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Initiative Stayonboard „Wir müssen die Chefetagen menschlicher machen“

In „Stayonboard“ haben sich Wirtschaftsgrößen zusammengeschlossen, um Auszeiten für Vorstände zu regeln. Ann-Kristin Achleitner und Verena Pausder erläutern ihr Projekt.
14.07.2020 - 11:23 Uhr Kommentieren
Die Gründerin setzt sich für die rechtliche Möglichkeit ein, dass Vorstände auch Elternzeit und weitere Auszeiten nehmen können.
Verena Pausder

Die Gründerin setzt sich für die rechtliche Möglichkeit ein, dass Vorstände auch Elternzeit und weitere Auszeiten nehmen können.

Düsseldorf Kein Mutterschutz, keine Elternzeit für Vorstandsmitglieder: Das ist aktuell die arbeitsrechtliche Realität in börsennotierten Unternehmen. Die Initiative Stayonboard, zu der sich einige der einflussreichsten Frauen und Männer der deutschen Wirtschaft zusammengeschlossen haben, will das nun ändern.

„Es ist an der Zeit für moderne und menschliche Führungsetagen. Auch Vorstände müssen Auszeiten nehmen können von bis zu sechs Monaten – und zwar um sich um ihre Kinder kümmern zu können, ihre Eltern zu pflegen, oder weil sie selbst aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit brauchen“, sagte Mitgründerin Verena Pausder im Interview mit dem Handelsblatt. Die 41-Jährige ist selbst erfolgreiche Unternehmerin (Fox & Sheep, Haba Digitalwerkstätten) sowie Aufsichtsrätin der Comdirect-Bank.

Ziel ist es, durch eine Ergänzung des Aktiengesetzes zu erreichen, dass Vorstandsmitglieder nicht wie bisher ihr Amt niederlegen müssen, wenn sie wegen der Geburt eines Kindes, wegen längerer Krankheit oder wegen eines Pflegefalls in der Familie vorübergehend ihr Amt nicht wahrnehmen können und wenn sie die damit verbundenen Haftungsrisiken vermeiden möchten.

Konkreter Anlass für die Gründung der Initiative ist der Fall Delia Lachance. Die 36-Jährige war Vorstandsmitglied und Chief Creative Officer des börsennotierten E-Commerce-Unternehmens Westwing. Anfang März 2020 trat sie ihren Mutterschutz und eine sechsmonatige Elternzeit an.

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    Ihr Amt als Vorstandsmitglied musste sie dafür niederlegen. Denn, so hieß es damals in einer Meldung auf der Seite des von ihr mitgegründeten Unternehmens: „Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland sehen für Vorstandsmitglieder von Aktiengesellschaften aktuell nicht die Möglichkeit vor, Mutterschutz sowie Elternzeit in Anspruch zu nehmen.“ Lachance sei deswegen „wie rechtlich erforderlich von ihrem Amt als Vorstandsmitglied zurückgetreten“.

    Diese rechtlichen Rahmenbedingungen will Stayonboard verbessern. Die Unternehmerin Pausder und ihre Mitstreiter haben in den vergangenen Wochen zahlreiche prominente Unterstützer für ihre Initiative gefunden. Dazu gehört auch Ann-Kristin Achleitner. Sie ist wie Pausder eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft: Die 54-Jährige ist Professorin für Unternehmensfinanzierung an der TU München sowie Multiaufsichtsrätin. Sie sitzt aktuell in den Kontrollgremien der Dax-Konzerne Munich Re und Linde.

    Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Risikokapitalgeberin sitzt in gleich mehreren Aufsichtsräten deutscher Großunternehmen. Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt
    Ann-Kristin Achleitner

    Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Risikokapitalgeberin sitzt in gleich mehreren Aufsichtsräten deutscher Großunternehmen.

