Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kündigung Abschied mit Anstand: Wie die Trennung von Mitarbeitern gelingen kann

Nicht nur Betroffene leiden unter Entlassungen. Für Manager gehört ihre Umsetzung zu den schwierigsten Aufgaben. Ein Leitfaden für einen fairen Abschied.
09.07.2020 - 16:33 Uhr Kommentieren
Empathie ist in Trennungsgesprächen unabdingbar. Formulierungen, die Mitleid ausdrücken, sollten Manager aber vermeiden. Quelle: imago images / fStop Images
Trennung ohne Groll

Empathie ist in Trennungsgesprächen unabdingbar. Formulierungen, die Mitleid ausdrücken, sollten Manager aber vermeiden.

(Foto: imago images / fStop Images)

Düsseldorf, San Francisco, München Als Barry im Eckbüro des Chefs Platz nimmt, ist er noch entspannt. „Du hast eine neue Frisur, oder?“, fragt der grauhaarige Mann mit den großen Lachfalten. Barrys Gegenüber nimmt sich keine Zeit, die Höflichkeiten zu erwidern: „Ich habe schlechte Nachrichten.“ Barry verschränkt die Arme. „Das klingt jetzt aber offiziell“, meint der Mittfünfziger. Sein Chef sagt: „Deine Einstellung lässt mir keine andere Wahl, als dich zu entlassen.“ Er sei respektlos zu den Kollegen gewesen.

Barry ist kein Mensch, sondern ein Avatar. Er wurde vom US-Start-up Talespin programmiert, um Manager auf Personalgespräche vorzubereiten. Barry funktioniert wie ein Computerspiel, der Nutzer hat bei jedem Schritt drei Antwortmöglichkeiten.

Das mag unrealistisch klingen, für Talespin-Gründer Kyle Jackson ist das aber ein Vorteil: „Für Einsteiger ist es wichtig, Routinen zu entwickeln.“ Wer noch nie ein konfliktgeladenes Personalgespräch geführt habe, halte sich besser an vorgefertigte Antworten.

Gespräche wie mit Barry werden Manager demnächst häufiger führen müssen – nur das kein Avatar, sondern ein echter Mitarbeiter vor ihnen sitzen wird. Die aktuellen Entlassungen zeugen davon, dass nach der Kurzarbeit vielerorts der Rauswurf folgt: Bei der Lufthansa müssen 26.000 Mitarbeiter bangen, Airbus will 15.000 Stellen abbauen, bei der Commerzbank stehen 10.000 Stellen auf der Kippe. Dass sich solche Meldungen häufen werden, befürchten immer mehr Angestellte: Jeder Sechste sorgt sich laut Corona-Studie der Universität Mannheim um seinen Job.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Kündigungen sind nicht nur für diejenigen schmerzhaft, die die Firma verlassen müssen. „Für Führungskräfte ist das Trennungsgespräch eines der schwierigsten Situationen überhaupt“, sagt Bernd Fricke, Experte für Trennungsmanagement und Direktor von Kienbaum.

    Schon 2016 ergab eine Umfrage des Beratungshauses, dass zwei Drittel der Firmen ihre Manager nicht auf die Durchführung von Trennungen vorbereiten. Das Bewusstsein dafür sei zwar größer geworden, sagt Fricke, doch in etwa jeder zweiten Firma seien Führungskräfte bei Trennungsgesprächen noch immer überfordert.

