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Janina Kugel

Die beliebte Siemens-Arbeitsdirektorin ist nur noch bis Januar 2020 im Amt.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Scheidende Siemens-Vorständin Janina Kugel: Gibt es ein Ende des „Alpha-Macho-Hass-Gepose“?

Janina Kugel verlässt Ende Januar 2020 den Siemens-Vorstand – sie will sich verändern. Im Mindshift-Interview spricht sie über Zukunftspläne, Führungsstile und Machtspiele.
03.11.2019 - 10:50 Uhr Kommentieren

Sie legte bei Siemens eine steile Karriere hin, die sie als Personalchefin bis in den Vorstand führte: Janina Kugel. Eines ihrer zentralen Themen ist Diversität. Im Gespräch, dass wir mit Kugel im Oktober 2019 für den Podcast Mindshift geführt haben, verrät die Münchnerin, was sie beruflich machen würde, wenn sie nochmal 25 wäre.

Auch über Siemens hinaus gilt die charismatische Managerin in der deutschen Wirtschaft als Aushängeschild, viele Frauen bewundern sie für ihre Arbeit.

Im Interview berichtet die 49-Jährige, was sie als nächstes vorhat, wie sie Verhandlungen mit Gewerkschaften meistert und mit welchen Tricks es ihr gelingt, Machtspiele zu durchschauen.

Frau Kugel, lassen Sie uns ein Experiment machen. Wir reisen mit Ihnen in die Zukunft. Stellen Sie sich vor, unsere Zeitrechnung schreibt sich friedlich fort, wir landen mit unserer Zeitkapsel im Jahr 2050, Sie werden auf der Reise jünger - und sind Berufsanfänger. Welchen Traumberuf würden Sie ergreifen?
Wenn ich jetzt nochmal 25 Jahre alt wäre, würde ich eine Firma gründen, die zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik vermittelt. Jeden morgen, wenn man die Zeitung aufschlägt, fragt man sich doch: Können die nicht einfach mal miteinander reden? Gibt es keine Möglichkeit, dass dieses ganze Alpha-Macho-Hass-Gepose ein Ende hat? Ob ich dann allerdings mit 25 schon so reif wäre, da zu vermitteln, das ist wieder eine andere Frage - aber man kann ja mal träumen.

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    Was würden Sie denn den Politikern raten, wo hakt es gerade?
    Ich würde niemandem Rat geben wollen. Aber ich glaube, wir werden dieses Spiel tatsächlich nur gewinnen können, wenn wir alle zusammen arbeiten – Gesellschaft, Politik und auch die freie Marktwirtschaft. Demokratie geht nicht von ganz alleine und man muss etwas dafür tun. Wenn ich mir gerade die Konflikte überall anschaue, wird es Zeit, dass wir da wieder mehr vermitteln.

    Aber Sie würden nicht selbst in die Politik gehen wollen, oder?
    Nein, auf keinen Fall, das wäre keine Option für mich.

    Was glauben Sie denn, welche Jobs es in der Zukunft noch geben wird?
    Natürlich bedeutet Digitalisierung erst einmal, dass manche Jobs ersetzt werden. Es wird aber auch noch viele andere Tätigkeiten geben, die wir niemals durch Maschinen, Roboter und Algorithmen ersetzen können. Da wird teilweise doch sehr überdramatisiert, was tatsächlich wegfällt. Gleichzeitig gibt es viele Tätigkeiten, die keinem von uns Spaß machen – ob sie jetzt in der Fabrik arbeiten, im Lager oder im Büro. Es gibt auch repetitive Abläufe, die definitiv ersetzt werden können. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, zu schauen, dass die digitalisierten Abläufe nicht so komplex werden, dass der Mensch nicht mehr eingreifen kann.

    Wie meinen Sie das?
    Wenn Beispielsweise ein großes Unglück passiert. Nehmen wir Flugzeugabstürze durch Softwareprobleme, wo sich die Frage stellt, ob ein Mensch mit seiner Erfahrung nicht schon früher hätte sehen können, dass etwas passiert, sich dann aber doch auf Technikinformationen verlässt. Da sind wir noch nicht an einem Punkt angekommen, wo wir die Komplexität tatsächlich sehen können.

    Das klingt komplex, inwiefern genau meinen Sie das jetzt?
    Algorithmen lernen ja immer nur das, was wir ihnen mit unseren Fehlern, die wir als Menschen bewusst oder unbewusst machen, beibringen.

