EU-Kommissarin im Interview „Furcht raubt nur Kraft“ – Margrethe Vestager plädiert für mehr Europa-Leidenschaft

Die EU-Kommissarin spricht über ihre Liebe zu Europa, die Bedeutung der #MeToo-Debatte und die Frage, was sie jungen Frauen für die Karriere rät.
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Die EU-Kommissarin in ihrem Brüsseler Büro beim Fotoshooting fürs Handelsblatt Magazin in einem Kleid der dänischen Designerin Stine Goya.
Margrethe Vestager

Die EU-Kommissarin in ihrem Brüsseler Büro beim Fotoshooting fürs Handelsblatt Magazin in einem Kleid der dänischen Designerin Stine Goya.

KopenhagenDer Schrecken der größten Konzerne der Welt lacht viel, trägt mit Vorliebe farbenfrohe Kleider und ist gern zu Fuß unterwegs. Die Frau, die zum Beispiel Apple und Google zu Milliardenstrafen verdonnert hat, tauscht ihre Pumps gerade gegen dunkelgrüne Sneakers und läuft einfach los. Sicherheitsbeamte hat Margrethe Vestager an diesem strahlenden Herbstmittag eh nicht dabei. Und der Chauffeur findet auch ohne sie das zwei Kilometer entfernte Schloss Frederiksborg, wo ihr nächster Termin stattfinden soll. Vestager lacht in die Sonne.

Als Hüterin des Wettbewerbs ist die 50-Jährige mit dem markant grau schimmernden Kurzhaarschnitt eine der mächtigsten Politikerinnen Europas geworden. Die Übernahme von O2 durch Hutchison Whampoa hat sie ebenso abgelehnt wie die Fusion der Börsen in Frankfurt und London. Ein Lkw-Kartell verurteilte sie zu rund drei Milliarden Euro Strafe.

Zurzeit lässt sie Kartellvorwürfe gegen alle großen deutschen Autohersteller untersuchen. Und Google verurteilte sie wegen Missbrauchs seiner Marktmacht allein dieses Jahr zu einer Strafe von 4,3 Milliarden Euro, nachdem 2017 bereits ein Bußgeld von 2,4 Milliarden fällig geworden war.

Der bisherige Höhepunkt ihrer Arbeit: EU-Mitgliedsland Irland muss auf Vestagers Geheiß hin 13 Milliarden Euro Steuern von Apple zurückverlangen. Dass sie den Fall überhaupt an sich zog, begründet Vestager damit, dass es da ja auch um unerlaubte Wettbewerbsvorteile gehe – von Apple gegenüber der Konkurrenz, die solche Steuervergünstigungen nicht bekommt; und von Ländern wie Irland, die sich mit dubiosen Arrangements einen Standortvorteil in der EU erschleichen.

Sie könnte es sich einfacher machen. Bequemer. Aber das wäre dann nicht Margrethe Vestager. Trotz all der Arbeit in ihrer rund 900 Mitarbeiter zählenden Generaldirektion besucht sie regelmäßig ihre dänische Heimat und erklärt ihren Landsleuten, was in Brüssel so los ist. Morgens war ihr Publikum in Kopenhagen ein Kreis von Hauptstadt-Journalisten. Gerade eben hörte ihr in Hillerød ein Schulsaal voller Rentner und Angestellter, Studenten, Lehrer und Hausfrauen zu.

Sie kann das, mit viel Fröhlichkeit und einem Augenzwinkern dieses kriselnde Europa verteidigen ... nicht nur gegen das Misstrauen in ihrer dänischen Heimat, sondern eben auch gegen amerikanische Tech-Giganten, wenn es sein muss. Irgendwann stand ein alter Mann auf und lobte Vestager dafür, wie sie es den Konzernen zeige. Da war der Beifall fast noch länger als für ihre eigene, frei gehaltene Rede kurz zuvor.

In der dänischen Innenpolitik hatte sie schon fast jedes Ministeramt inne bis hoch zur Vizeregierungschefin, bevor sie unter der Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt 2014 als EU-Kommissarin nach Brüssel weiterempfohlen wurde.

