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Enise Lauterbach „Ich habe erkannt, dass die gläserne Decke aus Panzerglas ist und ich Jahre vergeudet habe“

Von der Chefärztin zur Start-up-Gründerin: Mitten in der Pandemie gründet Enise Lauterbach ein Unternehmen, um die Digitalisierung in der Medizin weiter voran zu bringen.
12.06.2020 - 14:19 Uhr 1 Kommentar
Ihre chefärztliche Tätigkeit kündigte die zweifache Mutter Enise Lauterbach im Juli 2019, um die digitale Transformation der Behandlungsweise der Herzinsuffizienz zu gestalten. Quelle: Michael Lauterbach
Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie

Ihre chefärztliche Tätigkeit kündigte die zweifache Mutter Enise Lauterbach im Juli 2019, um die digitale Transformation der Behandlungsweise der Herzinsuffizienz zu gestalten.

(Foto: Michael Lauterbach)

Bonn Von der Chefärztin einer kardiologischen Reha zur Gründerin des Start-ups Lemoa Medical: Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz konzipierte Enise Lauterbach eine App als ein schnell reagierendes Frühwarnsystem für Herzinsuffizienz-Patienten. Es soll die Regelversorgung in puncto Herzinsuffizienz revolutionieren und die bestehende Versorgungslücke schließen.

Inzwischen gibt es eine zweite App, für die Lauterbach Ende 2019 einen Gründerpreis gewonnen hat – ein Messenger von Ärzten für Ärzte. Was die Tochter türkischer Gastarbeiter und zweifache Mutter dazu bewogen hat, ihren Job als Ärztin an den Nagel zu hängen und mitten in der Pandemie ein Unternehmen zu gründen und wie sie die Digitalisierung in der Medizin weiter voran bringen will, erzählt Enise Lauterbach im Interview.

Frau Lauterbach, Sie haben Ihr starres Korsett als angestellte Ärztin gegen die Selbstständigkeit eingetauscht – gab es Momente, in denen Sie Angst hatten, ob das die richtige Entscheidung ist?
Die Vorstellung zu scheitern, zu versagen und Häme ausgesetzt zu sein, ist recht präsent. Noch schlimmer fand ich jedoch den Gedanken, nichts zu wagen und mich selbst zu verlieren, weil ich den Mut nicht aufbringe, meine Idee zu realisieren. Die beste Idee ist aber keine gute Idee, solange niemand davon erfährt. Ich musste es wagen und alles auf eine Karte setzen.

In welchem Moment ist Ihnen die Idee für die App gekommen, welches Problem hat Sie motiviert, eine Lösung dafür zu finden?
Kommunikation ist essenziell für Ärzte. Leider hapert es daran im stressigen Arbeitsalltag, auch weil immer noch umständlich Briefe per Post und Faxe verschickt werden. Man ist täglich stundenlang damit beschäftigt, an Befunde und andere Patienteninformationen zu gelangen. Ich hatte sozusagen das Faxen „dicke“, als ich wiederholt Patienten ohne Befunde vor mir sitzen hatte.

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    Beschreiben Sie in wenigen Worten, was genau Ihre jüngste App „Consil!um“ ist und wieso die Welt es braucht!
    Übliche Messenger können aus datenschutzgründen nicht verwendet werden, also musste eine andere Lösung her. Consil!um war geboren, ein Messenger von Ärzten für Ärzte, der eine schnelle, sichere und unkomplizierte Kommunikation untereinander ermöglicht. Dadurch wird nicht nur der Informationsaustausch besser. Auch die Patientenversorgung ist durch den schnellen Wissensaustausch wesentlich sicherer und es bleibt mehr Zeit für die Patienten.

    Für diese Erfindung sind Sie Ende 2019 mit dem ersten Gründerinnenpreis der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier ausgezeichnet worden. Das Preisgeld: 1.000 Euro. Wirklich viel anfangen kann man damit als Neugründerin aber nicht, oder?
    Nein, damit kann man nicht wirklich viel anfangen. Die Auszeichnung durch die IHK ist eine Anerkennung meiner Leistung. Somit hat der Preis für mich einen ideellen Wert, ich habe mich sehr gefreut. Sie bedeutete mir auch deshalb sehr viel, weil ich zukünftigen Gründerinnen Mut mache und sie in ihrem Vorhaben bestärke. Frauen haben leider immer noch selten die Gelegenheit, öffentlich für ihre Leistung gewürdigt zu werden. Ehrungen und Preisverleihungen für Leistungen von Frauen sollten zur Selbstverständlichkeit werden. Hier braucht es deutlich mehr Visibilität!