    (Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

    Im Doppel-Interview mit dem Handelsblatt erklärte Achleitner: „Wir brauchen Bedingungen auch im Vorstand, die zeitgerecht, pragmatisch sind und die Ziele unterstützen. Wenn wir mehr Frauen und mehr jüngere Menschen in Verantwortung haben wollen, brauchen wir den rechtlichen Rahmen für solche Auszeiten. Der gesellschaftliche Wandel erfordert das.“ Und weiter sagte sie: „Corona sollte uns nicht davon abhalten, das Richtige zu machen. Krisen sind auch Katalysatoren für Wandel. Wir sollten diese Krise nutzen, um uns auch hier zukunftsfähig aufzustellen.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Frau Achleitner, Frau Pausder, warum sollten auch Vorstände Auszeiten nehmen können?
    Pausder: Es ist an der Zeit für moderne und menschliche Führungsetagen. Eine Mandatsniederlegung muss für Mutterschutz, Pflege oder Krankheit möglich sein. Als ich im März gelesen habe, dass Delia Lachance ihren Vorstandsposten bei Westwing aufgeben musste, weil sie ein Baby bekommt und in Mutterschutz geht, da konnte ich das zunächst gar nicht fassen. Es ist an der Zeit, dass aus Haltung Handlung wird.

    Was meinen Sie?
    Pausder: Wir sind uns ja alle einig, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen. Es reicht jedoch nicht mehr, dieses Bekenntnis wieder und wieder zu formulieren und noch und noch eine Studie aufzulegen. Wir müssen dafür jetzt endlich auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen. Auch Vorstände müssen Auszeiten von bis zu sechs Monaten nehmen können – und zwar um sich um ihre Kinder kümmern zu können, ihre Eltern zu pflegen oder weil sie selbst aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit brauchen.

    Achleitner: Wir brauchen auch im Vorstand Bedingungen, die zeitgerecht, pragmatisch sind und die Ziele unterstützen. Also, wenn wir mehr Frauen und mehr jüngere Menschen in Verantwortung haben wollen, brauchen wir den rechtlichen Rahmen für solche Auszeiten. Der gesellschaftliche Wandel erfordert das. Es geht darum, tradierte, nicht tendierte Hürden in Führungspositionen abzubauen. Und es geht nicht darum, um das gleich klar zu sagen, Arbeitnehmerrechte auf Vorstände zu übertragen. Es geht nicht um Vergütungsfortzahlung, Elterngeld oder Kündigungsschutz. Ein Vorstandsmandat ist eine herausragende Aufgabe, die auch entsprechenden Einsatz erfordert. Die Initiative plädiert deshalb dafür, die Möglichkeit einer Auszeit auf sechs Monate zu begrenzen. Das ist beispielsweise deutlich weniger als die Elternzeit von bis zu drei Jahren, die normalen Arbeitnehmern zusteht.

    Wir erleben gerade die wahrscheinlich wirtschaftlich schwierigste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg: die Corona-Pandemie. Ist das die richtige Zeit für so ein Thema?
    Pausder: Ja. Wir Initiatoren und auch alle Unterstützer sind uns einig: gerade jetzt. Wir sind der Überzeugung, dass diese Krise die Chance bietet, Dinge zu ändern, die schon lange geändert hätten werden sollen.

    Achleitner: Corona sollte uns nicht davon abhalten, das Richtige zu machen. Krisen sind auch Katalysatoren für Wandel. Wir sollten diese Krise nutzen, um uns auch hier zukunftsfähig aufzustellen.

    Warum nur Vorstände? Warum nicht auch Aufsichtsräte?
    Pausder: Die Gegebenheiten in einem Aufsichtsrat sind ganz andere, da man nicht unmittelbar in das Tagesgeschäft eingebunden ist. Ein Vorstandsposten findet im Prinzip 24 Stunden sieben Tage die Woche statt. Ein Aufsichtsratsmandat kann man mit Kind oder Pflege organisiert kriegen, einen Vorstandsposten nicht.

    Achleitner: Ein Vorstandskollegium ist ein Team, in dem man sich gegenseitig vertritt. Das Mandat eines Aufsichtsrats ist ein sehr persönliches. Eine Vertretungsregel wie beim Vorstand gibt es abgesehen vom Vorsitz nicht. Das ist noch komplexer.