Vielleicht wurde sie auch dorthin weggelobt, wie man das schon mal in der fiktiven Politserie „Borgen“ bewundern konnte. Vestager gilt als Vorlage für das dänische „House of Cards“. Sie wurde auch schon „Eiskönigin“ genannt. Jedenfalls hat sie dieses Brüssel seither derart zielstrebig für sich eingenommen, dass mittlerweile selbst Emmanuel Macron sie für eine geeignete Nachfolgerin von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hält.

Weil sie mit großer Raffinesse verstanden hat, etwas so Dröges wie Wettbewerbsrecht zu einer scharfen Waffe zu machen, die Europa plötzlich wieder sehr wehrhaft erscheinen lässt. Weil sie viel frischer, nahbarer, lebendiger und, ja, auch fröhlicher wirkt als andere. Und weil diese Frau ein neues, ebenso emphatisches wie kämpferisches Europa verkörpert.

Es ist längst nicht ausgemacht, dass sie den Job bekommt oder überhaupt nächstes Jahr wieder nach Brüssel entsandt wird. Vestager vertritt eine kleine liberale Partei in einem kleinen EU-Land, das sich bislang nicht mal für den Euro begeistern konnte. Der aktuelle dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen hat bereits klargemacht, dass er sie nächstes Jahr nicht mehr in die Kommission entsenden will. Bleibt also nur der von allen Regierungsspitzen abzunickende Präsidenten-Posten.

Alles oder nichts. Es sieht allerdings nichts so aus, als ob Margrethe Vestager das momentan irgendwie zu schaffen macht. Ganz im Gegenteil.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Frau Vestager, was ist Europa für Sie? Und jetzt bitte keine Politikerfloskeln!
Meine Heimat. Europa ist, wo ich herkomme und wo ich hingehöre. Zudem ist es natürlich eine voll ausgebildete Demokratie samt einer funktionierenden Verwaltung, wozu schon auf nationalstaatlicher Ebene alles gehört von der Straßenbeleuchtung über funktionierende Schulen bis zum Steuersystem. Man vergisst das ja gern mal. Auf der Brüsseler Ebene kommen dann noch Fragen wie der Klimawandel oder das Wettbewerbsrecht dazu.

Haben Sie als Schülerin oder Studentin Interrail gemacht? Was sind Ihre ganz eigenen Europa-Erinnerungen?
Mich hat es sehr berührt, als eine unserer drei Töchter im vergangenen Jahr auf Interrail-Tour gegangen ist. Sie wollte Osteuropa kennen lernen und hat, glaube ich, acht Länder besucht. Als ich in ihrem Alter war, konnten wir den Osten ja noch gar nicht bereisen. Aber klar sind wir damals mit dem Zug auch durch halb Europa gefahren.

Margrethe Vestager im Gespräch mit Jean-Claude Juncker. Quelle: Reuters
EU-Politik

Margrethe Vestager im Gespräch mit Jean-Claude Juncker.

(Foto: Reuters)

Wo waren Sie selbst?
Fast überall. Und auch wenn es natürlich toll war, all die Länder zu sehen – das Besondere war das Reisen an sich. All diese dicken Bücher mit Fahrplänen. Und wenn man irgendwo war, hatte man die Wahl: entweder warten, bis der Zug einen dorthin brachte, wo man eigentlich als Nächstes hin wollte. Oder einfach in den nächsten steigen und woanders landen. Man übernachtete in Bahnhöfen, lernte viele Menschen kennen – und auch, ihnen zu vertrauen. Das machte eigentlich den größten Eindruck auf mich: Ich traf all diese Leute ja in völlig anderen Situationen als heute.

Und Ihre Eltern, beide Pastoren, unterstützten Ihren Entdeckerdrang?
Meine Eltern waren sehr großzügig. Als ich anfing zu studieren, hatte ich zwar kein Geld. Aber sie haben mir immer auch mal ihr Auto geliehen. So fuhren wir durch halb Europa... bis nach Italien runter. Heute reisen die Leute ja auch anders. Sie fliegen mal eben nach Bali oder Thailand. Wir bereisten Europa. Das prägt mich bis heute.

Seit vier Jahren sind Sie EU-Kommissarin und erleben dieses Europa sicher eher als Kakofonie aus Aktenzeichen, Ausschüssen und Anhörungen, oder?
Ich stelle allenfalls manchmal die architektonische Bedeutung des Europa-Viertels in Brüssel infrage.