    Dazu kommt, dass Algorithmen in der Wirtschaft von Angestellten einer Firma programmiert werden und nicht etwa, indem sie auch noch gesellschaftliche Kräfte hinzufügen und überlegen, welche Urteilen sie eigentlich in diesen Algorithmus reingeben ...
    Exakt. Und je nachdem, wo dieses Unternehmen ist, sind die Angestellten dann jeweils relativ wenig divers und im Silo und das setzt sich alles fort. Deshalb: Ich glaube, dass Algorithmen und Digitalisierung große Chancen bieten, aber auch große Risiken, wenn wir nicht aktiv dagegen steuern, welche Fehler wir nicht wiederholen wollen – bis 2050 haben wir das allerdings bestimmt alles im Griff (lacht).

    Nun haben wir viel über Angestellte gesprochen. Wie werden denn Chefs im Jahr 2050 sein? Wie werden sie ticken und was müssen sie in Zukunft mitbringen?
    Die Führungskraft der Zukunft muss anders sein, aber auch die Führungskraft von heute muss meiner Meinung nach schon deutlich anders führen, als wir es noch häufig sehen. Das ändert sich zwar bereits in Teilbereichen ein bisschen, aber sicherlich noch nicht ganzheitlich. Ob in Parteien, Unternehmen oder gesellschaftlichen Organisationen: Führung ist oft noch sehr hierarchisch, aber wir werden wirtschaftlich nicht erfolgreich sein, wenn wir so weiter führen.

    Was denken Sie, woran liegt das?
    Ich habe keine Statistik dazu oder Forschung betrieben, aber neulich hatte ich folgende Hypothese: Viele Führungskräfte sind ja entweder Babyboomer oder aus der Generation X (Geburtenjahrgänge von etwa 1961-1981, Anm. d. Red.), von denen sich letztendlich 90 Prozent genauso verhalten wie die Babyboomer. Und diese wurden meistens von vor 1945 geborenen Eltern erzogen, die den Krieg erlebt haben, wo ganz klar war, wie geführt wurde.

    Und die dann, selbst traumatisiert, mit ihren eigenen Kinder häufig sehr hart und streng umgegangen sind ...
    Ich glaube, wenn die Eltern jung genug waren, um die 68er zu erleben, haben sie ihre Kinder danach meistens deutlich weniger autoritär erzogen. Aber wenn man schaut, welcher Chef unter einem schlagenden Vater gelitten hat, ist es doch ganz klar, dass sich das überträgt. Natürlich sind das auch Klischees, da muss man aufpassen. Aber in einer komplexen digitalisierten Welt zu denken „Ich habe hier das Sagen und dann wird das schon irgendwie laufen“, funktioniert ja jetzt schon nicht mehr. Leider halten noch viele Manager an diesen Strukturen fest. Manche sagen ja bösartig, dass das nochmal das letzte Aufbäumen einer Generation ist, die weiß, dass es so nicht mehr funktioniert.

    Aber was macht man mit diesen alt-denkenden Managern? Verpasst man ihnen Schulungen, schmeißt man sie raus?
    Wahrscheinlich von allem irgendwas. Bei manchen gibt es dann wirklich keine Hoffnung mehr, aber bei anderen gibt es noch ganz viel. Es findet auch ein Umlernen statt, und dazu gehört auch, zugeben zu können, dass man nicht alles weiß. Früher musste man als Chef oder Chefin alles wissen und auf alles eine Antwort haben.

    Aber man kann sich auch mal hinstellen und sagen: Keine Ahnung, dafür habe ich ja ein Team und da wird es schon jemand wissen. Und plötzlich merkt man, dass das überhaupt keine negativen Konsequenzen hat. Da sind wir beim Thema der Diversität eines Teams. Zwar werden dann die Diskussionen deutlich schwieriger, aber die Ergebnisse werden besser. Wer sich einmal auf diese Reise einlässt und verstanden hat, dass das Alpha-Getrommel nicht unbedingt immer nur erfolgreich ist, wird feststellen, dass das auch eine Möglichkeit ist, anders zu führen. Ich finde sie deutlich befriedigender.

    Haben Sie denn mit Ihren Eltern viel diskutiert?
    Oh ja, das war im Hause Kugel Sonntagnachmittag-Tradition. Denn die Dinge, die ich haben wollte, musste ich mir meistens argumentativ diskutieren. War ich da nicht erfolgreich, dann gab es eben nix und ich bin das ein oder andere Mal Türe knallend wieder raus.

