Provisionen: Schwere Zeiten für Versicherungsvertreter
Versicherungsvertreter leben von Provisionen. Doch Unternehmensberater empfehlen deren Kürzung.
Foto: Getty ImagesDüsseldorf. Vermittler sind das Herz der Versicherungsbranche. Doch sinkende Zinsen, aggressive Konkurrenten und kritische Verbraucher stellen die Verkäufer vor Ort wie auch die Versicherer vor gewaltige Herausforderungen.
Die Branche schrumpft, Sparprogramme verpuffen, Provisionen verteuern das Neugeschäft, steigende Schadenkosten bedrohen die Profitabilität: Das alles stellt die Unternehmensberatung Oliver Wyman in einer Studie fest, die Handelsblatt Online vorliegt. Hinzu kommt, dass die Erträge aus Kapitalanlagen womöglich bald nicht mehr ausreichen, um Ansprüche der Versicherten zu decken. Überdies überaltert die Branche: Den Unternehmen fehlten die Talente.
Das beängstigende Fazit dieser Analyse: „Einzeln ist jede dieser Herausforderungen zu bewältigen. Die Kombination hat das Potenzial, das Geschäftsmodell der Versicherungen zu gefährden.“ Die Unternehmen müssen wieder handeln und Kosten senken. Doch dieses Mal ist wohl auch ein Bereich betroffen, der mancherorts gerne ausgespart wurde: der Vertrieb.
„Die Provisionen sind bereits auf hohem Niveau, doch in der Lebens- und Sachversicherung steigt ihr Anteil an den Gesamtkosten“, stellt Bernhard Kotanko, Versicherungsexperte bei Oliver Wyman, fest. Trotz erheblicher Kostensenkungen seien die Stückkosten in der Sachversicherung ebenfalls nach oben gegangen. Das mache eine Reduzierung der Vertriebskosten und Provisionen notwendig. Kotanko: „Versicherer kommen nicht um eine umfassende Neuaufstellung der Vertriebsvergütung herum.“
Solche Überlegungen treffen vor allem die Vermittler, egal ob sie sich nun Vertreter, Berater oder Makler nennen. Jeder Versicherer pflegt und päppelt diese Klientel. Schließlich bringt sie den Umsatz, den die meisten Manager in ihren Bilanzen später gerne als großen Erfolg vermarkten – Stichwort Wachstum.
Und in der Tat bestätigen Manager unter der Hand: Der Wettlauf um immer niedrigere Kosten ist voll im Gange – und er wird weitergehen. Dabei sind Provisionen nun sogar offiziell ein Thema, denn die deutschen Versicherer diskutieren bereits eine Höchstgrenze für Vermittlerprovisionen bei Lebens- und Rentenversicherungen. Anlass seien die aktuelle Niedrigzins-Phase und die Kritik von Verbraucherschützern und Politik, sagte eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) der "Süddeutschen Zeitung".
Es gilt das Motto: Wer schlank ist, lebt am längsten. Was bedeutet dies für Versicherungsvertreter und ihre Kunden?
Geht es nun den Vermittlern richtig an den Geldbeutel? Und profitieren davon die Kunden, weil sie weniger Provisionen zahlen müssen? Fragt man altgediente Versicherungsvertreter wie Michael Erdmann aus Hildesheim danach, ist die Reaktion große Gelassenheit. So neu wirkt das alles auf ihn nicht. Der Kostendruck nehme schon zu, wenn man sich den Forderungen nach mehr Umsatz beuge. Aber das wollten ja immer weniger Kollegen mit sich machen lassen.
Der Zurich-Vertreter, der jüngst sogar eine Doktorarbeit geschrieben hat, sieht das eher auf einer Linie mit all den Dingen, die Vermittlern seit Jahrzehnten das Leben versauerten. Von Informations- und Protokollpflichten über schlechtes Image bis hin zu „Kunden mit unglaublichen Ansprüchen“. Und schließlich sei da die Industrialisierung, die bereits vor einem Vierteljahrhundert in die Branche Einzug gehalten habe.
