenverständnis, eine hochqualifizierte Beratung, intelligente Bestandsprodukte und nicht zuletzt auch neue Vergütungsstrukturen“. 

Bei erfahrenen und langfristig denkenden Vertretern wie Michael Erdmann laufen die Ratgeber der Versicherungsmanager damit offene Türen ein. Erdmann fordert schon lange eine Umstellung des Provisionssystems – weg von hohen Zahlungen beim Abschluss eines Vertrags, hin zu regelmäßigen Zahlungen über die gesamte Laufzeit einer Police. Denn, und da ist er sich mit den Beratern einig: Das fördert die langfristige Bindung an einen Kunden und erhöht die Qualität der Beratung.

 

 

Die Idee hinter solchen Konzepten ist: Die Vermittler sollen sich weiter entwickeln – vom Verkäufer zum Berater. Solch ein Umbruch kann jedoch auch gefährlich sein und für viele Vermittler das Aus bedeuten. Dies zeigt das Beispiel Großbritannien. Dort waren Provisionen generell verboten worden. In der Folge verschwanden Vermittler, die nur für einen Versicherer arbeiteten, fast komplett, stellen die Experten von Oliver Wyman fest.

Die Gesamtzahl der Versicherungsvermittler verringerte sich dramatisch. Im Vergleich zum Höhepunkt der Vermittlerzahlen arbeiteten zuletzt nur noch ein Zehntel davon in der Branche. Nachdem zahlreiche Fälle von Falschberatung für Empörung gesorgt hatten, wollten die Versicherer nach der Jahrtausendwende nicht mehr das Risiko dafür tragen und stiegen aus dem Vertrieb schrittweise aus.

 

Auftritt

In Strukturvertrieben wie AWD, der einmal von Carsten Maschmeyer geführt wurde, gelten strenge Kleidervorschriften für Vermittler. Die Berater wirken deshalb oft zum Verwechseln ähnlich: Dunkler Anzug, weißes Hemd, farblose Krawatte. Kritiker raten, hinter das seriös wirkende Äußere zu blicken. So zeigte der Film "Versicherungsvertreter" MEG-Vermittler, die sich erst beim Kunden auf Augenhöhe einschmeicheln und hinterher mit dem flotten Sportwagen abrauschen. Das Erscheinungsbild kann blenden und verrät nichts über Beratungsqualität.

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Beratung im Büro

Gehen Sie zu Ihrem Versicherungsvertreter und schauen Sie sich sein Arbeitsumfeld an. Vermittler, die am liebsten im Wohnzimmer des Kunden Kaffee trinken, in der Sonne Cocktails schlürfen oder im Cafe Kuchen essen, haben vielleicht keine eigenen Räumlichkeiten, sondern nur ein Großraumbüro. Dort sitzen sie mit anderen Verkäufern, die über das Telefon oder das Internet Geschäfte anbahnen und vor Ort mit einer Schmalspurberatung die rasche Vertragsunterschrift suchen. Zwar hat der Ort der Beratung nichts mit der Qualität der Beratung zu tun, doch auf die Arbeitsweise des Beraters könnte er Hinweise liefern.

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Telefon? Nein Danke!

Ein Versicherungsvertreter braucht eine solide Basis, um Geld zu verdienen. Er sollte einen festen Kundenstamm haben und in einem stabilen Umfeld arbeiten. Wenn er darauf angewiesen ist, über das Telefon Geschäfte anzubahnen, sollten Interessenten vorsichtiger werden. Es könnte sich um jemanden handeln, der nur einmal einen schnellen Abschluss machen möchte und dann nie wieder zu sehen ist.

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Bieder feiern

Die zum Ergo-Versicherungskonzern gehörende Hamburg-Mannheimer hat für ihre besten 100 Vertreter eine rauschende Sex-Party in Budapest organisiert, in der traditionsreichen Gellert-Therme. Wüstenrot fuhr mit seinen Vertretern nach Rio, dabei streiften sie auch ein zweifelhaftes Gebäude. Mit solchen Feiern belohnen Finanzkonzerne Power-Vertreter, die besonders viele Verträge verkauft haben. Oft kommt bei solchen Vermittlern die Beratung zu kurz, weil sie zu sehr ans Geldverdienen denken.

