Ai Weiwei

Der 61-jährige Künstler im Lichthof seines Berliner Kellerateliers. Zurzeit bereitet er hier seine wohl bislang größte Retrospektive vor, die Mitte Mai in Düsseldorf startet.

(Foto: Heiko Richard für Handelsblatt Magazin )

Ein Gespräch mit... Ai Weiwei: „Ich kann nicht so tun, als sei alles in bester Ordnung“

Der Künstler genießt für die latente Kritik an seinem Geburtsland Weltruhm – doch in China wird er totgeschwiegen. Ein Besuch bei Ai Weiwei in Berlin.
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BerlinEr ist allenfalls geografisch ganz unten: Mehrere Stockwerke tief unter dem Pfefferberg im mittlerweile konsequent durchgentrifizierten Berlin-Stadtteil Prenzlauer Berg arbeitet Ai Weiwei. Sein Nachbar auf dem Gelände der alten Brauerei ist der dänische Künstler Ólafur Elíasson.

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders arbeitet in der Nähe. Ai dürfte in diesem Trio dennoch der Künstler mit dem größten Weltruhm sein. Nur in China kennt ihn kaum jemand. Weil Ai Weiwei von der politischen Führung in Peking totgeschwiegen wird. Weil er dort längst als Staatsfeind gilt. Und weil er aus dem gleichen Grund, seiner stetigen Kritik an der Volksrepublik, im Westen geradezu verehrt wird.

Die Folge: Seine Werke erzielen mittlerweile Millionenpreise. Sammler und Museen reißen sich um die Arbeiten des 61-Jährigen. Die Kunstmetropole Düsseldorf wird ihm ab 18. Mai in der größten Ausstellung huldigen, die Ai Weiwei wohl je erleben durfte.

Und was macht der Künstler? Freut er sich auf die Mammutpräsentationen einiger seiner schon räumlich größten Werke in den beiden Kunsthallen K20 und K21 am Rhein? Ist ein Museum überhaupt ein sicherer Ort vor dem Zensor? Da sitzt er, in sich versunken an dem langen Holztisch seines Kellerateliers, und antwortet schließlich leise:

„Ja, aber ich halte nichts von einem sprichwörtlich geschützten Raum in einem Museum. Dieser Raum ist zu klein. Ich will authentisches Publikum wie auf dem Marktplatz oder in einem Gefängnis. Ich möchte mich nicht mit einem so kleinen Kreis begnügen müssen. Das Museum ist für mich keine Herausforderung.“

Die Fotoserie mit dem Stinkefinger nimmt Ai in vielen Städten auf. „Studies of Perspective: Tiananmen“ entstand 1995. Quelle: Ai Weiwei Studio
Bekanntes Motiv

Die Fotoserie mit dem Stinkefinger nimmt Ai in vielen Städten auf. „Studies of Perspective: Tiananmen“ entstand 1995.

(Foto: Ai Weiwei Studio )

Da ist er also: Ai Weiwei, der unbestechliche Beobachter. Buddha und Pokerface. Der Gegen-den-Strich-Bürster. Der Dinge-beim-Namen-Nenner, der Kritik als Kunst und Beruf gleichermaßen begreift. Auch hier in der deutschen Hauptstadt, wo ihm vor vier Jahren eine Art politisches Asyl gewährt wurde, ohne dass man ihn als Flüchtling hätte deklarieren müssen in jenem Ausnahmejahr 2015, das so vieles verändert hat.

Damals kamen rund 1,1 Millionen Menschen ins Land. Unter weit dramatischeren Umständen als Ai Weiwei, der indes nach Inhaftierung und Hausarrest zu Hause in China seither in Berlin einen neuen Stützpunkt gefunden hat. Was war sein erster Eindruck von Deutschland, als er damals hier ankam?

„Ich liebe Deutschland. Ich liebe Berlin. Ich habe mir Deutschland unter allen anderen Nationen ausgesucht, weil die Deutschen ihre Prinzipien, im Vergleich zu anderen Ländern, sehr gut verteidigen. Kanzlerin Merkel möchte eine starke Beziehung mit China aufbauen. Dennoch hat das Land mir und Liu Xia, der Frau von Nobelpreisträger Liu Xiaobo, geholfen.