Vor 25 Jahren habe man eine Din-A-4-Seite zum Lesen erhalten, wenn sich an Hausratversicherungen etwas änderte, erinnert sich Erdmann: „Die Veränderung war dann schnell in den Köpfen präsent, verarbeitet und verbreitet.“ Und wie ist es heute? „Man erhält eine DVD mit fünf Seiten Installationsanweisung und einem zu bestätigenden Identifizierungscode.“
Auch in anderen Versicherungssparten stellt er „solchen Irrsinn“ fest. Wenn vor 25 Jahren ein Gebäudeschaden gemeldet worden sei, habe er versucht, mit einem Sachbearbeiter das Procedere der Schadenabwicklung abzustimmen und zu entscheiden. Schließlich kannte er ja den Kunden und die Umstände des Schadens. Und heute? „Es ist nicht mehr die Telefonnummer des Sachbearbeiters, die besetzt ist, sondern die des jeweils zuständigen Callcenters – mit einer inzwischen perfektionierten musikalischen Untermalung der Wartezeit, während dann ein Angelernter zunächst einmal das anzulegende Bearbeitungstool abarbeitet“, ärgert sich Erdmann.
Dabei werde der Vorfall dann entweder in einem komplizierten Zufallsverfahren oder nach genauestens vordefinierten Zuständigkeitskompetenzen zugeordnet, mit einer Schadennummer und einer Schadenbearbeitungsfortschritts-Nummer sowie mit einer Zuständigkeitscodierung. Die Telefonnummer eines Entscheidungsträgers erhalte man dann immer noch nicht, sondern in der Regel eine 0800er-Nummer. Über die müsse man sich dann die mündliche Besprechung und Abstimmung im Ernstfall über ein anderes Callcenter erbetteln – „natürlich ebenfalls mit entsprechender Begleitmusik“, wie Erdmann sarkastisch hinzufügt.
Sein ernüchterndes Fazit: „Immer mehr Arbeitszeit wird nicht mit der Beschäftigung mit dem Problem und dem Lösen des Sachverhalts verbracht, sondern geht verloren mit dem Abarbeiten von Fragestellungen zu elektronischen Entscheidungsbäumen, Listen, Eingabetools und Exceltabellen – nur um überhaupt in die Nähe einer Entscheidung zu kommen.“
Diese Veränderungen im Arbeitsalltag der Vermittler nehmen Kunden in aller Regel gar nicht wahr. Sie führen jedoch mit dazu, dass immer mehr Vermittler enttäuscht die Brocken hinwerfen und aus dem Beruf ausscheiden. Auch ein Problem der Branche: „Ich glaube schon, dass man so etwas wie ein Vermittlersterben beobachten kann“, stellt Erdmann fest.
Aus den verfügbaren Zahlen ist diese Einschätzung allerdings nur mühsam herauszulesen. Es gibt zwar ein Register für Versicherungsvermittler. Danach vermitteln in Deutschland mehr als 250.000 Personen Versicherungen. Doch weitergehende Informationen über die dort Registrierten liefern die zuständigen Handelskammern bisher nicht - sehr zum Ärger von Vermittlerverbänden.
Experten wie der Wissenschaftler und Journalist Matthias Beenken schätzen, dass es tatsächlich viel mehr Versicherungsvermittler in Deutschland gibt als registriert sind. Er schätzt die Gesamtzahl auf rund 370.000 Personen. Interessant daran ist: Das wären viel weniger als vor Einführung der Registrierungspflicht. Damals schätzten Experten die Zahl der Vermittler auf etwa eine halbe Million, wobei haupt- wie nebenberuflich Tätige gezählt wurden.