    Wo jetzt Entlassungswellen bevorstehen
    Airbus
    1 von 5

    15.000 Stellen will der Flugzeugbauer abbauen – allein 5100 davon in Deutschland. Das ist die größte Schrumpfungskur der Firmengeschichte. (Quelle: Unternehmen)

    (Foto: Reuters)
    Lufthansa
    2 von 5

    26.000 Mitarbeiter müssen bei der Airline um ihren Job fürchten. Das ist fast ein Fünftel der Belegschaft. Bei der Kernmarke sind etwa 600 Piloten und 2600 Kabinenmitarbeiter betroffen. (Quelle: Unternehmen)

    (Foto: Bloomberg)
    Galeria Karstadt Kaufhof
    3 von 5

    4600 Mitarbeiter der Warenhauskette müssen um ihren Job bangen. 56 der 172 Filialen stehen auf der Schließungsliste. (Quelle: Unternehmen, Verdi)

    (Foto: imago images/Jürgen Heinrich)
    Daimler
    4 von 5

    15.000 Stellen will Daimler über Altersteilzeit, Frühpensionierungen und Abfindungen abbauen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. (Quelle: Unternehmen)

    (Foto: Bloomberg)
    Commerzbank
    5 von 5

    10.000 Stellen will die Commerzbank bis bis 2023 streichen – das wäre jeder vierte Job. Zudem sollen 450 Filialen geschlossen werden. (Quelle: Unternehmen)

    (Foto: Bloomberg)

    Kann es gut gemachte Kündigungen überhaupt geben? Anja Schauenburg ist davon überzeugt. Die Geschäftsführerin der Kieler Outplacement-Beratung „Die Personalumbauer“ begleitet Firmen bei Entlassungen. Positiv werde ein Kündigungsgespräch nie sein.

    „Doch wenn der Trennungsprozess fair und wertschätzend gestaltet ist, können die gekündigten Mitarbeiter schneller loslassen und einfacher einen neuen Job finden.“ Doch wie läuft ein gutes Trennungsgespräch ab? Ein Leitfaden.

    Die Vorbereitung: 45 Minuten müssen es schon sein

    Es dauerte nur wenige Sekunden, schon waren 406 Mitarbeiter gefeuert – per Audiobotschaft. Das erlebten 30 Prozent der Belegschaft des amerikanischen E-Scooter-Anbieters Bird. Bei einer Videokonferenz verkündete eine Stimme Ende März die Kündigungen. Daraufhin fuhren die Laptops der Betroffenen herunter.

    Nach harscher Kritik räumte Bird ein, dass ein Gespräch wohl der bessere Weg gewesen wäre. Dazu raten auch Experten: Die Kündigung sollte persönlich durch den direkten Vorgesetzten ausgesprochen und nicht delegiert werden.

    Bevor es darum geht, die Kündigung zu überbringen, müssen Manager das Trennungsgespräch planen. Für Outplacement-Expertin Schauenburg sollten es bis zu 45 Minuten Vorbereitung sein. Gute Planung verhindert nicht nur Peinlichkeiten, wie die Kündigung am Geburtstag oder zum Dienstjubiläum, sondern gibt auch Hinweise, wie die Person reagieren könnte. „Vor dem Gespräch sollten sich Manager genaue Formulierungen zurechtlegen und sich emotional vorbereiten, um bei der Sache zu bleiben“, rät Schauenburg.

    Die E-Mail-Einladung sollte möglichst neutral formuliert werden. Das Gespräch am besten am kommenden Tag, nicht aber vor dem Urlaub oder dem Feierabend festlegen. Das belastet den Mitarbeiter zusätzlich und erschwert Folgegespräche mit Betriebsrat oder Anwalt. Manager sollten dem Betroffenen die Botschaft auch nicht im Großraumbüro oder dem verglasten Besprechungszimmer übermitteln.

    Und: Eine Flasche Wasser, zwei Gläser und eine Packung Taschentücher bereitstellen. Aber bitte keine Kekse zur Kündigung reichen. Was trivial klingt, wird oft falsch gemacht, berichten Kündigungsexperten.

    Das Trennungsgespräch: Keine Floskeln – und kein Mitleid

    Wenn es um den Abbau von Stellen geht, will Daimler nichts dem Zufall überlassen. Auf Small Talk und Plattitüden sollen Manager bei den Personalgesprächen verzichten. Stattdessen rät ihnen der Autobauer, die Trennungsabsicht in den ersten drei Sätzen auszusprechen – „kurz, präzise, klar, sachlich, definitiv“, wie es in einer internen Präsentation heißt.

