Nobert Bisky

Der Künstler in seinem Atelier in Berlin.

(Foto: Urban Zintel für Handelsblatt Magazin / VG Bild-Kunst 2019)

Handelsblatt Magazin Künstler Norbert Bisky: „Noch ist der Kalte Krieg nicht zu Ende“

Der Maler spricht im Interview über deutsch-deutsche Missverständnisse, den Untergang seiner DDR-Heimat und die Frage, wann er sich für seine Landsleute schämt.
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Sein lichtes Atelier liegt versteckt in einem Innenhof, mitten in Berlin-Friedrichshain. Dort, wo es noch besetzte Häuser gibt und Polizeihubschrauber kreisen, wenn Demos oder Randale angesagt sind. Der renommierte Maler Norbert Bisky, 48, braucht diesen Kontakt zur Wirklichkeit.

Dem Protest gegen das Establishment gibt er in seinen Bildern viel Raum, weil die Unzufriedenen für ihn typisch sind für eine Gegenwart, in der das einzig noch Berechenbare die Unberechenbarkeit zu sein scheint. Instabilität und Zusammenbruch kennt er aus eigener Erfahrung: Dem einstigen DDR-Zögling kam vor 30 Jahren mit dem Fall der Mauer sein ganzer Staat abhanden. Insofern wundert es kaum, dass seine Figuren immer wieder jeden Halt zu verlieren scheinen.

Gespeist aus Anleihen im Sozialistischen Realismus und bei Francisco de Goya, verblüffend genau erfasst in schwindelerregenden Posen – so begründeten seine wirklichkeitsnahen Figuren Norbert Biskys weltweiten Ruhm. Kaum ein anderer Maler des Neuen Realismus ist international so präsent wie er. Der Deutsche gilt als einer der wichtigsten Maler der postmodernen Figuration.

Als Spross SED-treuer Eltern (Papa Lothar war begeisterter Kommunist und später Linken-Chef, Mama war IM) und schwuler Linker, dem auch schon vorgeworfen wurde, sich für seine Männerbildnisse bei Leni Riefenstahls Nazi-Ästhetik zu bedienen, steckt Bisky voller Brüche und Widersprüche. Der einzige Ort, an dem er sich wohlfühlt, ist „zwischen allen Stühlen“.

Herr Bisky, Ihre kraftvollen Bilderwelten werden überwiegend von jungen Männern bevölkert. Einfach weil Sie selbst Männer lieben oder weil Ihnen Ihre „Jugendjahre in der DDR geklaut“ wurden, wie Sie mal sagten?
Beides stimmt. Mehrheitlich finden sich da tatsächlich Männer. Weil ich sie liebe, gut einschätzen und eine direkte Beziehung zu ihnen herstellen kann. Ich kann sagen: Diese gemalten Figuren bin auch ich. Da muss ich weder schwadronieren noch lügen. Ein Bild soll ja möglichst persönlich sein, nah an mir dran.

Und was genau hat Ihnen die DDR genommen? Unschuld?
Ich habe das Gefühl, dass mir meine Teenagerjahre geklaut wurden durch den sozialistischen Unsinn, von dem ich damals umgeben war. Gestohlen wurde mir meine persönliche Freiheit.

In diesem „Unsinn“ sind Sie zumindest sehr privilegiert aufgewachsen. Ihre Eltern waren linientreue SED-Mitglieder. Ihr Vater Lothar war Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen, später Vorsitzender der Linken. Ihre Mutter hat als IM die Stasi unterstützt.
Meine Jugend in der DDR sah so aus, dass ich immer und zu allem eine klare und linientreue Meinung abgeben sollte: zum Nato-Doppelbeschluss, zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, zum US-Imperialismus. Ich wäre lieber mit meinen Freunden Fußball spielen gegangen. Als Teenager habe ich zum Beispiel auch gerne geboxt. Als Linkshänder war ich ziemlich gut. Aber um weiterzukommen, hätte ich fünfmal die Woche zum Training und in die DDR-Leistungsschiene gemusst.

