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Unfallopfer gegen Neinsager Wenn Versicherungen nicht zahlen

Die Versicherer zahlen jeden Tag Millionen an ihre Kunden und sind dennoch als Neinsager verschrien. Dagegen wehren sie sich vehement. Doch bei ihren Gegnern können sie so nicht punkten. Ein Pro und Kontra.
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Der Branchenverband der Versicherer wehrt sich gegen das Neinsager-Image. Und bietet dazu auf seiner Internetseite ein Audio-Interview mit dem Versicherungsmanager Norbert Rollinger an. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Der Branchenverband der Versicherer wehrt sich gegen das Neinsager-Image. Und bietet dazu auf seiner Internetseite ein Audio-Interview mit dem Versicherungsmanager Norbert Rollinger an. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Der Stachel sitzt tief. Versicherer sehen sich selbst als die Guten in dieser Welt. Schließlich schützen sie ihre Kunden vor allem Unbill der bösen Welt. Öffentlich als Neinsager, Trickser oder Täuscher dazustehen, das können und wollen sie auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Schließlich sind gute Geschäfte mit  mit ihren Produkten auch nur möglich, wenn der Ruf gut ist und nicht lädiert.

Deshalb hat der Branchenverband GDV Anfang des Jahres eine Kampagne gegen Rechtsanwälte und Vereine von Unfallopfern gestartet. An der Spitze der Brancheninitiative steht Norbert Rollinger, der Vorsitzende des GDV-Hauptausschusses Schaden- und Unfallversicherung. In einem Beitrag, der auch als Podcast zu hören ist, erklärt er: „Warum Versicherer keine Leistungen verzögern.“

Der Grund dafür wird ganz offen genannt: In Medienberichten werde regelmäßig der Generalvorwurf erhoben, dass Versicherer Leistungen verzögern würden. Da sei jedoch nichts dran. Versicherer hätten vielmehr ein großes Interesse an schneller Schadenregulierung. Für deren Ablauf gebe es allerdings bestimmte Regeln, an die man sich halten müsse.

Handelsblatt Online hat kundigen Rechtsanwälten und Vertretern von Unfallopfern die Argumente der Branche vorgelegt. Deren einhellige Meinung: Der Manager redet am Thema vorbei. Er argumentiert mit Zahlen, die wenig aussagen. Außerdem könne er wohl gar nicht wissen, was bei Rechtsanwälten so alles auf dem Tisch liege.

Im Folgenden sind die wichtigsten Aussagen von Rollinger zusammengefasst. Anwälte und Vertreter von Unfallopfern legen ihre Gegensicht dar. Das Pro und Kontra zeigt: Das Thema „Leistungen für Unfallopfer“ wird die Versicherungswirtschaft weiter in Atem halten, auch wenn der Branche das ganz und gar nicht recht ist. Denn: Unfallopfer organisieren sich, und das immer besser.

Das ist auch kein Wunder: Schließlich geht es in den Fällen, bei denen am heftigsten gerungen wird, um sehr viel Geld – manchmal um Millionen. Und oft auch um unbeschreibliches Leiden. Da lohnt sich der Streit, auch vor Gericht und selbst dann, wenn das alles sehr nervenaufreibend ist und manchmal Jahrzehnte dauert. Wie die Versicherer sich wehren und was Unfallopfer dem entgegenhalten. 

 

These 1: „Am Vorwurf ist nichts dran.“

Versicherungsmanager Norbert Rollinger repräsentiert im Branchenverband GDV die Unfall- und Schadenversicherer. Er hat für McKinsey, Axa und Generali gearbeitet. Derzeit ist er bei der R+V.

Versicherungsmanager Norbert Rollinger repräsentiert im Branchenverband GDV die Unfall- und Schadenversicherer. Er hat für McKinsey, Axa und Generali gearbeitet. Derzeit ist er bei der R+V.

Der Branchenverband veröffentlichte ein Interview, in dem sich der Versicherungsmanager Rollinger zur Regulierung der Branche äußert. Die erste Frage lautete: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, die deutschen Versicherer würden Zahlungen an ihre Kunden verzögern oder verweigern? „Da ist nichts dran“, antwortet der Manager, der bei der R+V-Gruppe arbeitet. „Schadenregulierung ist unsere Kernleistung, da wollen wir glänzen, da wollen wir im Wettbewerb unser Bestes geben.“

Das sehen Anwälte, die viele Fälle in diesem Bereich vertreten, ganz anders. So stellt der bekannte Opferanwalt Jürgen Hennemann fest: „Es kann nicht ernsthaft bestritten werden, dass das seit vielen Jahren spartenübergreifend betriebene, sogenannte Schadenmanagement im Kern auch darauf abzielt, selbst begründete Entschädigungsansprüche systematisch zu verweigern oder zumindest nach Kräften zu verschleppen.“

Die Fachanwältin Beatrix Hüller, die auf das Thema Berufsunfähigkeit spezialisiert ist, urteilt ähnlich. „Meine jahrzehntelange Erfahrung und gerade die Praxis der Versicherer in den letzten Monaten zeigen, wie restriktiv die Versicherer leisten und wie lange es dauert, bis ein Versicherter überhaupt an die Berufsunfähigkeitsrenten kommt.“

Die Vertreter von Opferschützern schätzen die Lage ebenfalls anders ein. Der Verein Subvenio macht bereits seit 2009 darauf aufmerksam, dass es im Bereich der Regulierung von Personenschäden erhebliche Defizite gebe. Dem Gesetzgeber sei schon 2012 ein entsprechender Reformvorschlag mit konkreter Handlungsempfehlung überreicht worden.

Im September 2013 habe dann eine Anhörung im Justizministerium stattgefunden. Das Ergebnis: Die mangelhafte Regulierung von Personenschäden sei in etlichen Fällen nicht von der Hand zu weisen und müsse daher deutlich verbessert werden. Die Opferschützer verstehen dies als deutliches Zeichen, dass ihre „Botschaft“ angekommen ist.