    Den Führungskräften wird empfohlen, „unmissverständliche Worte“ zu gebrauchen, nach „maximal 30 Minuten“ soll alles vorbei sein. Dieses Vorgehen haben die Manager bereits in Onlineseminaren trainiert. Schon vor der Coronakrise besiegelte Daimler den Abbau von bis zu 15.000 Stellen.

    Die ersten Personalgespräche laufen derzeit schon. Sollten den Führungskräften die Worte fehlen, sind in der Vorlage ganze Sätze vorformuliert. „Bevor über die Trennung entschieden wurde, haben wir Möglichkeiten, Sie weiterzubeschäftigen, überprüft. Leider ist die Situation derzeit sehr kritisch.“

    Auch Reaktionen der Mitarbeiter sind notiert. Wollen Mitarbeiter etwa einen Anwalt einschalten, könnten Manager antworten: „Wir würden Ihnen sogar empfehlen, sich beraten zu lassen. Aber lassen Sie mich doch zunächst aufzeigen, was wir Ihnen konkret anbieten.“

    Eine kurze Begrüßung, die Kündigung mit unmissverständlichen Worten wie „trennen“ oder „beenden“ direkt zu Anfang formulieren und eine kurze Begründung, aber keine Rechtfertigung für den Schritt liefern – genau so sollte es auch laut Expertin Schauenburg ablaufen. Die Begründung für die Trennung ist für sie zentral, weil der Betroffene so besser nachvollziehen könne, warum gerade er und nicht die Kollegen entlassen werden.

    Für Schauenburg muss das Gespräch nicht länger als zehn Minuten dauern. „Wenn die Trennungsbotschaft überbracht ist, wird der Betroffene ohnehin keine weiteren Informationen mehr aufnehmen und verarbeiten können.“

    Ratsam ist, dass Trennungsgespräch zu zweit zu führen – gemeinsam mit einem Vertreter der HR-Abteilung zum Beispiel. Den Anfang macht der Vorgesetzte selbst, der Personaler übernimmt bei Fragen zum weiteren Ablauf. Bei einem möglichen Rechtsstreit gibt es so auch einen Zeugen.

    Die meisten Fehler im Trennungsgespräch, berichtet Kienbaum-Berater Fricke, „passieren nicht aus böser Absicht, sondern sind eher gut gemeinte Ratschläge, die aber ihre Wirkung verfehlen“. Beispiel: Mitleid zeigen. Das sollten Manager in solchen Gesprächen vermeiden, selbst wenn ihr Gegenüber anfängt zu weinen. Führungskräfte wirken sonst „verunsichert und geraten selbst in innere Konflikte“.

    Unabdingbar sei es aber, Mitgefühl und Empathie auszudrücken. Manager müssen sich klarmachen, dass es nicht um die Person, sondern um die Position gehe.

    Ebenso ist Managern geraten, sich nicht von der Kündigungsentscheidung zu distanzieren – selbst dann nicht, wenn sie an der Entscheidung zweifeln oder das Gegenüber zu verhandeln beginnt. Sätze wie „Das war nicht meine Entscheidung“ oder „Ich schaue mal, was ich noch für Sie tun kann“ sind unangebracht. „Das weckt bei den Betroffenen nur Hoffnungen, die am Ende enttäuscht werden“, sagt Fricke.

    „Wenn der Trennungsprozess fair und wertschätzend gestaltet ist, können die gekündigten Mitarbeiter einfacher einen neuen Job finden.“ Quelle: Die Personalumbauer
    Anja Schauenburg (Outplacement-Beraterin)

    „Wenn der Trennungsprozess fair und wertschätzend gestaltet ist, können die gekündigten Mitarbeiter einfacher einen neuen Job finden.“

    (Foto: Die Personalumbauer)

    Auch sollten Manager im Trennungsgespräch keinen Druck aufbauen – das kann auch rechtlich heikel werden. So werden am Beispiel von Daimler auch die Fallstricke eines Trennungsleitfadens deutlich: Falls sich Mitarbeiter partout weigern, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben, wurde den Managern des Autobauers nämlich zunächst empfohlen, überdeutlich zu werden.

