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Kabarettist im Interview Jürgen Becker: „Politisch müsste Corona ja eigentlich jeden glücklich machen“

Der bekannte Kölner Kabarettist spricht über Humor in Coronazeiten und verrät, was uns „Die Feuerzangenbowle“ über den Umgang mit Krisen lehrt.
04.06.2020 - 12:50 Uhr Kommentieren
„Humor schafft Distanz und macht ernste Situationen erträglicher.“ Quelle: imago images / Lumma Foto
Kabarettist Jürgen Becker

„Humor schafft Distanz und macht ernste Situationen erträglicher.“

(Foto: imago images / Lumma Foto)

Düsseldorf Nach der Vorpremiere war Schluss mit lustig. Die Coronakrise stoppte Jürgen Beckers Tournee mit seinem neuen Bühnenprogramm „Die Ursache liegt in der Zukunft.“ Es handelt vom scheinbar unendlichen Wachstum des Kapitalismus und seinem plötzlichen Marktversagen.

Seinen Humor hat Becker trotzdem nicht verloren. Im Interview mit dem Handelsblatt sagt er: „Humor schafft Distanz und macht ernste Situationen erträglicher.“ Außerdem erklärt er, wie wir lernen können, witzig zu sein.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Becker, in Ihrem neuen Programm stellen Sie sarkastisch fest: „Das Finale unseres fossilen Feuerwerks kollabiert ausgerechnet mit einem China-Kracher Corona!“. Ist es ernsthaft möglich, dem tödlichen Virus mit Humor zu begegnen?
Warum nicht? Corona ist ja die Krise, die politisch eigentlich jeden glücklich machen müsste. Denn im Moment werden die Wünsche aller politischen Richtungen erfüllt. Die CDU hat die absolute Macht, die Grünen weniger Verkehr, keine Reisen und weniger Flugzeuge, die Linken haben das Ende der schwarzen Null und den absoluten Schutz der Mieter vor Kündigung, die AFD geschlossene Grenzen, und Christian Lindner hat auf der Autobahn Platz, seinen doofen Porsche auszufahren.

Alle könnten zufrieden sein, wenn nur eine Frage geklärt wäre: Wo zum Teufel kriegen wir alle Geld her? Aber das wurde ja nun gelöst. Es wird einfach gedruckt! Denn es hat sich ja der bedeutendste deutsche Ökonom aller Zeiten durchgesetzt: Mario Adorf. Mit seinem Satz „Ich scheiß euch zu mit meinem Geld!“

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    Das ist ein Zitat aus dem TV-Klassiker Kir Royal, als Adorf einen reichen Mittelständler spielte, der sich in der Zeitung sehen wollte. Sie mögen offensichtlich die kritischen Momente des Humors...
    Ja, denn man sollte die ernsten Dinge humorvoll betrachten und den Humor ernst nehmen. Dann kommt man am besten zurecht.

    Shutdown und Soziale Isolation. Und da kommen Sie mit Ihrem „Optimismus ohne Opiate“ und machen den „Chancen Avancen“. Wie passt das?
    Homeoffice ist eine der Chancen. Nach der Pandemie wird sich das zwar wieder reduzieren, aber sicher nicht auf das Niveau von vorher. Viele Unternehmen werden nachdenklich auf Ihre Bürotürme blicken und sich die Frage stellen, ob man den Raum nicht besser nutzen sollte? Wie wär‘s mit Wohnraum?

    Sie sind bekannt für Pointen auf Kosten von Politik, Wirtschaft und Religion. Was kann Humor generell in der Krise bewirken?
    Humor schafft Distanz und macht ernste Situationen erträglicher. Er ist auch ein wohltuender Reflex. Das Lachen entwickelte sich aus einer Drohgebärde des Affen. Wenn unstimmige Informationen eingehen, zieht der die Lippen hoch, kratzt sich seitlich und macht grunzende Geräusche.