    Um welche Dinge ging es denn so?
    In den 80ern waren das irgendwelche Sweatshirts mit aufgedrucktem Markenlogo bis hin zu Reisen. Das Diskutieren war tatsächlich für mich eine gute Schule, ob meine Eltern das nun bewusst gemacht haben oder nicht. Und da durfte ich aufgeben, konnte wütend das Zimmer verlassen und dann wieder kommen und sagen: Jetzt habe ich eine bessere Argumentationslinie, versuchen wir es nochmal. Das hilft mir heute noch.

    Werden Sie denn bei Siemens auch mal richtig wütend?
    Nein, ich bin kein Schreier. Wenn es etwas gibt, das ich definitiv gar nicht mag, dann sind es Choleriker. Man kann ja mal schlechte Laune haben, aber es gibt auch genügend Rückzugsmöglichkeiten, um das mit sich selbst auszumachen.

    Aber wie tragen Sie Konflikte aus im Team? Sie werden ja nicht immer zufrieden sein mit dem, was ihre Mitarbeiter machen.
    Nein, um Gottes Willen. Weder bin ich immer zufrieden mit meinen Mitarbeitern, noch sind sie immer zufrieden mit mir. Das wäre ja auch irgendwie merkwürdig. Wir haben bei uns aber eine Kultur erreicht, wo wir fast immer inhaltlich streiten und diskutieren können, ohne dass es die persönliche Ebene stört. Wenn wir dann mit einem Ergebnis rauskommen, ist es meistens besser, als es am Anfang war. Im Coaching gibt es ja den weißen Elefanten, den niemand anspricht. Aber ich finde es gibt auch Dinge, die man nicht immer unbedingt sagen muss. Die gibt es in Gedanken, aber man kann sie auch ganz gut für sich selbst behalten.

    Sie haben ein spannendes Stichwort genannt, nämlich Coaching. Sie erzählten mal, dass Sie sich bewusst einen Mann als Coach genommen haben, weil er die männlichen Spielchen besser einschätzen kann als eine Frau. Was sind das für Spiele?
    Ich glaube tatsächlich, auch hier wieder ein Stereotyp, dass Männer mehr Spaß daran haben, zu gewinnen. Da geht es dann manchmal weniger um die Sache, sondern einfach nur darum, sich durchzusetzen und zu punkten. Natürlich kenne ich auch viele Männer, die anders sind, und viele Frauen, die genauso spielen. Aber es einfach wichtig, eine andere Perspektive einzunehmen. Im Coaching geht es ja nicht immer nur darum, sich selbst zu verstärken. Das würde nicht weiter helfen. Eigentlich geht es ja darum, jemanden zu haben, der einem den Gegenpol darlegt – da ist das andere Geschlecht teilweise tatsächlich sehr hilfreich.

    Was ist denn der beste Tipp, den Ihnen Ihr Coach bis jetzt gegeben hat?
    Da hatte ich einen Konflikt mit mir selbst. Ich war in einer Situation, in der ich mich gefragt habe: Wie kann es sein, dass jemand gegen solche Werte verstößt? Wie kann es sein, dass sich jemand so und so verhält? Da sagte er zu mir: Pass mal auf Janina, das sind deine Werte, deine Definition, dass man sich so verhalten sollte. Weder ist ein anderes Verhalten illegal, noch verstößt es gegen irgendwelche Gesetze. Und wer sagt denn, dass deine Werteethik hundertprozentig die ist von anderen? Das ist ein ganz banaler Satz, es war ein großes Aha für mich.

    "Wer sich einmal auf diese Reise einlässt und verstanden hat, dass das Alpha-Getrommel nicht unbedingt immer nur erfolgreich ist, wird feststellen, dass das auch eine Möglichkeit ist, anders zu führen. Ich finde sie deutlich befriedigender." Janina Kugel

    Wie ist denn das mit den Spielchen? Ist es tatsächlich so, wenn man im Vorstand angekommen ist, dass man da mitspielen muss? Oder kann man da sagen: Keine Lust drauf, spielt ihr mal?
    Das ist unabhängig vom Vorstand, sondern überall so, wo es um Führung, Macht und mehr Einfluss geht. Muss man die Spielchen mitspielen? Ja, manchmal muss man sie mitspielen. Und man muss sie meistens auch mitspielen können, um überhaupt erstmal dahin zu kommen. Jungen Fragen habe ich oft schon gesagt: Wenn Fußball gespielt wird, kannst du nicht ankommen und Ballett tanzen. Aber wenn du Fußball spielen gelernt hast, dann kannst du die Spielregeln verändern.

