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Führen mit Vielfalt Auch in der Krise können Frauen gefördert werden – wenn Firmen das wirklich wollen

In Coronazeiten gerät das Thema Diversity in vielen Unternehmen aus dem Blickfeld. Arbeitgeber, die es ernst meinen, führen ihre Programme aber unbeirrt fort.
15.08.2020 - 10:14 Uhr Kommentieren
Die TLGG-Gründerin engagiert sich für Initiativen, die Frauen voranbringen. Quelle: Marko Priske für Handelsblatt
Fränzi Kühne

Die TLGG-Gründerin engagiert sich für Initiativen, die Frauen voranbringen.

(Foto: Marko Priske für Handelsblatt)

Düsseldorf Auf dem Beistelltisch steht ein Bonsai, dahinter ein Regenbogen-Wimpel. Das soll das Berliner Youtube-Videokonferenzstudio etwas wohnlicher machen. Philipp Justus, Managing Director von Google, und McKinsey-Partnerin Julia Sperling stimmen die Teilnehmenden an den Bildschirmen ein: „Es geht um faire Chancen in unserer Arbeitswelt – insbesondere für Frauen“, sagt Justus. Und eröffnet damit die Jahreskonferenz der Initiative Chefsache. Das ist das Netzwerk, in dem sich das Who's who der deutschen Wirtschaft, vom Allianz-Vorstandsvorsitzenden Oliver Bäte bis zum VW-Chef Herbert Diess, zusammengeschlossen hat, um den Anteil von Führungsfrauen in Spitzenpositionen zu erhöhen.

Ein virtuelles Treffen zum fünfjährigen Jubiläum, alles wegen Corona. Was für ein Unterschied zu früher, als das Event eines der Oberklasse war. Wenig erbaulich sind auch die Worte von der Bundeskanzlerin, die sich eigens hinzugeschaltet hat. Als „Trippelschritte“ auf dem Weg zur Geschlechter-Parität bezeichnet die Schirmherrin die Leistung der Wirtschaftsbosse: gerade mal 35 Prozent weibliche Aufsichtsräte — fünf Prozent mehr als gesetzlich vorgeschrieben -, und 11 Prozent weibliche Vorstände gäbe es.

Geht das in diesem Tempo weiter, dauert es noch mal 30 Jahre, bis in DAX-Vorständen genauso viele Frauen sitzen wie Männer. Die Kanzlerin droht: „Wenn Unternehmen als Zielgröße für Vorstände gar null Prozent festlegen, dann habe ich dafür null Verständnis“.

Von Merkel öffentlich abgewatscht werden und dafür auch noch Beitrag bezahlen? „Das sparen wir uns“, denken sich offenbar etliche Unternehmenslenker. Innogy, Bosch, Lufthansa gehören 2020 nicht mehr zu den Mitgliedern des Prestigeprogramms. Die Zahl könnte steigen: Wo Kurzarbeit und Stellenabbau anstehen oder Werke geschlossen werden, rücken die Belange von Frauen in den Hintergrund.

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    Bonsai und Wimpel im Videostudio wirken geradezu symbolisch: Nicht nur bei der Initiative Chefsache, sondern wirtschaftsweit setzt man sich in puncto Frauenförderung gerade kleiner. Von vielen Dienstleistern, die Arbeitgeber bei dieser Mission behilflich sind, ist zu hören, dass Budgets für 2021 wackeln oder wegfallen. Und das nicht nur aus Gesundheitsschutzmaßnahmen.

    Ob Ladies Lunch für erfahrene Managerinnen oder branchenübergreifendes Mentoring-Programm für den weiblichen Führungsnachwuchs – wer immer auch in den vergangenen Jahren versprach, die Geschlechtergleichheit voranzubringen, bekam Geld von Dax-Konzernen bis kleineren Mittelständlern. Vielfalt in der Belegschaft war en vogue. Doch werden jetzt Diversity-Budgets gekappt und Mitarbeiter abgezogen, vor allem in der Automobilbranche, im produzierenden Gewerbe und im Handel.