Das allerdings sehen die Versicherer ganz anders. Deren Fazit nach der Anhörung lautete so: Die Umfrage des Justizministeriums habe die Vorwürfe entkräftet: „Es werden keine systematischen Verzögerungen gesehen.“  Selbst in den wenigen strittigen Fällen würden fast immer Wege gefunden, die den Belangen aller Beteiligten gerecht werden, stellte Rollinger damals fest.

Fazit: Die grundsätzlichen Positionen beider Seiten bleiben unvereinbar.

 

These 2: „Die Hochwasserkatastrophe ist ein gutes Beispiel.“

Jürgen Hennemann: Der Rechtsanwalt ist auf Haftungs-, Verkehrs- und Versicherungsrecht spezialisiert und arbeitet grundsätzlich nicht für Versicherungen.

Jürgen Hennemann: Der Rechtsanwalt ist auf Haftungs-, Verkehrs- und Versicherungsrecht spezialisiert und arbeitet grundsätzlich nicht für Versicherungen.

Die Versicherer untermauerten ihre Haltung am Beispiel der Hochwasserkatastrophe im Süden und im Osten Deutschlands. „Alle Versicherer bemühen sich sehr intensiv, die fast 200.000 Schäden, zwei Milliarden Euro Schaden, zügig zu regulieren“, stellte Rollinger fest. „Wir sind mit vielen Vorschüssen unterwegs, um schnell und unbürokratisch dem Kunden zu helfen. Bei uns gibt’s das Geld noch schneller als aus dem staatlichen Hochwasser-Fonds.“

Anwälte und Berater halten dieses Beispiel für schlecht gewählt. Der Grund: Ihnen geht es um Personenschäden in ganz anderen Versicherungssparten. Die Opferschützer kritisieren die Regulierung in der Haftpflicht und in der Versicherung gegen Berufsunfähigkeit. Rollinger spricht dagegen über die Versicherung von Sachen, wie Wohnhäuser oder Hausrat.

Anwalt Hennemann hält dieses Beispiel daher für ungeeignet, um die Vorwürfe der Opferschützer zu entkräften. Überdies komme überhaupt nur eine sich jährlich verringernde Anzahl von Hauseigentümern in den Genuss einer Deckung für sogenannte Elementargefahren, da die Zeichnungsrichtlinien der Gesellschaften immer restriktiver würden.

Und ihm fallen spontan auch Fälle ein, in denen die Versicherer in dieser Sparte langsam und bürokratisch agiert haben. Mitunter vergehen Monate, bis Geschädigte überhaupt Geld bekommen. Das passiert insbesondere dann, wenn irgendwo Fehler gemacht wurden. Dann beauftragen Versicherer gerne ein Gutachten nach dem anderen.

Auch Versicherungsberaterin Angela Baumeister hält die unbürokratische Flutopferhilfe für ein schlechtes Beispiel. Denn hier schaue die Öffentlichkeit hin. Was schlechte Presse bewirken könne, habe ja der Versicherer Axa bei der Regulierung zur Loveparade in Duisburg hautnah erlebt. Das versuchten Versicherer natürlich weitestgehend zu vermeiden.

Die Retourkutsche komme dann aber hinterrücks, stellt die Branchenkennerin Baumeister fest. Denn derzeit seien viele Gebäudeversicherer unterwegs und würden ihre Beiträge stark anheben. Die Versicherer pochten auf Vertragsänderungen und sprächen schlimmstenfalls sogar fristgerechte Kündigungen aus.

Fazit: Das Beispiel ist schlecht gewählt. Der Punkt geht an die Opferschützer.

 

These 3: „500 Millionen Euro pro Tag leistet die Branche.“

Jana Meister arbeitet als Anwältin in Berlin. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Jana Meister arbeitet als Anwältin in Berlin. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Die Versicherer verweisen in der Debatte gerne darauf, wie viele Kunden sie mit Geld beglücken und welch gewaltige Summen sie auszahlen, wenn Schäden entstanden sind. „Wir reden immerhin von 23 Millionen Schadenfällen, die die deutsche Versicherungswirtschaft im Jahr reguliert“, stellte Rollinger fest. „Jeder dritte erwachsene Bürger ist immerhin privat oder beruflich mit einem Schadenfall betroffen, 500 Millionen Euro pro Tag werden von der Versicherungswirtschaft geleistet.“

Diese Zahlen beeindrucken die Opferschützer dagegen überhaupt nicht. Sie halten solche Geldströme für wenig aussagekräftig. Dadurch werde nur das eigentliche Problem verschleiert. Denn in diesen gewaltigen Zahlen gehen die Schicksale und die Menschen unter, um die es ihnen geht und für die sie Verbesserungen erreichen wollen.

„Die Masse der Fälle sind kleine Fische mit geringen Regulierungssummen, wie kaputte Autos oder Glasscheiben“, stellt Michael Bittner vom Unfallopfer-Hilfswerk daher auch fest. Bei einem Unfall mit Querschnittslähmung und Einzelschäden über 100.000 Euro sehe das Verhalten der Versicherer ganz anders aus.

Kleine Schäden würden zudem schnell beglichen, auch weil eine aufwändige Prüfung für den Versicherer oft teurer sein dürfte als die Regulierung, stellt die Rechtsanwältin Jana Meister fest. Wenn es jedoch um große Summen gehe, versuchten die Versicherer, alle Register zu ziehen, um nicht leisten zu müssen.

Nach der Erfahrung von Rechtsanwalt Hennemann ist kaum etwas weniger aussagekräftig als die von Versicherern zu ihren angeblichen Regulierungsverhalten aufgestellte Statistiken. Die Branche werde nicht müde, die Legende von einem angeblichen Millionenheer ausnahmslos zufriedener Versicherungsnehmer und Geschädigter aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln.

