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Versicherungen Was private Unfallversicherungen leisten und was nicht

Eine Absicherung für dauerhaft bleibende Schäden nach einem Unfall ist sinnvoll. Den richtigen Schutz bieten die Policen allerdings nicht in jedem Fall.
20.02.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Bei dauerhaften Schäden springt die Unfallversicherung ein. Quelle: obs
Rettungsdienst

Bei dauerhaften Schäden springt die Unfallversicherung ein.

(Foto: obs)

Frankfurt Bei einem Sturz vom Fahrrad oder von der Leiter bleiben manchmal dauerhafte Schäden zurück. Es empfiehlt sich, wenn der Verunglückte zumindest gegen die finanziellen Folgen abgesichert ist. Versicherer verkaufen daher gerne private Unfallversicherungen. Diese Policen können sinnvoll sein, bieten aber nicht in jedem Fall den richtigen Schutz.

Zwar werden die Zahlen zu Unfällen in Deutschland nicht einheitlich erfasst. Zuletzt hat aber die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) eine Gesamtsumme aus verschiedenen Datenquellen ermittelt. Demnach gab es im Jahr 2015 rund zehn Millionen Unfallverletzte und fast 25.000 Unfalltote.

Das bedeutet: Etwa jeder achte Mensch hatte statistisch gesehen hierzulande einen Unfall. Fast 40 Prozent all dieser Unfälle ereigneten sich in der Freizeit.

Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zufolge hatten die privaten Unfallversicherer 2018 insgesamt 25,4 Millionen Verträge im Bestand. Größter Anbieter ist die Allianz mit über 3,9 Millionen Policen, gefolgt von Debeka und Ergo.

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    Für die Versicherungskonzerne ist das Geschäft einträglich: Beiträgen in Höhe von 6,5 Milliarden Euro standen nur knapp 3,4 Milliarden Euro an gezahlten Leistungen an die Versicherten gegenüber.

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    Kern der privaten Unfallversicherung ist eine Kapitalleistung. Der Versicherer zahlt diese, sofern eine dauerhafte Schädigung nach dem Unfall zurückbleibt. Dauerhaft heißt in der Regel mindestens drei Jahre – und ohne Aussicht auf Besserung.

    Die Police ist also vor allem dafür da, einen größeren Geldbedarf nach einem Unfall zu decken, um beispielsweise ein Fahrzeug oder die Wohnung umzubauen. Die Kosten für die unmittelbare Behandlung nach dem Unfall übernimmt dagegen die Krankenversicherung, die jeder Bürger in Deutschland haben muss.

    „Wenn umfangreiche Bergungsarbeiten notwendig sind, die von den gesetzlichen Krankenkassen nur teilweise übernommen werden, zahlt die Unfallversicherung auch diese Kosten, zumindest bis zur vereinbarten Versicherungssumme“, erklärt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV). Daher empfehlen Experten die private Unfallversicherung insbesondere Sportlern mit Hobbies wie Paragliding, Skifahren oder Tauchen. „Allerdings sollten Verbraucher ihre Sportart beim Abschluss der Versicherung unbedingt angeben, damit bei einem Unfall dann auch tatsächlich ein Versicherungsschutz besteht“, sagt Elke Weidenbach, Versicherungsreferentin bei der Verbraucherzentrale NRW.

    Als Unfall wird indes ein Ereignis bezeichnet, das plötzlich von außen auf den Körper einwirkt. „Stürzt jemand einfach so ohne erkennbaren Grund, zählt das für die Versicherung nicht unbedingt als Unfall“, schränkt das Internetportal „Finanztip“ ein. Ist der Versicherte dagegen über eine Baumwurzel oder eine lose Gehwegplatte gestolpert, gelte das als Einwirkung von außen.

    Das Verbrauchermagazin „Finanztest“ weist zudem darauf hin, dass nur sehr gute Tarife zahlen, wenn der Unfall Folge einer Bewusstseinsstörung durch Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch, eines epileptischen Anfalls oder eines Herzinfarkts war.