    Ist eine solche Auszeit aus Haftungsgründen nicht problematisch? Sechs Monate ist eine lange Zeit für einen Vorstand. Die meisten Vorstände haben nur einen Drei- oder Fünfjahresvertrag.
    Achleitner: Das Haftungsthema ist eine Herausforderung, aber eine lösbare und machbare. Juristen, die sich hier auskennen, haben dazu bereits ein Eckpunktepapier erstellt. Eine solche Auszeit sollte zudem nicht per se oder zur Unzeit wie in einer Krise genommen werden können. Berechtigte Unternehmensinteressen müssen berücksichtigt werden.

    Pausder: Selbstverständlich muss die Führung des Unternehmens sichergestellt sein und der Vorstand dafür auch haften. Es muss aber eine Möglichkeit geben, dass Vorstandsmitglieder, die aus berechtigten Gründen eine Pause machen, nicht haften. Wer zum Beispiel nach der Geburt eines Kindes für einige Monate pausiert, soll nicht länger mit dem Damoklesschwert der drohenden Haftung leben müssen. Die Pause muss natürlich im Register veröffentlicht werden, damit jederzeit transparent einsehbar ist, welche Vorstandsmitglieder haften.

    Es passiert ja nicht allzu selten, dass ein Vorstand plötzlich und schwer erkrankt. Jüngstes Beispiel war Tina Müller, die Chefin der Parfümeriekette Douglas, die für Wochen ausfiel. Wie gelingt das? Und was ist der Unterschied zu der geplanten Auszeit?
    Pausder: Das ist ein Graubereich. Es greift meist eine Stellvertreterreglung. Und dennoch bleibt derjenige, der schwer krank ist, haftbar. Der Unterschied ist, dass in einem solchen Krankheitsfall natürlich keiner fragt: Was soll das denn jetzt? Ein Baby zu bekommen, noch dazu in Führungsposition, ist für manche eine Zumutung. Doch das kann und darf nicht sein, dass man für das eine Mitleid bekommt und sich für das andere entschuldigen muss. Das ist ein Unding. Das muss unbedingt auf eine Ebene kommen. Ein Baby zu bekommen oder krank zu sein ist eine absolut menschliche Angelegenheit. Beides muss auch auf Vorstandsniveau möglich sein. Es muss auch in Chefetagen menschlicher zugehen.

    Ist das Ganze nicht ein Elitenthema?
    Achleitner: Nein. Die Frage sollte ja nicht lauten, wie viele Frauen in Vorstandsverantwortung betrifft das jetzt. Es muss grundsätzlich darum gehen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen zu verbessern und damit auch die Aufstiegsmöglichkeiten von Frauen zu verbessern. Es sollen ja nicht nur die Frauen wegen Kinder oder Krankheit eine Auszeit nehmen können. Entsprechende Regelungen werden und müssen für alle Geschlechter gelten.

    Sie haben beide drei Kinder bekommen. Wie haben Sie selbst es mit den Auszeiten gehalten?
    Pausder: Einfach weitergemacht. Ich hatte gegründet und war Unternehmerin und habe es irgendwie möglich gemacht. Aber: Muss das denn sein? Kann das die Normalität sein? Nein. Es ist doch keine Schwäche. Es ist eine totale Stärke, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin dann mal für zwei Monate weg. Stellen wir uns einmal vor, ein Dax-Vorstand würde zwei Monate Elternzeit nehmen. Das wäre der Hammer. Auch viele aus meiner Generation würden sagen: „Wow, was für ein Vorbild! Was für ein Employer Branding!“ Dieses Unternehmen könnte sich Imagekampagnen auf Jahre sparen.