Wir wurden von keinem anderen Land aufgenommen; die deutsche Regierung hat es getan. Sie hat Druck ausgeübt. Der deutsche Botschafter in China hat mich einmal im Monat zu Hause besucht, um mich bei diesen Treffen sehr genau auf den aktuellen Stand zu bringen. Kein anderer Botschafter hat das getan.

Die Deutschen sagten: Wenn Ai ein Krimineller ist, zeigt uns, was er getan hat! Wenn nicht, warum lasst ihr ihn dann nicht ziehen? Die Argumentation ist simpel. Ich weiß es außerordentlich zu schätzen, wenn jemand angesichts der heutigen politischen Gemengelage eisern zu seinen Prinzipien steht.“

Funktionieren unsere Medien? Funktioniert unser moralisches Urteilsvermögen wirklich? Ai Weiwei

In Deutschland musste Ai Weiwei seine Rolle erst finden – und zugleich neu definieren. Das ferne China verblasste vielleicht nicht. Aber irgendwann nahm er auch andere Missstände wahr und ins Visier: die Flüchtlingspolitik der Europäischen Gemeinschaft, auch deren Verhältnis zu China.

Kurz vor dem Gespräch mit dem Handelsblatt Magazin sorgte Ai mit einem offenen Brief für Furore, in dem der Künstler den Westen beschuldigt, willfähriger Kollaborateur Chinas zu sein, eines totalitären Regimes ohne Grundrechte. Warum startet er den Angriff jetzt? Was ist sein Hauptvorwurf? 

„Angriff oder Anklage sind nicht die richtigen Begriffe. Ich beschreibe lediglich die Fakten. China blickt auf eine lange Geschichte zurück wie im Übrigen auch der Westen. Wir können die gegenwärtige Situation nicht verstehen, ohne uns zuerst mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Der westliche Kapitalismus war auf globale Verbreitung angelegt. Als der kapitalistische Westen dem kommunistischen China begegnete, haben sie sich ineinander verliebt.

China träumt seit Jahrhunderten davon, wieder groß und mächtig zu sein. Die Bedingungen, die der chinesische Arbeitsmarkt bietet, sind für den Westen einmalig. Es kostet dort fast nichts, Produkte herzustellen. Es ist ja auch so bequem, mit einem autoritären System umzugehen. Da gibt es immer nur einen Verantwortlichen, mit dem man zu tun hat, und das Geschäft läuft. Wo sonst funktioniert das? Gewiss nicht im Westen mit all seiner Regulierung in Umwelt- und Arbeitsmarktfragen.

Der Westen ist seit Jahrzehnten dabei, China zu erschaffen. Ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, und alle wollen dabei reich werden. Wird in China ein Cent verdient, schöpft der Westen gleich einen Dollar oder mehr ab. Nur deshalb lieben wir alle die Globalisierung.“

Der Preis für China sind die Unterdrückung der Menschenrechte, ein kaputtes Bildungssystem und eine zerstörte Umwelt. Chinas Gesellschaft wird durch Waffen und die Polizei gelenkt, nicht durch das Gesetz. China ist längst nicht mehr nur Arbeitsmarkt. Sein unerschöpfliches Potenzial als Konsummarkt ist in den Vordergrund gerückt. Beim Handel mit Luxusgütern machen Chinesen inzwischen einen hohen Prozentsatz der Konsumenten aus.“

Wer Ais Gedanken dazu später vom Tonband abtippt, könnte sich dazu einen lautstarken Freiheitskämpfer vorstellen, der seinen Zorn immer wieder mit hämmernden Faustschlägen auf ein wackliges Pult bekräftigt. Aber Ai Weiwei ist ein stiller, in sich versunkener Mann, wenn er spricht.

Wenn sein Brief also keine Attacke sein soll, wie würde er selbst seine Überlegungen nennen: „Ich nenne es eine politische Philosophie“, sagt er und lächelt leise. Dazu gehört auch, dass er die Demokratie europäischer Prägung nur noch für eine „gefälschte Illusion“ hält:

„Die sogenannte westliche Demokratie ist das Ergebnis einer reifen Gesellschaft. Diese Gesellschaft hat ihren Ausgangspunkt in der Kolonialzeit. Der Westen ist nicht von heute auf morgen so stark geworden. Die Kolonialisierung ist der große Kontext, der England zu England machte und Deutschland zu Deutschland – durch die Anhäufung von Reichtum und Macht in den europäischen Staaten.