    Sie haben noch eine weitere App konzipiert, die Patienten das Leben leichter machen soll. Erzählen Sie uns davon!
    Es war der Appell meines Patienten, ob ich nicht vielleicht eine App „machen“ möchte. Er war entrüstet, dass alle Welt von Digitalisierung spricht und es alle möglichen Apps gibt, aber nichts für Herzkranke. Die Tatsache, dass meine Patienten den Einsatz moderner Technologien wie Apps, die sie im Alltag unterstützen, wünschten, ließ mich nicht mehr los. Die Chance, die Versorgung von Patienten zu verbessern, lag auf der Hand. Meine Mission: eine plattformbasierten App, die mit Hilfe smarter Technologien Patienten mit Herzinsuffizienz ein schnell reagierendes Frühwarnsystem bietet.

    Um wirklich Erfolg mit ihren Apps zu haben, müssten Sie ins Verzeichnis für erstattungsfähige „Digitale Gesundheitsanwendungen“ rein, oder? Wie ist da der Stand?
    Richtig, mein Ziel ist die Aufnahme von Herz-Held als digitale Gesundheitsanwendung in das Verzeichnis. Dann könnte sie als „App auf Rezept“ zukünftig von Ärzten/Innen und Psychotherapeut/Innen verordnet werden. Die Hürden für eine Aufnahme sind zwar hoch, aber das ist durchaus gerechtfertigt. Ich bin optimistisch und werde demnächst unsere Anwendung zur Prüfung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einreichen.

    Viele Mediziner leben in Blasen mit wenig Kontakt zur Außenwelt – warum ist das bei Ihnen so anders? Manche bezeichnen Sie gar als Medical Influencerin!
    Oh je, ich Medfluencerin (lacht). Ich glaube da sind andere besser. Und aktuell fehlt mir einfach die Zeit, ein unterhaltsames Medutainment zu bieten. Aber es stimmt schon, wir Mediziner leben in unseren Blasen. Das ist per se kein Drama und wahrscheinlich auch nichts Berufsspezifisches. Trotzdem täte es manchen meiner Kolleg/Innen sehr gut, ihren Horizont zu erweitern und zu schauen, was rechts und links der Medizin geschieht. Als Migrantin, die aus einer klassischen türkischen Gastarbeiterfamilie kommt, habe ich mich bereits während des Studiums nicht zur klassischen Medizinerbubble zugehörig gefühlt. Vielleicht fällt es mir auch deshalb leichter, Kontakte zu unterschiedlichsten Menschen aufzubauen. Ich kann sehr gut zuhören und mich gut in Menschen hineinversetzen. Es ist wie eine Sprache und glücklicherweise sprechen viele diese universelle Sprache und so treffe ich auf viele Gleichgesinnte außerhalb und innerhalb der Medizin.

    Wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
    Ja, ich wollte Astronautin werden.

    Welche Hobbys hatten Sie in Ihrer Jugend? Worin waren Sie richtig gut?
    In meiner Kindheit und Jugend war ich noch introvertierter als heute und habe intuitiv nach Beschäftigungen gesucht, die mich nicht in Gruppenbedrängnis brachten. Ich galt als eigenbrötlerisch. Von daher waren Leichtathletik, Lesen, Musik hören und Kunst meine Welt und ich hatte eine besondere Liebe zum Langstreckenlauf. Damals hatte ich auch noch eine große Fantasie. Ich habe meiner Schwester und ihrer besten Freundin viele Raketenstarts und Landungen auf fernen Planeten ermöglicht. Wir waren die Bande Drei und ein Baum war unser Raumschiff. Und wir waren extrem gut darin, auf Bäume zu klettern.