Unter dem Strich könnten also in den vergangenen Jahren mehr als 100.000 nebenberufliche Gelegenheitsvermittler oder Tippgeber aufgegeben haben, weil sie den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen waren. Hinzu kommt, dass mehrere Hunderttausend wohl nicht von ihren Provisionen leben können.
Beenken schätzt, dass knapp 100.000 hauptberufliche Betriebe – ob nun Vertreter, Berater oder Makler – „im Markt eine Bedeutung“ haben. Davon sei die Masse für nur einen Versicherer tätig. Von diesen Ausschließlichkeitsvertretern gebe es 58.900, also gut 60 Prozent.
Das wären dann die Profis, über die immer wieder hergezogen wird. Warum eigentlich ist das Image des Versicherungsvertreters so schlecht? Das fragt sich Frank Weber, der früher für die Württembergische Versicherung gearbeitet hat und heute als Berater tätig ist. Seine Antwort: „Es scheint im nationalen Gen-Code verankert zu sein, dass Versicherungs-Bashing zum guten Ton gehört.“ So sage bereits der Volksmund: „Und ist ihm gar nichts sonst gelungen, so macht er in Versicherungen.“
Das schlechte Image muss besser werden, nur dann lassen sich Versicherungen auch gut verkaufen. Und folgt man dem Gedankengang mancher Branchenkenner, dann könnten Unternehmen einerseits und Vermittler andererseits auch dafür sorgen. Allerdings müssten die Akteure dann wohl auch einige unangenehme Wahrheiten akzeptieren.
„Die Versicherer müssen sich auf einen dauerhaft gesättigten Markt einstellen.“ Das erwarten die Berater von Bain & Company. Die Verkäufer müssten sich umstellen und künftig „effizienter, kundenorientierter und qualifizierter“ arbeiten. Dafür sei jedoch ein umfassender Kultur- und Strukturwandel nötig.
Henrik Naujoks, Bereichsleiter für Versicherungen bei Bain, erwartet strukturelle Überkapazitäten im Vertrieb. Mit anderen Worten: Es gibt noch immer zu viele Vermittler. Und wie seine Kollegen von Oliver Wyman findet auch er, dass deren Einnahmen zu hoch sind. Das könnten sich die Versicherer bald nicht mehr leisten. Um die Ertragskraft der Versicherer wiederherzustellen, „müssen auch die Vertriebskosten sinken“.
Gleichzeitig dürften Versicherer und Unternehmen aber nicht weitermachen wie bisher. Das heißt: Statt in erster Linie auf schnelle Abschlüsse und hohe Einnahmen zu schielen, sollten sie sich stärker auf das Geschäft mit den vorhandenen Kunden konzentrieren. Ertrag und Qualität müssten dabei im Vordergrund stehen – genauso wie Bindung und regelmäßige Betreuung der Bestandskunden.
„Im Versicherungsvertrieb ist das ein Paradigmenwechsel, wenn nicht sogar eine Revolution“, urteilt Branchenanalyst Naujoks. Denn dies erfordere „ein viel langfristigeres Denken, ein gutes Kundenverständnis, eine hochqualifizierte Beratung, intelligente Bestandsprodukte und nicht zuletzt auch neue Vergütungsstrukturen“.
Bei erfahrenen und langfristig denkenden Vertretern wie Michael Erdmann laufen die Ratgeber der Versicherungsmanager damit offene Türen ein. Erdmann fordert schon lange eine Umstellung des Provisionssystems – weg von hohen Zahlungen beim Abschluss eines Vertrags, hin zu regelmäßigen Zahlungen über die gesamte Laufzeit einer Police. Denn, und da ist er sich mit den Beratern einig: Das fördert die langfristige Bindung an einen Kunden und erhöht die Qualität der Beratung.
