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Untersuchung Die Frauenquote in Vorständen zeigt erste Wirkung

Ist die geplante Frauenquote für Vorstände ein „historischer Durchbruch“, wie Frauenministerin Giffey meint? Das haben nun das DIW und die Personalberatung Russell Reynolds analysiert.
20.01.2021 - 11:43 Uhr 2 Kommentare
Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung ist die Vorstandsquote „in jedem Fall ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal“. Quelle: dpa
Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Bundesfrauenministerin Franziska Giffey

Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung ist die Vorstandsquote „in jedem Fall ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal“.

(Foto: dpa)

Berlin Mit dem Spruch „Frauen können alles. Auch Führung“ bejubelte Bundesfrauenministerin Franziska Giffey zum Jahresbeginn den Beschluss des Bundeskabinetts, eine Frauenquote für Vorstände durchzusetzen. „Wir wirken damit frauenfreien Vorstandszonen entgegen, die wir in 90 Prozent der Fälle immer noch haben“, erklärte Giffey. Freiwillig ändere sich in der Wirtschaft gar nichts.

Seit Giffey gemeinsam mit Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) vor elf Monaten den Entwurf für das zweite Führungspositionen-Gesetz (FüPoG II) in die Ressortabstimmung gegeben hatte, nutzten die beiden Ministerinnen jede Gelegenheit, für ihr Vorhaben zu werben. Es geht um eine gesetzlich verbindliche Mindestbeteiligung von einer Frau in den Vorständen großer börsennotierter Unternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern, wenn das Führungsgremium mehr als drei Mitglieder hat.

Nun soll das Gesetz – trotz einigem Widerstand aus der Wirtschaft – kommen, falls es der Bundestag im Laufe des Jahres verabschiedet. Doch ist das wirklich ein „historischer Durchbruch“ auf dem Weg zu mehr Frauen in Führungspositionen, wie Giffey meint? Und wie stark würde der Frauenanteil in Vorständen dadurch potenziell steigen?

Frauenanteil bei Dax-30-Unternehmen erreicht neuen Höchstwert

Diese Fragen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) beantwortet. Das Fazit: Ein Impuls ist nötig, denn der Weg zur Parität bleibt vor allem in Vorständen ein weiter. Das DIW verweist dabei auf die Zahlen seines aktuellen Managerinnen-Barometers, das am Mittwoch veröffentlicht wurde. Demnach waren in den 200 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland Ende November nur 101 von 878 Vorstandsmitgliedern Frauen. Das entspricht einem Anteil von rund zwölf Prozent.

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    Das sei nur gut ein Prozentpunkt mehr als im Jahr zuvor. „Nachdem es 2019 noch etwas dynamischer aufwärtsging, büßte die Entwicklung wieder ein wenig Tempo ein“, beklagt Katharina Wrohlich, Leiterin der DIW-Forschungsgruppe Gender Economics, die das Barometer gemeinsam mit Anja Kirsch von der Freien Universität Berlin erstellt hat. „Bei den meisten Vorstandsrunden sitzen nach wie vor ganz überwiegend Männer am Tisch.“

    Jennifer Morgan war Co-Vorstandsvorsitzende von SAP. Nach ihrem Abgang wird derzeit kein einziges Dax-30-Unternehmen von einer Frau angeführt. Quelle: AFP
    Jennifer Morgan

    Jennifer Morgan war Co-Vorstandsvorsitzende von SAP. Nach ihrem Abgang wird derzeit kein einziges Dax-30-Unternehmen von einer Frau angeführt.

    (Foto: AFP)

    Bei den 30 größten börsennotierten Unternehmen stagniere der Frauenanteil in den Vorständen erstmals seit 2013 sogar. Und nach dem Abgang von Jennifer Morgan als Co-Vorstandsvorsitzende von SAP werde derzeit zudem kein einziges Dax-30-Unternehmen mehr von einer Frau angeführt. Doch nun, so befinden die Wissenschaftlerinnen, könne die Vorstandsquote „Schwung“ bringen. Sie sei „in jedem Fall ein wichtiges gleichstellungspolitisches Signal“.

    Und das Signal scheint schon deutlich zu wirken, obwohl das Gesetz noch gar nicht in Kraft getreten ist. Das belegt eine aktuelle Auswertung der Personalberatung Russell Reynolds, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Zum Jahresbeginn (1. Januar 2021) erreichte der Frauenanteil der Vorstände der 30 Dax-Unternehmen mit 15,3 Prozent einen neuen Höchstwert. Nachdem der Anteil im Jahr 2020 bis Mitte des Jahres rückläufig war, stieg er innerhalb der letzten sechs Monate um zwei Prozentpunkte (von 13,3 Prozent im Juli 2020, ein Wachstum von 15 Prozent).