    Ein Fehler, warnen Experten. Da hilft auch nicht, dass Silvia Hänig, Sprecherin des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM) abwiegelt, es gehe ohnehin nicht um Riesensummen. Maximal seien ein, zwei Personaler mit dem Thema befasst. Nicht selten auch das nur nebenher. „Plus Budgets für Events reden wir also von jährlichen Summen im geringen sechsstelligen Bereich. Wenn überhaupt.“

    Auch das ist in Corona-Zeiten zu viel Geld. „Was keinen direkten Umsatz verspricht, fällt oft dem Rotstift zum Opfer“, sagt zum Beispiel Viktoria Wagner. Die Chefin der Initiative Beyond Gender Agenda hat die Erfahrung gemacht, dass potenzielle Partnerunternehmen auf Anfragen nach einer finanziellen Unterstützung für 2021 teils sehr verhalten reagieren. Wagner, hinter deren Initiative bekannte Frauen wie Fränzi Kühne, Gründerin von der Digital-Agentur TLGG, oder Miele X-Chefin Cindy Groenke stehen, sagt: „Ich mache mir Sorgen, ob das Thema genügend Relevanz behält.“

    Rückschlag von 30 Jahren

    Diese Angst ist nicht unberechtigt. Denn die Pandemie löst eine Rolle rückwärts beim Frauenbild aus. Die Väter gehen zur Arbeit, die Mütter bleiben zu Hause – kümmern sich um Haushalt und Kinder. „Dieses Rollenverständnis aus dem vergangenen Jahrhundert ist leider aktueller denn je“, sagt Aletta von Hardenberg, Geschäftsführerin der Charta der Vielfalt.

    Um Kinder zu Hause zu betreuen und zu unterrichten, haben vor allem die Frauen ihre Arbeitszeit reduziert. Das zeigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). „Selbst bei Paaren, die sich zuvor die Arbeit geteilt haben, übernehmen Frauen vermehrt die Sorgearbeit“, sagt WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch.

    Die Chefin der Diversity-Initiative Beyond Gender Agenda beklagt Zurückhaltung von Unternehmen. Quelle: Anne Wirtz/Alternativlos
    Viktoria Wagner

    Die Chefin der Diversity-Initiative Beyond Gender Agenda beklagt Zurückhaltung von Unternehmen.

    (Foto: Anne Wirtz/Alternativlos)

    Für die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger eine schlimme Entwicklung. Was den erreichten Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung angeht, würden Frauen „drei Jahrzehnte verlieren“, konstatierte sie jüngst.

    Ein Rückschritt für alle. Schließlich geht es nicht nur um Fairness und die überfällige Korrektur gesellschaftlicher Schiefstellungen, sondern auch um wirtschaftliche Impulse. In der Krise ist vor dem Aufschwung. Innovative Ideen und frische Perspektiven werden gebraucht.

    „Wo aber sollen die herkommen, wenn Hans immer weiter nur Hänschen einstellt oder befördert“, fragt zum Beispiel Ludger Ramme. Er ist Hauptgeschäftsführer des größten deutschen Führungskräfteverbands ULA. Allerdings räumt er in Sachen Frauen-Programme ein: „Weniger Show, mehr Substanz ist sinnvoll.“

    Auch aus den BPM-Reihen wird davor gewarnt, im Bemühen um mehr Frauen nachzulassen: „Wird am Diversity-Engagement gespart, rächt sich das. Talente werden solche Unternehmen meiden.“ Aktiv gegenzusteuern ist notwendig. „Ein Arbeitgeber, der Vielfalt wirklich ernst nimmt, setzt sein Engagement unbeirrt fort“, sagt Goran Barić. Er ist Geschäftsführer der Personalberatung Page Group. Externe wie interne Bewerberinnen beobachten genau via Social Media, wie die Unternehmensrealität aussieht. „Mit Alibi-Veranstaltungen kommen Arbeitgeber nicht mehr durch.“

    Mögliche Auswege

    Personalchefs und Diversity-Verantwortliche sollten aus der Not eine Tugend machen. Statt maßgeschneiderter Luxusprogramme gibt es Virtuelles von der Stange. Das muss kein Nachteil sein. Wie SAP-Deutschland-Personalchef Cawa Younosi aus eigener Erfahrung weiß.

