Gesichter der Krise „Die Wirtschaftskrise hat mich mündig gemacht“

Der Düsseldorfer Michael Latzel löste sein Bankkonto auf, gab seine Krankenversicherung auf und kündigte seinem Job – um bei der Occupy-Bewegung mitzumachen. Die Wirtschaftskrise war der Auslöser – aber auf der will er sich nicht ausruhen.
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Michael Latzel hat durch Occupy seine Stimme gefunden. (Bild: Maike Freund)

Michael Latzel hat durch Occupy seine Stimme gefunden. (Bild: Maike Freund)

Heute ist er wieder den ganzen Tag vor Ort. Trotz des Regens, trotz der Kälte. Es gibt so viel zu tun. Und es geht im einfach nicht schnell genug. Sein Ziel: Die Bürger aufzurütteln. Am liebsten möchte er auch noch Alternativen aufzeigen. Alternativen zur jetzigen Politik, die die Banken, den Euro und die Wirtschaft in den Mittelpunkt stellt, nicht aber die Menschen. Deshalb ist er hier vor der Johanneskirche in der Zeltstadt der Occupy-Aktivisten, vis-à-vis mit der Kö, der exklusiven Einkaufsmeile von Düsseldorf.

Michael Latzel ist 26 Jahre alt und gelernter Gas- und Wasserinstallateur. Nach seiner Ausbildung wurde er vom Bund eingezogen, dann bewarb er sich. Aber immer wieder bekam er zu hören: keine Berufserfahrung – zu unsicher. Oder aber die Betriebe stellten gar nicht erst ein. Der Grund: die Krise. Also ging er zum Arbeitsamt, die ihm Angebote von Zeitarbeitsunternehmen nach Hause schickten.

Seitdem arbeitete er zehn, elf Stunden am Tag statt der vertraglich festgelegten sieben. Unterstützung seitens der Zeitarbeitsfirmen gab es nicht, nicht beim Arbeitsmaterial, nicht bei Problemen im Betrieb. Stattdessen wurde er herumgereicht. Und dafür gab es so wenig Geld, dass Michael gerade so davon leben konnte – ohne Aussicht auf eine feste Anstellung.

Auch hier sagten die Betriebe wieder: Schuld ist die Krise. Da begann es in Michael zu rumoren. Er fühlte sich ungerecht behandelt, ausgebeutet, sah keinen Ausweg. Und es kam der Punkt, an dem er es nicht mehr aushielt. Er kündigte – ohne Job-Alternative.

Also wieder das Arbeitsamt. Denen sagte er, „Ich mache alles, aber ich arbeite nicht wieder für eine Zeitarbeitsfirma“. Es gab jedoch keine anderen Jobs. Auf Kosten des Staats wollte er auch nicht leben, also lehnte er das Arbeitslosengeld ab. Seit dem ist er auch nicht mehr krankenversichert. Und fühlt sich damit eigentlich ganz gut.

Um die Zeit ging es auch mit den Occupy-Protesten los. Michael war neugierig – und Zeit hatte er ja jetzt auch. Die erste Demo in Düsseldorf musste er noch suchen. Dann ging er bei der kleinen Zeltstadt vorbei. Er hatte sich schon gefragt: Habe ich komische Ansichten? Ist mein Gerechtigkeitssinn übertrieben? Dort aber lernte er Menschen kennen, die sich genauso wie er empören. Darüber, dass den Banken Millionen in den Rachen gestopft werden, aber nicht genug Geld für Bildung da ist. Darüber, dass es  immer nur heißt: Wir müssen die Märkte beruhigen, die Lage stabilisieren, das Vertrauen der Wirtschaft in den Euro wiederherstellen. „Wer spricht eigentlich davon, das Vertrauen der Bürger in die Politik zu stärken?“, fragte sich Michael.

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33 Kommentare zu "Gesichter der Krise: „Die Wirtschaftskrise hat mich mündig gemacht“"

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  • Ich finde es interessant die Kommentare zu diesem Artikel zu lesen, in denen Menschen die mich nicht kennen versuchen mich anhand dieses Artikels zu beurteilen und teils auch zu verurteilen.
    Aber ich vermute mal diese Leute glauben auch alles was sie im fernsehen sehen.

    Falls meine Fehlende Krankenversicherung das Thema ist das die deutschen bewegt oder ich dadurch ein besserer Mensch werde schließe ich morgen sofort 3 Stück ab !
    Wenn ich Arbeitslosengeld bekommen würde würden Sie mir das vorwerfen.
    Wenn man Kritik an einem Menschen üben möchte wird man bei jedem einen Punkt finden um ihn anzugreifen.

    Aber anstatt sich zu fragen warum ich nicht versichert bin oder wovon ich lebe sollten sie lieber fragen was habe „ich“ (Sie) zur Verbesserung der zustände in diesem Land beigetragen !?

    Wenn ich mich in unserer Gesellschaft umschaue sehe ich Missstände zuhauf, und Menschen die ihre köpfe darüber schütteln um im nächsten Moment wieder wegzuschauen mit den Worten:
    „ich kann ja sowieso nichts ändern“
    Aber das stimmt nicht !

    In unserer Demokratie haben wir die Möglichkeit unser Meinung zu sagen und zwar so das jeder sie hören kann auch unsere Politiker. Ohne das wir befürchten müssen dafür getötet oder eingesperrt zu werden wie in anderen Ländern dieser Welt.

    Um so erschreckender finde ich es das so wenige Menschen es es dann auch tun, sondern lieber zu hause sitzen und hinter vorgehaltener Hand meckern oder noch besser anonym im Internet. Dann muss ich ihnen leider recht geben so werden sie nichts ändern können.