    Welche Hobbys haben Sie heute? Was begeistert Sie daran?
    Im Grunde sind es dieselben Hobbys. Nur Leichtathletik kann ich nach einer beidseitigen Ermüdungsfraktur im Mittelfuß nicht mehr in dem Ausmaß ausüben wie früher. Hinzu gekommen ist alpines Klettern und Kochen. Ich liebe es einfach für Familie und Freunde zu kochen, am liebsten mit meinem Mann zusammen, wir sind ein super Küchen-Team. Wer weiß, vielleicht bewirtschaften wir ja mal eine Hütte in den Bergen, so in 25 Jahren…

    Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
    Ich ernähre mich seit Jahren gesund, bewege mich gerne und lache sehr viel. Wenn mir auch die Zeit für mehr Sport in den letzten Jahren deutlich fehlte, versuche ich viel Bewegung in unser Familienleben zu bringen. Ich könnte auch sagen, die Kinder halten mich auf Trab, denn sie sind echte Bewegungsmonster.

    Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie aus Angst gemieden haben, und es nun bereuen?
    Nein.

    Wer ist Ihr persönliches Rolemodel und warum?
    Seit jeher inspirieren mich Menschen, Visionär/Innen, insbesondere Forscher/Innen und Wissenschaftler/Innen, die mit ihren Forschungen und Entdeckungen unser Leben trotz vieler Hürden und schwieriger Umstände aus eigener Willenskraft nachhaltig verbessert haben.

    Haben Sie ein persönliches Motto, das Sie antreibt und motiviert?
    Mein Lebensmotto ist auch das von Grace Hopper: „If in doubt – do it!“

    Was würden Ihre alten Kollegen/Ihr alter Chef sagen auf die Frage, was Sie auszeichnet?
    Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit.

    ... was Sie besser können als alle anderen im Team?
    Intuitives Erfassen der Situation, Reaktionsschnelligkeit.

    ... was Ihnen schwer fällt?
    Öffentliche Auftritte und Geduld.

    Beschreiben Sie eine Arbeitssituation, in der Sie komplett im Flow und erfüllt sind?
    Mit einem hochmotiviertem Team Gesundheit neu denken. Der Austausch mit gleichgesinnten Menschen gibt mir unheimlich viel Kraft und Energie.

    Was frustriert Sie und ist Ihr persönlicher Produktivitätskiller?
    Langeweile, Routine, Dauernörgler und Bremser.

    Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
    Bildhauerin, Sportlerin, Astronautin, Architektin, Köchin, Komödiantin, Abenteuerin…

    Welches Tool ist bei der Arbeit für Sie unverzichtbar und welche Apps haben Sie im täglichen Einsatz?
    Ich habe Stethoskop, Echokardiographiegerät und die Ablationskatheter eingetauscht gegen Smartphone, Notebook und Kladde. Meine Lieblings-App ist die Notizen-App, gleich danach kommt Shazam. Und neben Mail und Messenger-Apps nutze ich natürlich die üblichen Verdächtigen was Social Media angeht.

    Inspirierende Newsletter, Podcasts oder Webseiten?
    Mein Lieblingspodcast ist Tijen Onarans „How to hack“, ansonsten höre ich sehr gerne Wissenspodcasts. Natürlich Webseiten der Tageszeitungen, FR und FAZ, auch Handelsblatt. Abos habe ich keine mehr, weil ich einfach nicht dazu kommen würde, die komplett zu lesen. Ich bin überglücklich, wenn ich die FAS, die mir meine Schwiegereltern nach der Lektüre überlassen, komplett schaffe – eine echte Challenge von Woche zu Woche. Ansonsten viele Fachjournale und einige Tech-Newsletter.

    Was macht Sie stolz?
    Dass ich meinen eigenen Prinzipien treu bin und unbeirrt meinen Weg gehe. Nämlich dahin, wohin mein Herz mich trägt. Das ist so ein Familiending und deshalb bin ich auch so stolz auf meine Familie.

    Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
    Ich habe eine ambulante kardiologische Rehabilitation erfolgreich aufgebaut und etabliert. Ich habe meine Vision der Digitalisierung einer analogen Patientenversorgungsleitlinie realisiert und mit 45 Jahren mitten in der Pandemie ein Unternehmen gegründet.

