Altenheim

Auch bei der privaten Pflegeversicherung steigen die Kosten.

(Foto: dpa)

Serie – Ratgeber Krankenversicherung Privatversicherten droht die nächste Welle der Prämienerhöhungen

Wegen der Pflegereform steigen die Pflegeausgaben. Nicht nur die gesetzlich Versicherten müssen sich deshalb auf höhere Beiträge gefasst machen. Worauf sich Privatversicherte einstellen müssen.
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Berlin, FrankfurtDer Coup ist dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gelungen: Unter der eher optimistisch klingenden Überschrift „Die Pflegeversicherung boomt“ teilte der Dachverband aller 100 gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen den 70 Millionen gesetzlich Pflegeversicherten Ende Mai quasi durch die Blume mit, dass es demnächst für sie erneut teurer werden dürfte.

Ein Argument stattdessen in die private Absicherung zu wechseln, ist das jedoch nicht unbedingt. Denn auch dort deutet sich eine Prämienerhöhung an. Die dürfte allerdings erst verzögert in Kraft treten und fiel im Vergleich in der Vergangenheit geringer aus als für die gesetzlich Versicherten.

Grund für die höheren Beiträge sei laut GKV-Spitzenverband die 2017 in Kraft getretene Pflegereform. Ihr Herzstück ist die Umwandlung der drei Pflegestufen in fünf Pflegegrade. Bei der Einstufung werden Einschränkungen in der Alltagskompetenz stärker berücksichtigt als in der Vergangenheit. Außerdem wurden die Leistungssätze vor allem bei der ambulanten Pflege deutlich angehoben.

Und das habe dazu geführt, so das für die Pflege zuständige Vorstandsmitglied beim GKV-Verband, Gernot Kiefer, dass inzwischen mehr Menschen mehr und höhere Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, als bei Verabschiedung der Reform erwartet worden sei. Genau 115.000 mehr Leistungsempfänger als erwartet gab es bei den gesetzlichen Kassen 2017. Allein das sorgt in diesem Jahr für Mehrkosten von rund 900 Millionen Euro.

Außerdem hat sich durch die neuen Pflegegrade seit 2017 der Anteil der Pflegebedürftigen erhöht, der in einem höheren Pflegegrad landet. Mit der Pflegereform wurde allen bereits Pflegebedürftigen überdies zugesagt, dass sich ihr Leistungsanspruch auf jeden Fall nicht verschlechtern wird, sollten sie nach dem neuen Recht in einen niedrigeren Pflegegrad eingruppiert werden, als nach altem Recht.

Bei den Prognosen der künftigen Ausgabenentwicklung war man davon ausgegangen, dass diese Personengruppe sich schnell verkleinern wird, schlicht weil die Betroffenen versterben. Tatsächlich geschieht das aber viel langsamer als erwartet, weil offenbar die Lebenserwartung vielleicht auch dank guter Pflege inzwischen weiter gestiegen ist.

Milliardendefizit bei der gesetzlichen Pflege

Zusammen mit den über alle Pflegegrade vorgesehenen Leistungsverbesserungen wird dies nach Einschätzung des GKV-Verbands dazu führen, dass sich das bereits im vergangenen Jahr einkalkulierte Defizit in der Pflegeversicherung von einer Milliarde Euro auf drei Milliarden Euro erhöhen wird. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat bereits angekündigt, dass deshalb eine Erhöhung des Pflegebeitrags um 0,2 Prozentpunkte erforderlich werden könnte. Dabei war der Pflegebeitrag in den vergangenen Jahren bereits mehrfach auf zuletzt 2,55 Prozent bzw. 2,8 Prozent für Versicherte ohne Kinder angehoben worden.

Jede Krankenkasse und jede private Krankenversicherung ist verpflichtet, ihren Versicherten auch eine Pflegeversicherung anzubieten. Dabei gilt, dass die Pflegeversicherung der Krankenversicherung folgt. Gesetzlich Krankenversicherte sichern das Pflegerisiko bei einer gesetzlichen Pflegekasse ab, während privat Krankenversicherte verpflichtet sind, das Pflegerisiko bei einem privaten Krankenversicherungsunternehmen abzusichern.