Dieses Brüssel hat doch selbst bei leidenschaftlichen Europäern oft den Ruf, ein bürokratischer Moloch zu sein.
Die Stadt, aber auch das Miteinander der EU-Institutionen hat sich seit den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts doch drastisch verändert. Ich weiß noch, wie ich im Oktober 2011 am Tag des Amtsantritts der neuen Regierung in Dänemark nach Brüssel geflogen bin, um am Treffen der EU-Wirtschafts- und -Finanzminister teilzunehmen. Damals ging es darum, neue Gesetze zur Bankenabwicklung zu beschließen. Und wissen Sie was? Ich mochte diese Treffen sehr.

Was gefiel Ihnen?
Die Menschen. Meistens ist man ja ein bisschen früher da und kann sich noch mit den anderen Ministern unterhalten. Wie geht’s dir? Was macht eure bevorstehende Wahl zu Hause? Wie siehst du dieses oder jenes Problem? Kannst du uns hier ein bisschen helfen, wenn wir dir dort entgegenkommen? Wenn man dann am Konferenztisch sitzt, werden natürlich alle etwas steifer, weil sie dann ihre Positionen vertreten müssen. Dann sitzen die Fassaden. Aber das Davor... das ist doch immer sehr hilfreich. Für alle.

Weil man in Brüssel wirklich versucht, sich gegenseitig zu verstehen?
Ja, und weil man anfängt, Netzwerke zu bilden.

Das heißt, da bekommt dieses Europa Struktur und Gesicht?
Auch. Als ich drei Jahre später in die Kommission kam, spürte ich diese Widerwilligkeit und den Argwohn des Rates...

... in dem die nationalen Regierungen sitzen ...
... gegenüber der Kommission, die nach Ansicht der Regierungsspitzen viel zu viel entscheiden will, was sie selbst zu Hause dann wieder mühsam ihren Wählern erklären oder in ihre nationale Gesetzgebung übersetzen müssen. Aber das sind eben zwei unterschiedliche Kulturen, die beide wichtig sind. Und im Beamtenapparat dieser Kommission arbeiten so viele tolle und kluge Menschen, die sich wirklich aufopfern für das, was sie tun.

Wie kann man diesen Traum eines gemeinsam starken Europas bei dessen 500 Millionen Bürgern frisch befeuern?
Der Punkt ist: Dieses Europa ist gar kein Traum mehr, sondern die Realität. Ich lese ja auch nicht das Handelsblatt und feiere dauernd begeistert Ihre Talente, sondern nutze einfach die Informationen, finde einen Leitartikel mal besser, mal schlechter, weiß aber: Selbst wenn ich nicht mit jedem Text einverstanden bin, ist es doch von großem Nutzen, solche unabhängigen Medien zu haben. So ist es auch mit Europa. Man kann es nur als Grundlage akzeptieren, um dann gemeinsam zu überlegen: Wo wollen wir hin?

Ihr Ururgroßvater war einst bei der Gründung der sozialliberalen Partei Det Radikale Venstre (RV) dabei, die Sie selbst etliche Jahre lang als Vorsitzende geführt haben. Wie erleben Sie all die rechten Parteien und Anti-Europa-Populisten, die derzeit Erfolge feiern, aber auch Separatismusbewegungen wie die der Briten? Was ging da schief in den vergangenen Jahrzehnten?
Das ist natürlich komplex. Aber es hat sicher auch damit zu tun, dass wir uns so gern Sorgen machen. Es gibt nicht nur eine Scheu, Dinge zu kritisieren, die man eigentlich mag. Es gibt auch eine Scheu, Dinge zu loben, die man schon erreicht hat. Leute in meinem Umfeld sind oft sehr beunruhigt und produzieren tiefgründige Studien, was alles nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen. Der Rotwein wird dann immer schwerer, die Depression immer größer.

Müssen wir uns um Ihre Brüsseler Abendgestaltung Sorgen machen?
Fakt ist: Die Dinge stehen nicht so schlecht, wie wir sie mitunter selbst darstellen.

