University Innovation Challenge Wenn Forscher zu Gründern werden

Das Handelsblatt hat erstmals Start-ups aus der universitären Forschung ausgezeichnet: smarte Thermostate, Mini-Reaktoren und digitalisierte Labortechnik.
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Das Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, Prozesse in Laboren zu digitalisieren. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Inveox-Gründerin Maria Driesel mit Juror Joachim Kreuzburg

Das Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, Prozesse in Laboren zu digitalisieren.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

FrankfurtDie ersten großen Erfolgsgeschichten des Tech-Zeitalters haben oft im elterlichen Keller oder der Garage darüber angefangen. Die milliardenschweren Ergebnisse dieser Geschichten tragen Namen wie Hewlett Packard oder Apple. Die zweite Riege hatte einen anderen Ursprung: Konzerne wie Snapchat oder Facebook entstanden in der Welt der Universitäten – als Freizeit- oder Forschungsprojekt.

Dabei muss man nicht erst an die Eliteuniversitäten an der amerikanischen Ost- oder Westküste schauen, um erfolgsversprechende Unternehmensideen oder engagierte Gründerinnen und Gründer zu entdecken: Auch und gerade in Deutschland, dem Land der Tüftler und Erfinder, tut sich viel. Die digitale Zukunft wird eben nicht nur in den Großkonzernen des Landes und dem Mittelstand gestaltet, sondern besonders in jungen Unternehmen.

Um diese zu fördern, hat das Handelsblatt gemeinsam mit der Goethe-Universität Frankfurt die University Innovation Challenge ins Leben gerufen. Ausgezeichnet werden Start-ups aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, die entweder aus einem universitärem Hintergrund entstanden sind oder deren Geschäftsidee derzeit noch an einer Universität erforscht wird. Am Montagabend kamen die Finalisten in Frankfurt zusammen, um sich dem finalen Pitch zu stellen. Gemeinsam mit der Jury kürte das Publikum die fünf Gewinner, zusätzlich gab es einen Sonderpreis.

Die Bühne des Casinos der Frankfurter Universität ließ erahnen, dass ein Wettbewerb ansteht: Auf beiden Seiten der Bühne standen halb geöffnete Boxringe. Geschwitzt wurde zwar, geblutet aber nicht. Dabei machte Moderatorin Johanna Klum schon zu Beginn auf ein Problem aufmerksam: Es gibt zwar viele kluge und geniale Köpfe an Deutschlands Universitäten, aber von ihren Ideen bekommt die Öffentlichkeit oft wenig mit. Das soll die University Innovation Challenge ändern.

Das machten auch Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, gemeinsam mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe schon bei der Begrüßung der rund 300 geladenen Gäste klar. Beide waren sich einig, dass Deutschland zwar das Land der Dichter und Denker sei, aber auch das der Tüftler und Erfinder: Genau jetzt im Zuge der Digitalisierung erlebe Deutschland eine neue Gründerzeit und vielleicht bald sogar „ein Wirtschaftswunder 4.0“.

Florian Hildebrand (Mitte) und David Schneider wurden in der Kategorie „Future Finances & Commerce ausgezeichnet. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Chemsquare-Gründer mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe (links)

Florian Hildebrand (Mitte) und David Schneider wurden in der Kategorie „Future Finances & Commerce ausgezeichnet.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

Dabei braucht es dafür genau diese jungen Unternehmerinnen und Unternehmen, bekräftigte auch Mathias Samson, Staatssekretär des hessischen Wirtschaftsministeriums. Er kam gerade aus China zurück und mahnte: „Wer von dort zurückkehrt und nicht meint, dass wir etwas tun müssen, ist nicht auf der Höhe der Zeit.“

Die digitale Transformation aller Lebensbereiche erfordere aber eben nicht nur die etablierten Wirtschaftsgrößen, sondern auch die neuen. Gründer lieferten dabei einen entscheidenden Beitrag. Es gehe um das Zusammenspiel der beiden: „Die großen Tanker brauchen die kleinen Schnellboote, um nicht überholt zu werden, und umgekehrt brauchen die kleinen die großen, um international erfolgreich zu sein.“

Wie solche Schnellboote aussehen können, zeigten die Finalisten in den fünf unterschiedlichen Kategorien: Jeweils zwei Start-ups, die vorher von einer Jury ausgewählt wurden, traten gegeneinander an. Auf der Bühne hatten die Gründer (im Boxring) noch einmal die Möglichkeit, innerhalb von drei Minuten ihre Idee zu verkaufen. Doch dieses Mal war auch das Publikum gefragt. Das hatte nach dem Pitch 45 Sekunden Zeit, um ihrem Favoriten die Stimme zu geben.

