Interview mit Bildungsexperte Nils Weichert „Länder wie Estland oder Finnland liegen weit vor uns“

Mit fünf Milliarden Euro will der Bund deutsche Schulen zukunftsfähig machen technisch besser ausstatten – deutlich zu wenig, meint Nils Weichert.
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Der Bildungsexperte fordert eine Dauerfinanzierung für die Schul-Digitalisierung. Quelle: forumbd
Nils Weichert

Der Bildungsexperte fordert eine Dauerfinanzierung für die Schul-Digitalisierung.

(Foto: forumbd)

Berlin Sieben große Bildungs-Stiftungen haben 2017 das „Forum Bildung Digitalisierung“ gegründet, um das Thema bundesweit voranzubringen – und föderalem Klein-Klein etwas entgegenzusetzen. Mit dabei sind die Stiftungen von Telekom, Bertelsmann, Dieter Schwarz, Robert Bosch, Siemens, Mercator und die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft.

Forumsvorstand Nils Weichert erklärt, warum die Einigung zum Digitalpakt keineswegs das Nonplusultra, sondern nur der nötige Anfang bei der Digitalisierung der Schulen sein kann. Und dass ohne pädagogische Konzepte und Weiterbildung der Lehrer große Verschwendung droht.

Herr Weichert, kommt jetzt mit dem Digitalpakt die schöne neue digitale Schule?
Es ist das ersehnte Ende eines langen Prozesses. Das war dringend nötig. Der gordische Knoten ist noch nicht durchschlagen – aber es kann zumindest die technische Ausstattung in den Schulen angegangen werden.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?
An deutschen Schulen gibt es im internationalen Vergleich massiven Nachholbedarf. Länder wie Estland oder Finnland liegen weit vor uns. Estland hat schon vor vielen Jahren alle Schulen ans Netz angeschlossen, da hängen wir meilenweit hinterher – vor allem auf dem Land. Die Bertelsmann Stiftung hat berechnet, dass wir jährlich 2,8 Milliarden Euro bräuchten, um die Schulen technisch fit zu machen und zu halten.

Die fünf Milliarden reichen also bei Weitem nicht.
Gemessen an der Gesamtaufgabe ist das eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb muss die Politik ganz schnell über die Dauerfinanzierung der Schul-Digitalisierung beraten – sonst drohen Investitionsruinen in Form ungenutzter Geräte und Netze. Das gilt auch, wenn die Technik nicht in ein Gesamtkonzept der Schulen eingepasst wird. Auch ein IT-Administrator ist schnell wieder weg, wenn seine Finanzierung befristet ist. Nach dem Digitalpakt ist also vor dem Digitalpakt, um Kontinuität zu sichern.

Für Endgeräte stehen pro Schule maximal 25.000 Euro zur Verfügung. Das reicht maximal für zwei bis drei Klassensätze. Sollten also die privaten Geräte der Schüler eingesetzt werden?
Das ist die große ungeklärte Frage. 25.000 Euro sind natürlich sehr übersichtlich. Aber der Einsatz privater Geräte bringt nicht nur Datenschutzprobleme mit sich. Auch die Teilhabe ist dann völlig ungleich, weil die einen das neuste iPad haben und andere im Zweifel nur ein billiges Handy. Das ist noch völlig offen.

Besteht nicht die Gefahr, dass nun jede Schule oder Gemeinde das Rad neu erfindet?
Die Kompromissformulierung für das Grundgesetz hebt nicht mehr – wie ursprünglich geplant – auf die „Qualität“ ab. Das heißt, dass es auch keine gemeinsamen bundesweiten Standards geben wird. Und damit läuft es wohl auf regional unterschiedliche Lösungen hinaus.

Zur Pädagogik: Was bringt Digitalisierung für den Lernerfolg?
Technik allein macht den Unterricht natürlich nicht besser. Dafür gibt es keine empirischen Belege. Gefragt sind nun die Lehrkräfte, die digitale Medien sinnvoll integrieren müssen.

Was macht richtig Sinn?
Sinn macht etwa, Digitalisierung als Querschnittsaufgabe zu begreifen. Man kann beispielsweise in sehr heterogenen Klassen Lern-Apps einsetzen, die schwächeren Schülern einen Text vorliest – und stärkeren Fragen dazu stellt, die sie selbsttätig bearbeiten. Das kann ein Lehrer allein nicht. In Mathe wissen wir, dass Schüler sich gegenseitig Lösungen oft besser erklären können als Lehrer. Dazu gibt es jede Menge Material in den sozialen Medien, das Lehrer kennen und richtig einsetzen müssen.

Wie viele Schulen sind denn da schon weit?
Es gibt wenige Vorreiter unter den 40.000 Schulen in Deutschland. Wir, das Forum Bildung Digital, haben rund 60 Pilotschulen, mit denen wir Programme entwickeln. Und auch die sind noch keine idealen Modellschulen.

Alles steht und fällt mit dem Wissen der Lehrer – gibt es genug Weiterbildungsangebote?
Da geht jedes der 16 Länder seinen eigenen Weg. Es geht aber keineswegs nur um die Digitalisierung im Fachunterricht, also in Deutsch, Mathe oder Geschichte. Parallel dazu muss sich Schule im digitalen Zeitalter komplett verändern. Hier gibt es viel zu wenig Weiterbildungsangebote.

Was heißt das praktisch?
Lehrer können nicht mehr wie früher einen einzelnen Kurs am Landesinstitut besuchen. Schulleitungen müssen die regelmäßige Weiterbildung inhouse organisieren – etwa durch kurze tägliche oder wöchentliche Runden – und ein Leitbild dafür entwickeln.

Wie hilft das Forum Bildung Digital der großen Bildungsstiftungen konkret?
Wir bieten die nationale Plattform für den bundesweiten Austausch, damit nicht jeder das Rad neu erfindet. Praktisch entwickeln wir mit unseren Werkstattschulen Bausteine für Rektoren, die wir ab Mai zur Verfügung stellen, die zeigen, wie es funktionieren kann.

Herr Weichert, vielen Dank für das Interview.

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