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Asia Business Insights Die neue Angst vor Chinas Macht

Die Dominanz und Autokratie der Volksrepublik sorgen für Skepsis in der Politik. Wirtschaftsvertreter aber sehen weiterhin mehr Chancen als Risiken.
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Warnung vor der zunehmenden China-Skepsis. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe, HSBC-China-Chefin Helen Wong

Warnung vor der zunehmenden China-Skepsis.

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

DüsseldorfDie Geschichte beginnt mit einer großen Wette: Ende der 70er-Jahre, als der große Deng Xiaoping sich aufmachte, China zu öffnen und es in die Weltwirtschaft zu integrieren, hieß es im Westen unisono: Mit dem Handel werde im Reich der Mitte auch der Wandel einsetzen. Wandel – das stand damals für mehr politische Freiheit, mehr Rechtsstaatlichkeit und am Ende mehr Demokratie. 

Heute 40 Jahre später müssen selbst die größten China-Optimisten einräumen: Die Wette ist nicht aufgegangen. China hat sich zwar geöffnet für Investitionen und Importe. Der große Profiteur dieser Entwicklung hieß Deutschland, das sein Geschäftsmodell geradezu auf den jahrzehntelangen Chinaboom ausgerichtet hat.

Politisch aber schreitet das Land unter der Führung von Staatspräsident Xi Jingping langsam, aber entschlossen Richtung Vergangenheit. Das heißt: mehr Autokratie nach innen, mehr Führungsanspruch nach außen, weniger politische Freiheit. 

Die Seidenstraßen-Initiative und Infrastrukturinvestitionen in Höhe eines hohen dreistelligen Milliardenbetrags sind Zeichen des geopolitischen Machtanspruchs Chinas. Europa hängt orientierungslos zwischen der neuen Weltmacht China und der alten Weltmacht USA. „Die Geopolitik bestimmt zunehmend die Geoökonomie“, schreibt Siemens-Chef Joe Kaeser in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Welche Rolle kann Europa im amerikanisch-chinesischen Zweikampf um die Weltherrschaft spielen? Wie soll Europa auf den technologischen Führungsanspruch dieser Supermächte reagieren? Wo enden legitime Sicherheitsbedenken der Europäer, und wo beginnt protektionistische Abschottung gegen unliebsame Konkurrenz aus der Volksrepublik? 

Diese Fragen dominierten auf der diesjährigen „Asia Business Insights“, einer gemeinsamen Veranstaltung von Handelsblatt und HSBC. 300 Teilnehmer waren nach Düsseldorf gekommen.

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„Die neue Seidenstraße wird die Weltwirtschaft der Zukunft prägen“, sagte HSBC-Deutschlandchefin Carola von Schmettow. Bereits 2016 sei klar gewesen, „welchen Einfluss schwache chinesische Wirtschaftszahlen auf die Stimmung der globalen Wirtschaft“ hätten: „Jetzt warnen alle vor einem globalen Führungsanspruch Chinas.“

Rein ökonomisch betrachtet ist dieser Führungsanspruch gerechtfertigt. „Trotz der leichten Abkühlung im vergangenen Jahr leistet China nach wie vor den größten Beitrag zum globalen Wachstum“, sagte Helen Wong, Chinachefin von HSBC. 6,5 Prozent wuchs das chinesische Bruttoinlandsprodukt 2018. Noch immer ist China mit einem Volumen von 2,2 Billionen Dollar mit Abstand größter Exporteur – vor den USA und Deutschland.

Und unter den Top Ten der wertvollsten Unternehmen befinden sich neben acht amerikanischen inzwischen die zwei chinesischen Tech-Konzerne Alibaba und Tencent, aber kein europäisches. Noch bedenklicher ist die Entwicklung bei den Patenten: 1,38 Millionen Patente hat die Volksrepublik 2018 angemeldet. Selbst das technologie- und forschungsstarke Amerika kommt nur auf 607.000 Patente, Europa auf magere 170.000.

Die Wirtschaftsdynamik in China ist nach wie vor atemberaubend. Und HSBC-Asien-Chefökonom Frederic Neumann rechnet nicht mit einer kräftigen Abkühlung der Konjunktur. „Peking hat alles unter Kontrolle“, sagte er. Die Dämpfung der Konjunktur habe die Regierung absichtlich herbeigeführt – auch weil das Kreditwachstum bedenkliche Ausmaße angenommen habe.