Die Idee hinter solchen Konzepten ist: Die Vermittler sollen sich weiter entwickeln – vom Verkäufer zum Berater. Solch ein Umbruch kann jedoch auch gefährlich sein und für viele Vermittler das Aus bedeuten. Dies zeigt das Beispiel Großbritannien. Dort waren Provisionen generell verboten worden. In der Folge verschwanden Vermittler, die nur für einen Versicherer arbeiteten, fast komplett, stellen die Experten von Oliver Wyman fest.
Die Gesamtzahl der Versicherungsvermittler verringerte sich dramatisch. Im Vergleich zum Höhepunkt der Vermittlerzahlen arbeiteten zuletzt nur noch ein Zehntel davon in der Branche. Nachdem zahlreiche Fälle von Falschberatung für Empörung gesorgt hatten, wollten die Versicherer nach der Jahrtausendwende nicht mehr das Risiko dafür tragen und stiegen aus dem Vertrieb schrittweise aus.
Auftritt
In Strukturvertrieben wie AWD, der einmal von Carsten Maschmeyer geführt wurde, gelten strenge Kleidervorschriften für Vermittler. Die Berater wirken deshalb oft zum Verwechseln ähnlich: Dunkler Anzug, weißes Hemd, farblose Krawatte. Kritiker raten, hinter das seriös wirkende Äußere zu blicken. So zeigte der Film "Versicherungsvertreter" MEG-Vermittler, die sich erst beim Kunden auf Augenhöhe einschmeicheln und hinterher mit dem flotten Sportwagen abrauschen. Das Erscheinungsbild kann blenden und verrät nichts über Beratungsqualität.
Foto: apBeratung im Büro
Gehen Sie zu Ihrem Versicherungsvertreter und schauen Sie sich sein Arbeitsumfeld an. Vermittler, die am liebsten im Wohnzimmer des Kunden Kaffee trinken, in der Sonne Cocktails schlürfen oder im Cafe Kuchen essen, haben vielleicht keine eigenen Räumlichkeiten, sondern nur ein Großraumbüro. Dort sitzen sie mit anderen Verkäufern, die über das Telefon oder das Internet Geschäfte anbahnen und vor Ort mit einer Schmalspurberatung die rasche Vertragsunterschrift suchen. Zwar hat der Ort der Beratung nichts mit der Qualität der Beratung zu tun, doch auf die Arbeitsweise des Beraters könnte er Hinweise liefern.
Foto: dpaTelefon? Nein Danke!
Ein Versicherungsvertreter braucht eine solide Basis, um Geld zu verdienen. Er sollte einen festen Kundenstamm haben und in einem stabilen Umfeld arbeiten. Wenn er darauf angewiesen ist, über das Telefon Geschäfte anzubahnen, sollten Interessenten vorsichtiger werden. Es könnte sich um jemanden handeln, der nur einmal einen schnellen Abschluss machen möchte und dann nie wieder zu sehen ist.
Bieder feiern
Die zum Ergo-Versicherungskonzern gehörende Hamburg-Mannheimer hat für ihre besten 100 Vertreter eine rauschende Sex-Party in Budapest organisiert, in der traditionsreichen Gellert-Therme. Wüstenrot fuhr mit seinen Vertretern nach Rio, dabei streiften sie auch ein zweifelhaftes Gebäude. Mit solchen Feiern belohnen Finanzkonzerne Power-Vertreter, die besonders viele Verträge verkauft haben. Oft kommt bei solchen Vermittlern die Beratung zu kurz, weil sie zu sehr ans Geldverdienen denken.
Foto: dpaRuhiges Arbeitsumfeld
Der Verkaufsdruck in der Versicherungsbranche ist groß, manchmal tragen auch Kostensenkungsprogramme von Aktiengesellschaften dazu bei. Wo Versicherer im Innendienst Kosten senken, müssen Vermittler oft besonders viele Abschlüsse liefern. Denn der Versicherer will seine Gewinnmarge erhöhen. Das Bedürfnis der Kunden nach gutem Service und günstigem Versicherungsschutz muss da oft zurückstehen.