Die Ängste von perspektivlosen Jugendlichen in Spanien oder die Existenzsorgen vieler Griechen können Sie nicht weglächeln. Da helfen auch hundert positive Pressemeldungen nicht.
Das ist genau mein Punkt: Ich kann Probleme nicht weg-erklären. Aber ich kann schon auf die positiven Dinge hinweisen und meine eigene Leidenschaft für dieses Europa zeigen, das jede Anstrengung wert ist. Das größte Problem an Furcht ist, dass sie einem die Kraft raubt.

Einst war sie Chefin der liberalen dänischen Partei et Radikale Venstre. Quelle: picture alliance / Ritzaus Burea
Die Politikerin

Einst war sie Chefin der liberalen dänischen Partei et Radikale Venstre.

(Foto: picture alliance / Ritzaus Burea)

Das hilft dem Arbeitslosen in Ostdeutschland trotzdem wenig, dem heute auch noch Polen oder Tschechen Konkurrenz machen und der weder die Sprachkenntnisse noch die Mobilität mitbringt, einfach anderswo neu durchzustarten.
Ich an seiner Stelle würde zunächst einmal erwarten, dass meine schwierige Lage anerkannt wird. Wir dürfen solche Sorgen nicht einfach abbügeln, sonst kommt überhaupt kein Gespräch mehr zustande. Wir haben auf EU-Ebene vieles dafür getan, die Investitionen anzukurbeln. Aber es liegt natürlich auch in der Verantwortung der nationalen Regierungen, möglichst überall im Land für Wachstum zu sorgen.

Ihr Job ist also, sich dauernd zu erklären?
... und den Menschen dabei klarzumachen: „Vielleicht hilft das, was in der Brüsseler Bürokratie passiert, dir gerade nicht in deiner persönlichen Situation. Aber es sorgt doch dafür, dass du das Wasser, das aus deinem Hahn kommt, wirklich trinken kannst. Dass die Luft, die du atmest, nicht giftig ist. Dass wir seit Jahrzehnten in Frieden leben. Und dann lass uns schauen, wie wir dir direkt helfen können.“

Populisten haben es da einfacher, die Unzufriedenheit zu schüren.
Ich mag diese ganzen Etiketten nicht, die nur dazu führen, dass manche Debatten schnell einseitig werden. Wann ist man denn zum Beispiel ein Populist? Wenn man den Menschen zuhört und etwas gegen wachsende Ungleichheit unternehmen will? Ich will das auch, aber ich möchte deshalb nicht „Populistin“ genannt werden. Ich möchte diese Labels, Klischees und Vorurteile nicht, ich möchte Diskussionen.

Ist es auch ein Klischee, dass Brüssel noch immer von alten, weißen Männern regiert wird?
Vor vier Jahren hatten wir in der Kommission in den Topmanagement-Positionen nur elf Prozent Frauen, heute sind es 36 oder 37 Prozent. Da tut sich doch sehr viel. Und zwar nicht, weil wir dazu Gesetze erlassen haben, sondern weil wir es gemeinsam ändern wollen. Ich bin überzeugt davon, dass es jede Art von Gemeinschaft stärkt, wenn die Führungspositionen divers besetzt sind. Macht verändert sich, wenn nicht nur eine Gruppe oder ein Geschlecht sie ausübt.

Was raten Sie Mädchen oder jungen Frauen im Jahr 2018?
Zuerst einmal, dass sie sich engagieren. Sie sollten sich immer sagen: „Was andere können, kann ich auch.“ Es heißt ja gern mal – und das kann ich aus persönlicher Erfahrung durchaus unterschreiben –, Männer seien nicht sonderlich risikoscheu. Frauen grübeln eher, denken nach, hinterfragen die eigenen Fähigkeiten. Ich sage: „Legt los! Probiert euch aus!“

Mussten Sie sich in Ihrer eigenen Ehe irgendwann mal mit Ihrem Mann zusammen entscheiden, wer Karriere macht?
Nein, weil wir das, was jeder von uns tat, nicht als Karriere angesehen haben. Mein jeweiliger Job fühlte sich im täglichen Leben ja nicht wie der Teil eines Karriereplans an, sondern ist vor allem sehr viel Arbeit.

Es bleibt aber für viele Frauen schwierig, Job und Familie unter einen Hut zu bringen.
Da ist es sicher ein Privileg, in Dänemark zu leben, wo man als Frau doch mit einer Menge staatlicher Unterstützung rechnen darf, die einen Fulltime-Job erst möglich macht. Dazu gehört natürlich auch ein engmaschiges Netzwerk aus Freunden und Verwandten. Und auch die Wochenarbeitszeiten sind in Dänemark relativ kurz, verglichen mit anderen Nationen ...