    Wie lange sind Sie jetzt Siemens?
    Mit Unterbrechungen 18 Jahre ...

    Bei Ihrem ersten Meeting, so habe ich es gelesen, waren Sie damals noch die einzige Frau. Hat sich das inzwischen verändert?
    Kommt drauf an, in welchem Meeting ich sitze. (lacht) Aber fairerweise: Die einzige Frau gewesen zu sein, ist nicht Siemens-spezifisch gewesen, sondern das war in meinen früheren Beratungszeiten auch schon so. Ehrlich gesagt registriere ich das gar nicht mehr. Da fällt es mir eher mal positiv auf, wenn überhaupt kein Mann mehr dabei sitzt.

    Sie haben sich auch sehr dafür stark gemacht, dass Siemens beim CSD aktiv ist und Flagge zeigt.
    Und wissen Sie was, wir werden jedes Jahr, wie alle anderen Unternehmen auch, mit Hass-Mails angegangen in der Pride-Week. Aber innerhalb unserer Konzernkultur ist das Teil der DNA, darauf bin ich sehr stolz.

    Nervt es Sie manchmal, dass es dann doch so langsam voran geht?
    Klar nervt mich das. Da bin ich dann aber wieder zurück bei der Eingangsfrage, was ich gerne in 2050 tun würde. Diversität hat auch viel damit zu tun, was gesellschaftliche Normen sind, die letztendlich auch unternehmensübergreifend stattfinden. Dazu kommt dann noch die Frage, wie gut oder wie schwer sich Deutschland tut mit Immigration.

    Auch daraus entstehen Jobs der Zukunft ...
    Ja, obwohl wir wissen, dass die demografische Entwicklung aus eigener Kraft nicht ausreichen wird und wir eine massive Erwerbslücke bekommen, wenn die Babyboomer nach und nach in Rente gehen. Trotzdem entscheidet sich keiner dazu zu sagen, wir brauchen gezielt Immigration, wenn wir die volkswirtschaftliche Power haben wollen. Wir diskutieren die Flüchtlingsthematik teilweise zu polemisch und zu wenig mit Blick darauf, was denn eigentlich das Land braucht.

    Das führt ja auch zu der Frage, wie unser Bildungssystem aussieht. Ist es darauf ausgelegt, alle Menschen zu integrieren? Im Moment ist es doch eher so, dass Akademikerkinder die besten Chancen haben und der Rest irgendwie vergessen wird ...
    Mein Wunsch wäre, dass der Zugang zu Bildung unabhängig vom Geschlecht und von der Herkunft ist. Deswegen sind zehn Prozent unserer Azubis junge Menschen, bei denen wir nicht auf die Noten schauen. Azubis, die es eigentlich vielleicht nicht schaffen würden, aber wir investieren nochmal sechs Monate mehr, helfen intensiv bei Mathe, Chemie und Physik und am Ende schaffen es alle. Denn sie wissen: Last call, very very last call – und dann geht's. Neulich habe ich mich mit jemandem von der Bundesagentur unterhalten und erfahren, dass an manchen Brennpunktschulen der Berufswunsch „Harzer“ ist. Die Frage ist also immer auch, welche Vorbilder wir haben...

    Auch wie viel Hoffnung! Es kann ja nicht Ausdruck dessen sein, dass sie bisher keine positive Perspektive aufs Leben erfahren haben.
    Insofern wäre mein Wunsch, dass wir das Thema Ausbildung und Erstausbildung fokussieren. Da bin ich wieder bei der Digitalisierung, die bedeutet, dass wir kontinuierlich immer Neues lernen müssen, egal wer wir heute schon sind und was wir alles können. Das wird nicht mehr ausreichen. Da ist dann eine solide Grundausbildung mit Blick auf die Welt und die Gesellschaft notwendig, um bestimmte Dinge einordnen zu können. Wobei ich nicht unbedingt ein Plädoyer dafür breche, das für alle in den Schulen Coding eingeführt wird. Wird jeder von uns mal in Zukunft programmieren? Nein. Diejenigen, die programmieren wollen, wird es immer interessieren. Sollte das angeboten werden? Ja. Sollte man, da bin ich dann beim Thema Gender-Diversity, Mädchen klassische Technikjobs schon in einem frühen Alter schmackhafter machen, die sonst nicht so viele Rollenvorbilder haben? Ja.