Foto: dpa-dpawebOrientierung am Bedarf
Verkäufer reden gerne und stellen ihren Kunden dann Fragen, die nur in ihrem Sinne beantwortet werden können. Das leitet dann meist schnell über in den Verkauf einer ganz speziellen Versicherung. Gute Berater erkundigen sich dagegen nach den Bedürfnissen und checken, ob ein Kunde die wichtigen Versicherungen hat, wie etwa eine private Haftpflicht oder einen Schutz gegen Berufsunfähigkeit. Als Kunde sollten Sie sagen, was Ihnen wichtig ist. Ob jemand eine Versicherung überhaupt benötigt, hängt auch von der Risikobereitschaft und dem Vermögen des Kunden ab. Wer finanziell gut dasteht, kann einen Schaden auch mal selbst tragen.
Foto: dpaSelbstbewusstsein
Hochwertige Beratung ist nicht umsonst, auch wenn manche Versicherungsvertreter diesen Eindruck gerne erwecken. Seriöse Vermittler nennen daher vor der Beratung ihren Preis und lassen den Kunden entscheiden, ob er damit einverstanden ist. Das kann ein Honorar sein, das vorher vereinbart wird. Es kann aber auch eine Provision sein, die hinterher von den ersten Beiträgen an die Versicherung abgezogen wird. In jedem Fall sollte der Kunde wissen, was er bezahlt - und was er dafür bekommt. Denn die Kehrseite des Preises ist die Leistung, die jedoch sehr unterschiedlich ausfallen kann.
Foto: dpaWettbewerb
Kein Versicherungsunternehmen ist in allen Bereichen ausgezeichnet. Vertretern, die nur die Produkte eines einzigen Anbieters verkaufen, sollte daher mit Skepsis begegnet werden. Wenn man - so wie der für die Versicherungsaufsicht zuständige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf diesem Bild - alle Äpfel in einen Korb legt, bleibt vielleicht nicht viel übrig, wenn ein paar faule drin sind. Oder es fallen ein paar Äpfel heraus und haben dann Beulen. Vertrauen bildend könnte hier wirken, wenn in der Beratung auch Schätzchen anderer Gesellschaften empfohlen werden.
Foto: dpaProzente
Neuerdings können Kunden mit dem Vermittler verhandeln, ob dieser einen Teil seiner Provision weitergibt. Am günstigsten für den Kunden sind oft Tarife ohne jegliche Provision, sogenannte Honorartarife. Doch die meisten Vermittler haben dies noch nicht im Angebot. Denn diese Tarife basieren auf einem anderen Entlohnungssystem. Damit der Vermittler hier etwas verdient, muss er mit dem Kunden ein Honorar vereinbaren. Gute Vertreter kennen günstigere Einkaufsmöglichkeiten und weisen ihren Kunden darauf hin, etwa auf Fonds-Produkte.
Bedenkzeit
Schlussverkaufsmentalität ist bei Versicherungen fehl am Platze. Vertreter, die mit scheinbaren Vorteilen auf eine sofortige Unterschrift drängen, wollen oft nur den schnellen Abschluss und denken zu wenig an den Kunden. Sie sind häufig auch nicht an einer dauerhaften Beziehung interessiert. Wer dagegen auch anderen Zeit zum Nachdenken gibt, so wie der ehemalige Handballtrainer und Versicherungsvertreter Heiner Brand, und seine Kunden nicht zur Unterschrift drängt, wird auf Dauer mehr Anerkennung erfahren.
Foto: dpaAusbildung
Versicherungen sind ein komplexes Gebiet. Das lernt man nicht in ein paar Wochenendseminaren. Kunden sollten sich daher ausführlich darüber informieren, welchen Hintergrund und welche Erfahrung der jeweilige Berater hat. Anhaltspunkte liefern folgende Fragen: Wie lange ist er in dem Beruf? Hat er eine akademische Ausbildung? Wo hat er sich weitergebildet und wie oft? Bei welchen Unternehmen hat er gearbeitet? Auf Dauer wäre eine gesetzliche Regelung über die Ausbildung von Beratern zwar besser, doch damit ist vorerst nicht zu rechnen.