Dieser neue Wohlstand machte es notwendig, ein System zu schaffen, das dem Wohle der ganzen Gesellschaft diente. Menschenrechte und die Menschwürde wurden zunächst als regionale Ideen etabliert. Während des Kalten Krieges konnte der Westen dann auf Russland und China zeigen und sagen: 'So was haben die nicht.'

Der Westen und seine Ideologie

Mit der Globalisierung hat sich die politische und wirtschaftliche Macht des Westens weltweit ausgebreitet. Bei den Menschenrechten wurde mit zweierlei Maß gemessen. Sie waren nicht mehr ein fundamentales Prinzip, sondern entarteten zu einer Strategie, die dabei ist, die vermeintlich demokratische Gesellschaft auszuhöhlen.“

Europa – eine Union, vereint vor allem in Doppelmoral? Einmal in Fahrt, lässt er sich nur noch schwer bremsen. Sein Tee wird allmählich kalt, während Ai Weiwei weit ausholt:

Der Dichter der Beat Generation war Weiweis Mentor. Das Foto erschien 1988 in „New York Photographs“. Quelle: Ai Weiwei Studio
Allen Ginsberg (l.) und Ai Weiwei

Der Dichter der Beat Generation war Weiweis Mentor. Das Foto erschien 1988 in „New York Photographs“.

(Foto: Ai Weiwei Studio )

„Diese grundlegenden Werte werden einmal mehr infrage gestellt, wenn regionale Probleme geschürt werden, die der Westen mit seinen Waffenexporten befeuert und von denen er im großen Umfang direkt profitiert. Wenn der Westen nicht in der Lage ist, seine Ideologie zu beschützen und diese vielmehr als Waffe einsetzt, ist das ein Skandal.

Es ist auch skandalös, wenn Deutsche illegal Waffen nach Mexiko verkaufen oder Franzosen, Briten und Amerikaner Waffen an die Saudis verkaufen, um Krieg im Jemen zu führen. Wir sehen, wie die Menschen im Jemen sterben. Es ist uns egal. Hier zeigt sich die Falschheit der Demokratie. Funktionieren unsere Medien, unsere sogenannte Meinungsfreiheit? Funktioniert unser moralisches Urteilsvermögen wirklich? Oder tun wir nur so? Ich klage nicht an. Ich zähle lediglich die Fakten auf.

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir unsere Humanität überdenken sollten und Entscheidungen treffen sollten, die gut sind für die Entwicklung der gesamten Menschheit. Gelingt uns das? Bislang wohl nicht. Europa ist ja nicht einmal in der Lage, sich selbst zusammenzuhalten. Keine Nation hört auf eine andere. Warum kann Europa nicht einige Flüchtlinge aufnehmen? Der europäische Arbeitsmarkt braucht doch Menschen. Wo sollen die denn herkommen?

Wenn die Lösung auf der Hand liegt, der politische Wille sich dieser Lösung aber verweigert, wie können wir dann überhaupt über die Einheit Europas sprechen? Ich kann nicht so tun, als sei alles in bester Ordnung, wenn ein Problem existiert. Wenn ich mich nicht mit der chinesischen Regierung angelegt hätte, würde ich heute vielleicht eine hohe Position bekleiden. Das fänden die toll, weil mein Vater ein überzeugter Kommunist der ersten Generation war.

Ich hatte ein Problem, weil ich in China lebte. Ich habe so viele Dinge erlebt, über die ich einfach sprechen muss. So bin ich eben. Ich wäre nicht ich selbst, wenn ich mich dazu nicht öffentlich äußern würde. Ich habe mich nicht dafür entschieden, politisch zu sein. Es entspricht meinem Wesen, die Wahrheit auszusprechen.“

Dazu gehört auch das, was die rund vier Millionen Follower seines Blogs früher in China zu lesen bekamen, bevor die Staatsbehörden ihn quasi abschalteten. Etwa, dass es Pfusch am Bau war, der Tausenden von Kindern das Leben kostete, als die Erde 2008 in der Provinz Sichuan bebte und Schulhäuser kollabierten.“