Fazit: Die Zahlen der Versicherungsbranche sind beeindruckend. Sie belegen deren wirtschaftliche Macht. Sie tragen jedoch nichts zur Lösung des Problems bei, um das es den Opferschützern geht. Der Punkt geht daher erneut an Anwälte und Berater.

 

These 4: „Ein komplizierter Schaden kann natürlich länger dauern.“

Versicherungsberaterin Angela Baumeister arbeitet auf Honorarbasis. Quelle: PR

Versicherungsberaterin Angela Baumeister arbeitet auf Honorarbasis.

(Foto: PR)

Opferschützer bemängeln, dass die Versicherer die Bearbeitung von Personenschäden oft unnötig lange hinauszögern. Rollinger verteidigt dies so: „Die Schadenbearbeitung hängt natürlich sehr stark an der Komplexität der Schäden. Ist es ein einfacher Glasschaden, geht’s ganz schnell, dann gibt’s das Geld auch in ein paar Tagen. Ist es ein komplizierter Schaden mit verletzten Personen, dann kann es natürlich länger dauern.“

Rechtsanwalt Hennemann sieht dies völlig anders. „Bei substanziellen Schäden stellt sich nicht die Frage des Ob, sondern lediglich des Wie einer intensiven und streitigen Auseinandersetzung“, stellt er fest. Soweit der GDV im Bereich von Personenschäden meine, dass Verzögerungen geradezu „in der Natur der Sache“ lägen, gehe auch dies fehl.

Tatsächlich lägen die Verzögerungen im Bereich von Personenschäden daran, dass Versicherer ein angebliches Mitverschulden des Opfers systematisch ins Blaue hinein behaupteten. Dies habe zur Folge, dass allein die gutachterliche Beweiserhebung zu dieser Behauptung zwei Jahre dauern kann.

Daneben würden regelmäßig sämtliche medizinischen und wirtschaftlichen Beeinträchtigungen von den Versicherern bestritten. Die Folge: Auch in diesen Bereichen müssten ausnahmslos Beweise von Sachverständigen erhoben werden. Und das sei selbst dann nötig, wenn der Einwand des Versicherers an Inhaltsleere kaum mehr zu überbieten ist.

Versicherungsberaterin Baumeister stellt darüber hinaus fest, dass viele Kunden überfordert sind, schon wenn sie Anträge stellen müssten. Es kämen dann von den Unternehmen mehrseitige Erhebungsbögen, Entbindungserklärungen, Aufklärungsbögen und weiteres. „Hier kann man als Laie sehr viel falsch machen, was dann dem Versicherer die Tür öffnet“, warnt Baumeister. „Und meine Praxiserfahrung ist, dass die Versicherer gerne durch diese offene Tür gehen.“

Zum Beispiel so: „Bei der Anforderung von Unterlagen ist es ein beliebtes Spiel, diese nur kleckerweise anzufordern“, berichtet Anwältin Meister. Mandanten seien oft damit beschäftigt, über Monate immer neue Dokumente vorzulegen. „Unberechtigte Leistungsablehnungen, ungebührliche Leistungsverzögerungen, mangelhafte Gutachten, damit habe ich tagtäglich zu tun“, ergänzt Beraterin Baumeister.

Fazit: Verzögerungen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder vor. In vielen Fällen ist das für Betroffene unzumutbar. Mehr Fingerspitzengefühl von Sachbearbeitern der Versicherungswirtschaft wäre wünschenswert.

These 5: „Wir handeln als Verwalter der Versichertengemeinschaft“

Rechtsanwältin Beatrix Hüller:

Rechtsanwältin Beatrix Hüller: "Die Leute denken, der Versicherer reguliert, doch der macht gar nichts."

Quelle: Frank Beer für Handelsblatt

 

„Selbstverständlich müssen wir grundsätzlich bei den Schäden prüfen, ob die Ansprüche berechtigt sind, denn wir handeln ja als Treuhänder, als Verwalter der Versichertengemeinschaft“, sagt Versicherungsmanager Rollinger. „Und wir müssen dafür sorgen, dass nur berechtigte Ansprüche bezahlt werden, denn sonst würden sich ja automatisch die Prämien erhöhen. Jedenfalls: Es kann sich jeder darauf verlassen, dass er zügig und unbürokratisch einen berechtigten Schaden bezahlt bekommt.“

Das Argument, dass man die Versichertengemeinschaft vor nicht berechtigten Ansprüchen schützen müsse, weil sonst die Prämien steigen, sei sicher richtig, räumt Anwältin Meister ein. Aber der Versicherer müsse die Versichertengemeinschaft auch dann im Blick haben, wenn er Verfahren unnötig führe oder verzögere. Dann löse der Versicherer auch Kosten aus, die am Ende die Versichertengemeinschaft tragen müsse.

Bei der Geltendmachung von Schäden, gerade im Bereich Berufsunfähigkeit und Unfall, gebe es viele Stolperfallen. Diese seien den Kunden, aber auch vielen Maklern, nicht bekannt. „Hier würde ich allen Versicherungsnehmern raten, sich bei einem Schadensfall zeitnah von den Verbraucherzentralen oder einem Rechtsanwalt beraten zu lassen“.

Auch Versicherungsberaterin Baumeister beurteilt das tatsächliche Verhalten im Bereich der Berufsunfähigkeitsversicherung als ungerechtfertigt. „Es wird in extenso geprüft, bis der Versicherte entnervt aufgibt“, stellt sie fest. Auch die Ablehnungsschreiben seien teilweise in einem derart abweisenden Tonfall verfasst, dass der Versicherte es gar nicht wage, sich dagegen zu wehren.

Das liege natürlich daran, dass die Versicherer das Personal sehr wohl ausgewählt und geschult hätten. Die Ablehnungsschreiben seien sehr eloquent und durch Angaben der Gesellschaftsärzte untermauert. Einem Versicherten, der ohnehin schon krank und am Boden ist, falle es da „enorm schwer, etwas entgegenzuhalten“.