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Ruhiges Arbeitsumfeld

Der Verkaufsdruck in der Versicherungsbranche ist groß, manchmal tragen auch Kostensenkungsprogramme von Aktiengesellschaften dazu bei. Wo Versicherer im Innendienst Kosten senken, müssen Vermittler oft besonders viele Abschlüsse liefern. Denn der Versicherer will seine Gewinnmarge erhöhen. Das Bedürfnis der Kunden nach gutem Service und günstigem Versicherungsschutz muss da oft zurückstehen.

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Orientierung am Bedarf

Verkäufer reden gerne und stellen ihren Kunden dann Fragen, die nur in ihrem Sinne beantwortet werden können. Das leitet dann meist schnell über in den Verkauf einer ganz speziellen Versicherung. Gute Berater erkundigen sich dagegen nach den Bedürfnissen und checken, ob ein Kunde die wichtigen Versicherungen hat, wie etwa eine private Haftpflicht oder einen Schutz gegen Berufsunfähigkeit. Als Kunde sollten Sie sagen, was Ihnen wichtig ist. Ob jemand eine Versicherung überhaupt benötigt, hängt auch von der Risikobereitschaft und dem Vermögen des Kunden ab. Wer finanziell gut dasteht, kann einen Schaden auch mal selbst tragen.

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Selbstbewusstsein

Hochwertige Beratung ist nicht umsonst, auch wenn manche Versicherungsvertreter diesen Eindruck gerne erwecken. Seriöse Vermittler nennen daher vor der Beratung ihren Preis und lassen den Kunden entscheiden, ob er damit einverstanden ist. Das kann ein Honorar sein, das vorher vereinbart wird. Es kann aber auch eine Provision sein, die hinterher von den ersten Beiträgen an die Versicherung abgezogen wird. In jedem Fall sollte der Kunde wissen, was er bezahlt - und was er dafür bekommt. Denn die Kehrseite des Preises ist die Leistung, die jedoch sehr unterschiedlich ausfallen kann.

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Wettbewerb

Kein Versicherungsunternehmen ist in allen Bereichen ausgezeichnet. Vertretern, die nur die Produkte eines einzigen Anbieters verkaufen, sollte daher mit Skepsis begegnet werden. Wenn man - so wie der für die Versicherungsaufsicht zuständige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf diesem Bild - alle Äpfel in einen Korb legt, bleibt vielleicht nicht viel übrig, wenn ein paar faule drin sind. Oder es fallen ein paar Äpfel heraus und haben dann Beulen. Vertrauen bildend könnte hier wirken, wenn in der Beratung auch Schätzchen anderer Gesellschaften empfohlen werden.

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Prozente

Neuerdings können Kunden mit dem Vermittler verhandeln, ob dieser einen Teil seiner Provision weitergibt. Am günstigsten für den Kunden sind oft Tarife ohne jegliche Provision, sogenannte Honorartarife. Doch die meisten Vermittler haben dies noch nicht im Angebot. Denn diese Tarife basieren auf einem anderen Entlohnungssystem. Damit der Vermittler hier etwas verdient, muss er mit dem Kunden ein Honorar vereinbaren. Gute Vertreter kennen günstigere Einkaufsmöglichkeiten und weisen ihren Kunden darauf hin, etwa auf Fonds-Produkte.

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Bedenkzeit

Schlussverkaufsmentalität ist bei Versicherungen fehl am Platze. Vertreter, die mit scheinbaren Vorteilen auf eine sofortige Unterschrift drängen, wollen oft nur den schnellen Abschluss und denken zu wenig an den Kunden. Sie sind häufig auch nicht an einer dauerhaften Beziehung interessiert. Wer dagegen auch anderen Zeit zum Nachdenken gibt, so wie der ehemalige Handballtrainer und Versicherungsvertreter Heiner Brand, und seine Kunden nicht zur Unterschrift drängt, wird auf Dauer mehr Anerkennung erfahren.