Aus dem Bauschutt zog der Konzeptkünstler mit seinen Helfern tonnenweise verbogene Armierungseisen heraus. Im Atelier wurden die Stangen von Hand mühsam wieder gerade geklopft. Dann ließ der Künstler sie für das Werk „Straight“ so aufeinanderschichten, dass in dem Rostbraun so etwas wie eine Wellenbewegung sichtbar wird.“

China muss sich grundlegend verändern, sonst wird es zu einem unkontrollierbaren Risiko für die Weltgemeinschaft. Ai Weiwei

Heute ist Instagram Ais bevorzugte Kommunikationsplattform. Dort hat er zur jüngsten Berlinale auch über ein „Joint Venture zwischen diktatorischen und demokratischen Gesellschaften“ gewettert – und gegen die „ideologische Kapitulation“ des Westens vor China. Die Ursache seines Ärgers: Er fühlt sich nun auch hierzulande von Zensur verfolgt, wie er erklärt:

„Ich bin ein hochsensibler Künstler. Ich habe bei einem Teil des „Films Berlin, I love you“ selbst Regie geführt. Jenseits eines politischen Kontextes geht es um die Liebe zwischen Vater und Sohn. Der Film wurde von der Berlinale abgelehnt, obwohl das Segment, das ich bearbeitet hatte, schon vorher entfernt worden war.

Die Ablehnung wurde gegenüber den Produzenten des Films unmissverständlich damit begründet, dass der Film mit mir in Verbindung steht. Warum wohl? Weil unter den Partnern des Festivals auch ein chinesischer Sponsor war. Aber selbst, wenn das nicht der Fall gewesen wäre, sind Audi und die Volkswagen-Gruppe Hauptsponsoren der Berlinale. Der CEO von VW hat sich klar geäußert: „Die Zukunft von Volkswagen wird in China entschieden.“

Kunst darf alles. Freier Journalismus muss solche harten Vorwürfe indes auch gegen das Licht halten. Mit Ais Attacke konfrontiert, weist die Audi AG jegliche Parteinahme zurück: „Die Vermutung des Künstlers Ai Weiwei entbehrt jeder Grundlage.“

Das Ingolstädter Unternehmen, zugleich Tochterfirma von Volkswagen, erklärt: „Die Audi AG ist seit 2014 Hauptsponsor der Berlinale. Wir haben als Sponsorpartner grundsätzlich keinerlei Einfluss auf die künstlerische Ausrichtung des Festivals, geschweige denn auf die Auswahl oder die Preisvergabe für einzelne Filme. Aus diesem Grund ist selbstverständlich kein Unternehmensvertreter Mitglied der Jury der Berlinale, welche allein für die Auswahl und Beurteilung von Filmen verantwortlich ist.“

Ai hatte sich zudem mit dem Dokumentarfilm „The Rest“ bei der Berlinale beworben, die das Werk ablehnte. Und nun?

„Festivals haben zweifellos das Recht, Beiträge abzulehnen. Das kritisiere ich nicht. Dann allerdings wurde der Film meines Kollegen Zhang Yimou zurückgezogen. Ich wurde gefragt, ob es an einem technischen Problem lag. Es ist nie ein technisches Problem. Die Berlinale kooperiert seit vielen Jahren mit China.

Sie dürfen nur Filme zeigen, die das Drachensiegel der chinesischen Zensurbehörde erhalten. Die meisten Filme würden das Siegel nicht erhalten, wenn die Zensur nicht so unerbittlich eingegriffen hätte. Jede Szene, jede Textzeile wird wieder und wieder überprüft. Selbst das Gesicht eines Darstellers bleibt von der Zensur nicht verschont. Es ist wie auf dem Schlachthof.

