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BWL-Professor Christian Scholz „Der MBA muss sich neu erfinden“

Vor 30 Jahren holte der Saarbrücker BWL-Professor den US-Wirtschaftsabschluss nach Deutschland und träumte von einem zweiten Harvard. Heute kritisiert er die Entwicklung – und fordert Reformen.
17.05.2018 - 20:07 Uhr Kommentieren
Als erste deutsche Hochschule einen MBA-Titel verliehen. Quelle: ullstein bild - Becker & Bredel
Universität des Saarlandes

Als erste deutsche Hochschule einen MBA-Titel verliehen.

(Foto: ullstein bild - Becker & Bredel)

Saarbrücken Der Vater des deutschen MBA hat gute Laune. Gleich wird er bei der Gewerkschaft Verdi einen Vortrag zum Thema Work-Life-Blending halten, also der Verschmelzung von Arbeitszeit und Freizeit durch die Digitalisierung. Es ist Christian Scholz’ Lieblingsthema.

In der Wissenschaftsszene hat sich der 65-Jährige vor allem als Organisations- und Personalexperte einen Namen gemacht. Nach dem Master of Business Administration hat ihn schon länger niemand mehr gefragt. Dabei war er es, der vor fast 30 Jahren den MBA nach Deutschland brachte.

Die Universität des Saarlandes, an der Scholz Betriebswirtschaft lehrt, war die erste Hochschule hierzulande, die den Titel verlieh. Diesen Sommer geht Scholz in Pension. Auf den MBA ist er stolz. Zufrieden ist er jedoch nicht.

Wir dürfen Lernen nicht als rausgeschmissene Zeit ansehen, sondern als Notwendigkeit, um im digitalen Zeitalter zu bestehen. Quelle: imago/Becker&Bredel
Christian Scholz

Wir dürfen Lernen nicht als rausgeschmissene Zeit ansehen, sondern als Notwendigkeit, um im digitalen Zeitalter zu bestehen.

(Foto: imago/Becker&Bredel)

Professor Scholz, 1989 haben Sie das erste deutsche MBA-Studium ins Leben gerufen. Brauchte es wirklich einen weiteren Wirtschaftsabschluss?
Ich hatte damals in Harvard studiert und damit geliebäugelt, ganz nach Amerika zu gehen. Insbesondere die Business Schools in Harvard und Stanford fand ich spannend, weil sie eine große Industrienähe hatten, praxisnahe Forschung betrieben und weil dort Manager mit Erfahrung studierten. Deren Wissen und deren Kontakte sind für Forschung und Lehre unbezahlbar. Das war ganz anders als die klassische Weiterbildung in Deutschland.

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    Aber gleich ein neuer Studiengang?
    Ja, denn auch die Lehrmethoden an einer Business School sind ganz anders als an einer deutschen Universität. Es wird mit konkreten Fallstudien gearbeitet, eingebettet in einen wissenschaftlichen Rahmen. Der Harvard-Ökonom Michael Porter etwa, den ich genießen durfte, nimmt nicht nur einfach aktuelle Fälle durch, er hat auch ein klares gedankliches Gerüst dahinter. Dadurch lernen die Studenten, in Modellen zu denken und zu rechnen. Das alles hat ein ungeheuer hohes intellektuelles Niveau.

    Wollen Sie damit sagen, die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung in Deutschland ist zu schlecht?
    Nein, das ist sie nicht. Als ich mit zwei anderen Deutschen gemeinsam in Harvard studierte, waren wir den Amerikanern haushoch überlegen. Unsere wissenschaftliche Ausbildung war um Klassen besser. Aber was wir damals weniger geschafft haben, war, Lösungsvorschläge für praktische Probleme so auf den Punkt zu bringen, dass ein Unternehmen in einer konkreten Entscheidungssituation damit etwas anfangen konnte. Diese Business-Denke ist das, was das MBA-Studium auszeichnet: ein wissenschaftliches Gedankenmodell mit der Praxis zu kombinieren und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten.

