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Chefin des Großhändlers Rullko Vorbild, Pionierin und Reizfigur: Wie sich Marie-Christine Ostermann durchsetzt

Die Rullko-Chefin taugt als Vorbild einer jungen, selbstbewussten Generation von Unternehmerinnen. Doch Ostermanns Prominenz hat auch Schattenseiten.
08.07.2020 - 15:04 Uhr Kommentieren
Die Unternehmerin ist Vorbild und Pionierin einer jungen Generation von Frauen, die früh und aus eigenem Antrieb in Führungspositionen drängten und sich in den vergangenen Jahren als Persönlichkeiten etabliert haben. Quelle: Frauke Schumann
Marie-Christine Ostermann

Die Unternehmerin ist Vorbild und Pionierin einer jungen Generation von Frauen, die früh und aus eigenem Antrieb in Führungspositionen drängten und sich in den vergangenen Jahren als Persönlichkeiten etabliert haben.

(Foto: Frauke Schumann)

Hamm/Westfalen Ihr Vater wurde noch von seiner Großmutter gefragt, ob er nicht eines allzu fernen Tages ihre Nachfolge antreten wolle. Marie-Christine Ostermann wurde das nicht gefragt. Sie beschloss es im Alter von 16 Jahre einfach für sich, das westfälische Großhandelsunternehmen Rullko einmal zu übernehmen, die Chefin zu werden.

Mit diesem Ziel in Herz und Kopf tat die junge Frau der vierten Unternehmergeneration vieles, damit das auch gelingt. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre in Sankt Gallen, absolvierte ein Traineeprogramm bei Aldi Süd und engagierte sich wie einst schon ihr Vater beim Bund der Jungen Unternehmer (BJU). 2009 schaffte sie es, als zweite Frau überhaupt, an die Spitze des Wirtschaftsverbands. Zweimal kann man wiedergewählt werden, zweimal wurde sie wiedergewählt.

Doch damit nicht genug. 2010 übernahm sie auch noch in einem anderen Familienunternehmen ein hohes Amt. Sie wurde mit 32 Jahren Aufsichtsrätin bei Fielmann, Deutschlands größter Optikerkette. Ein Amt, das ihr bis dato sehr viel bedeutet und in dem sie am Donnerstag zum dritten Mal wiedergewählt werden soll.

„Marie-Christine Ostermann ist mir schon sehr früh als Unternehmerin und Interessensvertreterin aufgefallen. Sie ist sehr klug und zielstrebig und noch dazu charmant. Sie leistet im Aufsichtsrat von Fielmann seit zehn Jahren gute Arbeit, indem sie ihre Expertise aus dem Handelsgeschäft in unsere Diskussionen mit einbringt. Ihre Aufgabe nimmt sie sehr ernst. Sie hat in den vergangenen zehn Jahren nur eine Sitzung, entschuldigt, gefehlt“, sagt Mark Binz, Rechtsanwalt und langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender von Fielmann.

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    Und weiter: „Als Eigentümer-Unternehmerin passt sie zudem besonders gut zu einem eigentümergeführten Filialunternehmen wie Fielmann, zumal sie den Generationswechsel im eigenen Haus schon erfolgreich bewältigt hat.“

    Marie-Christine Ostermann taugt damit als Vorbild und Pionierin einer jungen Generation von Frauen, die früh und aus eigenem Antrieb in Führungspositionen drängten und sich in den vergangenen Jahren als Persönlichkeiten etabliert haben. Sie ist bestens vernetzt, selbstbewusst und denkt und agiert langfristig.

    Ostermann ist andererseits aber auch Reizfigur. Mit ihren Ämtern – seit 2013 ist sie zudem noch Mitglied der FDP – wurde sie über die Familienunternehmerszene hinaus bekannt. 2009 bis 2012 kam sie auf mehr als ein Dutzend Talkshowauftritte pro Jahr und führte die Hitliste der Wirtschaftsvertreter damit an. Bei ihren Auftritten vertrat sie vehement das junge Unternehmertum und eine liberale Wirtschaftspolitik.

    Die blonde Unternehmerin sieht schließlich nicht nur gut aus und ist eloquent. Die inzwischen 42-Jährige weiß auch, wovon sie redet. Sie spricht vielen Jungunternehmern aus dem Herzen, wenn sie ihr „Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft mit liberalen Überzeugungen wie der freiheitlichen Preisfindung und -setzung“ losdonnert.

    Von ihrer öffentlichen Wirkung und ihrem Netzwerk zeugt ein Plakat, das in ihrem Büro in Hamm in Westfalen hängt. Es ist das Abschiedsgeschenk, das sie als Vorsitzende des BJU von ihren Mitstreitern 2012 bekommen hat. Das Plakat besteht aus 30 persönlichen Empfehlungen. 30 öffentliche Personen bescheinigen ihr handschriftlich auf DIN-A5-großen Zetteln ihre Wirkung und Überzeugung.