    Wobei es ja tatsächlich so ist, dass sich Mädchen lange für Naturwissenschaften interessieren, bis sie in ein bestimmtes Alter kommen, und dann ist es umgekehrt.
    Genau, aber die Frage ist ja, warum? Neulich habe ich gelesen, es liege daran: Jungs wären tatsächlich einen Tick besser in Mathe, aber nicht signifikant. Mädchen wiederum lesen signifikant besser als Jungen und die Frage war, ob es nun mangelndes Interesse an Technik oder ein deutlich höheres Vermögen für Lesen ist, wo die Mädchen sich sagen, ich kann aber etwas anderes noch viel besser. Das ist nicht erforscht, sondern war nur eine Hypothese. Aber nun ja, mein Gott, wir werden unterschiedliche Dinge wissen wollen. Warum sind Sie Journalistin geworden? Das wäre mir zum Beispiel nie in den Sinn gekommen!

    Wichtiger ist doch, dass es Wahlfreiheit gibt und keine Hürden und strukturellen Schwierigkeiten auf dem Weg. Was wollten Sie denn früher mal werden, wenn nicht Journalistin?
    Oh, ich wollte sehr viel werden als Kind. Ganz lange wollte ich Arzt werden.

    Sie meinen Ärztin!
    (lacht) Oh stimmt, Unconscious Bias. Also, ich wollte lange Ärztin werden, zuerst Notfallmedizinerin und dann Chirurgin. Dann war ich, soll ich das jetzt wirklich sagen, – na gut, dann war ich zu faul! Damals hätte ich ja noch diesen Medizinertest machen müssen. Da hätte ich viel alten Bio-Stoff nachholen müssen von der Unter- und Mittelstufe. Dann wollte ich Musik studieren, habe angefangen, zu üben und dachte: Das wird aber ein harter Sommer, wenn ich jetzt die ganze Zeit üben muss. Ich wollte ja auf jeden Fall noch interrailen.

    Welche Instrumente haben Sie gespielt?
    Klavier und Cello. Na ja, und dann habe ich zwischen VWL und Psychologie hin- und herüberlegt und mich für VWL entschieden. Damals dachte ich ja, ich gehe mal zu den United Nations. Sie sehen, da war viel los in meinem Kopf mit 18.

    Heute sind Sie Personalerin, da hätte doch Psychologie auch gut gepasst.
    Ja, ich glaube, wenn ich Psychologie studiert hätte, wäre vielleicht das Gleiche aus mir geworden.

    Wir haben noch ein paar schnelle Fragen zum Schluss, bitte antworten Sie darauf jetzt nur ganz kurz.
    Anders als bislang meinen Sie? (lacht)

    Das haben Sie jetzt gesagt. Los geht's. Welche Hobbies hatten Sie in Ihrer Jugend? Etwas, wo Sie richtig gut drin waren?
    Leichtathletik.

    Was hat dazu geführt, dass Sie darin richtig gut geworden sind?
    Mir hat es Spaß gemacht und ich habe viel geübt.

    Wie viel genau?
    Ich habe schon so fünf Mal in der Woche trainiert.

    Welche Stärken, wenn man Ihre alten Kollegen, einen alten Chef fragen würde, haben Sie und was hat Sie besonders ausgezeichnet?
    Meistens bin ich schnell im Kopf, neugierig und ich probiere gerne andere Dinge aus. Eines der schönsten Feedbacks stammt von einem ehemaligen Chef, der mich fragte: Sagen Sie mal Kugel, sind Sie eigentlich finanziell unabhängig? Also, das ist viele Jahre her, ja! Und ich so: Hä, wie? Er: Sie sind immer so mutig und machen immer den Mund auf, da habe ich mich gefragt, ob Sie vielleicht nur just for fun arbeiten. Das fand ich sehr lustig und ich habe beschlossen, es als positives Feedback zu nehmen.

    Wenn man Ihren Chef fragen würde, was Sie besser können, als die anderen im Team, was wäre das für eine Eigenschaft?
    Ich kann Ihnen nicht sagen, was er sagen würde, aber ich würde sagen, dass ich zu Zeitpunkten vermitteln kann, wo ich meine Ziele komplett aufgebe, um einen Weg und ein gemeinsames Ziel zu finden. Ich weiß nicht, ob ich das vor zehn oder zwanzig Jahren schon so gut konnte.

