Pierre Dinand

Der Flakon-Designer hat in seiner Karriere rund 1000 Flaschen kreiert.

(Foto: Dinand)

Duft-Spezial Bei Flakon-Designer Pierre Dinand wird Form zu Format

Zum Erfolg eines Parfüms trägt auch die Gestalt des Flakons maßgeblich bei. Pierre Dinand ist der wohl größte Poet unter den Designern.
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ParisParfüm scheint jung zu halten. Zwar sollte man es sicher nicht trinken, aber schon die bloße Beschäftigung mit allen Facetten des flüchtigen Stoffs verleiht dem 87-jährigen Pierre Dinand eine juvenile Frische, für die ihn mancher 30-Jährige beneiden würde.

Wie fröhlich er die Tür seines Pariser Ateliers in der Nähe der Sorbonne öffnet! Wie galant er hineinführt in seine Loft-Katakomben, in denen er zwischen ungezählten Bildbänden auch Tausende von Parfüms mit ihren gläsernen Hüllen hütet! Dinand gilt als deren Meister, als ein Pate des Flaschendesigns, ein Papst der Flakongestaltung. Noch immer.

Und immer noch kennt kaum jemand seinen Namen, obwohl einige seiner Arbeiten globalen Ruhm erlangt haben: „Opium“ von Yves Saint Laurent (1977), „Madame Rochas“ (1960), „Eau Sauvage“ von Dior (1966), „Amarige“ von Givenchy (1991), „Eternity“ von Calvin Klein (1988), „Armani“ (1982) oder „Eau Dynamisante“ von Clarins (1987) – alles seine Kreationen. Okay, nicht die Düfte an sich, aber doch die Formen, die der Funktion ihrer Verführungskunst folgen.

„Ich habe in meiner Karriere rund 1.000 Flaschen kreiert, damit liege ich weit vor allen anderen“, sagt der Franzose stolz mit kräftiger Stimme. Rente? Ruhestand? Pah! Er doch nicht. Nur Unterstützung hat er sich geholt: Dinands 26-jähriger Enkel, der wie einst auch er Architektur studiert hat, hilft ihm mittlerweile mit dem Handwerkszeug. Stift und Papier reichen nicht mehr. Man braucht Computer, 3D-Drucker und den ganzen Kram. Aber am Ende ist es immer noch wie früher – und ein Flakon wie ein Haus: Haus und Heimat für den Duft.

Daran hat sich nichts geändert, seit Dinand eher durch Zufall seine Karriere begann, beim Militärdienst in Kambodscha. Er besuchte dort erste Architekturkurse an der Schule Beaux Arts. Zurück in Paris, wurde er von einer Agentur engagiert, um Etiketten für Rémy Martin und Cointreau zu entwerfen. „Weil ich Architektur studiert hatte, fragte man mich, ob ich auch Parfümflakons kreieren könnte.“

Seinen ersten Termin hatte er bei der großen Pariserin Hélène Rochas. „Ich beobachtete sie, um ihren Stil zu verstehen. Das Parfüm ‚Madame Rochas‘ von 1960 wurde ein riesiger Erfolg. Es traf den Geschmack der Zeit.“ Das machte Dinand schnell auch für andere interessant: Yves Saint Laurent, Giorgio Armani und Calvin Klein.

Über „Madame Rochas“ lernte Dinand viele junge Modemacher wie Pierre Balmain, Pierre Cardin und Cristóbal Balenciaga kennen, aber auch Künstler wie ‧Andy Warhol. „Ich hatte das Glück, sie alle zu treffen. Zu jener Zeit war alles noch ganz anders. Die Modeschöpfer diskutierten mit den Flakondesignern und Parfümeuren. Schon damals machten sie mehr Geld mit Parfüms als mit ihrer Haute Couture. Heute übernimmt das alles eine Marketingagentur“, ahnt Dinand.

Dosensuppe als Inspiration

Mittlerweile würden jedes Jahr weltweit 800 neue Düfte auf den Markt gebracht. Nur ein winziger Bruchteil davon finde noch ausreichend Fans. Vielleicht, weil die Duftmacher trotz großer Werbekampagnen selbst nicht wissen, was sie eigentlich verkaufen? Dinand versuchte immer, die Designer zu verstehen, ihre Persönlichkeit zu ergründen.

Besonders begeisterte war er von Yves Saint Laurent. „Er interessierte sich für Geschichte, Kunst und Architektur.“ Für ihn schuf Dinand 1969 das bis heute bekannte „Rive Gauche“, einen runden Flakon nach dem Vorbild der Campbell’s-Suppendosen von Warhol, den Yves Saint Laurent verehrte.

