Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Coronapandemie Gesundheitsämter: Plan für Einführung von Sormas wieder gescheitert

Noch immer setzen zahlreiche Gesundheitsämter nicht auf die Software für die Kontaktnachverfolgung. Die Ursachen liegen sowohl in der Entwicklung als auch in der Politik.
26.02.2021 - 19:09 Uhr Kommentieren
Das System ermöglicht die digitale Vernetzung zwischen den Gesundheitsämtern zur Pandemie-Bekämpfung. Quelle: dpa
Sormas

Das System ermöglicht die digitale Vernetzung zwischen den Gesundheitsämtern zur Pandemie-Bekämpfung.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Bund und Länder haben ihr Ziel, die Digitalisierung der Gesundheitsämter voranzutreiben, wieder verfehlt. Am 10. Februar hatten die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beschlossen, dass „bis Ende Februar Sormas in allen Gesundheitsämtern installiert werden [soll]“.

Am vergangenen Freitag war die Software allerdings nur in 269 der 375 Gesundheitsämter in Deutschland in Betrieb oder betriebsbereit. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium Handelsblatt Inside mit. Beteiligte schätzen, dass nicht mal die Hälfte davon das System intensiv nutzt. In einem Bericht des „Deutschlandfunk“ ist gerade einmal von 90 die Rede.

Sormas ist ein vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entwickeltes und vom Gesundheitsministerium gefördertes System für die Kontaktnachverfolgung bei Corona-Infizierten. Gesundheitsämter tragen die Kontakte von Corona-Infizierten bislang vor allem in Excel-Tabellen oder in eigenen Systemen ein.

Ein Austausch der Daten zwischen den Ämtern ist daher in den meisten Fällen nicht möglich. Lebt eine Kontaktperson in einer Region, für die ein anderes Amt zuständig ist, scheitert die Kontaktnachverfolgung. Ähnlich sieht es mit Quarantänebescheiden aus, die über Sormas ebenso ausstellbar sind.

Der Rückenwind aus der Politik hat, ein Jahr nach Beginn der Pandemie, noch immer nicht zu einem durchschlagenden Erfolg für Sormas geführt. Die Gründe dafür sind divers, wie mehrere Projektbeteiligte Handelsblatt Inside berichteten.

1. Später Start

Sormas als solches gab es bereits vor der Coronapandemie, die Software wurde in afrikanischen Staaten bei Infektionswellen wie Ebola eingesetzt. So wäre es grundsätzlich möglich gewesen, Sormas in den deutschen Gesundheitsämtern schon vor dem Start der ersten Welle zu etablieren. Doch damals, im Frühjahr 2020, schwebte das heute viel diskutierte System noch unter dem Radar.

Erst ab Juli förderte das Bundesgesundheitsministerium das Projekt. In der Zwischenzeit hatten die Gesundheitsämter bereits Module zur Verfolgung des Coronavirus an ihre bestehenden Systeme angedockt.

Entsprechend gering ist ihr Interesse an Sormas, schließlich haben sie in die anderen Systeme bereits investiert. Hinzu kommt, dass ein Wechsel der Software Zeit kostet – Zeit, die Gesundheitsämter während einer Pandemie meist nicht haben.

2. Fehlende Schnittstelle

Alles verloren war im Sommer dennoch nicht. Schließlich wird Sormas kostenfrei angeboten, man hätte noch genügend Ämter überzeugen können. Doch bis heute fehlt ein entscheidender Faktor: die Schnittstelle zu Survnet. Das grenzt den Mehrwert von Sormas erheblich ein.

Über Survnet melden die Ämter die Infektionszahlen an das Robert Koch-Institut (RKI). Gerade einmal bei zwei Ämtern ist die Schnittstelle in Betrieb, teilt das Bundesgesundheitsministerium mit.

Monatelang habe das RKI Survnet nicht für die Anbindung an Sormas geöffnet, berichten Beteiligte. Die Schnittstelle war erst Ende November fertiggestellt worden. Die Folge: Andere Unternehmen nutzten dieses Vakuum, schafften gleichzeitig im politischen Fahrwasser alternative Lösungen zu Sormas, der Flickenteppich weitete sich aus. Das RKI sagt, nachdem konzeptionelle Fragen hätten geklärt werden müssen, sei die technische Umsetzung der Schnittstelle „zügig“ durchgeführt worden.

3. Kein einheitliches System

Anstatt dem RKI die Schuld zuzuweisen, lassen sich Schnittstellen auch grundsätzlich hinterfragen. In Deutschland herrsche „Schnittstellenfetischismus“, sagt ein Kenner der Szene. Das gilt nicht nur für Survnet. Auch Ämter, die bereits andere Corona-Module im Einsatz haben, wollen diese per Schnittstelle an Sormas angeschlossen bekommen, ist zu hören.

Das kostet Zeit, Kapazitäten und birgt technische Unsicherheiten. Eine Alternative wäre ein einheitliches System für die verschiedenen Prozesse. Es bräuchte keine Schnittstellen. Diese Debatte wurde aber nie – zumindest nicht öffentlich – geführt.

4. Politisch fehlgeleiteter Druck

Nicht zuletzt darf infrage gestellt werden, wie förderlich die Unterstützung für Sormas in den Bund-Länder-Beschlüssen war. Mit den Beschlüssen machten Ministerpräsidenten und Kanzlerin Vorgaben für einen Bereich, in dem sie keine Entscheidungshoheit haben. Der Öffentliche Gesundheitsdienst ist vorrangig Sache der Kommunen beziehungsweise Kreise.

Zwar sind die Bund-Länder-Beschlüsse nicht bindend. Doch die Frage, die man hier stellen muss, ist keine rechtliche, sondern eine machtpolitische. In vielen Städten und Ämtern dürften die Entscheidungen in Berlin als Bevormundung aufgefasst worden sein – was die Abwehrhaltung gegenüber Sormas verstärkt haben dürfte.

Handelsblatt Inside Digital Health

Ihnen gefällt dieser Beitrag aus unserem exklusiven Fachbriefing?

Empfehlen Sie Handelsblatt Inside Digital Health weiter!

Mehr: „Deutsche Gesellschaft für Digitale Medizin“ gründet sich


Mehr zu: Coronapandemie - Gesundheitsämter: Plan für Einführung von Sormas wieder gescheitert
0 Kommentare zu "Coronapandemie: Gesundheitsämter: Plan für Einführung von Sormas wieder gescheitert"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.