Anwalt Hennemann hält das Interesse der Versichertengemeinschaft für vorgeschoben. „Tatsächlich fühlen sich die operativen Bereiche der Versicherungswirtschaft lediglich einem einzigen Interesse verpflichtet, und zwar dem der Eigner und Aktionäre“, glaubt der Anwalt.

Fazit: Die tatsächlichen Erfahrungen von Anwälten und Beratern sind völlig anders als das Selbstverständnis, das die Versicherungsbranche öffentlich vermitteln möchte. Punkt für die Opferschützer.

 

These 6: „90 Prozent der Kunden sind sehr zufrieden.“

Der Verein Divo vertritt Unfallopfer. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Der Verein Divo vertritt Unfallopfer. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Rollinger: „Jeder Versicherer befragt seine Kunden, wie zufrieden  siemit der Schadenregulierung sind. Das Ergebnis ist sehr positiv: 90 Prozent sind sehr zufrieden, in 28 Prozent der Fälle ist durch einen Kontakt zum Versicherer schon der Schadenfall erledigt und der Kunde erhält in wenigen Tagen sein Geld. Ich glaube, das spricht für die Leistungsfähigkeit der deutschen Versicherungswirtschaft.“

Solche Zahlen sind wenig aussagekräftig, weil sie das Gefühl für den Einzelfall nehmen. Michael Bittner vom Unfallopfer-Hilfswerk nimmt die Zahlen auseinander. Wenn bei 23 Millionen Fällen 90 Prozent zufrieden seien, so seien es 2,3 Millionen Anspruchsteller wohl nicht. Eine beträchtliche Anzahl, findet er.

Wenn dann tatsächlich 0,6 Prozent der Fälle durch ein Gericht geklärt werden müssten, so seien das 156.000 Anspruchsteller. Als absolute Zahl sei das doch schon eine ziemliche Nummer, hinter der immer ein einzelnes Schicksal stecke. Interessant wäre es zu wissen, wie lange diese Verfahren laufen und wie hoch die Vergleichsquote sei.

Hinsichtlich der Kundenzufriedenheit stelle sich natürlich die Frage, welche Kunden man da befrage, stellt Anwältin Hüller fest. Letztlich seien die Kunden am Ende des Tages zufrieden, wenn sie eine Leistung sehen – auch dann wenn nur ein Vergleich zustande gekommen ist und der Versicherer weniger zahlt als gefordert.

Ihrer Erfahrung nach sind ihre Kunden aber eigentlich nur deshalb zufrieden, weil sie es hinter sich haben und nicht deshalb, weil der Versicherer etwas zahlt. An irgendeiner Stelle sei es so, dass die Versicherten es nicht mehr aushalten. Ob dies im Sinne des Prinzips Versicherung sei?

Hüller verneint das: „Eigentlich haben die Kunden sich dafür versichert, dass sie das bekommen, was ihnen zusteht und nicht dafür, sich irgendwann einmal mit einer Abfindungszahlung abspeisen lassen zu müssen.“

Fazit: Viele zufriedene Kunden bedeuten nicht, dass es im Bereich der Erstattung von Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherungen kein Problem gibt. Punkt geht an die Opferschützer.

These 7: „Die Beschwerden gehen zurück.“

Der Verein Subvenio vertritt Unfallopfer. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

Der Verein Subvenio vertritt Unfallopfer. Fotoquelle: Screenshot der Internetseite

 

„Jeder Kunde hat das Recht, sich kostenlos beim Ombudsmann oder der Bafin, der Finanzdienstleistungsaufsicht, zu beschweren. Seit Jahren stellen wir einen rückläufigen Beschwerdeeingang fest. Ich glaube, auch das spricht für die Qualität der Schadenregulierung und dass die Versicherer Wert darauf legen, den Kunden zufriedenzustellen, denn nur an zufriedene Kunden kann ich auch Versicherungen verkaufen.“

Rechtsanwalt Hennemann hält von dem Argument gar nichts. Es sollte nicht übersehen werden, dass auch der vielgerühmte Ombudsmann für das Versicherungswesen Teil eines vollständig intransparenten Gebildes sei. So werde zwar von Zeit zu Zeit mitgeteilt, ob und inwieweit sich die Anzahl von Beschwerden verändert habe. Doch das sage wenig aus.

Denn die beim Ombudsmann seit vielen Jahren vorliegenden, verdichteten Datensätze würden nur ansatzweise veröffentlicht. So wäre für Verbraucher interessant zu erfahren, wie sich die Beschwerdefrequenz gegenüber einzelnen Gesellschaften tatsächlich verändert habe und wie hoch beispielsweise die Beschwerdequoten bei Gesellschaften mit vergleichbarem Marktanteil sind.

Wenn die Versicherungsbranche mehr Transparenz wolle, läge nichts näher, als den Ombudsmann im Interesse der Verbraucher zu weitergehenden Veröffentlichungen zu ermächtigen. Er könne seinen langjährig verdichteten „Datenschatz“ möglicherweise sogar nach Sparten differenziert entsprechend abbilden.

Bezüglich der geringen Anzahl von Beschwerden beim Ombudsmann, hält Beraterin Baumeister entgegen: Dieser könne ja nur bis zu einem Beschwerdewert von 10.000 Euro verbindlich entscheiden. Die Fälle, wo es überdurchschnittlich häufig zu Problemen komme, lägen aber meist weit darüber.

Deshalb gehe in ihrer Kanzlei kaum ein Leistungsfall aus der Unfall- oder Berufsunfähigkeitsversicherung zum Ombudsmann. Bis zu einem Beschwerdewert von 100.000 Euro könne der Ombudsmann zwar eine Empfehlung aussprechen. „Aber das bringt den Versicherten im Zweifelsfall nicht weiter“, urteilt die juristisch geschulte Versicherungsberaterin Baumeister. 

