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Interview Maler Leon Löwentraut: „Erst wirst du ignoriert, dann belächelt und danach bekämpft“

Der Action-Painter wurde einst von der Kunstakademie abgelehnt, heute bringen seine Werke bis zu 70.000 Euro. Wie er mit Kritik umgeht und warum er am liebsten nachts arbeitet.
  • Almut Steinecke
13.07.2021 - 09:14 Uhr Kommentieren
Der junge Künstler steht vor seiner mobilen Skulptur „Global Gate“. Die bemalten Frachtcontainer in Form des Brandenburger Tores sollen dabei helfen, die Nachhaltigkeitsziele der UN zu verbreiten. Quelle: imago images/rheinmainfoto
Action-Painter Leon Löwentraut

Der junge Künstler steht vor seiner mobilen Skulptur „Global Gate“. Die bemalten Frachtcontainer in Form des Brandenburger Tores sollen dabei helfen, die Nachhaltigkeitsziele der UN zu verbreiten.

(Foto: imago images/rheinmainfoto)

Düsseldorf Seine Karriere startete früh: Leon Löwentraut begann mit sieben Jahren zu malen, erste Bilder verkaufte er bereits als Schüler. Inzwischen hat das deutsche Nachwuchstalent die dritte Dimension für sich entdeckt und gestaltet auch ungewöhnliche Skulpturen. Seine Werke bestechen durch ihre Ausdruckskraft und Farbigkeit – und haben inzwischen Fans auf der ganzen Welt.

Herr Löwentraut, Sie sind gerade mal 23 Jahre alt, doch als Künstler sind Sie international etabliert – Ihre Werke erzielen ansehnliche Preise. Wie ist Ihnen das gelungen?
Mit Talent, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Leidenschaft.

Wie, so simpel war das?
Nein, im Ernst. Ich musste schon auch Widerstände überwinden.

Welche denn?
Den Klassiker: Als junger Künstler wirst du von der Kunstwelt erst ignoriert, dann von ihr belächelt und danach bekämpft.

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    Das klingt fürchterlich. Was genau ist passiert?
    Es gab beispielsweise Feuilletonisten, die mir vorwarfen, ich würde Kunst machen, die gefallen soll.

    Wie haben Sie auf diese Kritik reagiert?
    Als Schaffender, der seine Kunst leben will, darf man sich nicht irritieren lassen. Man muss weitermachen, weitermachen, weitermachen. Und klar vor Augen haben: Nach dem Bekämpfen kommt irgendwann die Bewunderung.

    Durchhaltewillen und ein dickes Fell zählen also auch zu Ihren Stärken. Die brauchten Sie auch. 2016 haben Sie sich ja bei der Kunstakademie Düsseldorf für einen Studienplatz beworben – und sind abgelehnt worden. Mit welcher Begründung?
    Ich war während meiner Schulzeit kein Überflieger und habe meine Zeit nicht in Hausaufgaben, sondern in Kunst investiert; da war es für mich nicht wichtig, weiterzumachen bis zum Abitur. Dann habe ich mich an der Kunstakademie beworben. Nachdem ich eine Mappe mit meinen Werken eingereicht und die Aufnahmeprüfung absolviert hatte, teilte man mir aber mit, mein Stil habe sich schon zu sehr verfestigt.

    Eine Absage also von der Adresse, wo so renommierte Vertreter moderner Kunst wie Joseph Beuys oder Gerhard Richter unterrichtet haben. Wie haben Sie sich damals gefühlt?
    Frisch nach der Schule war das schon frustrierend. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich aber sogar ganz froh, dass es nicht geklappt hat.

    Wieso?
    Spätestens nach fünf Wochen hätte ich mich vermutlich selbst von der Akademie verabschiedet, Schulen und Akademien engen mich ein. Kunst ist für mich eine besondere Form von Freiheit, der ich ausgeliefert bin.

    Wie meinen Sie das denn?
    Wenn ich male, bin ich wie in Trance. Und ich habe das Gefühl, die Bilder entstehen aus einer inneren Steuerung heraus, die ich nicht bewusst beeinflussen kann. Es ist dann, als würde etwas, das ich nicht fassen kann, aus mir heraus malen. Schwer zu erklären.