    In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
    Wenn ich so weitermache, programmiere ich die nächste Software ganz einfach selbst.

    Auf welche Fehlentscheidung hätten Sie rückblickend gerne verzichtet?
    Ich war während meiner Klinikzeit zu lange zu nett und zu höflich. Ich hoffte mit Fleiß, Talent und Zielstrebigkeit weiterzukommen. Ich wollte schlicht und ergreifend die gläserne Decke nicht wahrhaben, bis ich an einen Wendepunkt kam. In diesem Augenblick erkannte ich, dass es Panzerglas ist und ich Jahre vergeudet habe.

    Bitte ergänzen Sie den Satz: Ich unterstütze meine Mitarbeiter (Nachwuchskräfte, Kollegen/Innen) in schwierigen Situationen, indem…
    ... ich zuhöre und bestärke, fördere und fordere. Ich bin gerne Sparring-Partnerin.

    Angenommen eine Kollege/In oder Mitarbeiter/In denkt oft: „Ich verdiene den Erfolg gar nicht“, „Ich bin gar nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Andere sind um Welten besser als ich…“ – Was raten Sie?
    Vergleichen ist etwas Menschliches, ein natürlicher Wettbewerb. Wir alle haben Stärken und Schwächen, das ist auch gut so und macht uns menschlich. Aufzeigen, dass wir Menschen uns in der Kollaboration und im Team auf wunderbare Art und Weise komplementär ergänzen und wir dankbar über unsere Andersartigkeit sein können. Zurückzuschauen, auf die bereits geleisteten Erfolge und darauf bewusst stolz sein und diese nicht vergessen – vor allem, wenn einen wieder einmal die Hoffnungslosigkeit überfällt. Bestärken und Loben.

    Sie merken, dass Sie unglücklich sind in Ihrem Job. Was tun sie?
    Gehen.
    Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde?
    „Sie können einfach nichts.“

    Anderen Chefs würde ich gerne sagen...
    Fass Dir ein Herz und sei einfach Mensch.

    Her mit dem Geld: Ihr Ratschlag an andere Frauen für Gehaltsverhandlungen?
    Verkaufe Dich nicht unter Wert und lass Dich auf gar keinen Fall einlullen!

    Verbündete und Mentoren finde ich, indem...
    ... ich mich aktiv darum bemühe und auch direkt um Ratschlag frage.

    Der größte Benefit, den Sie bisher aus einem Ihrer Netzwerke gezogen haben?
    Ich habe großartige Menschen getroffen, die mich wohlwollend auf meinem jetzigen Weg begleiten, auch wenn er unsicher ist.

    Wie schalten Sie abends ab, und wann gehen Sie ins Bett?
    Abends abschalten ist eher schwierig für mich, denn da blühe ich erst richtig auf. Ich gehe sehr spät ins Bett, frühestens um 1 Uhr morgens. Ich war schon immer eine Nachteule und liebe die Stille, wenn alle anderen schlafen. Generell kann ich schlecht abschalten, mir schwirren ständig Ideen im Kopf. Wenn ich abschalten möchte, dann immer mit Lesen, schon immer und egal was, Hauptsache Lesen.

    Frau Lauterbach, ich danke Ihnen für das Gespräch.
    Mehr: Dossier – Edition 2020. Rolemodels – Wie erfolgreiche Frauen denken und handeln. Vordenkerinnen und Visionärinnen mit starker Persönlichkeit und klarer Haltung: 40 starke Frauen geben inspirierende Einblicke in ihr Berufs- und Innenleben.

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    1 Kommentar zu "Enise Lauterbach: „Ich habe erkannt, dass die gläserne Decke aus Panzerglas ist und ich Jahre vergeudet habe“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Sehr geehrtes Handelsblatt,

      Enise Lauterbach ist eine großartige Geschäftsfrau, die punktiert von einer "Decke aus Panzerglas" für Frauen spricht, und Sie hacken nicht nach? Ist das Journalismus? Wahrscheinlich hätte eine KI Automat eine bessere nächste Frage gestellt!

      Mit bestem Gruß, Dr. Sabrina Tamm

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