    Also ist das BWL-Studium zu theoretisch?
    Das klingt mir schon wieder zu negativ. Die deutschen Universitäten machen eine hervorragende wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung. Aber diese praktische Dimension, die ich beschrieben habe, die hat gefehlt. Das führte dazu, dass viele deutsche Manager auf ihr Diplomstudium ein MBA-Studium im Ausland draufsattelten, beim IMD in der Schweiz oder dem Insead in Frankreich. Nicht weil ihre Ausbildung schlecht war, sondern weil sie morgens um 9 Uhr mit einem konkreten Problem am Schreibtisch saßen und um 9:30 Uhr eine Lösung brauchten. Diese Denke wurde an unseren Hochschulen so nicht gelehrt. Ich dachte: Warum nicht beide Ansätze kombinieren?

    Hätte es nicht gereicht, das BWL-Studium umzubauen und praxisnäher zu machen?
    Nein, warum? Das BWL-Studium hat sich doch bewährt. Wenn ich einen Sportwagen fahre und zu der Erkenntnis komme, dass in manchen Situationen ein Geländewagen besser wäre, schraube ich doch auch keine größeren Räder an den Sportwagen. Der Diplom-Kaufmann alter Prägung hatte immense Stärken, die uns erst jetzt bewusst werden, wo es ihn in seiner ursprünglichen Form nicht mehr gibt. Leider! Aber das ist ein anderes Thema.

    Trotzdem haben Sie ein Konkurrenzangebot geschaffen.
    Der MBA war nicht als Konkurrenz zum BWL-Studium gedacht, sondern als Zusatzangebot für Führungskräfte, die bereits einen Uniabschluss hatten. Warum sollten deutsche Manager dafür ins Ausland gehen müssen? Warum können wir so etwas nicht auch in Deutschland anbieten? Das waren damals meine Überlegungen.

    Wie waren die ersten Reaktionen?
    Die Universität des Saarlandes war immer schon sehr international ausgerichtet, das war ein Vorteil. Es gab ohnehin Pläne, das juristische Europainstitut um einen ökonomischen Zweig zu erweitern. Ich habe dann vorgeschlagen, neben der europafokussierten Forschung einen Aufbaustudiengang nach dem Muster amerikanischer MBA-Programme zu entwickeln und – angemessen für eine Universität mit internationalem Anspruch – den Titel in verschiedenen Sprachen zu verleihen. In Englisch wurde daraus der Master of Business Administration, also der MBA. Die Landesregierung war damals sehr innovativ und flexibel und gab uns grünes Licht. So wurden wir die erste deutsche Universität, die einen eigenen MBA anbieten konnte, andere konnten damals allenfalls auf Kooperationen mit ausländischen Business Schools zurückgreifen.

    Heute gibt es mehr als 250 MBA-Programme in Deutschland. Haben Sie einen Nerv getroffen?
    Der neue Studiengang hat damals sofort eingeschlagen. Wir konnten uns vor Bewerbungen gar nicht retten. Wir hatten viele internationale Dozenten und haben auch international-vernetzte Forschung betrieben, so wie ich es aus Harvard kannte. Es war eine irrsinnig tolle Zeit.

    Das klingt fast ein bisschen wehmütig. Sind die tollen Zeiten vorbei?
    Die Zahl der MBA-Programme ist in den vergangenen Jahren explodiert. Das hatte leider fatale Konsequenzen. Vielerorts sind akademische Standards verloren gegangen. Und trotz des wachsenden Angebots sind die Preise nicht gesunken. Bei manchen Anbietern habe ich den Eindruck, dass es nur noch ums Geldverdienen geht. Und das funktioniert: Die Klientel für solche Programme scheint aufwandssensibel zu sein, aber nicht preissensibel.