Der Wechsel vom einen System in das andere ist häufig mit einigen Hürden verbunden. So kommt die private Absicherung nur für Angestellte, deren Bruttomonatseinkommen in den vergangenen zwölf Monaten 4.950 Euro übertraf, sowie Selbstständige, Freiberufler, Beamte und jeweils deren Kinder überhaupt in Frage. Die private Absicherung eignet sich besonders für junge, gesunde Menschen, die keine Kinder wollen und auch im Alter ein gutes Einkommen haben werden. Die Beiträge sind nur vom Gesundheitszustand bei Vertragsabschluss abhängig und oft niedriger als bei der gesetzlichen Krankenversicherung bei gleichzeitig höherer Leistung. Der Wechsel sollte jedoch gut überlegt sein, denn wer einmal privat versichert ist, kommt nur schwer wieder zurück in das gesetzliche System. Für Versicherte, die älter als 55 Jahre sind, ist es nahezu unmöglich – selbst bei Arbeitslosigkeit.

Auch PKV-Mitglieder sind betroffen

Und die in jungen Jahren niedrigen Beiträge steigen im Zeitablauf, weil die Kosten für die Versicherungsleistungen sich stetig erhöhen. 2017 bekam ein Drittel aller privat Krankenversicherten eine Beitragserhöhung mitgeteilt. Es gab aber auch schon Jahre, in denen zwei Drittel betroffen waren.

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Was sich derzeit bei den gesetzlichen Pflegekassen vollzieht, findet so aktuell auch bei der privaten Pflegeversicherung statt. Zwar kann man beim PKV-Verband noch nicht mit konkreten Zahlen aufwarten. Auch dort ist man aber sicher, dass es ohne Beitragserhöhungen nicht gehen wird. Der Grund: Das Leistungsrecht und die Zugangsvoraussetzungen für Pflegeleistungen sind anders als bei der privaten Krankenversicherung bei der privaten Pflegeversicherung vollkommen identisch mit den Konditionen bei der gesetzlichen Versicherung. Deshalb kam es beispielsweise bereits im vergangenen Jahr zu Beitragserhöhungen.

Die privaten Pflegekassen haben zwar aktuell Alterungsrückstellungen von über 30 Milliarden Euro in ihren Büchern, um das Demografie-Risiko bei der Pflege aufzufangen. Das bedeutet aber nicht, dass sie deshalb vom Gesetzgeber beschlossene Leistungsverbesserungen aus der Portokasse begleichen können. Die Frage ist also nur, wann und in welcher Höhe die Prämien steigen werden. Zumal die Leistungsausgaben in der privaten Pflegeversicherung auch schon vor der Reform stärker als in früheren Jahren gestiegen sind. Seit 2013 wuchsen sie von 857 Millionen Euro auf 1,1 Milliarden Euro um über 22 Prozent.

Gleichzeitig wuchsen allerdings die reinen Leistungsausgaben in der gesetzlichen Pflegeversicherung um über 29 Prozent. Die 9,38 Millionen privat Pflegeversicherten dürfen optimistischer in die Zukunft blicken: Die Prämien in der privaten Pflegeversicherung haben sich in den vergangen Jahren trotz der stärkeren Zunahme immer noch durchweg günstiger entwickelt als in der gesetzlichen Pflegeversicherung.

Prämienerhöhung oft verzögert

Ärger und negative Schlagzeilen könnte es trotzdem geben. Der Grund: Während die Einnahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung mit jeder Lohnerhöhung automatisch steigen, weil sie als Prozentsatz vom Einkommen erhoben werden, wird der Pflegebeitrag in der privaten Versicherung in Euro und Cent erhoben. Gleiches gilt auch für die gesetzliche und private Krankenversicherung. Erhöhen dürfen ihn die Versicherer erst dann, wenn die erwarteten Leistungsausgaben um mehr als zehn Prozent stärker steigen, als die im Beitrag kalkulierten.

Der zweite auslösende Faktor für eine Prämienerhöhung ist eine Änderung der Sterbewahrscheinlichkeit um mehr als fünf Prozent. Dagegen dürfen Mehraufwendungen, wie sie in der aktuellen Niedrigzinsphase zur Sicherung der Alterungsrückstellungen entstehen, nicht bei der 10-Prozent-Grenze berücksichtigt werden.

Die Folge ist, dass wenn endlich einer der beiden auslösenden Faktoren eintritt, sich im jeweiligen Pflegetarif möglicherweise ein hoher Anpassungsbedarf aufgestaut hat. Der Ärger der Versicherten war in der Vergangenheit entsprechend groß. Trotzdem ist auch die neue Bundesregierung bisher nicht bereit, die gesetzlichen Grundlagen für Prämienerhöhungen so zu ändern, dass allzu hohe Beitragssprünge in einem Jahr vermieden werden können.

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