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Kiran Mazumdar-Shaw „Infektionszahlen werden steigen“: Wie Indiens Selfmade-Milliardärin gegen Corona kämpft

Trotz sexistischer Diskriminierung schaffte es Indiens Biotechnologie-Pionierin Kiran Mazumdar-Shaw zur mehrfachen Milliardärin. Nun spricht sie Klartext.
23.06.2020 - 19:10 Uhr Kommentieren
Die indische Biotechnologie-Pionierin hat ihr Unternehmen Biocon in einer Garage gestartet. Quelle: Bloomberg
Kiran Mazumdar-Shaw

Die indische Biotechnologie-Pionierin hat ihr Unternehmen Biocon in einer Garage gestartet.

(Foto: Bloomberg)

Bangkok Indiens erfolgreichste Selfmade-Milliardärin hat normalerweise keine Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. In einer Zeit, in der Treffen und Veranstaltungen aber hauptsächlich virtuell stattfinden, läuft es auch für Kiran Mazumdar-Shaw ein wenig holprig.

In einem Facebook-Livestream für die indische Kongresspartei soll die Biotechnologie-Pionierin den Stand der Forschung zu Covid-19 erklären. Bereits wenige Sekunden nach dem Start der Übertragung geht in ihrem Büro das Licht aus. „Oh Shit“, sagt Mazumdar-Shaw in ihr Mikrofon. „Mein Strom ist gerade ausgefallen.“

Deutliche Worte sind die Inder von der 67 Jahre alten Managerin gewohnt. Die Gründerin und Vorsitzende des Biotechkonzerns Biocon gehört zu den wenigen Wirtschaftsführern ihres Landes, die in der Vergangenheit bereit waren, öffentlich Kritik an der Wirtschaftspolitik von Premierminister Narendra Modi zu äußern. Klartext spricht sie nun auch in der Coronakrise, die die Heimat der Unternehmerin mit besonders großer Wucht trifft.

Mazumdar-Shaw, die gerade von der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft EY mit dem Titel „World Entrepreneur of the Year“ ausgezeichnet wurde, konfrontiert ihre Landsleute dabei mit unangenehmen Wahrheiten. Eine davon äußert sie in dem Livestream Anfang Juni, kurz nachdem das Licht in ihrem Büro wieder aufgeflackert ist: „Wir müssen lernen, mit diesem Virus zu leben“, sagt sie. „Wir können uns diese Krankheit nicht einfach wegwünschen. Die Infektionszahlen werden ohne jeden Zweifel weiter steigen.“

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    Bereits jetzt ist Indien mit rund 350.000 bestätigten Infektionsfällen eines der am stärksten von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Länder der Welt. Nur in den USA, Brasilien und Russland wurden mehr Covid-19-Erkrankungen gemeldet. Und Beobachter gehen davon aus, dass die offiziellen Zahlen nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Die Labore kommen mit den Tests nicht hinterher. Krankenhäuser in Metropolen wie Delhi und Mumbai sind überfüllt. Hunderte Zugwagons sowie Hotels und Festsäle sollen zu Notkliniken umgebaut werden.

    Mazumdar-Shaw beobachtet die Entwicklung mit zunehmender Sorge. Am Anfang der Pandemie äußerte sie noch die Hoffnung, dass Indien den Virusausbruch kontrollieren könne, solange die Zahlen gering blieben. Inzwischen teilt sie auf ihrem Lieblingskommunikationskanal Twitter, wo ihr anderthalb Millionen Menschen folgen, mit Entsetzen Videos von Covid-19-Patienten, die aus Kapazitätsgründen vor den Krankenhaustoren abgewiesen werden. „Es ist schockierend zu sehen, wie schlecht unsere Kliniken ausgestattet sind“, schrieb sie vor wenigen Tagen. „Die Patienten sind die bedauernswerten Opfer.“

    Vermögen von fast vier Milliarden Dollar

    Die Abweisung von Kranken ist das Gegenteil von dem Leitmotiv, das Mazumdar-Shaws Karriere in Indiens Gesundheitsindustrie prägte. Sie sieht sich als Kämpferin für eine bezahlbare Gesundheitsversorgung, die auch die unteren Schichten in dem 1,4 Milliarden Einwohner großen Land erreicht. Ihr Unternehmen Biocon leistete mit günstigen Medikamenten einen wichtigen Beitrag dafür, dass die Kosten für Diabetes- und Krebstherapien weltweit sanken – und machten die Gründerin zu einer der wohlhabendsten Frauen Asiens.

    Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ schätzte Mazumdar-Shaws Vermögen zuletzt auf 3,8 Milliarden Dollar. Zu den bescheidenen Anfängen ihres Unternehmens ist das ein großer Kontrast – sie gründete es vor vier Jahrzehnten mit einem Startkapital von gerade einmal 10.000 Rupien, nach aktuellem Wechselkurs sind das nur etwas mehr als 100 Euro.

    Mazumdar-Shaw ist die Tochter eines Braumeisters, der in ihrer Heimatstadt Bangalore für das in Indien weit verbreitete Bier Kingfisher zuständig war. Sie war an Naturwissenschaften interessiert und studierte Zoologie. Sie wäre auch gerne Ärztin geworden, bekam aber keinen Studienplatz in Medizin.

    Stattdessen entschied sie sich mit Mitte 20, den Fußstapfen ihres Vaters zu folgen – und ließ sich in Australien zur Braumeisterin ausbilden. In Indien fand sie aber keinen passenden Job. Sie sei damals – in den Siebzigerjahren – abgelehnt worden, weil sie eine Frau war, erzählte Mazumdar-Shaw in mehreren Interviews.

    Sie nahm dann einen Job bei einer Brauerei in Schottland an, wo sie einen irischen Unternehmer kennenlernte, der einen Indien-Ableger seines Biotechunternehmens für sinnvoll hielt. Er überzeugte Mazumdar-Shaw, eine Niederlassung in Bangalore als Joint Venture zu gründen – daraus wurde Biocon.

    1978 startete Mazumdar-Shaw als Unternehmerin durch – zunächst in einer einfachen Garage. Dort extrahierte sie Enzyme aus Papayas und Kollagen aus den Schwimmblasen tropischer Fische. Sexismus machte ihr aber auch als Gründerin zu schaffen, wenn es um die Mitarbeitersuche ging. „Es waren nicht nur Männer, die nicht bereit waren, für eine Frau zu arbeiten, auch Frauen wollten das damals nicht“, sagte Mazumdar-Shaw 2018 in einem Gespräch mit dem britischen Sender BBC. „Sie kamen in die Garage und dachten, ich wäre bloß die Sekretärin.“

    Zulassung für neues Insulinprodukt in den USA

    Trotz der Hürden setzte sich Mazumdar-Shaw durch. Bereits ein Jahr nach dem Start war Biocon das erste indische Unternehmen, das Enzyme an Lebensmittelhersteller in Europa und den USA exportierte. In den Neunzigerjahren stieg Biocon ins Pharmageschäft ein und entwickelte cholesterinsenkende Medikamente.

    Später mischte das Unternehmen den Markt für Insulin auf und wurde zu Indiens größtem Hersteller des blutzuckersenkenden Hormons, das für das Unternehmen zu einem der wichtigsten Umsatzbringer wurde. Gerade erst vor wenigen Tagen erhielt Biocon die Zulassung für ein weiteres Insulinprodukt in den USA – und erhofft sich davon, den Umsatz von zuletzt fast 900 Millionen Dollar weiter steigern zu können.

    Die kommerziellen Erfolge erzielte das Unternehmen nicht mit billigem Abklatsch bestehender Medikamente, sondern mit hohen Forschungsinvestitionen in neue Produkte. EY-Chef Carmine Di Sibio bescheinigte Mazumdar-Shaw in seiner Laudatio bei der Wahl zur Unternehmerin des Jahres, dass „ihr Drang zur Innovation“ Biocons Wachstum erst möglich gemacht hat.

    Auch im Kampf gegen das Coronavirus will sich Mazumdar-Shaw aktiv einmischen. Ende Mai startete sie mit Biocon in Indien eine klinische Studie eines Medikaments, das dabei helfen soll, sehr schwere Covid-19-Verläufe zu behandeln. Eine ähnliche Studie will sie auch in den USA durchführen. Der Fokus auf neue Behandlungsmethoden ist aus ihrer Sicht auch deshalb wichtig, weil sie nicht daran glaubt, dass ein hochqualitativer Impfstoff in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen wird.

    „Wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, die Sterblichkeitsrate zu senken“, sagt sie und hat auch eine klare Forderung an die Politik: Das Gesundheitssystem brauche deutlich mehr Geld. „Diese Pandemie hat die hässliche Wahrheit offenbart, wie schrecklich der Zustand der staatlichen Gesundheitsversorgung ist.“ Und das gelte ihrer Meinung nach nicht nur für Indien.

    Mehr: Der Armutsbekämpfung in Indien droht ein herber Rückschlag

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