    Rechnet man die bereits für dieses Jahr beschlossenen und bekannt gegebenen Neubesetzungen von Vorstandsposten mit Frauen hinzu, beträgt der Frauenanteil im Dax 16,9 Prozent – die schnellste Steigerung der vergangenen zehn Jahre.

    „Nach jahrelanger Diskussion und Stagnation der Frauenquote in Vorständen ist jetzt mit der Ankündigung des Gesetzes schnell Bewegung in die erste Liga der börsennotierten Unternehmen gekommen“, erklärt Jens-Thomas Pietralla, Leiter der Europäischen Board & CEO Praxisgruppe bei Russell Reynolds Associates gegenüber dem Handelsblatt. Es sei eine ähnliche Entwicklung zu sehen wie kurz vor dem Inkrafttreten der Frauenquote für Aufsichtsräte im Jahr 2015: Im Vorfeld stieg der Anteil neu gewählter Frauen stark an.

    Deutsche Telekom, SAP und Allianz haben mehr als 30 Prozent Frauen im Vorstand

    Zum 1. Januar 2021 waren zehn Vorstandspositionen neu zu besetzen. Vier davon, also 40 Prozent, gingen an Frauen. Bei den weiteren sieben bekannten Neubesetzungen kommen nach jetziger Planung vier Frauen und drei Männer zum Zug. Mit dem Jahreswechsel haben auch erstmals drei Dax-Unternehmen (Deutsche Telekom, SAP, Allianz) mehr als 30 Prozent Frauen im Vorstand. 2020 traf das noch auf kein Dax-Unternehmen zu.

    Acht Dax-Unternehmen hatten zum 1. Januar 2021 weiterhin keine Frau im Vorstand, zum 1. Februar verringert sich die Zahl auf sieben, zum 1. April auf sechs, weil zunächst Bayer und dann Eon Frauen in ihre Vorstände berufen. Zum 1. Mai soll es mit Belen Garijo bei Merck zudem wieder eine Dax-Vorstandsvorsitzende geben.

    Der rasche Anstieg des Frauenanteils könnte allerdings durch die Erweiterung des Dax auf 40 Mitglieder ab September 2021 gebremst werden. Denn die aktuell als Dax-Aufsteiger gehandelten Unternehmen haben unterdurchschnittliche Frauenanteile und würden die Quote nach heutigem Stand von 16,9 Prozent auf 15,4 Prozent drücken.

    Hinzu kommt: „Trotz der raschen Veränderung bleibt viel zu tun. Zum Beispiel zeigt sich bei detaillierterer Betrachtung, dass der Großteil der Frauen weiterhin auf Positionen ohne unmittelbare Ergebnisverantwortung sitzt“, resümiert Thomas Tomkos, Leiter der deutschen Board & CEO Praxisgruppe bei Russell Reynolds Associates. „Von gleichberechtigter Teilhabe auch an Schlüsselpositionen kann so noch keine Rede sein.“

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    Auch DIW-Wissenschaftlerin Wrohlich sieht schon einen „Antizipationseffekt“ bei der Vorstandsquote. So würden etwa Adidas, Fielmann und Wüstenrot bis März Frauen in den Vorstand berufen. „Diese Unternehmen wären von der Quote betroffen und haben offenbar jetzt schon entsprechend gehandelt.“

    Laut DIW haben von den 107 Unternehmen, die börsennotiert und paritätisch mitbestimmt sind, 74 einen Vorstand mit mehr als drei Mitgliedern. Damit fallen sie unter die geplante Mindestbeteiligung für Vorstände. Von diesen Unternehmen haben aber mehr als 40 bereits mindestens eine Frau im Vorstand. Das geplante Gesetz betrifft also nach aktuellem Stand etwa 30 Unternehmen, die den nächsten frei werdenden Vorstandsposten mit einer Frau besetzen müssten, rechnet das DIW vor. Würden sie dies noch in diesem Jahr tun, stiege der Anteil der Vorständinnen in den unter die Regelung fallenden Unternehmen von etwa 13 auf 21 Prozent. Das sei aber ein reines „Gedankenexperiment“, so das DIW.

    Deutschland liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt

    Für die Einführung einer Geschlechterquote beziehungsweise einer Mindestbeteiligung für Vorstände spricht laut DIW, dass Deutschland beim Frauenanteil in den Spitzengremien großer Unternehmen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besonders schlecht abschneidet. Demnach lag Deutschland zum Sommer 2020 mit einem Frauenanteil in den Vorständen der größten börsennotierten Unternehmen von 14,5 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von knapp 19 Prozent. In Ländern wie Litauen oder Norwegen ist mehr als jeder vierte Vorstandsposten von einer Frau besetzt.