Fazit: Der Ombudsmann kann den meisten Unfallopfern, die für ihre Rechte kämpfen, wohl kaum weiterhelfen. Auch dieser Punkt geht an die Opferschützer.

 

These 8: „Vor Gericht wird zugunsten der Versicherer entschieden.“

Pleiten, Pech und ein Skandal
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Manager, die an der Wand stehen

Zuverlässig sorge die Branche selbst für Nachschub bei den schlechten Nachrichten, die ihr Image belasten, stellt der Branchenkenner Marc Surminski fest. In der Zeitschrift für Versicherungswesen hält er der Branche einen Spiegel vor – mit seinem eigenen Jahresrückblick: „Beamtenbestechung, Verweigerung des Tarifwechselrechts in der PKV, Ruf nach dem Gesetzeber für die Deckelung der Abschlusskosten in der Lebensversicherung“, nennt er als Beispiele. Weil die Niedrigzinsen in der Tat das Geschäftsmodell der Lebens- und Krankenversicherung existenziell gefährdeten und die Leistungen in der Altersvorsorge schrumpften, stehe die Branche „argumentativ oft mit dem Rücken zur Wand“.

(Foto: Getty Images)
Die Stimme der Verbraucher
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Verbraucherschützer, die für ein Debakel sorgen

Beispielhaft für die schlechte Lage der Branche hält Versicherungsexperte Surminski das „Debakel um die Änderungen der Bewertungsreserven“. Hier ging es um eine Reform im Bereich der Lebensversicherung, die fast schon beschlossen schien. Doch kam von Verbraucherschützern viel Kritik. Die Politik scheute zurück, die Änderungen scheiterten – zunächst jedenfalls. Denn inzwischen sei die Branche aufgewacht und berücksichtige stärker die öffentliche Meinung, stellt Surminski fest. Bei dem Thema Bewertungsreserven geht es letztlich darum, wie und wann Zinsen verrechnet werden zugunsten der Kunden. Ein kompliziertes Thema, bei dem die Verbraucherschützer auch 2014 ein Wort mitreden wollen. Die Folge: „Die Lebensversicherer müssen 2013 aus ihren Bewertungsreserven rund drei Milliarden Euro an ausscheidende Kunden zahlen“, bilanziert Surminski.

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(Foto: dpa)
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Unternehmen, die einsilbig werden

Einer der Hauptkritiker beim Thema Bewertungsreserven ist Axel Kleinlein, der Vorstandsvorsitzende des Bundes der Versicherten. Er stellte schon vor Monaten in einem Kommentar auf Handelsblatt Online fest: „Einen Fehler, den die Versicherungsbosse im letzten Jahr gemacht haben, möchten sie diesmal anscheinend vermeiden. Im letzten Jahr war ja ein Hauptgrund für das Scheitern, dass viele Kunden wussten, um welche Summen es geht. Aus älteren Standmitteilungen und neuen Ablaufprognosen konnten sie erkennen, wie viel die Versicherungsunternehmen einbehalten wollen. Hätten die Kunden nicht erkennen können, dass die Überschüsse zuweilen um Tausende geschmälert werden sollten, hätten sie sich nicht gewehrt. Die Gesetzesänderung wäre für die Versicherer wohl ein Leichtes gewesen.“

Um zu vermeiden, dass die Kunden erkennen können, um welche Summen es geht, gäben die Versicherer einfach neuerdings weniger Informationen weiter, so Kleinlein.

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Bund der Versicherten
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Verbraucherschützer, die um die Macht kämpfen

Axel Kleinlein war im vergangenen Jahr nur bis März Chef des Bundes der Versicherten. Dann wurde er abgesetzt. Es entwickelte sich ein Machtkampf, der zuletzt einer Schlammschlacht glich. Schließlich ist die Masse der rund 53.000 Vereinsmitglieder inaktiv oder nicht am Vereinsleben interessiert. Sie profitieren lieber still von günstigen Versicherungstarifen, die der Verein mit einzelnen Gesellschaften ausgehandelt hat. Die Mitglieder mussten also mobilisiert werden. Hintergrund: Schon lange gärt es im BdV. Immer wieder gab es Richtungsstreitereien, die sich auch an Personen und deren Verhalten entzündeten. Der jüngste Knatsch betraf Vorstandsmitglied Thorsten Rudnik und dessen Lebensgefährtin.

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Ein Branchenkritiker, der wieder mächtig ist

In Internetforen kam es zwischen den Unterstützern von Axel Kleinlein und dessen Kritikern zu heftigen Wortgefechten. Die Kleinlein-Unterstützer im Bund der Versicherten (BdV) stellten wortgewaltige Kandidaten für den Aufsichtsrat auf. Künftig soll die Hamburger Verbraucherschützerin Edda Castello den Verbraucherverein beaufsichtigen. Außer ihr kandidierte auf Seiten der kritischen BdV-Mitglieder erfolgreich der zugelassene Versicherungsberater Oskar Durstin. Als drittes Aufsichtsratsmitglied wurde Peter Schütt gewählt. Fazit: „Damit steht der schärfste Kritiker der deutschen Lebensversicherung wieder an der Spitze des BdV“, stellt Branchenbeobachter Marc Surminski fest. Pech für die Versicherungsbranche. Sie hätte wohl lieber einen anderen an der BdV-Spitze gesehen.

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Lebensversicherer, die aufgeben

Wasser auf die Mühlen der Branchenkritiker sind Geschäftsaufgaben im Bereich Lebensversicherung. Gerade erst hat die kleine Uelzener Versicherung ihr Vorsorgegeschäft eingestellt. So etwas gilt als Beleg, dass es der Branche nicht gut geht. Der Hauptgrund sind die niedrigen Zinsen, die letztlich auf die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken zurückzuführen sind. Manche Versicherer verhalten sich bei der Geschäftsaufgabe nicht gerade geschickt. So sorgte im September eine Talanx-Tochter für viel Aufregung. Die HDI Leben prüfe alle Optionen, so hieß es, auch einen „Run-off“. Kurze Zeit später kommt es zur Kehrtwende. Das Problem ist jedoch nicht aus der Welt. Die Ergo-Tochter Victoria ist ein prominentes Beispiel für einen Lebensversicherer, der kein Neugeschäft mehr macht, sondern nur noch abgewickelt wird. Die Heidelberger Leben will sogar ein Geschäft aus dem Run-off machen.