    Picasso und Matisse als Vorbilder

    Versuchen Sie es doch bitte.
    Es ist, als würden sich Gedanken und Gefühle, die unbedingt aus mir rauswollen, regelrecht verselbstständigen, völlig unkontrolliert von meinem Kopf in meinen Arm und dann aus meiner Hand und meinen Fingern heraus über den Pinsel auf die Leinwand fließen. Ich ertappe mich manchmal selbst dabei, dass ich erstaunt vor der Leinwand stehe und denke: Krass, warum hast du das jetzt so gemalt, das war doch ganz anders geplant.

    Und wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
    Meine Kunst ist expressionistisch, abstrakt. Picasso gehört zu meinen Vorbildern, und auch Henri Matisse. Sie haben mich aber lediglich durch ihre Formgebung und ihre Stimmungslagen inspiriert. Ansonsten fühle ich mich frei, so kann ich mich mehr gehen lassen beim Malen und den Pinselstrich besser fühlen, leben.

    Apropos Leben, welches Verhältnis haben Sie zu Gleichaltrigen, die ja ganz anders leben als Sie?
    Ein ganz normales. Es gibt ja nicht nur den Künstler Leon Löwentraut, sondern auch noch den typischen jungen Mann, der gerne mit seinen Freunden abhängt und über Gott und die Welt redet.

    Gemeinsam abhängen geht nur gerade nicht so gut. Wie stark beeinflusst Sie als Künstler die Pandemie, in der Vernissagen kaum möglich und etliche Museen geschlossen sind?
    Die aktuelle Situation ist hart, keine Frage. Ich versuche aber immer, das Positive zu sehen.

    Und das wäre?
    Gut ist, dass sich mir neue Möglichkeiten bieten. Im Frühjahr 2021 habe ich die Lichtkunstperformance „Gemeinsam gegen Corona“ gestaltet, die den Düsseldorfer Rheinturm farbig erstrahlen ließ. Es hat sich gut angefühlt, meine Werke so auf ganz neuem Weg zu den Menschen zu bringen.

    Ein anderes Ihrer Corona-Projekte war das „Global Gate“, für das Sie mit 37 Frachtcontainern das Brandenburger Tor in Berlin am Frankfurter Flughafen nachempfunden haben. Das Objekt war getaucht in Ihre typisch wild-farbige Malerei und geschmückt mit Kinderfotos. Was ist die Message?
    Das Global Gate ist eine Kunstaktion im Rahmen der weltweiten Kampagne #Art4GlobalGoals. Sie soll dafür sorgen, dass die von den Vereinten Nationen verabschiedeten 17 Nachhaltigkeitsziele den Menschen weltweit nähergebracht werden, um allen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Zu den Zielen gehören das Ende der extremen Armut, hochwertige Bildung für alle sowie Frieden und Gerechtigkeit.

    Und wie trugen die Kinderfotos dazu bei?
    Auf den Fotos habe ich den Gesichtsausdruck von Kindern festgehalten, die mir die Frage beantworteten, „Was bedeutet Zukunft für dich?“ Die meisten waren in diesem Moment zuversichtlich – trotz der schwierigen Zeit. Diese Aufnahmen zieren die Innenseiten des Global Gates, der Betrachter sieht sie, wenn er durch das Tor geht. Die positiven Vibes sollen ihm das Gefühl geben, Negatives hinter sich zu lassen.

    „Die Bubble platzt erst, wenn ein Bild fertig ist“

    Und wie gelingt Ihnen selbst das?
    Naja, zum Beispiel positiv trotz Pandemie ist, dass die Krise mich ja nicht an meinem Schaffen hindert. Ich kann ja weitermalen in meinem Atelier.

    Wann arbeiten Sie eigentlich am liebsten?
    Nachts.

    Warum?
    Weil ich dann sicher sein kann, dass mich niemand stört. Und das Gefühl, in einer eigenen Welt zu sein, ist dann noch mal stärker. Diese Bubble platzt erst, wenn ein Bild fertig ist und ich es bei einer Ausstellung der Welt zeigen kann.

    Wie geht es denn jetzt bei Ihnen weiter?
    Auch wenn wir gerade mitten in der Corona-Pandemie stecken, habe ich schon viel in Planung.

    Worauf können sich Ihre Fans vielleicht schon freuen?
    Nach dem Auftakt in Venedig und Wien wird es Ausstellungen im Bayerischen Nationalmuseum in München sowie im Nationalmuseum in Rom geben. Zudem freue ich mich auf Galerieausstellungen in Zürich und in London. Die genauen Daten kommen, sobald die Pandemie vorbei ist. 

    Herr Löwentraut, vielen Dank für das Interview.

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