    Popularität hat Schattenseiten

    So schrieb Ursula von der Leyen, die heutige EU-Kommissionschefin und damalige Bundesarbeitsministerin: „Eine überzeugende Botschafterin der Marktwirtschaft! Und über das ,Soziale‘ lohnt es sich, mit ihr zu streiten. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber teilen manche Überzeugung.“ Albrecht von der Hagen, der Hauptgeschäftsführer des Verbands Die Familienunternehmer, erklärte: „Frau Ostermann ist der junge Stachel im Fleische bequem gewordener Politik.“

    Doch ihre Popularität hat Schattenseiten: Ein Stalker nahm sie 2014 ins Visier und stellte ihr über Jahre nach. Marie-Christine Ostermann wehrte sich. Nach jahrelangem Rechtsstreit wurde der Stalker im Mai rechtskräftig verurteilt und kommt für acht Monate ins Gefängnis.

    Der Westfälin beschert das Urteil etwas Ruhe. Die kann sie gebrauchen – schließlich ist sie seit 2017 die alleinige geschäftsführende Gesellschafterin des Familienunternehmens Rullko, das rund 200 Menschen beschäftigt und 2019 rund 70 Millionen Umsatz machte. Ihr Vater verließ pünktlich mit dem 70. Geburtstag die Geschäftsführung. An ihrer Seite steht seitdem als angestellter Geschäftsführer Manfred Vogt. Der 53-Jährige leitet den Vertrieb.

    Ostermann versteht sich als Teamspielerin. So habe sie in ihrer Karriere zwar „nie Probleme“ gehabt, „mich durchzusetzen“, doch tut sie das auf geschmeidige Art und Weise. „Ich lehne starre Hierarchien, eine Misstrauensunkultur und Kontrollwahn kategorisch ab“, sagt sie. An ihrer Seite wünscht sie sich zudem – anders als noch ihr Vater – einen Beirat. „Als Aufsichtsrätin bei Fielmann habe ich ja erlebt, wie inspirierend so eine Institution sein kann.“

    Der Konkurrenzkampf in ihrer Branche ist hart. In den vergangenen Jahren kam es zu einer massiven Konsolidierung. Allein in ihrem direkten, regionalen Umfeld wurden einige mittelständische Familienunternehmen wie Niggemann aus Bochum, EGV Unna oder Handelshof aus Köln aufgekauft. Die Branche wird dominiert von Transgourmet aus der Schweiz und Chefs Culinar aus Moers am Niederrhein. Wichtige Größen, gerade auch im Abholbereich, sind zudem Edeka und Metro.

    Um mithalten zu können, ist Rullko seit 2009 im Verbund Intergast organisiert. 40 Mittelständler haben sich hier zusammengefunden, um sich mit einem Gesamtumsatz von 2,8 Milliarden Euro in Europa etwa Einkaufsvorteile zu verschaffen. Die Preissensibilität im Lebensmittelgroßhandel ist schließlich groß. „Vier Euro pro Person und Tag kalkulieren manche Pflegeheime und Krankenhäuser“, berichtet Ostermann, „da zählt jeder Cent.“

    Keine staatlichen Hilfen beantragt

    Die Coronakrise hat auch im Tagesgeschäft von Rullko, dem Lebensmittelgroßhandel, seine Spuren hinterlassen. Nach Angaben von Ostermann liegt das Umsatzminus derzeit bei neun Prozent. Besonders habe das Geschäft mit der Gastronomie gelitten. Es sei um 40 Prozent eingebrochen.

    Das für Rullko deutlich wichtigere Geschäft mit Pflegeheimen sowie Krankenhäusern sei glücklicherweise deutlich stabiler. Mit einer Eigenkapitalquote von 80 Prozent und einer hohen Liquidität sei Rullko zudem solide aufgestellt. Kurzarbeit oder andere staatliche Hilfen musste Ostermann nicht beantragen.

    Warum tust du dir all das an? Diese Frage wird Marie-Christine Ostermann immer mal wieder gestellt. Warum übernimmst du das väterliche Unternehmen? Warum überlässt du die Führung nicht einem angestellten Manager und genießt die Gewinne? Warum engagierst du dich politisch? Warum bist du auch noch Aufsichtsrätin bei Fielmann? Reicht dir die Führung und strategische Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens nicht?

    „Tja“, antwortet Ostermann dann, und es folgt eine lange Pause. „Ich möchte etwas bewegen, und ich möchte auch Vorbild für andere junge Frauen und Menschen sein. Wir können so viel schaffen, wir müssen uns nur trauen.“

    Und beim reinen Vorbildsein und großen Worten belässt sie es nicht. So hat sie gemeinsam mit der Unternehmerin Verena Pausder, die sie aus dem Studium in Sankt Gallen kennt, und dem im Non-Profit-Sektor erfahrenen Marketingmanager Hauke Schwiezer die Initiative „Startup Teens“ gegründet. Diese setzt sich dafür ein, dass junge Menschen ihre unternehmerischen Fähigkeiten entdecken und entwickeln. Für ihr Engagement ehrte sie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Jahr.

    MCO, wie sie von Wegbegleitern gerne genannt wird, denkt und lenkt gerne langfristig. Und so ist ihr größter Wunsch auch wenig verwunderlich. „Ich bin Unternehmerin durch und durch. Ich möchte dieses Unternehmen, so wie es mein Vater auch getan hat, im Alter von 70 Jahren gesund und munter an die nächste Generation weitergeben.“

    Mehr: Generation Sturm und Drang: Die neue Lust an Familienunternehmen

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