  • Hehe, der Realist ist wie die Titanic! Realistisch gesehen keine Chance unterzugehen, aber in Wirklichkeit kommt dann alles anders.

  • Wenn ich das nur wüsste....

  • Stimmt, da sind wir ziemlich einer Meinung, übrigens auch mit meinen Ex-Professoren an der Uni :) Nur wie verklickern wir das unserer Politik?!?

  • Trouby, ich denke, wir liegen da nicht so weit auseinander. Ich denke an einen "schlanken Staat", der durch einen gezielten ordnungspolitischen Rahmen gewährleistet, dass sich die Kräfte der freien Marktwirtschaft voll entfalten können. Ich denke es gibt vor allem viele gute Denkansätze in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

  • Ich bin lieber traurig und zuhaus als ein:

    http://www.youtube.com/watch?v=k7uPpGXb2Po

  • Liberty, da bin ich nicht so ganz deiner Meinung. Wobei das von der Definition von "mehr Staat" abhängt. Das Problem ist eine Staatswirtschaft, die sich direkt einmischt und den freien Markt behindert. Stattdessen muss es punktgenauere Regulierungen geben - für Insider: anreizverträgliche Mechanismen - die die freie Entscheidung und Entfaltung nicht behindern, aber diese in geordnete Bahnen lenken, um den Wohlstand für alle, auch für die nachfolgenden Generationen, zu sichern. Leider liegen diese Mechanismen - die es schon lange gibt und die gut erforscht und getestet sind - fernab der intellektuellen Fähigkeit vieler Politiker!

  • finde das keine gute idee was er macht, könnte mir vorstellen in so ne friedlichen Widerstand zu gehen, so angelehnt an Gandi.
    Hartz4 alle 6 Monate verlängern, und sonst nix nachkommen. Gegen nichts klagen, Sanktionen über sich ergehen lassen
    und deren post direkt weg schmeisen, aber so freut sich doch der Staatsaparat und die Regierung, ein arbeitsloser der in keiner statistik auftaucht und kein geld will.

    Von was lebt der gute denn Überhaupt ich überleg schon wie ich mir eine Wohnung mal nehmen soll wenn ich theoretisch auf 0 euro gekürtzt werden kann und dann auch für 3 Monate keine Krankenkasse bezahlt bekomme, die ja eigentlich auch Pflicht ist, des weiteren wird wohl ob wirklich rechtens oder nicht sei dahingestellt dann teilweise selbst die Miete nicht überwiesen. wie soll man wenn man sonst nur maximal den vollen Satz Hartz4 bekommt sowas überbrücken.

    Also der Gute hat entweder noch Erspartes hat irgend einen Spender oder ist Obdachlos.

    Kann mir zwar für ne Weile in Armut zu leben, das tu ich jetzt schon ein paar Jahre, aber Obdachlos möchte ich nicht werden, dann ist der Hunger oder Erfrier-tod auf der Strasse schon fast vor programmiert bzw nur noch eine Frage der Zeit.

  • Ich denke mal, man muß bei diesem jungen Mann einigies hinterfragen.
    Auf Arbeitslosengeld verzichten, wird wohl nicht so ganz stimmen. Vielmehr wird er eine Sperre haben, da er selbst gekündigt hat
    Ganz unrecht hat er nicht. Angeblich werden Fachkräfte gesucht, daber dann nicht eingestellt, sondern nur über billige Leihfirmen. Das ist schon mal etwas, was im unserem Lande nicht mehr stimmt.
    Andererseits scheint er politisch nicht gut informiert zu sein, wie die gesamgte occupy-Bewergung.
    Es sind halbe Kinder die da rumsitzen und sie werden nichts bewegen.
    Wäre auch mal interessant zu erfragen, was es für jugne Leute sind, also Beruf? Ausbildung etc.?
    So nett sie auch sein mögen, aber in Zeltlagern zu kampieren mitten in der Stadt, wid auf Daur nur Ärger auch bei Bürgern auslösen.
    Hinzu kommt eben auch eine enorm große Unwissenheit und damit kann man niemanden überzeugen.
    Unser Problem ist, dass wir eine total unpolit. junge Generation haben, wenn nicht sogar schon 2 Generationen und der Rest der Bürger z. T. durch jahrelange schlechte Bildung in den Schulen verdummt ist und alles hin nimmt.
    Die Deutshen aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken wird sehr schwierig werden und ginge nur, wenn endlich Intelektuelle sich mal laut äußern würden, in Fußgängerzonen stehen, aufklären usw.
    Wir bräuchten so eine Gruppe wie seinerzeit die Weiße Rose.
    Wir sollten uns an den Montagsdemos der ehemaligen DDR-Bürger ein Beispiel nehmen, die gingen zu Abertausenden auf die Straße, ruhig und gesittet und nur so kann man was bewegen
    Aber jede Form von Theater mit gelben Westen wie bei den Gewerkschaften udn Trillerpfeifen ist m. E. vorbei

  • Nein, babsack69, das sind definitiv nicht die Leistungsträger. Da sind wir uns wohl einig. Und ich gehe absolut damit konform, dass die Verknüpfung von Politik und Wirtschaft so nicht in Ordnung ist. Das ist eine Teil des Problems und zeigt, dass wo der Staat sich einmischt immer Probleme rauskommen. Aber die Antwort darauf kann nicht mehr Staat sein. Sie muss lauten: Weniger Staat, damit die Leistungsträger nicht behindert werden. Davon profitieren dann alle. Weniger Subventionen, weniger Transferleistungen, weniger Staatsausgaben.

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