... was für Ihre Arbeit in der EU-Kommission kaum gelten dürfte.
Meine drei Töchter sind ja nun auch schon älter. Und es ist in Dänemarks Unternehmen doch weit verbreitet, dass man seinen Job eben nicht nur im Büro erledigen kann, sondern etwa auch im Homeoffice. Es herrscht da eine große Flexibilität. Daran müssen wir übrigens auch alle arbeiten, zumal sich auch unsere Art zu leben ja dauernd verändert. Mein Leben ist ein völlig anderes als das meiner Mutter. Und die lebte schon ganz anders als deren Mutter. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass wir unser Leben zu sehr an einer Fiktion ausrichten, statt zu sagen: „So lebe ich, ich strenge mich an, aber wenn es für uns als Familie so nicht funktioniert, müssen wir die Dinge ändern.“

Was hat die #MeToo-Debatte verändert? Auch in Brüssel?
Meiner Ansicht nach ist das eine der wichtigsten Bewegungen, die seit langer, langer Zeit gestartet wurden.

Aus welchem Grund?
Plötzlich wurden Frauen gehört und nicht – wie früher oft der Fall – abgetan mit ihren Anklagen. Nun nimmt man sie wirklich ernst. Das verändert in allen Lebensbereichen die Balance, weil sie sich nun wirklich als gleichberechtigt sehen können. Das wird sich letztlich auch in der Art niederschlagen, wie künftig Macht ausgeübt wird. Diese Macht besitzt man nicht, sie wird einem geliehen. Sie bedeutet Verantwortung. Und es ist jetzt klar geworden, dass einige Menschen mithilfe dieser Macht Dinge tun, die schlicht nicht akzeptabel sind.

Was haben Sie selbst diesbezüglich erlebt in diesem Minenfeld aus Macht und Missbrauch?
Ich habe keine #MeToo-Erlebnisse gehabt, die groß genug gewesen wären, sie zu thematisieren. Andererseits habe ich durchaus die Erfahrung gemacht, dass es manchmal ganz gut ist, eine Frau zu sein.

Inwiefern?
Weil ja oft irgendwo eine gebraucht wurde. Dann muss man auch zur Stelle sein und sich nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen, ob das nun richtig ist. Das haben die Männer über Jahrhunderte ja auch nicht getan. Die meisten von ihnen wurden auch nominiert, weil sie nun mal Mann sind. Wenn die das akzeptieren konnten, kann ich das auch.

Brüssel wird großteils noch von einem Old-Boys-Network regiert. Könnten Frauen das bei den Europawahlen nächstes Jahr ändern – etwa in der EU-Kommission oder im Rat?
Es ist überall Zeit, aber es bedarf auch auf EU-Ebene einer Kraftanstrengung. In der Kommission sind wir aktuell neun Frauen auf den 28 Posten. Das ist nicht schlecht, aber es ist noch nicht ausbalanciert. Das kann sich nur dann weiter verbessern, wenn die Mitgliedstaaten der EU es ganz klar als ihren Wunsch deklarieren.

Und, ist die Zeit reif für eine EU-Kommissionspräsidentin? Wollen Sie Nachfolgerin von Jean-Claude Juncker werden?
Wissen Sie, diese Entscheidung liegt in einer ganz fernen Zukunft.

Die Europa-Wahlen sind im Mai ...
... aber in der Politik ist das wie ein Jahrzehnt. Ein Politiker kann in einem einzigen Monat ein volles Leben durchwandern... mit allen Aufs und Abs. Insofern sollte man da sehr vorsichtig sein mit Prognosen.

Anders gefragt: Sind Sie bereit für den Job?
Ich habe so etwas nie geplant.

Das überrascht uns.
Mir kamen solche Pläne immer wie die Scheuklappen bei Pferden vor, die dann zwar einen klaren Weg vor Augen haben und nicht irritiert werden. Aber ich finde es gut, gestört zu werden. Ich will gestört werden.