Zuerst stiegen in der Kategorie „Future Living“ die Start-ups Vilisto und Breeze Technologies gegeneinander in den Ring: Am Ende fiel das Ergebnis sehr knapp aus: Das Unternehmen Vilisto hat Heizkörperthermostate mit integrierter Sensorik entwickelt, die beispielsweise in Büros eingesetzt werden. Das besondere: Sie sind smart, lernen ihren Bürobesitzer kennen und regulieren die Temperatur je nach Benutzungsverhalten. Zudem sammeln sie Informationen darüber, wann ein Büro genutzt wird, um damit beispielsweise Reinigungspläne zu optimieren. So sparen Unternehmen nicht nur Geld, sondern schonen zudem die Umwelt.

Auch in der Kategorie „Future Engineering“ war das Ergebnis nahe am Unentschieden: Hier siegten die Gründer von Ineratec. Die Gründer haben chemische Kompaktanlagen entwickelt, mit denen Energie in Form von flüssigem oder festen Kohlenwasserstoff gespeichert werden kann. Die Reaktoren sind dabei so kompakt, dass sie in einen Container passen. Das könnte ein zentrales Problem der Energiewende lösen: die Energiespeicherung.

Die Gründer in der Kategorie „Future Materials“ gehen wichtige Probleme unserer Zeit an: Zum einen Sulfotools, die eine neue, umweltfreundliche Art der Peptid-Herstellung entdeckt haben. Auf der anderen Seite stellten die Gründer von Bipolymer Systems ihren Kunststoff vor. Das patentierte Material wandelt Wärme in Strom um. Die Industrie nutzt das Material für ungenutzte Abwärme und ermöglicht damit eine wesentlich günstigere Stromerzeugung. Damit gewannen sie die Kategorie für sich.

In der darauffolgenden Runde gewann die Kategorie „Future Finances & Commerce“ das Start-up Chemsquare. Die Gründer wollen den Vertrieb und den Einkauf der Life-Sciences-Branche digitalisieren, die Bereiche wie Lebensmittel, Kosmetik und Pharma umfasst. Dort herrschen durch Regularien ein hoher Verwaltungsaufwand, der oft noch analog bearbeitet wird. Das wollen die beiden Gründer mit ihrer Plattform ändern – mehr noch: Sie wollen das Facebook der Branche werden.

In der Kategorie „Future Life Sciences“ überzeugte Maria Driesel, Gründerin von Inveox. Sie erzählte eine Geschichte, die das Publikum bewegte. Die Idee zu dem Start-up entstand nach der Geschichte einer jungen Krebspatientin, der beide Brüste entfernt wurden. Am Ende stellte sich heraus, dass sie gar keinen Krebs hatte, das Labor hatte die Proben vertauscht. Die Gründer machten es sich zur Aufgabe, Prozesse in Laboren zu digitalisieren. So wird unter anderem wird etwa die Kassette für die Gewebeprobe per Laserbeschriftung dauerhaft beschriftet und die Probenbehälter mit Chips intelligent gemacht.

Ausgezeichnet wurden Start-ups aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, die entweder aus einem universitärem Hintergrund entstanden sind oder deren Geschäftsidee derzeit noch an einer Universität erforscht wird. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
University Innovation Challenge

Ausgezeichnet wurden Start-ups aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, die entweder aus einem universitärem Hintergrund entstanden sind oder deren Geschäftsidee derzeit noch an einer Universität erforscht wird.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

Am Ende verlieh die Jury den Sonderpreis „Future Data Intelligence“ an das Start-up Bernstein, das mit einer Blockchain-Lösung geistiges Eigentum schützen will. Am Ende sollte es nur Gewinner geben, sagte schon zu Beginn Universitätspräsidentin Wolff. Selbst das Scheitern sei ja eine wichtige Sache, die die Deutschen mitunter noch lernen müssten. Heraus kam dann am Ende vor allem das Gefühl von Aufbruch und die Erkenntnis, dass die Zeit der Tüftler und Erfinder vielleicht gerade erst begonnen hat.

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