Im Holzmindener Parfümlabor

Das niedersächsische Unternehmen Symrise ist einer der größten Anbieter von Duft- und Aromastoffen weltweit.

(Foto: Christian Burkert/laif)

Duft-Spezial Parfümkreation per KI: Symrises Zukunft heißt Philyra

In den New Yorker Labors des Duftkonzerns Symrise entstehen die ersten Parfüms mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Möglich macht es die Software Philyra.
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New YorkEin dezentes Blütenaroma durchdringt die Räume der 15. Etage des Hochhauses 505 Park Avenue in Manhattan. Vorbei an weißen Orchideen, laufen Menschen in hellen Kitteln von einem gläsernen Büro ins andere. Hier im Labor von Symrise kreieren Menschen aus den verschiedensten Ländern ihre Düfte für die Welt, die neue Special Collection von Calvin Klein ebenso wie Parfüms für Ralph Lauren, Trussardi oder Tom Ford. Und seit Neuestem haben sie dabei eine besondere Helferin: Künstliche Intelligenz.

Sie heißt „Philyra“, ist ein gemeinsames Software-Baby von Symrise und dem IBM-Konzern – und schlussfolgert aus Millionen von Mischungen, welche neuen Kreationen künftig noch mehr Erfolg versprechen. Philyra kennt nicht nur die Rezepturen klassischer Parfüm-Hits. Sie weiß auch um die vielen unterschiedlichen Geschmäcker weltweit, wovon noch die Rede sein wird.

Parfüms zu kreieren ist eine hohe Kunst. Mitunter vergehen Jahre. Das deutsche Unternehmen Symrise, das mit Düften und Geschmacksstoffen jährlich mehr als drei Milliarden Euro umsetzt, will den Prozess nun beschleunigen. „Es ist ein Eintritt in eine neue Ära“, schwärmt Dave Apel, der Senior-Parfümeur von Symrise in New York. Apel hat sein Handwerk noch in Zeiten gelernt, als die „Supernasen“ ihre Experimente akribisch per Hand festhielten. Heute arbeitet er an der Zukunft seiner gesamten Industrie.

Apel schlägt einen alten Ringordner aus dem Jahr 1987 auf. Auf 17 Seiten hat er dort in langen Tabellen die verschiedenen Stoffe und ihre Anteile notiert, mit denen er einen neuen Duft kreiert hat: Lavendel, ätherische Öle, synthetische Moleküle, jedes Mal in anderer Gewichtung. Jede Spalte entspricht einem neuen Experiment. „Das hat Wochen gedauert“, erzählt er. So flüchtig das Produkt, so exakt auch die Mathematik dahinter.

Die Parfümeure sind so etwas wie die Meisterköche in der Welt des Geruchs. Sie sprechen von „Juices“ („Säften“), wenn es um ihre Kreationen geht. Sie „kochen“, wenn sie ihre Zutaten mixen. Und wie in der Küche hängt auch bei ihnen der Erfolg von zwei wichtigen Faktoren ab: der Qualität der Rohstoffe und dem Talent der Meister. Und in beiden Fällen wird schiere Chemie im Idealfall zu magischer Verführungskunst.

Heutzutage halten die Parfümeure ihre Zutaten zwar auf dem Computer fest, aber im Grunde hat sich an der Arbeit nichts verändert. Auch hier in Manhattan entwerfen die Profis einen Duft zunächst in ihrem Kopf. Dann messen die Labortechniker ein paar Türen weiter die Rohstoffe mit Pipetten und Digitalwaagen auf das Zehntel Milligramm genau ab und bringen die neue Schöpfung den Kreateuren zum Schnuppern. Eine Sekunde reicht den Profis, um alle Aromen aufzunehmen. Dann ändern die Parfümeure wieder Nuancen, die Techniker führen aus, und so geht das Spiel über Wochen, manchmal Monate, ja Jahre hin und her.

Eben das könnte sich bald ändern. Apel schiebt den Ringordner zur Seite und klappt seinen Laptop auf, wodurch Philyra aktiviert wird. „Sie hat Zugriff auf die Rezepturen von 1,5 Millionen Parfüms“, lobt der Duftexperte seine neue „Kollegin“. „Und sie weiß, dass davon 45.000 erfolgreich waren. Daraus hat sie gelernt, was man wie kombinieren kann.“

Auf die Idee kam man bei dem deutschen Unternehmen Symrise, das in Holzminden im beschaulichen Weserbergland seinen Sitz hat, als die IBM-KI-Entwicklung „Watson“ mit dem Programm „Chef Watson“ vor ein paar Jahren Kochbücher analysieren ließ und darauf basierend neue Rezepte erdachte. „Eine Mitarbeiterin hat mir einen Artikel über Chef Watson gezeigt und gesagt: ‚Wäre das nicht etwas für uns?‘“, erzählt Achim Daub, der im Vorstand von Symrise das globale Geruchs- und Pflegegeschäft verantwortet.