    Kommt es zum Versicherungsfall, zahlt der Versicherer einen Prozentsatz der vereinbarten Invaliditätssumme. Dieser Prozentsatz orientiert sich daran, wie stark der Versicherte in seiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit beschränkt ist. Für einige Körperteile und Sinnesorgane sind feste Prozentsätze vereinbart, die sogenannte Gliedertaxe.

    Altverträge wechseln

    Finanztest hat private Unfallversicherungen zuletzt im September 2018 unter die Lupe genommen und kam zu dem Ergebnis, dass die angebotenen Tarife sehr unterschiedlich seien. Oftmals werde im Ernstfall zu wenig gezahlt. Die Gliedertaxen unterscheiden sich demnach teilweise, sowohl zwischen einzelnen Versicherern als auch zwischen den verschiedenen Tarifen eines Anbieters.

    Ein Betroffener erhalte dadurch je nach Tarif bei gleicher Beeinträchtigung eine unterschiedliche Geldleistung. Gute Policen gebe es schon ab 69 Euro pro Jahr. Auch lohne es sich häufig, Altverträge zu wechseln.

    Weidenbach empfiehlt vielen Verbrauchern, einen Vertrag mit einer Invaliditätsgrundsumme von mindestens 100.000 Euro zu wählen. Ist die Familie vom Einkommen des Versicherten abhängig, gilt laut BdV folgende Faustregel: Bei einem 30-jährigen Versicherten sollte die Summe dem sechsfachen Bruttojahreseinkommen entsprechen, bei einem 40-jährigen dem fünffachen Bruttojahreseinkommen und bei einem 50-jährigen dem vierfachen Bruttojahreseinkommen.

    Der Tarif sollte zudem eine Progression von 225 bis 350 Prozent bei Vollinvalidität beinhalten. Je höher der Invaliditätsgrad, desto höher fällt die Versicherungsleistung aus. Auch eine Todesfallsumme von 10.000 bis 20.000 Euro halten die Verbraucherschützer für sinnvoll.

    Nach einem Unfall sollten Versicherte auch darauf achten, bestimmte Fristen einzuhalten. So sollten sie zügig einen Arzt aufsuchen und am besten auch die Versicherung informieren, selbst wenn noch nicht sicher ist, ob ein dauerhafter Schaden von dem Unfall zurückbleibt. Die Invalidität muss ein Arzt spätestens nach 15 Monaten feststellen, damit der Versicherungsschutz greift.

    Möglich ist, die Unfallversicherung mit sogenannten Assistance-Leistungen zu kombinieren. Angeboten werden Dienstleistungen wie etwa ein Menüservice, eine Begleitung bei Arzt- und Behördengängen oder eine Haustierbetreuung. Insbesondere für Senioren kann ein solcher Zusatzschutz sinnvoll sein.

    Laut BdV sollten Verbraucher darauf achten, dass der Versicherer diese Hilfsleistungen nicht nur vermittelt, sondern auch die Kosten dafür übernimmt. Zudem steht meist im Kleingedruckten, wie lange diese Leistungen in Anspruch genommen werden können.

    Senioren sollten bei der Tarifwahl ihrer Unfallversicherung auch auf den sogenannten Mitwirkungsanteil achten. Dieser sollte mindestens 50 Prozent betragen, damit die Versicherung ganz oder teilweise zahlt, wenn Vorerkrankungen zum Unfall beigetragen haben. Bei der Unfallversicherung einen Tarif mit Prämienrückgewähr zu wählen, hält der BdV hingegen nicht für sinnvoll. Auch auf andere Extras wie eine Dynamik oder ein Unfall-Krankenhaustagegeld sollten Verbraucher eher verzichten.