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Bildquelle: Uelzener Versicherungen

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Garantien, die wenig Wert sind

Klassische Lebensversicherungen mit einem Garantiezins entwickeln sich zum Auslaufmodell. Die Branche sucht nach Alternativen. Ergo und dann die Allianz stellten im Juni und Juli Produkte vor. Ergo offeriert eine fondsgebundene Police mit einer Beitragsgarantie. Allianz will durch mehr Flexibilität in der Kapitalanlage und eine höhere Überschussbeteiligung beim Kunden punkten. Die Hamburger Verbraucherschützerin Edda Castello hält von beiden Varianten – als Alternative für Lebensversicherungen mit Garanziezins – wenig: „Noch schlechter als die bisherigen Angebote. Alter Wein in neuen Schläuchen. Daumen nach unten“, sagte sie auf eine entsprechende Zuschauerfrage im ZDF-Morgenmagazin und nannte dabei konkret die Angebote von Allianz und Ergo. Die Allianz wehrt sich: „Die Rentenleistungen der Allianz sind im Wettbewerbsvergleich von unabhängigen Ratingagenturen bereits heute hervorragend bewertet“, erklärte ein Sprecher auf Nachfrage von Handelsblatt Online.

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Ein Preis für Edda Castello

„Natürlich steht der Rechtsweg jedem offen“, sagt der Versicherungsmanager Rollinger. „Wir haben aber auch festgestellt, dass nur 0,6 Prozent aller Schadenfälle – also von diesen 23 Millionen – dann vor dem Richter landen. Und auch da muss man sagen, wird überwiegend zugunsten der Versicherer entschieden. Also es kann keine Rede davon sein, dass die Kunden systematisch benachteiligt werden.“

Das Argument ist interessant. Es lautet: Weil die Richter zugunsten der Versicherer entscheiden, werden Kunden nicht systematisch benachteiligt. Anwälte, Berater und Opferschützer sehen das Problem dagegen vorher. Oft wissen Kunden nicht, was sie tun sollen. Deshalb verhalten sie sich im Vorfeld ungeschickt und tappen in die Falle. Vor Gericht hat dann der Versicherer die besseren Karten.

Ein Beispiel dafür nennt die Rechtsanwältin Maria Risch von der Arbeitsgemeinschaft Versicherungsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV). Ihr Beispiel ist die „Berufsunfähigkeit“, also jener Versicherungsbereich, in dem viele Betroffene immer wieder erbittert gegen die Ablehnungen der Versicherer kämpfen. Die Durchsetzung gehe nicht immer reibungslos über die Bühne

In der Regel überprüfe der Versicherer als erstes, ob bei Abschluss des Vertrages bereits Vorerkrankungen vorlagen, von denen er keine Kenntnis hatte. Der Versicherungsnehmer bejaht, er habe alle Gesundheitsfragen wahrheitsgemäß beantwortet und nennt den Vermittler als Zeugen. Der hat jedoch womöglich gar nicht so genau hingeschaut, weil er seine Provision einstecken wollte.

Denn wenn der Kunde mehr Vorerkrankungen nennt, riskiert der Vermittler womöglich eine Ablehnung oder hohe Risikoaufschläge. Die Probleme hat der Kunde jedoch erst, wenn es zu spät ist: „Wenn der Gesundheitsfragebogen nicht wirklich vollständig ausgefüllt wird, weil der Vermittler unter allen Umständen einen Abschluss erzielen will, hat der Versicherungsnehmer im Versicherungsfall möglicherweise das Nachsehen“, betont die Fachanwältin.

Dies ist nur ein Beispiel für mögliche Probleme im Leistungsfall. Josef Schön von der Interessengemeinschaft für Unfallopfer kennt auch die Fälle, in denen die Kosten von körperlichen Schäden auf die Versichertengemeinschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung abgewälzt werden sollen.

Oft nutzten die Versicherer ihre finanzielle Macht und ihren Zugriff auf die Sachverständigen aus, um sich vor Schadensregulierungen zu retten. Er will Interessenkonflikte und Abhängigkeiten von Gutachtern und Versicherern offenlegen. Sachverständige sollten daher spätestens vor Gericht angeben, ob sie mit einer Partei verbunden sind.

Fazit: Positive Gerichtsentscheidungen sprechen im Zweifel für die Cleverness der Sachbearbeiter in den Unternehmen.

 

Leiden, kämpfen und vielleicht gewinnen

Die gefährlichsten Berufe Deutschlands
Fire erupted at a gas station in Kabul
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Extreme Unterschiede

Wer den falschen Beruf ausübt, muss beim Versicherungsschutz mehr bezahlen. Für Handelsblatt Online hat das Analysehaus Morgen & Morgen (M&M) analysiert, wo die Beiträge steigen und wer weniger zahlen muss. Die gute Nachricht zuerst: Für die meisten Berufsgruppen wurde der Schutz günstiger. Von den 145 Berufen stellte M&M nur bei 30 Berufen eine Verteuerung fest. Die Analyse zeigt vor allem, dass „gute“ Risiken, also Berufe mit einer niedrigen Berufsunfähigkeitswahrscheinlichkeit überproportional profitieren.

(Foto: dpa)
Fachkräftemangel in NRW
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„Gewinner sind ganz klar die Berufe mit dem geringsten Risiko. So zahlt unseren Auswertungen nach ein Notar beispielsweise für einen 5-Sterne-BU-Tarif mit 1.500 Euro BU-Rente monatlich nur um die 50 Euro. Während ein Dachdecker für eine gleichwertige BU-Rente mit über 200 Euro richtig tief in die Tasche greifen muss“, so Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen.

