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Handelsblatt-Tagung Die Vormachtstellung der deutschen Chemiekonzerne ist in Gefahr

Konzerne aus China erobern die Weltmärkte. Manager wie BASF-Chef Martin Brudermüller fordern den Schulterschluss von Industrie und Politik.
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„Wir müssen in Europa viel innovativer werden.“ Quelle:  Willi Nothers für Euroforum
BASF-Chef Martin Brudermüller

„Wir müssen in Europa viel innovativer werden.“

(Foto:  Willi Nothers für Euroforum)

DüsseldorfMartin Brudermüller schüttelt bisweilen ausdauernd den Kopf, wenn er die aktuelle Diskussion über die wirtschaftliche Zukunft von Europa und China verfolgt. Der Vorstandsvorsitzende der BASF kennt die Verhältnisse in Fernost genau. Zehn Jahren lang hat er in Hongkong gelebt und die Geschäfte des Chemiekonzerns in der Region „Greater China“ geführt.

Brudermüller warnt, die Ambitionen Chinas auf die leichte Schulter zu nehmen, etwa bei der Umstellung auf eine nachhaltige Wirtschaft. „Die Langfristigkeit, Stringenz und Orchestrierung über alle Kräfte hinweg, mit der China seine Wirtschaft weiterentwickelt, wird uns noch extrem beanspruchen“, sagte er am Dienstag auf der diesjährigen Handelsblatt-Chemietagung. „Dem haben wir bisher kaum etwas entgegenzusetzen. Wir müssen in Europa viel innovativer werden.“

China ist der wichtigste Markt für die deutsche Chemieindustrie – und dürfte in den kommenden Jahren zu einem der größten Wettbewerber auf den Weltmärkten aufstiegen. Das ist aber nicht die einzige Herausforderung für die drittgrößte deutsche Industrie, die seit Jahrzehnten eine globale Vormachtstellung hat.

Mehr als nur Wachstum

Hohe Strompreise in Deutschland und die Verpflichtung zu sinkendem Kohlendioxidausstoß gehören dazu. Zudem wollen die Chemiefirmen ihr Image in der Gesellschaft polieren, die Produkten wie Kunststoffen angesichts der Müllberge heute viel kritischer gegenübersteht.

Über diese Herausforderungen diskutierten 170 Chemieexperten auf der Handelsblatt-Tagung in Düsseldorf. „Wir sollten zeigen, dass Chemie nicht das Problem, sondern die Lösung ist“, forderte Günter von Au, Vizeverwaltungsratschef der Schweizer Clariant. BASF-Chef Brudermüller unterstrich: „Unsere Verantwortung geht über profitables Wachstum hinaus. Wir müssen einen spürbaren Beitrag zur Gesellschaft und zu mehr Nachhaltigkeit leisten.“

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Was die Treibhausgas-Emissionen angeht, sieht sich die Branche im Prinzip auf einem guten Wege. Die Produktionssteigerungen der letzten Jahrzehnte gingen nicht mehr mit steigendem Kohlendioxidausstoß einher. Doch das Ziel einer CO2-neutralen Produktion ist noch weit entfernt, warnt Jörg Rothermel, Rohstoffexperte des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Dafür seien neue Technologien nötig, mit denen C02 eingefangen und der enthaltene Kohlenstoff zurück in den Kreislauf gegeben werden kann.

Wie stark das Thema die Branche inzwischen umtreibt, zeigt die neue Strategie von BASF. Das zentrale Ziel des Unternehmens ist die Reduzierung der CO2-Emissionen in Relation zu den Produktionsmengen. Bis 2030 will der Konzern seine Verkaufsmengen um die Hälfte steigern, ohne dabei die Emissionen zu erhöhen. Für BASF und Co. wächst damit der Zwang, neue Verfahren zu entwickeln, und vor allem auch den eigenen Energiebedarf weitaus stärker aus regenerativen Quellen zu decken.

In Indien plant BASF einen ersten, komplett klimaneutralen Chemiekomplex. Acrylbasierte Produkte wie etwa Superabsorber für Windeln sollen dort mittelfristig nur mit erneuerbaren Energiequellen und einem neuen Herstellverfahren aus Synthesegas produziert werden.

In Deutschland arbeitet der Konzern an einem elektrisch betriebenen Steamcracker. Solche Cracker gehören zu den größten und CO2-intensivsten Produktionsanlagen in der Chemie, sie werden mit Gas betrieben.

Plastikabfall als technische Herausforderung

CEO Brudermüller sieht es als Kernaufgabe, solche nachhaltigen Verfahren hierzulande zu entwickeln. Er fürchtet, dass sonst China mit seiner staatlich verordneten Nachhaltigkeitspolitik eines Tages technologisch vorbeiziehen würde. Die globale Vormachtstellung der europäischen Chemie geriete dann in Gefahr.

Deswegen fordert er den Schulterschluss zwischen Firmen und Politik: „Um einen Cracker elektrisch zu betreiben, brauchen wir die dreifache Menge Strom, der billig ist und aus erneuerbaren Quellen stammt. Um das zu gewährleisten, muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen“, sagte Brudermüller.

Technologisch herausfordernd ist für die deutschen Chemiefirmen auch das Thema Plastikabfall. Die Proteste gegen die Vermüllung der Ozeane und Strände in Asien mit Plastikverpackungen nehmen rasant zu. Mit der vor wenigen Monaten gegründeten Initiative gegen Plastikabfälle sind führende Chemiekonzerne erstmals in konzertierter Form und auf globaler Ebene aktiv geworden, aus Deutschland sind etwa BASF und Covestro dabei.

Ziel der Initiative: Kunststoff soll kein Wegwerfmaterial sein, sondern durch Wiederverwertung zurück in den Stoffkreislauf kommen. Dazu wollen die Firmen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen der Löwenanteil der Plastikabfälle entsteht, Sammelsysteme installieren und ein stärkeres Bewusstsein für Müllvermeidung schaffen. „Es wird letztlich viel davon abhängen, ob wir nur reden oder ob wir auch was zustande bringen“, so Brudermüller. 

Die Abfälle sind im Grunde eine eine ideale Rohstoffquelle: Statt wie bisher aus Öl und Gas könnte die Chemie den Kohlenstoffbedarf aus dem Kunststoffmüll decken. Entsprechend stark setzt die Branche auf Verfahren zum Chemcycling. Aber auch hier ist erheblicher Energieeinsatz nötig – die Klimaeffizienz hängt also stark davon ab, inwieweit auch klimaneutrale Energiequellen eingesetzt werden können. 

Sowohl bei der Plastikverwertung als auch beim CO2-Einsatz stehen neue Verfahren jedoch im Wettbewerb mit den klassischen Kohlenstoffquellen. „Wenn wir mit solchen Verfahren arbeiten, müssen wir zum Beispiel mit Schiefergas in den USA, nachwachsenden Rohstoffen und auch mit der Kohle konkurrieren, die in vielen Teilen der Welt eine Renaissance erlebt“, gibt Rohstoffexperte Rothermel zu bedenken. Das heißt: Die Chemie wird dazu nicht nur neue, sondern zugleich auch kostengünstige Verfahren brauchen.

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