Foto: dpaProtokolle
Damit beide Seiten wissen, was in der Beratung besprochen wurde, ist ein Protokoll verpflichtend. Es sollte verständlich sein und auch ausführlich auf die Risiken und Nachteile einer Entscheidung eingehen. Oft sind die Protokolle von Vermittlern aber nicht nachvollziehbar und gehen am Bedarf vorbei, kritisieren Verbraucherschützer.
Foto: dpaWenig Papier
Viele Versicherer haben es sich angewöhnt, an den Kunden Papierberge weiter zu leiten. Dies liest kein normaler Kunde. Dies dient nur der rechtlichen Absicherung des Versicherers und des Vertreters und vergammelt beim Kunden. Gute Vertreter haben die Kernaussagen übersichtlich auf einem Blatt Papier zusammengefasst, sie vermeiden überdies das Fachchinesisch. Schuld an den Papierbergen ist übrigens der Gesetzgeber. Damit wollte die Politik dem Verbraucher etwas Gutes tun, das Gegenteil wurde erreicht.
Foto: dpaStärkere Regulierung des Vertriebs habe in Großbritannien dazu geführt, dass Kunden mit niedrigem und mittlerem Einkommen faktisch von der Finanzberatung ausgeschlossen worden seien. „Die meisten Kunden sind für Vermittler nicht mehr profitabel“, stellten die Berater fest. Insbesondere das Verbot von Provisionen habe den Anteil an unprofitablen Kunden enorm erhöht.
Ein Problem, das Versicherungsvertreter hierzulande gut kennen. Unternehmerisch denkende Vermittler nehmen daher Kunden gar nicht erst, wenn die nur eine einzige Versicherung haben möchten, die wenig Provision bringt. Erst wenn mehrere Policen abgeschlossen werden, lohnt sich die Beschäftigung mit den Bedürfnissen des Kunden.
Auch in den Niederlanden erwarten die Oliver-Wyman-Experten, dass ein Verbot von Provisionen den Versicherungsmarkt tiefgreifend verändern wird. Große Teile der Bevölkerung würden dadurch von der professionellen Finanzberatung ausgeschlossen. Die Folge könnte eine Unterversorgung von Versicherungsprodukten bei niederländischen Haushalten mit niedrigem Einkommen sein.
In Deutschland ist ein Verbot von Provisionen dagegen kein Thema. Verbraucherschützer attackieren diese Entlohnungsform zwar immer wieder, doch die Branche genießt die Unterstützung der Politik. Nur auf Übertreibungen wie in der privaten Krankenversicherung (PKV) reagierten die Unternehmen. Und Verbände versuchen seit einigen Jahren, einen Ehrenkodex für den Vertrieb zu etablieren, um so der Kritik an zweifelhaften Verkaufsmethoden zu begegnen.
Für die Versicherer selbst ist die Debatte um Provisionen und Kosten ein zweischneidiges Schwert. Einerseits haben sie jahrzehntelang vom bestehenden Entlohnungssystem profitiert – und damit auch immer effizienter ihre Vermittler gesteuert. Andererseits zwingt sie der schärfere Wettbewerb zu immer neuen Kostensenkungsrunden. Davon kann am Ende kein Bereich ausgeschlossen werden.
Für Provisionen gilt dies auch deshalb, weil schlankere Online-Anbieter den etablierten Vertrieben mit vielen Vertretern zunehmend das Leben erschweren – gerade in Sparten, in denen herkömmliche Vertreter bei einem Abschluss überhaupt nicht auf ihre Kosten kommen, etwa für eine Autoversicherung oder eine Haftpflichtpolice.