Selbst das Risiko eines eskalierenden Handelskriegs zwischen den beiden größten Volkswirtschaft sei gesunken – „allein weil Donald Trump gemerkt zu haben scheint, dass er vor allem auch der US-Wirtschaft schadet“.

Chinas Wirtschaft bleibt stark

China bleibt stark – das war die Botschaft auch von Markus Steilemann, Vorstandschef des Kunststoffhersteller Covestro, der China und seine Wirtschaft seit Jahrzehnten gut kennt. „Das absolute Wachstum wird langfristig gigantisch sein“, sagte er. China sei nach wie vor für die deutsche Wirtschaft mehr „Chance als Risiko“.

Er wertet es als „ganz normale Entwicklung“, dass China seine wirtschaftlichen Interessen in der Welt stärker vertritt und dabei seine Vorteile sucht – auch wenn dies für westliche Unternehmen nun ungewöhnlich erscheinen mag. Steilemann zog einen sportlichen Vergleich: „Das einst kleine Kind, das unter den großen Jungs der Weltwirtschaft ein bisschen mitgekickt hat, ist nun erwachsen und ein großer und starker Mitspieler geworden.“

Steilemann forderte Politik und Wirtschaft dazu auf, mit China im intensiven Gespräch zu bleiben. „Wir dürfen keine Mauern aufbauen, sondern müssen bestehende einreißen“, sagte er. „Wir müssen aber auch sicherstellen, dass die Freiheiten, die ausländische Unternehmen bei uns haben, auch in ihren Heimatländern gelten.“

Auch Wong warnte vor der zunehmenden Chinaskepsis. „China und Deutschland sind unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Systemen, aber die Unternehmen beider Länder haben von gegenseitigem Engagement profitiert“, sagte sie. Deutschland habe eine Schlüsselrolle in der wirtschaftlichen Transformation seit 1978 gespielt, und auch die deutsche Industrie habe profitiert. „Jedes dritte Auto verkauft die deutsche Autoindustrie in China, jedes fünfte dort verkaufte Auto ist ein deutsches“, ergänzte sie.

Doch trotz aller Chancen – die neue China-Angst ist da – selbst in Deutschland. Die Bundesregierung verschärft das Außenwirtschaftsgesetz, will also genauer hinschauen, wenn chinesische Unternehmen sicherheitsrelevante Firmen aufkaufen. Schmettow spricht ganz offen von einer „Lex China“. Der chinesische Netzwerkausrüster Huawei soll beim Aufbau des neuen Mobilfunkstandards 5G gebremst werden.

Außerdem macht sich die Regierung für eine neue europäische Industriepolitik stark. Ein weicheres Wettbewerbsrecht soll die Entstehung europäischer Champions fördern, die chinesischen und amerikanischen Konzernen etwas entgegensetzen können. „Nationale Industriestrategie 2030“ nennt Wirtschaftsminister Peter Altmaier diese neue Industriepolitik – ein Begriff, der noch vor Kurzem in der ordoliberalen deutschen Tradition mit Planwirtschaft gleichgesetzt wurde.

Die chinesische Regierung hat für das Land schon vor Jahren langfristige wirtschaftliche und industriepolitische Visionen entwickelt. „Es würde sehr helfen, wenn wir uns in Europa ebenfalls langfristige Visionen und Ziele setzen würden“, sagte Covestro-Chef Steilemann auf der Handelsblatt-Konferenz.

Allianz-Chef Oliver Bäte forderte im Handelsblatt-Interview eine europäische Industriestrategie. Bisher agiere Europa in dieser Frage „etwas naiv“. Siemens-Boss Joe Kaeser beklagt sogar „industriepolitische Abgründe“ in Europa. 

Nicht nur in Deutschland, auch in anderen europäischen Staaten reift die Erkenntnis, dass die EU ihre industriepolitischen Interessen gegenüber China, aber auch gegenüber den USA wirkungsvoller vertreten muss als bisher. Zumindest hier gibt es so etwas wie einen Konsens in der europäischen Wirtschaft und Politik.

Mehr: Beim Asia Business Insights erklären HSBC-Managerin Wong und Covestro-Chef Steilemann, wieso Kooperationen gerade jetzt sinnvoll sind.

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