    Das DIW erwartet von dem geplanten Gesetz auch „gleichstellungspolitische Auswirkungen“, die über die Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen hinausgehen. Demnach wären die Unternehmen durch die gesetzlichen Vorgaben gezwungen, auf ihre Führungskräfteentwicklung zu achten und darauf hinzuarbeiten, dass genügend Frauen unternehmensintern befördert werden, um sich für Vorstandspositionen zu qualifizieren.

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    DIW-Wissenschaftlerin Wrohlich erklärt: Im Gegensatz zu Aufsichtsrätinnen sei der Pool an möglichen Vorständinnen deutlich geringer, da Vorstände in der Regel langjährige Managementerfahrungen hätten und aus der Hierarchieebene direkt unterhalb des Vorstands rekrutiert würden. Doch genau dort seien Frauen deutlich unterrepräsentiert. „Das sollten die Unternehmen dringend ändern, sonst werden sie Probleme bekommen, die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen“, meint Wrohlich.

    Dafür müssten Geschlechterstereotype in der Arbeitswelt und eine „nach wie vor sehr männlich geprägte Führungskultur“ aufgebrochen werden. Es gelte auch, neue Formen der Arbeitsorganisation zu diskutieren, heißt es in dem Bericht. Seit dem Ausbrauch der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen erscheine dies sogar noch umso dringlicher.

    Effektivere Kontrolle durch Frauen

    Wie sich mehr Frauen in den Kontrollgremien konkret auf die Unternehmen auswirken, hat Anja Kirsch von der Freien Universität Berlin zusätzlich zum Barometer untersucht. Sie befragte dafür jeweils 30 Frauen und Männer mit Aufsichtsratsmandaten in 75 börsennotierten Unternehmen.

    Der Befund: Interaktion, Diskussion und Entscheidungsfindung profitieren deutlich. „Frauen hinterfragen offenbar eher Vorschläge und Entscheidungen des Vorstands und fordern öfter zusätzliche Informationen“, berichtet Kirsch zudem. „Geschlechterdiversität in Aufsichtsräten kann also dazu beitragen, Vorstände effektiver zu kontrollieren.“

    Mit Blick auf immer wieder auftretende Fälle von Betrug durch das Topmanagement – wie im Fall Wirecard – erscheine eine verbesserte Diskussion und Entscheidungsfindung in Aufsichtsräten „enorm wichtig“. Kirsch hofft, „dass in diesem Sinne auch die gesetzliche Vorgabe für eine Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen zusätzliche Impulse bewirkt“.

    Mehr: Die neue Regelung zur Frauenquote ist von den Unternehmen selbst verschuldet.

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    2 Kommentare zu "Untersuchung: Die Frauenquote in Vorständen zeigt erste Wirkung "

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    • nehmen wir ein Beispiel: im Vorstand muss 1 Posten ersetzt werden; Besetzung eine Frau
      daneben steht ein Mann zur Verfügung, der aber wesentlich besser qualifiziert ist.

      Gibt es dann ein Gerichtsverfahren beim Gericht, wo geklärt wird, wer den Posten bekommt
      oder muss trotzdem eine Frau auf den Posten. Anscheinend wird bei uns der Kommunismus
      durch Frau Dr. Merkel eingeführt. Das Leistungsprinzip wird außer Kraft gesetzt. Wenn wir dieses Gesetz betrachten, muessen wir demnächst eine Quote für Ausländer und Gender einführen!!!!!
      Warum haben wir bisher nicht bei der Bundeswehr auch eine Quotenregelung eingeführt:
      Weil sich die Frauen nur adäquate Posten wünschen.

    • Was mich nervt an dem ganzen Thema ist der immer wieder neue krampfhafte Versuch, den Leuten einreden zu wollen, mit mehr Frauen in der Führung werde alles besser. Auch die Studien zu dem Thema sind wenig überzeugend und können ja auch kaum repräsentativ sein - es gibt ja nunmal relativ wenige Frauen in Führung.
      Aus langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass Frauen genauso schlau oder dämlich sind wie ihre männlichen Pendants. Intelligenz, Geschick und Talent sind über die Geschlechter normalverteilt. Mit mehr Frauen wird nix besser - aber auch nicht schlechter.
      Fakt ist, dass Frauen unterepräsentiert sind. Wenn es dafür keine sachlichen Gründe gibt, muss man das ändern.

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