Parfümeure mit Informatikern

Der Deutsche ließ junge Mitarbeiter mit der Idee experimentieren. „Die ersten Ergebnisse waren nicht besonders raffiniert. Aber sie haben gezeigt, dass es grundsätzlich möglich ist, mit einem Computerprogramm ein Parfüm zu kreieren“, so Daub.
Daraufhin nahmen die Symrise-Manager mit IBM Kontakt auf. Und nun bringen sie gemeinsam mit dem brasilianischen Kosmetikhaus Boticario und IBM zum brasilianischen Valentinstag am 12. Juni die ersten Parfüms auf den Markt, die ihr virtuelles Superhirn erfand.

Sie werden bei Symrise für Biermischgetränke gebraucht. Quelle: Berthold Steinhilber/laif
Geschmacksproben

Sie werden bei Symrise für Biermischgetränke gebraucht.

(Foto: Berthold Steinhilber/laif)

„Es war das erste Mal, dass Parfümeure zusammen mit Informatikern auf der Bühne standen, und das erste Mal, dass ich Standing Ovations bei einer Parfümvorstellung bekommen habe“, lacht Apel, der das Projekt begleitet hat. Hat er keine Angst, dass die Software bald seine Arbeit übernimmt? „Nein, ich finde Philyra super“, betont er. Für ihn sei sie „ein Werkzeug, das durch das Riesenarchiv viel mehr Möglichkeiten sieht und mir hilft. Und sie holt mich aus meiner Komfortzone heraus“, ergänzt er.

Um das zu beweisen, lässt er seine Softwareassistentin einfach mal einen Duft kreieren. Er füttert sie mit einer Duftnote – in diesem Fall „Jil Sander Man“ – und fordert sie auf, darauf basierend etwas Neues zu entwickeln. Nach ein paar Minuten schlägt Philyra schließlich zwölf Kombinationen vor. „Sehen Sie hier!“, ruft Apel und zeigt auf eine Gruppe von Zutaten, die von Zitrone über Pfeffer und Cassis-Früchte bis zu hölzernen Noten reichen.

Philyra habe erkannt, dass das Ausgangsprodukt eine mittlerweile „altmodische“ Frische habe, und diese daher mit neuen Aromen variiert. „Manchmal schlägt sie auch Düfte wie heiße Milch oder Toffee vor, auf die ich nie kommen würde“, lobt Apel seine digitale Kollegin.

Jeder Parfümeur habe seine eigene Handschrift, erklärt Symrise-Vorstand Daub. Das sei zwar enorm wichtig. Aber es schränke die Experten manchmal auch ein, weil sie dann nicht mehr genug experimentierten. Dabei könne die Künstliche Intelligenz mit ihrem Wissen über erfolgreiche Duftkombinationen von Generationen menschlicher Experten helfen.

Parfümeur Robert Kuschel prüft Substanzen nach ihrem Gebrauch in speziellen Kabinen. Quelle: LAIF
In der Duftkabine

Parfümeur Robert Kuschel prüft Substanzen nach ihrem Gebrauch in speziellen Kabinen.

(Foto: LAIF)

Philyra könnte ihren menschlichen Kollegen in Zukunft auch mühselige und langweilige Arbeit abnehmen, meint Daub. So müssten Parfümeure etwa die Düfte bislang kontinuierlich den sich ständig ändernden Vorschriften der weltweiten Aufsichtsbehörden anpassen und dafür Bestandteile ersetzen oder verändern. Philyra werde sich über solche Knochenjobs nie beklagen. „Außerdem bin ich überzeugt, dass man bei neuen Technologien grundsätzlich immer vorn mit dabei sein sollte“, sagt Daub, „um sie zu verstehen und mitzuprägen.“

Deshalb hat Symrise auch in das texanische Parfüm-Start-up Phlur investiert, das erfolgreich auf natürliche Düfte und Duft-Abos setzt. Da kann auch der deutsche Branchenriese Symrise, der 1874 als erster Hersteller das künstliche Vanillearoma Vanillin entwickelte, noch einiges lernen. Selbst beim Marketing. „Zum Beispiel, dass eine weiße Verpackung zwar elegant, aber völlig Instagram-untauglich ist“, lacht Daub. Ohne Social Media geht auch hier nichts mehr.

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Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°4/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 24. Mai 2019 am Kiosk erwerben.

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