    Auch unser Lachen beruht auf unstimmigen Informationen, wie wir das aus Witzen kennen: Ein Vampir fährt alleine auf dem Tandem. Die Polizei fragt ihn: „Haben sie was getrunken?“ Er: „Ja, zwei Radler!“ (Lacht)

    Woher kommt nun das Lachen?
    Unser Gehirn kann die beiden Bedeutungsebenen des Wortes Radler nicht sofort richtig einordnen und fragt kurz: Muss ich angreifen? Nein. Muss ich fliehen? Nein. Ich kann also die Spannung über das Zwerchfell abbauen. Deshalb ist Lachen entspannend.

    Und das führt zur Erkenntnis, dass…
    ... man durch Humor eher bereit ist, sich die Dinge von oben anzuschauen, also aus der Distanz. Das hat schon fast etwas Religiöses. Gott als gedachter Punkt ist ja auch der Versuch, sich unsere Situation von oben anzuschauen.

    Doch was lässt sich davon fürs Berufsleben abgucken? Verraten Sie uns Ihre wichtigsten Tricks…
    Tricks sind da nicht nötig, eher eine Haltung. Humor hat immer etwas Spielerisches, hinterfragt Normen und Konventionen. Diktatoren mögen das zum Beispiel gar nicht. Sie sind meist misstrauisch und sehen durch Humor ihre Autorität in Frage gestellt.

    Daher sind humorvolle Führungskräfte in der Regel eher bereit, den Mitarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen. Sie erreichen ihre Autorität nicht durch das Amt oder die Position, sondern durch ihre Kompetenz und ihre Selbstsicherheit, die ihnen die Möglichkeit gibt, spielerisch auch mit Sprache zu agieren.

    Wer im Unternehmen Kreativität und Phantasie fördern will, kann auf Humor kaum verzichten. Insofern sollten wir die Karriere humorloser Menschen nicht unnötig befördern.

    Ist das nicht mehr Wunsch als Wirklichkeit? Oft werden gerade die Menschen ernstgenommen und befördert, die vor allem ernst auftreten.
    Diese Erfahrung kann ich nicht teilen. Nehmen wir nur mal unser politisches Führungspersonal. Adenauer konnte den Plenarsaal äußerst schlagfertig zum Lachen bringen, Willi Brandt war sehr humorvoll, Gerhard Schröder ebenso. Und wer Angela Merkel einmal live erlebt hat, merkt sofort: Die hat den Schalk im Nacken.

    Ist Humor also dazu geeignet, Karrieren zu unterstützen?
    Humorlose Menschen unterdrücken den Spieltrieb, die Möglichkeit mit Sprache spielerisch umzugehen. Und Friedrich Schiller ging sogar so weit zu sagen: Der Mensch ist nur ganz Mensch, wenn er spielt. Wer im Unternehmen Kreativität und Phantasie fördern will, kann auf Humor kaum verzichten. Insofern sollten wir die Karriere humorloser Menschen nicht unnötig befördern.

    Kann denn jeder Humor erlernen?
    Im Prinzip ja. Am besten durch Vorbilder. Ein Klassiker ist Professor Bömmels aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“. Die Schüler hingen ein Schild an die Schule: „Wegen Baustelle geschlossen“. Die Schule blieb leer. Ein kompletter Lockdown – schon damals.

    Nur im Lehrerzimmer schäumte der Lehrkörper und forderte ernste Konsequenzen, ein Exempel müsse statuiert werden. Auf die Frage, was denn nun konkret zu tun sei, antwortete Bömmels lapidar: „Nix!“. „Wieso“ fragten die Kollegen. Bömmel: „Wenn da steht ‚Baustell‘, dann machen mer halt en Baustell. Mer müssen sowieso mal renovieren.“ Der Vorschlag wurde angenommen, die Schüler waren verblüfft.

    Die Coronakrise hat etwas davon. Auch wir müssen nun flexibel reagieren und unser Gedankengebäude dringend renovieren.

    Herr Becker, vielen Dank für das Gespräch.

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