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Ausbildung

Versicherungen sind ein komplexes Gebiet. Das lernt man nicht in ein paar Wochenendseminaren. Kunden sollten sich daher ausführlich darüber informieren, welchen Hintergrund und welche Erfahrung der jeweilige Berater hat. Anhaltspunkte liefern folgende Fragen: Wie lange ist er in dem Beruf? Hat er eine akademische Ausbildung? Wo hat er sich weitergebildet und wie oft? Bei welchen Unternehmen hat er gearbeitet? Auf Dauer wäre eine gesetzliche Regelung über die Ausbildung von Beratern zwar besser, doch damit ist vorerst nicht zu rechnen.

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Protokolle

Damit beide Seiten wissen, was in der Beratung besprochen wurde, ist ein Protokoll verpflichtend. Es sollte verständlich sein und auch ausführlich auf die Risiken und Nachteile einer Entscheidung eingehen. Oft sind die Protokolle von Vermittlern aber nicht nachvollziehbar und gehen am Bedarf vorbei, kritisieren Verbraucherschützer.

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Wenig Papier

Viele Versicherer haben es sich angewöhnt, an den Kunden Papierberge weiter zu leiten. Dies liest kein normaler Kunde. Dies dient nur der rechtlichen Absicherung des Versicherers und des Vertreters und vergammelt beim Kunden. Gute Vertreter haben die Kernaussagen übersichtlich auf einem Blatt Papier zusammengefasst, sie vermeiden überdies das Fachchinesisch. Schuld an den Papierbergen ist übrigens der Gesetzgeber. Damit wollte die Politik dem Verbraucher etwas Gutes tun, das Gegenteil wurde erreicht.

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Stärkere Regulierung des Vertriebs habe in Großbritannien dazu geführt, dass Kunden mit niedrigem und mittlerem Einkommen faktisch von der Finanzberatung ausgeschlossen worden seien. „Die meisten Kunden sind für Vermittler nicht mehr profitabel“, stellten die Berater fest. Insbesondere das Verbot von Provisionen habe den Anteil an unprofitablen Kunden enorm erhöht. 

Ein Problem, das Versicherungsvertreter hierzulande gut kennen. Unternehmerisch denkende Vermittler nehmen daher Kunden gar nicht erst, wenn die nur eine einzige Versicherung haben möchten, die wenig Provision bringt. Erst wenn mehrere Policen abgeschlossen werden, lohnt sich die Beschäftigung mit den Bedürfnissen des Kunden.

 

Auch in den Niederlanden erwarten die Oliver-Wyman-Experten, dass ein Verbot von Provisionen den Versicherungsmarkt tiefgreifend verändern wird. Große Teile der Bevölkerung würden dadurch von der professionellen Finanzberatung ausgeschlossen. Die Folge könnte eine Unterversorgung von Versicherungsprodukten bei niederländischen Haushalten mit niedrigem Einkommen sein. 

In Deutschland ist ein Verbot von Provisionen dagegen kein Thema. Verbraucherschützer attackieren diese Entlohnungsform zwar immer wieder, doch die Branche genießt die Unterstützung der Politik. Nur auf Übertreibungen wie in der privaten Krankenversicherung (PKV) reagierten die Unternehmen. Und Verbände versuchen seit einigen Jahren, einen Ehrenkodex für den Vertrieb zu etablieren, um so der Kritik an zweifelhaften Verkaufsmethoden zu begegnen. 

 

Vertreter packen aus (Teil 1)

„Ohne Abschluss ist man ein Nichts“

 

Für die Versicherer selbst ist die Debatte um Provisionen und Kosten ein zweischneidiges Schwert. Einerseits haben sie jahrzehntelang vom bestehenden Entlohnungssystem profitiert – und damit auch immer effizienter ihre Vermittler gesteuert. Andererseits zwingt sie der schärfere Wettbewerb zu immer neuen Kostensenkungsrunden. Davon kann am Ende kein Bereich ausgeschlossen werden.

Für Provisionen gilt dies auch deshalb, weil schlankere Online-Anbieter den etablierten Vertrieben mit vielen Vertretern zunehmend das Leben erschweren – gerade in Sparten, in denen herkömmliche Vertreter bei einem Abschluss überhaupt nicht auf ihre Kosten kommen, etwa für eine Autoversicherung oder eine Haftpflichtpolice.