Den Anfang machen zehn Berufe, in denen die Beiträge besonders stark gestiegen sind. Es folgen Berufe, die weniger bezahlen.

(Foto: dpa)
Jablonski is assisted during dance class for children with movement disabilities in Evanston
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Platz 10: Ergotherapeut

Ein Ergotherapeut muss einen unmittelbaren und persönlichen Kontakt zu seinen Patienten bilden. Seine Aufgabe ist es sie in ihrem Alltag zu unterstützen, um ihre Handlungsfähigkeit zu vergrößern und somit ihre Lebensqualität zu verbessern. Laut Morgen & Morgen überwiegen die "schlechten" Risiken, was einen Beitragsanstieg zur Folge hat.

(Foto: Reuters)
Winterschäden an Straßen
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Platz 9: Pflasterer

Der Beruf des Pflasterers wird überwiegend von Männern ausgeübt. Kein Wunder, denn die körperlichen Belastungen in diesem Beruf sind erheblich. Die hohen Beitrage zur Berufsunfähigkeitsversicherung verwundern ebenfalls nicht. Eine Baustelle birgt viele Risiken.

(Foto: dpa)
Baustand BBI - Flughafenbau weit fortgeschritten
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Platz 8: Estrichleger

Auch der Beruf des Estrichleger wird überwiegend von Männern ausgeübt. Die ungesunde Arbeitshaltung kann Gelenk- und Wirbelsäulenschäden verursachen und so zu einer verfrühten Berufsunfähigkeit führen. Im Ranking von Morgen & Morgen kommt der Estrichleger auf Platz acht der Berufe mit dem höchsten Beitragsanstiegen.

(Foto: dpa)
DB EuropeTrain - Lärmschutzmaßnahme Flüsterbremse
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Platz 7: Rangierbegleiter

Der überwiegend im Bahnbetrieb ausgeübte Job verlangt ebenfalls körperliche Belastungsfähigkeit. Außerdem stellt der Arbeitsplatz spezielle Risiken dar. Auf den Gleisen neben fahrenden Zügen darf sich der Rangierbegleiter keine Unaufmerksamkeit erlauben.

(Foto: dpa)
huGO-BildID: 8238561 ** ARCHIV ** Eine Reinigungskraft putzt am 28. Januar 2007 im Kongresszentrum in Davos, Schweiz, einen Toilettenraum.Bundesarbei
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Platz 6: Reinigungskraft

Die Reinigungskraft kommt auf den sechsten Platz. Auch in dieser Tätigkeit ist die körperliche Belastung hoch. Jedoch wird der Beruf der Reinigungskraft vorwiegend von Frauen ausgeübt.

(Foto: ap)

Das Pro und Kontra von Versicherungs- und Opferschützerargumenten zeigt: Das Problem ist noch nicht vom Tisch. Es ist zwar unangemessen, die Versicherungsbranche mit einem Generalverdacht zu belegen. Doch die Argumente der Opferschützer zeigen, dass die Verteidigungsstrategie der Branche am Thema vorbei geht und wohl eher auf eine allgemeine Imagebildung in der Öffentlichkeit abzielt. 

Dass es viele Unfallopfer ohne Geldzahlungen gibt, und dass sie leiden, kann nicht abgestritten werden. Allein beim Verein Subvenio in Düsseldorf gehen seit 2009 jährlich rund 500 Anfragen von Betroffenen ein. Diese benötigten Hilfe, weil die Versicherung des Unfallverursachers den Schaden nicht oder nur unzureichend reguliere. „Hier kann somit nicht von Einzelfällen gesprochen werden“, stellt die Vorsitzende Stefanie Jeske fest.

Anwältin Hüller findet, dass Stellungnahmen wie jene des Versicherungsmanagers Rollinger „weit entfernt von der Realität“ sind. Der Manager sei eingeladen, sich mal in ihrer Kanzlei Akten anzuschauen, damit er ein besseres Bild von der Wirklichkeit erhalte.

Anwältin Meister wundert sich überdies über den Zynismus, mit dem ihr manchmal die Anwälte der Branche gegenübertreten. „Der Tonfall ist vor und während der Gerichtsprozesse nicht immer angemessen und soll sicher dazu dienen, die Versicherungsnehmer einzuschüchtern“, stellt sie fest.  „Und einmal habe ich während eines Prozesses von einem gegnerischen Rechtsanwalt zu hören bekommen, dass sich das Problem ja auch vielleicht durch Zeitablauf lösen würde.“

Es ging dabei um die Zahlung einer Berufsunfähigkeitsrente für einen unheilbar erkrankten Mandanten. „Wir haben in erster und zweiter Instanz gewonnen“, stellt Meister fest.

"Ich versichere mich nur minimal"

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  • Hallo,
    habe selbst erlebt wie meine Versicherung die Standard Life sich jahrelang geweigert hat geweigert hat eine Berufsunfähigkeitsleistung zu erbringen:

    Das letzte was ich von Standard Life (Leiter der Leistungsprüfung) gehört habe war die Aussage: Nur weil die staatliche Rentenversicherung bei einem Akademiker die vollständige Erwerbsunfähigkeit anerkannt hat bedeutet dies für Standard Life noch nicht, dass dieser berufsunfähig ist! Wir sehen daher keinen Grund für weitere Gespräche.

    Vor Gericht begann Standard Life, vertreten durch die Ehefrau des leitenden Leistungsprüfers, eine Schlammschlacht die nur haarscharf an Beleidigung und Verleumdung vorbei ging: Angebliche berufliche Probleme wurden behauptet ohne dass Details oder Zeugen benannt werden konnten…

    Nach 10 Jahren hat Standard Life mit dem Urteil wenige Monate Zahlungen einsparen können aber immense Gerichts- und Anwaltskosten produziert und dem Kunden jahrelang das Leben zur Hölle gemacht.