Die Berlinale gilt als Deutschlands sogenannte führende Plattform für politische Filme. Wenn diese also von den Filmemachern verlangt, dass diese das Drachensiegel vorzuweisen haben, damit ihre Beiträge überhaupt angenommen werden, nimmt die Berlinale die chinesische Zensur vorweg. Sie erkennt damit die Autorität der Zensur an. Das ist ein nicht akzeptabler Skandal.“

Zu Gast in Flüchtlingslagern

Die Berlinale entgegnet: „Uns fällt auf, dass Ai Weiwei sich aktuell der Berlinale und insbesondere der aktuellen Aufmerksamkeit für chinesische Filme bei der Berlinale bedient, um mediale Aufmerksamkeit zu erreichen. Festzuhalten ist: Für die Auswahl eines Films bei der Berlinale hat die Teilnahme oder NICHT-Teilnahme von Ai Weiwei keine Relevanz, und wir verwehren uns gegen diesbezügliche Behauptungen. Die Anschuldigungen auf Instagram sind ebenfalls haltlos. Unsere Sponsoren haben keinen Einfluss auf die Programmauswahl – dies ist auch in den Verträgen verbrieft.“

Ai Weiweis Kunst ist immer politisch. Und die Politik prägt auch seine Kunst. Über 30 Flüchtlingslager hat der Flüchtling aus China in den vergangenen Monaten und Jahren besucht. Seine neuesten Installationen und der Film „Human Flow“, der auch in Düsseldorf gezeigt werden wird, reflektieren das eindrucksvoll.

In seinen Berliner Backsteingewölben stehen derzeit auch riesige Kolonnen von Kleiderständern für den Abtransport zur großen Werkschau nach Düsseldorf. Noch unverpackt sind Tausende von Kleidungsstücken, die im griechischen Örtchen Idomeni zurückblieben, als Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Afrika das dortige Lager fluchtartig vor dessen Schließung verlassen mussten. So ist Kunst nicht nur Botschaft, sondern auch Waffe. Was ist ihre besondere Stärke? „Für mich ist es die Kunst, das Mögliche in unmöglichen Situationen zu finden“, sagt er.

Dass er dabei Berlin oder Deutschland nicht als neue Heimat begreifen würde, in der er Wurzeln schlagen mag, schien schon immer klar. Auch wenn er die Katakomben unter dem Pfefferberg für 99 Jahre gepachtet hat. Insofern überrascht es vielleicht nicht, dass er derzeit einen erneuten Umzug vorbereitet. Noch weiter gen Westen. In die USA.

An die Schockwellen des Erdbebens von 2008 in Sezuan erinnert Ai Weiweis Werk aus begradigten Armierungseisen aus den damals zerstörten Schulgebäuden. Quelle: Ai Weiwei Studio
„Straight“

An die Schockwellen des Erdbebens von 2008 in Sezuan erinnert Ai Weiweis Werk aus begradigten Armierungseisen aus den damals zerstörten Schulgebäuden.

(Foto: Ai Weiwei Studio )

„Ich liebe Berlin, aber es nicht mein Zuhause. Ich spreche kein Deutsch. Die USA werden auch nie meine Heimat sein. Ich hatte nie eine Heimat. Aber ich spreche Englisch, und nach ein paar Jahren in Berlin könnte mein Sohn dann eine englischsprachige Schule besuchen.“

Den Einwand, dass US-Präsident Donald Trump gerade eine Mauer zu Mexiko errichten lässt, wischt er weg: „China hat doch auch eine große Mauer gebaut. Wenn das tatsächlich ein Argument wäre, könnte man ja nirgendwo mehr hin.“ Ai fühlt sich als Außenseiter, hauptberuflich: „Ich bin zufrieden mit dieser Identität.“ Und China? Was wird aus seiner Heimat?

„China muss sich grundlegend verändern, sonst wird es zu einem unkontrollierbaren Risiko für die Weltgemeinschaft. Chinas Gesellschaft muss sich zu einer Gemeinschaft entwickeln, die fundamentale Werte anerkennt wie die Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und das Recht, die eigene Meinung frei zu äußern. Es braucht ein Mehrparteiensystem, sonst nimmt die Korruption kein Ende.

Ohne das Recht auf freie Meinungsäußerung gibt es keine Informationsfreiheit oder freie Bildung. So können keine Generationen mit Fantasie, Leidenschaft und Kreativität entstehen. Statt die Gelegenheit zu nutzen, wird der staatliche Würgegriff enger, und immer mehr Anwälte und Menschenrechtsaktivisten werden inhaftiert.