    Anstatt wie vor der Coronakrise üblich, etwa ein Dutzend interessante Expertinnen aus der Tech-Branche zum Beispiel einzuladen, um ihnen bei Häppchen und Cocktails zu demonstrieren, wie SAP-Software zum Beispiel in der Raumfahrt eingesetzt wird, gibt es neuerdings eine virtuelle Weinverkostung: Rund 100 weiblichen Kandidatinnen, die der Softwarekonzern gerne für sich gewinnen möchte, lässt Younosi dazu jeweils vorab ein Paket mit vier Flaschen vom Hamburger Weinladen aus St. Pauli schicken.

    Die Managerin von Miele X macht sich für mehr Frauen in Führungspositionen stark. Quelle: Thilo Ross / imageagency.com für Handelsblatt
    Cindy Groenke

    Die Managerin von Miele X macht sich für mehr Frauen in Führungspositionen stark.

    (Foto: Thilo Ross / imageagency.com für Handelsblatt)

    Nach Feierabend geht es dann los. Die Teilnehmerinnen wählen sich in eine Videokonferenz ein und entkorken zum Anstoßen auf das Kennenlernen einen prickelnden Crémant von der Loire. Sie hören aufmerksam zu, was Sommelière Stephanie Döring ihnen über Schaumweine generell und speziell über das französische Anbaugebiet, aber auch über den Herstellungsprozess von Champagner und Co. erzählt. Dazwischen naschen die IT-Spezialistinnen aus mehreren Ländern Käsehappen. Oder tippen ein, wie ihnen der jeweilige Wein mundet. Die Stimmung während der 90-minütigen Session ist locker.

    Younosi jedenfalls ist zufrieden mit der Aktion, die ihn rund 50 Euro pro Teilnehmerin gekostet hat – ein Bruchteil einer klassischen Abendveranstaltung: „Ein voller Erfolg.“ Den macht er auch daran fest, dass Teilnehmerinnen später auf seine E-Mails oder Nachrichten weitgehend antworten. Man ist im Gespräch und bleibt es auch. Neue Jobchancen ergeben sich in seiner Branche mitunter schneller als gedacht.

    Ganz ähnlich funktioniert der Online-„Gesprächsabend“, den sich Audi einfallen ließ, nachdem das ursprünglich in München geplante persönliche Treffen von Hildegard Wortmann, Vorständin für Marketing und Vertrieb mit Frauen aus dem Nushu-Netzwerk wegen der Corona-Pandemie platzte.

    Der Google-Manager und die McKinsey-Partnerin moderieren die virtuelle Jahrestagung der Initiative Chefsache. Quelle: Alina Bull, YoutubeSpace Berlin
    Philipp Justus und Julia Sperling

    Der Google-Manager und die McKinsey-Partnerin moderieren die virtuelle Jahrestagung der Initiative Chefsache.

    (Foto: Alina Bull, YoutubeSpace Berlin)

    An der virtuellen Variante beteiligten sich 300 Frauen zwischen 25 und 40 Jahren, denen die Topmanagerin von ihrem Führungsverständnis sowie von ihrem persönlichen Werdegang berichtete. Und mit denen sie danach noch diskutierte. „Klar, ein Treffen am Bildschirm ist weniger intim, dafür können an solch einer seltenen Gelegenheit dann nicht nur die Münchnerinnen teilnehmen“, sagt Nushu-Geschäftsführerin Annelies Peiner.

    Rotwein-Paket zur digitalen Weinprobe, virtueller Kaminabend. Unternehmen, die es gewagt hätten, vor Corona weibliche Führungskräfte zu solchen Veranstaltungen zu bitten, hätten vermutlich keine einzige anlocken können. Die exklusive Einladung und persönliche Begegnung im eleganten Ambiente eines Nobelhotels musste es schon sein. Doch auch das gehört zur neuen Normalität: Durch die Coronakrise ist der Rahmen in Sachen Frauenförderung nicht immer hin zum Schlechtesten geschrumpft.
    Mitarbeit: Teresa Stiens

    Mehr: Frauen haben es in der Start-up-Welt immer noch schwer

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