Galerieszene Hamburg Sauerstoffzufuhr für die Hamburger Kunstszene

Der Londoner Galerist Hidde van Seggelen wechselt überraschend nach Hamburg. Dort dockt er vorübergehend im Galerienhaus auf der Fleetinsel im Zentrum an.
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„Der nahende Brexit wird einen deutlich negativen Einfluss auch auf die Kreativwirtschaft in Großbritannien haben.“ Quelle: Hugo Glendinning
Hidde van Seggelen

„Der nahende Brexit wird einen deutlich negativen Einfluss auch auf die Kreativwirtschaft in Großbritannien haben.“

(Foto: Hugo Glendinning)

Hamburg Warum sollte ein renommierter Galerist, wenn er im lebendigen London seit gut 15 Jahren erfolgreich arbeitet, nach Deutschland wechseln? Und dann auch noch in den hohen, immerhin englandnahen Norden, nach Hamburg?

Mehr internationales und solventes Käuferpublikum als in London gibt es wohl nirgendwo sonst in Europa. Hidde van Seggelen, Niederländer und Tefaf-Board-Mitglied, findet darauf eine klare Antwort: „Der nahende Brexit wird einen deutlich negativen Einfluss auch auf die Kreativwirtschaft in Großbritannien haben. Das war einer der Auslöser für mich, London den Rücken zu kehren.“

Bei der konkreten Ortswahl dürfte seine aus Hamburg gebürtige Ehefrau mitgewirkt haben. Aber warum dann nicht trotzdem das kunstoffene und kauffreudige Rheinland? „Ich glaube, dass Hamburg ein Potenzial hat, noch stärker als Stadt für zeitgenössische Kunst wahrgenommen zu werden.“

Und hier mit zu den Ersten zu zählen, scheint für ihn attraktiver, als nur einer von vielen zu sein, die engagiert Hochkarätiges anbieten. „Im Kontext des sich gerade dramatisch wandelnden Kunstmarktes können Galerien und Kuratoren in Hamburg eine eigene impulsgebende Rolle spielen“, so seine Überzeugung und Motivation, künftig dort zur Kunst-Speerspitze gehören zu wollen.

Und es gibt noch ein weiteres Kalkül. „Ich hoffe, dass gerade in dem auf das kühle Denken ausgerichteten Norddeutschland die internationalen künstlerischen Positionen meiner Galerie besonders geschätzt werden.“

Damit meint er die oftmals spröde daherkommenden, meist konzeptuell grundierten künstlerischen Positionen, die er in seinem Programm hat. Ob er damit das hanseatische Publikum im Sturm erobert, bleibt abzuwarten. Das von ihm geschätzte „kühle Denken“ ist meist gepaart mit freundlicher Reserviertheit.

Den Brexit im Nacken

Zusammen mit der engagierten Hamburger Galeristin Andrée Sfeir-Semler, die ein zweites Galerie-Standbein in Beirut hat, kam er auf die Idee, einen Teil ihrer Ausstellungsräume im Galerienhaus auf der Fleetinsel im Zentrum Hamburgs zu nutzen.

Sie lud ihn ein, er akzeptierte, ohne viel zu zögern, den Brexit im Nacken. „Hidde van Seggelen ist für Hamburg eine Bereicherung. Deswegen freut es mich, ihm das Entrée in die Stadt so zu erleichtern“, berichtet Sfeir-Semler kollegial, wenn auch nicht uneigennützig.

Ihr Standort wird mit van Seggelen attraktiver. Zeitgleich eröffnet sie eine eigene Ausstellung und, das ist auf der Fleetinsel Tradition, einige andere Galeristen im Galerienhaus ebenfalls. Ohne viel herumlaufen zu müssen, können Besucher gleich eine gute Handvoll renommierter Galerien besuchen und in einen kleinen Kosmos zeitgenössischer Kunst eintauchen.

Seggelen startet mit der ironisch und melancholisch überhauchten Position des niederländischen Künstlers Pieter Laurens Mol. Sein Arbeiten waren bereits 1988 im Hamburger Kunstverein zu sehen. So ganz nebenbei will der Galerist damit auch seine Behauptung beweisen, dass Hamburg Avantgardestadt ist, zumindest manchmal war. Dieses Kompliment dürfte ankommen.

Das Amsterdamer Van Gogh Museum eröffnet aktuell ebenfalls eine Ausstellung mit Werken von Mol. Vor zwei Jahren hatte van Seggelen ihn mit einer Soloschau auf der Tefaf New York präsentiert. Ein neues Kunst-Netzwerk mit einem Knoten in Hamburg wird sichtbar. Das ist eine wohltuende Sauerstoffzufuhr für die Kunstszene der Hansestadt. Aber ein Experiment mit finanziell ungewissem Ausgang bleibt es trotzdem. Sein zukünftiges Programm?

„Als Holländer möchte ich natürlich gern herausragende niederländische, aber auch britische Künstler zusammen mit einigen deutschen Künstlern ausstellen, wie zum Beispiel Thomas Grünfeld und Lutz Driessen oder Andy Holden, Siobhán Hapaska, Harmen Brethouwer und Klaas Kloosterboer.“ Nach der Resonanz auf seine erste Gastausstellung wird er entscheiden, wo genau er in Hamburg seine Galerie, Innenstadt oder Außenbezirk, ansiedeln will. Kostenüberlegungen dürften dabei auch eine Rolle spielen im kühl kalkulierenden Hamburg.

Die Ausstellung in der Hamburger Admiralitätsstraße 71 läuft noch bis zum 15. März 2019. Als temporäres Office dient ihm die Hallerstraße 20 in Hamburg.

www.fleetinsel-hamburg.de informiert über die Ausstellungen im Galerienhaus in der Admiralitätsstraße.

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