Die Kontrolle durch das Internet

Selbst jemanden wie mich steckten sie ins Gefängnis. Das ist Selbstmord. Die besten Köpfe der Gesellschaft werden auf dem Altar eines gigantischen Familienunternehmens geopfert. Das ist nicht nur eine Gefahr für China, sondern für die ganze Welt, die kaum mehr in der Lage ist, sich von China zu lösen.“

Die Abhängigkeiten werden umso fragwürdiger, als China nicht nur mit seiner „Neuen Seidenstraße“ gen Westen drängt. Zugleich lässt Peking gerade mit digitaler Hightech eine totalitäre „Big Brother“-Welt Wirklichkeit werden. Das neue Sozialkreditsystem der Volksrepublik macht aus jedem Bürger einen transparenten Datenlieferanten. Vermessen wird künftig alles – von der Zahlungsfähigkeit bis zum politischen Wohlverhalten. Aber auch hier blickt Ai schon weiter:

Die 17 Meter lange transparente Skulptur aus Sisal und Bambus symbolisiert die Bootsfahrt als Lebensreise voller Gefahren – Ais opulenteste Antwort auf Europas Flüchtlingsdebatte. Quelle: Ai Weiwei Studio
„Life Cycle“

Die 17 Meter lange transparente Skulptur aus Sisal und Bambus symbolisiert die Bootsfahrt als Lebensreise voller Gefahren – Ais opulenteste Antwort auf Europas Flüchtlingsdebatte.

(Foto: Ai Weiwei Studio )

„Die Kontrolle durch das Internet ist nicht nur ein chinesisches Problem; es ist universell und entsteht durch Technologie. Die Menschheit hat durch Technologie in unvorstellbarem Ausmaß profitiert. Erst das Internet versetzt uns in die Lage, die Menschheit in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Das war vor der Erfindung des Internets in dieser Form nicht möglich. Die Strukturen waren vorher völlig anders und gründeten sich auf Familie oder das persönliche Umfeld. Oft profitierten nur wenige. Das Internet hat das verändert. Der Nachteil ist, dass der Staat mächtiger geworden ist als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Es fehlt an Regulierung, um die technische Macht von Regierungen einzuschränken.

China ist das perfekte Exempel. Die Regierung hat mehr Macht als je zuvor. Die Gesellschaft ist autoritär und kann Menschen einfach verschwinden lassen, ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis stecken, kann Gefangenen den Zugang zu ihren Rechtsbeiständen und zu ihren Familien verwehren.

Selbst nach der Freilassung gibt es keine Garantie, dass man zurück nach Hause kann. Das ist in China völlig normal. Es gibt so gut wie kein faires Gerichtsverfahren, kein Gleichgewicht. Es ist, als ob lebenswichtige Organe entfernt werden. Dabei entsteht ein seltsames Monster.

Ais neueste Serie heißt „Zodiac“ und ist aus Legosteinen gefertigt. Die Inspiration dazu könnte aus dem Kinderzimmer seines Sohnes stammen. Quelle: Ai Weiwei Studio
„Zodiac“

Ais neueste Serie heißt „Zodiac“ und ist aus Legosteinen gefertigt. Die Inspiration dazu könnte aus dem Kinderzimmer seines Sohnes stammen.

(Foto: Ai Weiwei Studio )

Aber ich glaube, dass die Situation irgendwann außer Kontrolle gerät, möglicherweise in den nächsten zwei, fünf oder zehn Jahren. Die chinesische Gesellschaft befindet sich in einem zu großen Ungleich‧gewicht. Wenn sie kollabiert, wird die ganze Welt in Mitleidenschaft gezogen.“

Ai schaut auf. In nur einer Stunde hat er nun leise und nüchtern gigantische Bögen gespannt vom Kolonialismus bis zur Jetztzeit, von den Schimären des Westens bis zu den Monstrositäten seiner Heimat, wo Digitaltechnik gerade einen neuen Totalitarismus erschafft. Und wenn er an seine Heimat denkt … was ist das stärkste Gefühl, das er in sich spürt?

„Aus meiner Sicht hat China die vielfältigen Möglichkeiten seiner Kultur nicht genutzt, um einen positiven Beitrag für die Menschheit zu leisten“, antwortet er. Insofern bleibt ihm nur eine bittere, aber zugleich überraschend melancholische Bilanz: „China tut mir leid.“

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°3/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 26. April 2019 am Kiosk erwerben.

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