    Achleitner: Bei mir war das noch so, dass ich die Schwangerschaft natürlich nicht verschwiegen, aber doch nicht wirklich thematisiert habe. Ich war auch nicht Vorstandsmitglied in einem Unternehmen, sondern in der Wissenschaft und als Aufsichtsrätin tätig. Grundsätzlich gilt sicherlich, dass man in meiner Generation noch resilienter sein musste. Belastbarkeit ist heute auch noch eine wichtige Grundvoraussetzung für Erfolg, aber wir dürfen es nicht mehr in dem früher teilweise extremen Ausmaß erwarten. Und auch deshalb brauchen wir ein rechtliches Umfeld, das der Lebenswirklichkeit von heute entspricht. Corona sollte durch die Doppelbelastung auch nicht dazu führen, dass Frauen ungewollt wieder in ein mehr traditionelles Rollenbild gedrängt werden.

    Warum engagieren Sie sich jetzt für dieses Thema? Ihre Babypausen sind einige Jahre her.
    Pausder: Es geht hier nicht um eigene Betroffenheit. Es geht um eine grundsätzliche Weichenstellung. Wir müssen die Chefetagen menschlicher machen. Übermenschen machen Angst. Wir müssen das Menschsein oben erlauben und vorleben, damit sich in der Breite und unten was ändert. Kinder zu kriegen oder krank zu sein ist gesamtgesellschaftlich nicht mehr tabuisiert. In vielen Chefetagen schon noch.

    Achleitner: Und diese grundsätzliche Sache wird auch schnell konkret. Ein Beispiel: In der Szene der bereits größeren Gründerunternehmen werden immer Frauen vermisst. Warum gibt es nur so wenige Gründerinnen? Die Antwort in vielen Umfragen und Studien lautet: die Unvereinbarkeit von Gründung und Familie. Vielleicht gäbe es mit so einer gesetzlichen Reglung bald auch mehr Frauen in der Start-up-Szene.

    Sie sind beide als Macherinnen bekannt. Wie wollen Sie erreichen, dass diese Initiative keine Initiative bleibt? Wie Druck machen?
    Pausder: Wir klagen nicht an, wir führen nicht vor, und wir fordern auch nicht nur ein. Wir präsentieren Lösungen. Wir haben mit unseren Experten, die übrigens alle pro bono arbeiten, ein Eckpunktepapier entwickelt und den zuständigen Stellen in den Bundesministerien vorgelegt. Und nun erarbeiten wir einen Gesetzesentwurf. Wir wollen das gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen machen. Parteiübergreifend.

    Achleitner: Die Initiative wird inzwischen von einer breiten Welle getragen. Unterstützer sind Topmanager wie Dieter Zetsche (Daimler), Nils Reich (Axa), bekannte Politiker wie Thomas Sattelberger (FDP), Heribert Hirte (CDU), Hubertus Heil (SPD) sowie Unternehmer wie Christian Miele und Sophia von Rundstedt. Die Initiative will nun alle relevanten Akteure an einem Roundtable zusammenbringen und konkrete nächste Schritte abstimmen.

    Wann wird das Gesetz zur Abstimmung kommen? Wie ist Ihr Zeitplan?
    Pausder: Wie schön wäre es, wenn Politik so planbar wäre. Unser Zeitplan sieht vor, den Gesetzesentwurf nach den Sommerferien fertig zu haben und der Politik vorzulegen.

    Sie beide bewegen sich mit Ihren Partnern beruflich auf Augenhöhe. Was sagen sie zu diesem Thema? Warum starteten nicht die Herren Achleitner und Pausder diese Initiative und stehen nun Rede und Antwort?
    Pausder: Mein Mann steht voll dahinter. Er hat mich sehr bestärkt, diese Initiative zu starten, und würde jederzeit ein Interview wie dieses führen.
    Achleitner: Mein Mann ist in einem beruflichen Umfeld aufgewachsen, das nicht zuletzt aufgrund der Vielfalt in der Mitarbeiterschaft über alle Wirtschaftszyklen hinweg erfolgreich war. Den muss keiner mehr überzeugen, dass es im Unternehmensinteresse ist, diverse Teams auf allen Ebenen zu fördern.

    Frau Achleitner, Frau Pausder, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

    Mehr: So überstehen Sie eine längere Krankheit finanziell.

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