Einige Jahre später holte der exzentrische Modemacher Dinand an seinen neuen Sehnsuchtsort Marrakesch, um einen orientalischen Parfümflakon zu entwerfen. Das Ergebnis war 1977 der schwere Damenduft „Opium“.

Ein Dinand-Flakon für eine Sonderedition des Dufts von L’Artisan Parfumeur. Quelle: akg-images / François Guénet
Mûre et Musc

Ein Dinand-Flakon für eine Sonderedition des Dufts von L’Artisan Parfumeur.

(Foto: akg-images / François Guénet)

Dinand entwarf viele weitere Flakons, die Geschichte schrieben, etwa „Eau Sauvage“, das Herrenparfüm von Dior aus dem Jahr 1966. Mit seinen Rillen sollte die Glasflasche an eine Lupe erinnern, die Form ähnelte einem Whisky-Flachmann. Die legendäre Werbung dafür machte Alain Delon – wild mit Bart. Auch das Parfüm wurde ein Welterfolg, obwohl die Arbeit für Herren weitaus schwieriger zu sein scheint.

Für Herrenparfüms waren immer eher strenge Formen und dunklere Töne wie Dunkelgrün oder Bernsteinfarben gefragt, so Dinand. Die Damendüfte hingegen durften eher Revolutionen anzetteln, technisch, optisch, emotional: In den 1950er-Jahren benutzte man noch keine Zerstäuber, sondern verschloss den Flakon mit einem Korken. Oft lief das Parfüm aus. „Als die Menschen immer mehr reisten, kam das Spray in Mode“, erzählt Dinand.

Die Techniken des Sprays wurden über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert. Aber auch die Formen änderten sich. Bei „Amarige“ (1991) von Givenchy wurde der Verschluss des Flakons einem gerafften Haute-Couture-Kleid nachempfunden, das Givenchys Lieblingsmodel Bettina getragen hatte. „Es symbolisierte die Weiblichkeit“, erinnert sich Dinand. Dagegen hatte „Ysatis“ von 1984 mit seiner schlichten gerillten Flasche noch die „vielseitige“ moderne Frau als Vorbild, die Working Woman, die Arbeit, Kinder und Mann unter einen Hut bringen muss.

Die klassischste Form ist vielleicht die von Chanel No 5 aus dem Jahr 1921. Anfang der 1960er-Jahre entwickelten sich die rechteckigen, platten Flakons hin zu länglicheren Formen wie bei „Madame Rochas“. In den Siebzigern kamen Plastikflaschen in Mode. „Aber es gab auch Metall wie bei Paco Rabanne, was zu dessen Modestil passte“, sagt Dinand, der weiß, dass selbst die ausgeklügeltsten Designs allenfalls einen Teil des Erfolgs eines Parfüms ausmachen.

Der Flakon-Architekt hat dafür eine anschauliche Erklärung: „Das kann man mit einem Spielautomaten vergleichen. Um den Jackpot zu gewinnen, braucht man eben fünf Kirschen. In meinem Fall sind dies der Duft selbst, sein Flakon, der Name, die Werbung und der Vertrieb. Alle fünf müssen einander finden.“ Wenn eben nur vier Faktoren passen, klappe es schon nicht mehr.

Der Flakon des Klassikers von Yves Saint Laurent. Quelle: Dinand
Opium

Der Flakon des Klassikers von Yves Saint Laurent.

(Foto: Dinand)

Am Flakon sollte der Erfolg jedenfalls nicht scheitern, fand Dinand immer und nahm seinen Job deshalb sehr ernst. „Der Flakon musste wie alles andere eine solide Geschichte erzählen und zum Image des Modeschöpfers passen.“ So wie eben „Opium“ zur exzessiven Persönlichkeit eines Yves Saint Laurent. „Er liebte es, zu schockieren und ein Ereignis zu schaffen. Er war einzigartig.“

Ähnliches galt für die Geschichte von Calvin Klein. Erst hat Dinand den Flakon für das Damenparfüm „Obsession“ (1985) geschaffen, sehr erotisch bis ins Design. Dann war 1988 der Damenduft „Eternity“ an der Reihe. Der Flakon erinnert an Hochzeitsgeschenke von Tiffany in Kristall und Silber. „Da hat Calvin Klein gerade seine Assistentin Kelly geheiratet und gedacht, dass die Ehe für die Ewigkeit ist.“
Die Beziehung hielt nicht. Das Parfüm hat überdauert. Soll noch jemand sagen, Duft sei ein flüchtiges Geschäft.

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Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°4/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 24. Mai 2019 am Kiosk erwerben.

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