Das Büro der EU-Kommissarin in Brüssel. Quelle: Eric Herchaft/Reporters/laif
Arbeitsplatz

Das Büro der EU-Kommissarin in Brüssel.

(Foto: Eric Herchaft/Reporters/laif)

Karriere stößt Ihnen demnach zu?
Das Schöne ist, Wahlmöglichkeiten zu haben. Manche Leute, die ihr Leben genauer planen als ich, drohen dann eher in der Zukunft als in der Gegenwart zu leben, was bedeutet, dass sie ihren Job vielleicht nicht so gut machen, wie sie könnten. Und das wiederum führt dazu, dass es auch mit der Zukunft nicht so richtig vorangeht.

Sie haben zwar mal Ökonomie studiert, aber Ihr ganzes bisheriges Leben besteht aus Staatsdienst und Politik. Jetzt sind Sie für Wettbewerb, also Wirtschaft, verantwortlich. Wie erleben Sie die Topmanager, mit denen Sie es nun zu tun haben?
Sie sind sehr unterschiedlich, auch wenn sie alle die gleichen Outfits tragen, was uns Frauen ja manchmal in Verlegenheit bringt.

Das tut uns jetzt sehr leid. Aber ist das nicht auch ein Vorteil der Frauen?
Ich hatte mal ein neues Kleid und traf prompt mit einer anderen Frau im identischen Outfit zusammen. Sie lachte und meinte nur: „Oh yeah, wir sind wie die Männer. Wir tragen die gleichen Sachen, klasse!“

Sind Ihre Outfits eigentlich Botschaften, wie man das ja auch anderen mächtigen Frauen von Madeleine Albright bis Michelle Obama nachsagte? Oder konkreter: Was wollen Sie mit einem Kleid sagen?
Zunächst einmal, dass ich eine Frau bin, kein verkleideter Mann. Erfolgreiche Frauen haben sich früher oft wie Männer angezogen. Aber der Vorteil von mehr Vielfalt in Führungspositionen ist eben genau das: mehr Vielfalt! Außerdem finde ich Farben und Muster viel zugänglicher, Schwarz und Grau hingegen schaffen Distanz.

Und Sie wollen keine Distanz zu anderen Menschen schaffen?
Nein, im Gegenteil. Wenn ich Macht im Namen der Menschen ausübe, sollten sie auch etwas über mich erfahren können. Über mich als Person, meine ich, nicht über mein Privatleben.

Welche Modemacher mögen Sie besonders?
Ich mag einige dänische Marken. Stine Goya zum Beispiel oder Ganni. Ich habe Kleider von der Stange, andere habe ich extra von einem Schneider anfertigen lassen für die Bälle am Königshof, wo alle besonders festlich gekleidet sind. Wenn ich dazu komme, nähe ich mir auch mal selbst ein Kleid.

Sie tragen meist Farbenfrohes. Was verrät das Outfit über die Geschlechter?
Bei den Herren ist das doch sehr viel uniformer. Aber wenn ich hinter die Anzüge schaue, ist tatsächlich jeder anders.

Womit hängt das zusammen?
Mit der Firmenkultur. Auch mit dem erlernten Beruf. Einen Ingenieur erkennt man immer. Und der Chef eines Unternehmens mit einer sehr auf aggressiven Wettbewerb ausgerichteten Firmenkultur verhält sich entsprechend.

Apple haben Sie dazu verdonnert, an Irland 13 Milliarden Euro Steuern nachzuzahlen. Stimmt es, dass Apple-Chef Tim Cook in Ihrem Brüsseler Büro die Contenance verlor?
Solche Unterredungen sollten privat bleiben. Dafür kommen Vorstandschefs ja hierher. Das soll auch so bleiben.

„Time“ nannte Sie „Googles schlimmsten Albtraum“, nachdem Sie dem Konzern etliche Milliarden Euro Bußgeld wegen Missbrauch seiner Marktmacht aufgebrummt hatten. Haben Sie nicht selbst manchmal den Eindruck, dass wir von Konzernen wie Google, Amazon, Facebook oder Apple regiert werden?
Nein, das denke ich nicht. Wir reden ja viel über Schlüsselmomente in der Entwicklung von Technologien oder Märkten. Wahrscheinlich sind wir in der Demokratie jetzt auch an einem solchen Punkt, wo wir als Gesellschaft den Unternehmen die Richtung weisen müssen. Dazu gehört, dass wir unsere neuen digitalen Bürgerrechte formulieren und als Konsumenten klarmachen, dass unsere Daten auch uns gehören.