    Mit anderen Worten: Geld spielt keine Rolle, Hauptsache ich komme ohne viel Aufwand an einen MBA-Titel?
    Überspitzt gesagt, reichen bei manchen Anbietern ein paar Wochenenden plus Selbststudium. Ein gutes, anspruchsvolles Programm bedeutet aber ein bis zwei Jahre harte Arbeit.

    Heißt das, die Inflation der Programme entwertet den Abschluss?
    Ja, so sehe ich das. Es gibt einen negativen Qualitätswettbewerb. Hinzu kommen die Folgen der Bologna-Reform. Versuchen Sie doch mal zu erklären, was der Unterschied ist zwischen einem Master in BWL und einem Master of Business Administration. Inzwischen kann man auch einen Non-Executive-MBA machen, ohne vorher ein anderes Studium abgeschlossen zu haben. Die Vielzahl der verschiedenen Mastertitel macht es viel schwerer als früher, den anspruchsvollen MBA zu positionieren. Heute ist jeder „Master of irgendwas“.

    In den USA stellen erste Universitäten ihre MBA-Programme ein, die neu gegründete King’s Business School in London bietet erst gar keins an. Ist die Zeit des MBA vorbei?
    Ich glaube, der MBA muss sich inhaltlich neu schärfen und strukturell neu erfinden. So wird der Begriff „Business School“ heute teilweise synonym für „BWL-Ausbildung“ verwendet. Bei uns in Saarbrücken gab es die aberwitzige Überlegung, den gesamten BWL-Bereich aus der Universität auszugliedern, ihn mit dem Angebot einer lokalen Fachhochschule zu verschmelzen und das Ganze „Business School“ zu nennen. Aus meiner Sicht ist es besser, die Executive-Ausbildung – zu der auch der MBA gehört – klar jenseits von den anderen Wirtschaftsstudiengängen zu positionieren. Nur so kann der universitäre MBA sein Alleinstellungsmerkmal ausspielen, wieder in Anlehnung an Harvard und Stanford mit der Kombination aus exzellenter Forschung plus exzellenter Lehre. Dazu bräuchte es aber andere Rahmenbedingungen.

    Welche?
    Wir müssten Strukturen aufbauen wie bei den Spitzeninstituten in den USA, wo große Unternehmen eng mit wichtigen Business Schools vernetzt sind. Auch in Deutschland haben Unternehmen hier und da mal ein paar Millionen gegeben, aber der richtig große Wurf, also eine international renommierte Business School aufzubauen, ist nie gelungen. So entstand Abhängigkeit statt Autonomie, Bürokratie statt Begeisterung und Mittelmaß statt Meilenstein. Aber dazu vermisse ich in Deutschland die Aufbruchstimmung, wie wir sie vor 30 Jahren hatten.

    Die Stiftung des Lidl-Eigners Dieter Schwarz finanziert der TU München 20 wirtschaftswissenschaftliche Lehrstühle. Denken Sie an solche Partnerschaften?
    Das geht in die richtige Richtung, aber daran müssten sich noch viel mehr Unternehmen beteiligen, um etwas wirklich Großes aufzubauen. Es braucht eine kritische Masse – und eine tragfähige Vision dafür, was wir in Europa an Ausbildung brauchen. Wir dürfen nicht mehr lediglich Harvard kopieren. Wir brauchen ein neues Modell. Und darin liegt eine große Chance, weil alle Business Schools in den USA nahezu ausschließlich auf Amerika ausgerichtet sind. Die kulturelle, gesellschaftliche und politische Vielfalt der Welt im Allgemeinen und von Europa im Speziellen wird dort kaum gesehen und thematisiert. Wie verkaufe ich Waschmittel in Holland anders als in Italien? Worin unterscheidet sich das schwedische Arbeitsrecht vom britischen? Und wie kann ich diese Unterschiede für meinen Unternehmenserfolg nutzen? Das könnte ein echtes Alleinstellungsmerkmal einer europäischen Business School in Deutschland sein. Die Zeit ist reif dafür.

    Herr Scholz, danke für das Gespräch.

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