    Absicherung von Arbeits- und Wegeunfällen

    Besonders wichtig ist eine private Unfallversicherung für Selbstständige und Personen ohne Beruf. Beschäftigte sind hingegen über ihren Arbeitgeber in der gesetzlichen Unfallversicherung pflichtversichert. Diese ist zur Absicherung bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten da. Sie ist neben der medizinischen Behandlung vor allem für die Rehabilitation und Wiedereingliederung des Beschäftigten ins Arbeitsleben zuständig. Bei dauerhaften Schäden zahlt sie auch eine monatliche Rente.

    Auch Kitakinder, Schüler und Studenten sind gesetzlich unfallversichert. Der Schutz gilt aber jeweils nur bei der Arbeit, in der Kita, Schule oder Hochschule sowie auf dem Weg dorthin und zurück. „Da dieser Versicherungsschutz jedoch nicht immer und überall gilt und auch keine hohen Kapitalzahlungen für Unfallgeschädigte vorsieht, empfiehlt es sich, ergänzend eine private Unfallversicherung abzuschließen“, rät Finanztest auch für diese Personengruppen.

    Was die gesetzliche Unfallversicherung als Arbeits- oder Wegeunfall akzeptiert, ist zudem nicht immer ganz einfach zu beantworten. Im Fall einer Frau, die im Homeoffice arbeitet, ein Glas Wasser trinken wollte und sich auf dem Weg in die Küche verletzte, entschied das Bundessozialgericht (BSG) beispielsweise, dass dies kein Fall für die gesetzliche Unfallversicherung sei (AZ: B 2 U 5/15 R). Das Trinken habe keinen Bezug zur beruflichen Tätigkeit gehabt.

    Professor Tim Jesgarzewski, Arbeitsrechtler an der FOM-Hochschule, gab in einem Interview mit der Verlagsgruppe Madsack vor Kurzem zu bedenken, dass der Fall wohl anders ausgegangen wäre, wenn die Frau auf dem Weg vom Arbeitsplatz zur Kantine ausgerutscht wäre.

    Solche Grenzfälle führen häufiger zu Streitigkeiten: Erst im Januar hat das BSG mehrere weitere Urteile zur Unfallversicherung gesprochen. Demnach ist auch ein Unfall bei einem Tankstopp auf dem Heimweg nicht von der gesetzlichen Unfallversicherung abgedeckt (Az. B 2 U 9/18 R), ebenso wenig wie einer auf dem Weg zur Kita bei Homeoffice-Beschäftigten (Az. B 2 U 19/18 R). Wer hingegen nicht von seinem Wohnort sondern von einem dritten Ort aus auf direktem Weg zur Arbeit fährt und einen Unfall hat (Az. B 2 U 2/18 R und Az. B 2 U 20/18 R), kann auf eine Unterstützung durch die Unfallkasse setzen.

    Der BdV weist zudem darauf hin, dass die Unfallversicherung grundsätzlich nicht geeignet sei, den Verlust der Arbeitskraft finanziell abzufedern. Hierfür sollten Beschäftigte eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) abschließen, die im Versicherungsfall eine Rente zahlt. „Für Menschen, die wegen Vorerkrankungen keine oder nur eine sehr teure BU abschließen können, bietet eine Unfallversicherung aber wenigstens einen gewissen, wenn auch nur punktuellen Schutz“, ergänzt Weidenbach.

    Bei Kindern raten Verbraucherschützer zu einer Invaliditätsversicherung. „Sie macht vor allem deshalb Sinn, weil die Wahrscheinlichkeit deutlich höher ist, dass Kinder wegen einer Krankheit invalide werden und nicht wegen eines Unfalls“, sagt Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Allerdings sind die Beiträge für die Kinderinvaliditätsversicherung deutlich höher als für die Unfallversicherung. Es ist also eine Abwägungssache, was sich die Eltern leisten können oder wollen.

    Mehr: Sportunfälle sind schnell passiert und ziehen häufig langwierige Probleme nach sich. Welche Versicherungen für Sportler und Urlauber wichtig sind.

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