Es gibt Leute, die das juristische Klein-Klein des Datenschutzes belastend finden für die temporeiche digitale Ökonomie ...
... aber wann, wenn nicht jetzt, sollen wir „Stopp!“ rufen und für unsere Bürgerrechte kämpfen? In fünf Jahren schon könnte es wirklich schwer werden, wenn nicht gar unmöglich sein. Quantencomputer, Big Data, 5G, Blockchain – es geht ja gerade erst richtig los. Und es ist Zeit, dass wir uns Regeln geben. So wie wir das immer tun, seit wir die Demokratie erfunden haben.

Haben die Tech-Konzerne schon ihre Lektion gelernt, dass eben nicht alles möglich ist?
Es darf nie ausschließlich um härtere Gesetze gehen. Wir müssen dem Markt und der Gesellschaft auch Gelegenheit geben, selbst Antworten zu finden. Jeder von uns ist klein. Aber weil wir viele sind, können wir immer auch gemeinsam Veränderung herbeiführen.

Sind die amerikanischen Konzerne nicht dennoch schon viel zu omnipräsent und mächtig?
Diese Unternehmen sind nur dann groß, wenn wir ihnen unsere Aufmerksamkeit und damit unsere Daten schenken. Was wir dabei gern unterschätzen: die Netzwerke, die auch kleinere Firmen bilden können. In Europa sind diese Netzwerke sehr vielfältig. Von denen hängen die Riesen an vielen Stellen dann doch wieder ab. Sie verdanken ihre Flexibilität eben auch den Kleinen, die wiederum von den Großen profitieren können.

Die Kleinen haben vielleicht die Ideen, aber die Großen machen ein Geschäft daraus.
Das ist eine Herausforderung. Aber der müssen wir uns stellen. Wer ein Start-up gründet, ging früher zur Bank und verschuldete sich. Heute kann er oder sie auch Teile seiner Firma verkaufen und bekommt nicht nur Kapital, sondern möglicherweise zudem Know-how. Wenn eine junge Firma wachsen soll, braucht sie beides: Geld und frische Ideen. Und über einen großen Partner auch mal die Möglichkeit eines Marktzugangs.

Das wird in Europa noch unterschätzt?
Aber das ist der Kulturwandel, den wir dringend nötig haben. Deshalb hat sich zum Beispiel die US-Wirtschaft nach der Finanzkrise viel schneller erholt, weil sie gar nicht so abhängig ist von ihrer Finanzindustrie.

Kanzlerin Angela Merkel und andere sagen aber auch, dass Europa selbst große Konzerne braucht, um mit den Chinesen und Amerikanern mithalten zu können. Ihre Wettbewerbsbehörde sehe das Feld viel zu eng.
Die Debatte darüber, wie globale Wirtschaftsdynamik wirklich funktioniert, halte ich jedenfalls für sehr wichtig. Und der stellen wir uns auch. Einige der größten europäischen Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren ja durch Fusionen, die wir genehmigt haben, selbst erschaffen – etwa der Zementkonzern Holcim-Lafarge. Oder der weltgrößte Brauereikonzern, InBev. Das sind Beispiele dafür, wie globale Riesen entstehen, die trotzdem auf ihrem europäischen Heimatmarkt noch Konkurrenz erleben. Die Fusionen fanden also nicht auf dem Rücken der Konsumenten statt.

Die EU-Kommissarin im Gespräch mit Till Hoppe (l.) und Thomas Tuma.
Offen, nahbar und unprätentiös

Die EU-Kommissarin im Gespräch mit Till Hoppe (l.) und Thomas Tuma.

Wann spüren Sie als Politikerin Macht?
Wenn ich mit anderen Leuten zusammen bin. Es ist meine Art zu leben und zu arbeiten.

Facebook nutzen Sie selbst gar nicht mehr, oder?
Na ja, es gibt noch eine Fan-Page.

Kleben Sie auch das Kameraauge auf Ihren Computern ab.
Ja, mache ich tatsächlich.

Warum?
Man weiß ja nie.