    Aber jetzt mal ganz einfach knallhart gesagt, wenn Sie Personalvorstand und ständig in Verhandlungen mit irgendwelchen Gewerkschaften sind, dann müssen Sie das können. Wenn Sie das nicht können, sind Sie sofort in der Sackgasse, aus der Sie nicht mehr raus kommen. Die Personalfunktion wird von vielen oft als nettes und softes Ressort gesehen. Wenn es gut läuft, ist es auch so. Aber meistens läuft es nicht gut. Zumindest über mehre Jahre betrachtet, denn Verhandlungen und die schwierigen Dinge liegen oft bei uns im Ressort.

    Jemand hat mal geschrieben, dass Sie den ganzen Tag am Telefon sind und entscheiden und einstellen und entlassen müssen.
    Na, jetzt rede ich aber gerade mit Ihnen. (lacht) Nochmal, man ist ja nicht alleine. Aber es gibt viele Management-Funktionen, die das nicht haben, vor einer großen Ansammlung von Menschen zu stehen und sagen zu müssen: Wir schließen diesen Standort. Das ist nichts, was jeder erlebt und das macht etwas mit einem. Aber auch das ist etwas, das Sie können müssen. So, jetzt habe ich aber wieder nicht kurz geantwortet.

    Nein, aber das war's jetzt auch. Jetzt haben wir's!
    Ach, und was ist mit den Ja-Nein-Fragen?

    Können wir ausprobieren. Wir wollten sie eigentlich weglassen, weil wir dachten, es funktioniert nicht.
    Ich bin doch jetzt total neugierig! Los jetzt, bitte, ich habe mich schon total gefreut.

    Okay, standen Sie jemals Ihrem eigenen Erfolg selbst im Weg?
    Ja.

    Geben Sie Ihr Geld lieber aus oder sparen Sie es?
    Beides.

    Sind Sie gut darin, sich zu entschuldigen?
    Ja.

    Sind Sie ein Konkurrenzdenker?
    Auch.

    Ach, jetzt haben Sie uns aber überrascht. Wir dachten nämlich, dass die meisten Menschen auf diese Frage stereotyp mit Nein antworten.
    Oh je, nein. Sie haben mich gerade nach Sport gefragt, da fängt es ja schon an. Sie trainieren doch nicht fünf mal in der Woche, um dann Dritter zu werden. Will ich gewinnen? Natürlich will ich auch gewinnen. Aber nicht immer und nicht überall und ganz oft geht es dann ja auch nicht mehr nur um mich, sondern um das Wir und uns als Team.

    Apropos Sport, Sie joggen. Laufen Sie auch Halbmarathon?
    Um Gottes Willen!

    Schade, da hätte uns Ihre Zeit interessiert.
    Ich werde das sehr oft gefragt. Aber ich habe vor zehn Jahren damit aufgehört, mit irgendeiner Uhr oder mit einem Brustgurt zu laufen. Ich habe Sport so lange kompetitiv gemacht, dass ich jetzt nur noch laufe, um meinen Kopf frei zu bekommen. Ich muss mir nichts mehr beweisen. Da gibt es sicher Tage, an denen ich gefühlt schneller bin, aber ob es dann wirklich so ist, weiß ich nicht. Von diesen Dingen bin ich inzwischen ganz frei.

    Aktiv sind Sie auch in sozialen Netzwerken. Kennen Sie die Twitter-Laufgruppe, in der sich alle gegenseitig motivieren, sein Training zu machen?
    Ja, da ist ja auch Tijen Onaran dabei, ich aber nicht. Zum Laufen muss mich keiner zwingen, das mache ich sogar freiwillig. Dafür schlafe ich sogar weniger.

    Würden Sie Freunden ohne Weiteres die Höhe Ihres Gehaltes verraten?
    Das kann man doch im Geschäftsbericht nachlesen (lacht).

    Was bleibt denn so netto übrig?
    Das kann man sich ja dann ausrechnen. Die Frage müsste eher sein: Lesen meine Freunde nach, was ich verdiene? Nein. Das machen wahrscheinlich andere, aber meinen Freunden ist das sowas von wurscht. Hauptsache es gibt guten Wein bei den Kugels.

    Ach, da passt die letzte Frage ja ganz gut: Glauben Sie, dass man Sie für einen guten Zuhörer hält? Oder hängt das auch vom Wein ab?
    Immer (lacht).

    Frau Kugel, vielen Dank für das Gespräch.

    Mehr: Podcast Handelsblatt Mindshift Siemens-Vorständin Janina Kugel: Gibt es ein Ende des „Alpha-Macho-Hass-Gepose“?

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