    Durch die Verlagerung von Aufgaben könne es sein, dass sich für den Mitarbeiter „alles verändert“, lautete die vorgefertigte Botschaft. „Dann müssen Sie in Zukunft sehen, wie Sie mit dieser Unsicherheit umgehen.“ Sogar die Möglichkeit negativer Auswirkungen auf die Leistungsbeurteilung sollte vereinzelt aufs Tapet.

    „So nicht“, zürnte der ansonsten eher besonnene Daimler-Betriebsrat und wetterte gegen jede Form von „Drohkulissen“. Daimler überarbeitete daraufhin das Material. So wie die Stuttgarter haben viele Konzerne Trennungsanleitungen an ihre Manager verschickt. Für Beraterin Schauenburg geben Leitlinien zwar eine gewisse Sicherheit. „Doch Anleitungen ersetzen eben nicht, sich mit der individuellen Situation des Mitarbeiters auseinanderzusetzen.“

    Nach dem Gespräch: Missglückte Kündigungen haben Folgen

    Das Kündigungsgespräch ist zwar nur ein kurzes – aber es kann weitreichende Folgen haben: Ist es missglückt, zerstört das nicht nur Vertrauen bei demjenigen, der gehen muss, sondern auch bei denjenigen, die bleiben. „Die Verbleibenden beobachten genau, wie mit dem Ex-Kollegen im Trennungsprozess umgegangen wurde“, sagt Schauenburg.

    Kienbaum-Berater Fricke ergänzt: „Misslungene Trennungsgespräche können die Kultur eines Unternehmens schädigen.“ Die hinterbliebenen Kollegen seien nicht mehr so motiviert, und mitunter würden so auch Talente verprellt. Zudem könne das Image des Arbeitgebers unter den Erzählungen des Gekündigten bei Mitbewerbern, Kunden und Bekannten leiden.

    Experten raten deshalb dazu, dass Firmen frühzeitig eine Trennungskultur etablieren. Etwa durch gemeinsame Workshops für alle Führungskräfte. In Rollenspielen können sie trainieren, welche Folgen Aussagen und Verhaltensweisen haben, um sich besser in die Rolle des Gekündigten hineinzuversetzen.

    Oder man trainiert mit Entlassungsdummy Barry. Das Start-up Talespin aus der Nähe von Los Angeles ist in der Pandemie sehr beschäftigt. Von europäischen Firmen habe Jackson zuletzt sogar ein größeres Interesse bemerkt als von amerikanischen. Ein Innovations-Lab von BMW etwa habe Talespins Plattform kürzlich erst getestet.

    Talespin trainiert vor allem Personalgespräche mit diskussionsfreudigen oder zerstrittenen Mitarbeitern. Da persönliche Treffen im von der Pandemie stark getroffenen Amerika nicht möglich sind, versendet Talespin seine VR-Brillen direkt an Manager, die damit zu Hause üben können.

    Vorteil: Man könne sich ganz auf sich selbst konzentrieren, erzählt Gründer Jackson. So sei die Simulation „ein sicherer Ort, an dem man Fehler machen kann“. Und besser sie passieren bei Barry als beim nächsten realen Gespräch.

    Mehr: Wie Unternehmen am besten mit Entlassungen umgehen

    Startseite
    Mehr zu: Kündigung - Abschied mit Anstand: Wie die Trennung von Mitarbeitern gelingen kann
    0 Kommentare zu "Kündigung: Abschied mit Anstand: Wie die Trennung von Mitarbeitern gelingen kann"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%