Die Ratschläge der Branchenanalytiker, Provisionen zu drücken, kommen manchem Manager daher sicher entgegen. Denn er muss das Thema nicht von sich aus auf die Tagesordnung setzen. Er kann stattdessen auf die Ratschläge verweisen und so die nächste Kostensenkungsrunde einläuten.
Das Risiko dabei: Unter den Vertreter könnte es brodeln, manche wechseln vielleicht zu einem Konkurrenten, der ein ruhigeres Arbeitsumfeld bietet. Das passierte zum Beispiel der Allianz. Um gute Vermittler zu halten, versuchen sich die Versicherer daher in einer Doppelstrategie.
So spricht die Düsseldorfer Ergo ganz bewusst von einem „Qualitäts- und Effizienzprogramm“. Es wurde im vergangenen Jahr gestartet und ist auch eine Reaktion auf die zahlreichen Skandale, die im Ergo-Vertrieb bekannt geworden sind.
Im Mittelpunkt stehe die Schaffung einer effizienten Vertriebsstruktur, mit der „die Komplexität und Kosten verringert und die Beratungsqualität verbessert“ werden sollen, erläutert eine Sprecherin. „Alle drei Aspekte sind Voraussetzung dafür, unsere Marktposition langfristig zu sichern und für die Vertriebspartner attraktiv zu bleiben.“
Ab 2014 will Ergo fünf parallel arbeitende Vertriebsorganisationen fusionieren. Sie sollen unter dem Dach in zwei Vertrieben zusammengeführt werden. Treiber für diese Veränderungen ist ein neuer Beratungsansatz, an dem sich nicht nur die Vermittler orientieren sollen, sondern an dem auch die Strukturen im Vertrieb ausgerichtet werden.
Ergo macht damit bereits das, was die Experten von Oliver Wyman empfehlen, wenn die Einnahmen unter Druck geraten: „Flexibilisierung des Geschäftsmodells, um auf Volumenschwankungen beziehungsweise volatiles Einmalbeitragsgeschäft reagieren zu können.“ Oder auch: „Provisionseinbußen auf Seiten der Vermittler müssen durch Produktivitätssteigerung kompensiert werden – Überarbeitung des Vertriebsmodells notwendig.“
Ergo ist kein Einzelfall in der Branche. Jeder Versicherungsmanager beobachtet die Kostenentwicklung genau. Denn alle wissen, dass der Spielraum für alle Versicherungsunternehmen kleiner geworden ist. Früher konnten sie hohe Zahlungen an Vermittler auch deshalb in Kauf nehmen, weil die Anlageexperten ordentliche Gewinne durch ihre Kapitalanlagen erzielten. Doch diese schöne Zusatzeinnahme ist in den Zeiten extrem niedriger Zinsen zusammengeschmolzen.
Hinzu kommt, dass wegen der geringen Renditen am Kapitalmarkt die hohen Kosten bei manchen Angeboten immer stärker zu Buche schlagen. Das gilt vor allem für Altersvorsorgeprodukte. Die Verbraucher achten heute stärker auf diesen Aspekt, was die Versicherer zusätzlich unter Druck setzt. Sobald sich ein schlankerer Konkurrent mit seinen Offerten absetzt, sind sie gezwungen mitzuziehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Allerdings werden die Versicherer längst nicht alle Vorschläge der Analytiker mit Freude aufnehmen. So sticht eine Idee von Oliver Wyman mitten ins Herz des deutschen Provisionssystems: Umstellung von Abschluss- auf laufende Provisionen. Das wünschen sich Verbraucherschützer schon lange. Doch dagegen sperren sich die Versicherer mit allen Mitteln – und das seit Jahren.
Das Provisionssystem gilt als heilige Kuh, die besser nicht angetastet werden sollte. Bisher war diese Lobbyarbeit der Versicherungsbranche in Deutschland sehr erfolgreich. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das ändern könnte.