 

Die Ratschläge der Branchenanalytiker, Provisionen zu drücken, kommen manchem Manager daher sicher entgegen. Denn er muss das Thema nicht von sich aus auf die Tagesordnung setzen. Er kann stattdessen auf die Ratschläge verweisen und so die nächste Kostensenkungsrunde einläuten.

Das Risiko dabei: Unter den Vertreter könnte es brodeln, manche wechseln vielleicht zu einem Konkurrenten, der ein ruhigeres Arbeitsumfeld bietet. Das passierte zum Beispiel der Allianz. Um gute Vermittler zu halten, versuchen sich die Versicherer daher in einer Doppelstrategie.

 

So spricht die Düsseldorfer Ergo ganz bewusst von einem „Qualitäts- und Effizienzprogramm“. Es wurde im vergangenen Jahr gestartet und ist auch eine Reaktion auf die zahlreichen Skandale, die im Ergo-Vertrieb bekannt geworden sind. 

Im Mittelpunkt stehe die Schaffung einer effizienten Vertriebsstruktur, mit der „die Komplexität und Kosten verringert und die Beratungsqualität verbessert“ werden sollen, erläutert eine Sprecherin. „Alle drei Aspekte sind Voraussetzung dafür, unsere Marktposition langfristig zu sichern und für die Vertriebspartner attraktiv zu bleiben.“

 

Ab 2014 will Ergo fünf parallel arbeitende Vertriebsorganisationen fusionieren. Sie sollen unter dem Dach in zwei Vertrieben zusammengeführt werden. Treiber für diese Veränderungen ist ein neuer Beratungsansatz, an dem sich nicht nur die Vermittler orientieren sollen, sondern an dem auch die Strukturen im Vertrieb ausgerichtet werden. 

Ergo macht damit bereits das, was die Experten von Oliver Wyman empfehlen, wenn die Einnahmen unter Druck geraten: „Flexibilisierung des Geschäftsmodells, um auf Volumenschwankungen beziehungsweise volatiles Einmalbeitragsgeschäft reagieren zu können.“ Oder auch: „Provisionseinbußen auf Seiten der Vermittler müssen durch Produktivitätssteigerung kompensiert werden – Überarbeitung des Vertriebsmodells notwendig.“

 

Ergo ist kein Einzelfall in der Branche. Jeder Versicherungsmanager beobachtet die Kostenentwicklung genau. Denn alle wissen, dass der Spielraum für alle Versicherungsunternehmen kleiner geworden ist. Früher konnten sie hohe Zahlungen an Vermittler auch deshalb in Kauf nehmen, weil die Anlageexperten ordentliche Gewinne durch ihre Kapitalanlagen erzielten. Doch diese schöne Zusatzeinnahme ist in den Zeiten extrem niedriger Zinsen zusammengeschmolzen.

Hinzu kommt, dass wegen der geringen Renditen am Kapitalmarkt die hohen Kosten bei manchen Angeboten immer stärker zu Buche schlagen. Das gilt vor allem für Altersvorsorgeprodukte. Die Verbraucher achten heute stärker auf diesen Aspekt, was die Versicherer zusätzlich unter Druck setzt. Sobald sich ein schlankerer Konkurrent mit seinen Offerten absetzt, sind sie gezwungen mitzuziehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

 

Allerdings werden die Versicherer längst nicht alle Vorschläge der Analytiker mit Freude aufnehmen. So sticht eine Idee von Oliver Wyman mitten ins Herz des deutschen Provisionssystems: Umstellung von Abschluss- auf laufende Provisionen. Das wünschen sich Verbraucherschützer schon lange. Doch dagegen sperren sich die Versicherer mit allen Mitteln – und das seit Jahren. 

Das Provisionssystem gilt als heilige Kuh, die besser nicht angetastet werden sollte. Bisher war diese Lobbyarbeit der Versicherungsbranche in Deutschland sehr erfolgreich. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das ändern könnte.

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