    Alles laut Standard Life nur im Interesse der Versichertengemeinschaft um unberechtigte Ansprüche abzuwehren!

  • Ominöse Strukturen und Handlungsanweisungen prägen das Geschäft. Die Lobbyisten sind gut positioniert. Man hat auch mal die Anwälte befragt- es gibt mehr Verschleppung
    und ein kurioses Rechtsverständnis. Kostspielige Schäden werden mit allen Mitteln, möglichst gar nicht ausgezahlt. Das System kämpft gar nicht so gegen sein eigenes Image, da die "harten Fälle" nur eine prozentuale Minderheit sind. Es gibt weniger als eine Handvoll Urteile die der offensichtlichen verzögerten Schadensregulierung Rechnung tragen. Wer keine Rechtsschutzversicherung und einen guten Gesundheitszustand vorweisen kann, hat schon verloren. Wer sein Recht auch bekommen will, muss einen jahrelangen Rechtsstreit in Kauf nehmen.
    Ich spreche aus eigener Erfahrung und könnte ein Buch darüber schreiben.
    Ein Trost bleibt aber-beschissen wird man heute (fast) überall

  • Aktuell ist der Fall sehr interessant.

    Der erstbehandelnde D-Arzt hat auf die Frage, ob er Ausschlussuntersuchungen durchgeführt habe, geantwortet, dass man die BG befragen solle. Er sei durch Auflagen des Datenschutzes gebunden. Die BG hat in ähnlichem Zusammenhang dagegen angegeben, dass keine neuen Erkenntnisse vorgetragen würden.

    Aktuell geht es daher um einen Gerichtsbeschluss zur Beweislastumkehr.

    Eines ist schon jetzt erdrückend nachweisbar, dass Arztbriefe nicht ausschließlich den Befund dokumentieren. D.h. Nichts anderes, dass Arztbriefe keine Glaubwürdigkeit aufgrund anderweitiger Regelungen mit der Versicherung genießen, genießen können. Es geht sogar soweit, dass ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, dass selbst das Bundesversicherungsamt in einem Fall darauf drängte, eigene "Wortspielereien" zu Lasten des Versicherten bei der Versicherung durchzudrücken.

    Da tut sich ein Sumpf auf, um den sich die Politik kümmern sollte.

  • Die ganze Frustschreierei täuscht nur über die Wirklichkeit hinweg...die 80 % zufriedenen Kunden hört niemand..die sitzen nämlich einfach ruhig zuhause auf der Couch..es sind immer nur die 20 % wo es Probleme gibt und über die man sich dann das Maul zerreist...ich bin zufrieden und sitz auf der Couch:-)

  • Aus eigener Erfahrung -
    Häufiger Vortrag bar jeder rechtlichen Relevanz:
    Mitverschulden schon bei Kleinstkindern;
    Verschleppung über Bestreiten selbst eigener eingeholter Gutachten;
    Irreführung;
    Zahlungsankündigungen als Methode usw. usw.

  • Auffällig bei vielen Versicherern ist auch Folgendes:
    Fax-Nummern, unter denen Versicherer zu erreichen sind, sind auf deren Internetseiten oft extrem schwer auffindbar, manchmal funktioniert die Faxübersendung auch gar nicht.

    Grund: Versicherer wollen keine duch Fax-Sendeprotokoll beweisbar zugegangenen Schreiben erhalten, sondern setzen lieber auf E-Mails und Briefe. Das ermöglicht ein späteres Bestreiten des Zugangs.

  • Ich hab noch NIE von irgendjemanden gehört, dass ein Schaden schnell abgewickelt wurde. Bei allem Scheiss wird immer rumgedruckst und verzögert, dass nimmer besser geht. Beamte sind ja noch flink gegen die Versicherungsheinis.
    Wenn man sich dann noch auf der Zunge zergehen lässt, dass es ja noch Versicherungspflicht gibt. Also auf gut-deutsch, des Geld is sowieso weg, du kannst dir nur aussuchen aus welchem Fenster du's schmeisst...
    Dann auch noch den Leuten einzureden, dass sie dadurch nen gewissen 'Schutz' haben is für mich zumindest Vorsatz zur Körperverletzung, evtl mit Todesfolge.
    Und das in Millionen von Fällen.

    Es muss einfach die gesetzliche Krankenversicherung abgeschafft werden, damit die Gauner mal echt wirtschaftlich hantieren müssen und sich mit sowas wie Kundenzufriedenheit befassen

  • Hier ein Beispiel aus der Praxis: Ein Versicherer ist mit den Zahlungen in Verzug um diese erst in die Bilanz des neuen Jahres übernehmen zu müssen. Die Säumigkeit begründet der Sachbearbeiter dann damit, dass man mit einem über Weihnachten versendeten Brief noch eine UNterlage angefordert habe. Zuvor aber konnte der Versicherer den schnellen Weg der Korrespondenz über ein Fax gehen. Nur das irgendie verlorene Postschreiben (evtl. auch gar nicht abgesendet)will der Versicherer per Post übermittelt hben.

  • Geht es Ihnen aber gut.

    Ich hatte vor 15 Jahren einen bereits anerkannten Arbeitsunfall und die BG zahlt immer noch nicht.

  • Da irren Sie. Versicherungen haben bereits beim ersten Schadensfall ein außerordentliches Kündigungsrecht.

    Gehen Sie davon aus, dass ihnen bei 95 % aller Versicherer dieses Glück schon vorher beschieden gewesen wäre.

    Die Verragsbedingungen und letztlich auch die gesetzlichen Regelungen sind so abgefasst, dass Sie zur Beitragspflichtig immer verpflichtet sind, die Leistung im Schadensfall kann dagegen sogar seitens der BaFin untersagt werden.

    Ich habe mehrmals schon angeregt, die BaFin dem Verbraucherschutzministerium zu unterstellen, damit endlich dieser Lobbyismus aufhört.

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