Immerhin nutzen Sie Twitter – auch weil das nur 280 Zeichen Hass bedeute, haben Sie mal gesagt. Wie rau ist der öffentliche Diskurs geworden?
Der interessante Unterschied: Wenn man sich früher über jemanden richtig geärgert hatte und ihm schreiben wollte, musste man erst Papier holen, sich an die Schreibmaschine setzen, seine Gedanken ordnen, später noch Briefumschlag und -marke samt genauer Adresse suchen und zur Post gehen. Zeit genug, sich zu denken: „Okay, er ist ein Idiot, aber eigentlich ist es schon die Briefmarke nicht wert“ – speziell bei mir in Dänemark, wo Post ziemlich teuer ist.

Das Internet macht auch das Empörungs-Business schneller?
Und dann eben auch härter, weil man seinem Ärger direkt Luft machen kann mit einem Post bei Facebook oder anderswo. Politiker erleben da heute jede Menge Hass von sehr vielen Menschen da draußen, die offenbar sehr verärgert sind. Eine Kollegin, die auch viel mit Flüchtlingsprojekten zu tun hat, sagte mir mal, wie überrascht die Hass-Mailer dann seien, wenn man ihnen wirklich antwortet. Überrascht, dass sich mal jemand mit ihnen auseinandersetzt.

Und auf einmal sind das dann alles nette Leute?
Die jedenfalls nur sehr frustriert sind. Das Dumme daran ist: Je frustrierter jemand ist, umso lauter wird er. Und je lauter jemand wird, umso weniger wollen wir ihm zuhören.

Sind Sie eigentlich religiös?
In gewissem Maße schon. Wenn ich mir ein Motto geben müsste, dann sicher: „Vertraue auf Gott und fürchte die Kirche!“ Zumindest für mich ist es wichtig, einen Gott zu haben. Eine andere Sache ist es, Religion zu organisieren. Da läuft einiges gut, vieles aber auch nicht.

Neben Gott – was ist im Leben wirklich wichtig?
Familie.

Politik?
Kommt sehr viel später.

Wie bleiben Sie als Spitzenpolitikerin in Tuchfühlung mit der Realität?
Oh, ich führe wirklich ein völlig normales Leben. Ich gehe einkaufen, setze mich aufs Fahrrad und habe die gleichen Probleme mit meinen Kindern wie alle anderen auch.

Inwieweit haben Sie sich in Birgitte Nyborg wiedererkannt, der fiktionalen dänischen Regierungschefin in der Polit-Serie „Borgen“, für die Sie das Vorbild gewesen sind?
Oh, sehr! Nicht nur, weil mein Mann wie der in der Serie Mathematiklehrer ist. Aber Achtung, liebe Leserinnen und Leser des Handelsblatt Magazins, jetzt kommt der Spoiler-Alarm, falls Sie die Serie noch nicht gesehen haben: Der Unterschied zu „Borgen“ ist, dass ich immer noch glücklich verheiratet bin.

Sie haben den Machern der Serie jedenfalls vor den Dreharbeiten für etliche erklärende Hintergrundgespräche zur Verfügung gestanden.
Man weiß ja am Ende nie, wo man wirklich Inspiration für die Drehbuchschreiber war. Das ist auch ganz gut so. Aber „Borgen“ war dann schon ein sehr schönes Porträt der dänischen Politik. Wenn Sie „House of Cards“ gesehen haben, sollten Sie „Borgen“ jedenfalls nicht verpassen.

Zumindest früher galten Sie selbst manchen Kritikern als „Eiskönigin“. Unfair?
Ich glaube, das hängt mit meinen Positionen zusammen. Wenn man als Ministerin und Vizeregierungschefin Macht ausübt und Entscheidungen trifft, die manchen nicht gefallen, bekommt man solche Titel. Es ist wichtig, derlei nicht zu sehr an sich ranzulassen. Man braucht auch ein Zimmer für sich allein, wie Virginia Woolf sagen würde.

Wirklich wahr, dass Sie bislang noch nie Angela Merkel getroffen haben?
Ja, das stimmt.

Wie kommt das denn?
Haha... ich bin einfach nicht auf ihrem Level...

... was wir bezweifeln würden. Aber vielen Dank für das Interview, Frau Vestager.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°8/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 7. Dezember 2018 am Kiosk erwerben.

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