Immerhin absolvierten Sie dann ein echtes Elite-Gymnasium.
Es war eine entsetzliche Kaderschmiede in Lichtenberg – und eine beklemmende Zeit. Ich wünsche mir manchmal, das anders erlebt zu haben, als in Versammlungen sitzen und sagen zu müssen: „Es gibt keinen atomaren Unfall, das ist westliche Propaganda.“ Dort habe ich den Zusammenbruch des Landes in Raten erlebt und den unglaublichen Druck auf alle Beteiligten.

Haben Sie sich mit Ihren Eltern über diese Verbiegungen später aussprechen können wie viele junge Menschen im Westen einst mit ihren Nazi-Eltern?
Ja, die ganze Zeit.

Was kam bei diesen Gesprächen heraus?
Meine beiden Eltern sind tot. Sie sind Kinder ihrer Zeit gewesen und hatten sich in dem Wahnsinn deutscher Geschichte zurechtzufinden. Es waren Kriegskinder, meine Mutter hatte Erfrierungen an den Füßen. Und es waren Flüchtlingskinder, angstbesetzt von ihrer am Hunger entlangschrammenden Kindheit. Sie haben dann versucht, sich auf dieses Irrsinnsexperiment DDR zu 100 Prozent einzulassen. Natürlich hatten sie eine andere Sicht auf die Welt als ich, der in vergleichbaren Wohlstand hineingeboren wurde und viele Dinge unbedarft oder kritisch gesehen hat. Wir hatten zueinander ein gutes Verhältnis und konnten uns darüber unterhalten, auch wenn wir vieles anders gesehen haben.

„Am anstrengendsten ist es, wenn Dinge nicht so funktionieren, wie ich es möchte“, sagt Norbert Bisky. Quelle: Urban Zintel für Handelsblatt Magazin / VG Bild-Kunst 2019
Konzentration

„Am anstrengendsten ist es, wenn Dinge nicht so funktionieren, wie ich es möchte“, sagt Norbert Bisky.

(Foto: Urban Zintel für Handelsblatt Magazin / VG Bild-Kunst 2019)

Die Maueröffnung jährt sich im Herbst zum 30. Mal. 1989 waren Sie 18. Was überwog damals in Ihnen: Verlustängste oder Befreiungseuphorie?
Daran kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht so recht erinnern. Für mich waren die Jahre nach dem Mauerfall prägend. Weil sie Aufbruch und eine Explosion von Möglichkeiten bedeutet haben. Natürlich auch Zusammenbruch, Verunsicherung, Instabilität, aber eben auch wahnsinnig viele neue Möglichkeiten.

Was hat Sie selbst in den neunziger Jahren geprägt?
Der Zusammenbruch eines Landes ist eine derart absurde Situation, dass ich mir gesagt habe: „Ich werde jetzt Künstler.“ Die Implosion der Ordnung wirkte als Kick. Dinge, die mich bis eben noch gequält haben, Leute, die ich privat gar nicht mochte und die mir reinreden wollten in mein Leben, waren entmachtet worden. So reiste ich damals unter anderem das erste Mal nach Amsterdam und erlebte, wie eine freie Stadt funktioniert. Das Ende der DDR war biografisch für mich ein Riesenglücksfall. Die Instabilität spielt ja nach wie vor in meinen Bildern eine Rolle.

Ich bin immer sehr skeptisch, wenn jemand meint, ganz genau zu wissen, wie es geht. Gut sortierten Weltsichten in verschiedenen Schubfächern misstraue ich. Der Gedanke, dass die Dinge auch ganz anders sein könnten, ist mir ein durchaus lieb gewordener Begleiter geworden.

Wie fremd sind sich Ost- und Westdeutschland noch? Und woran liegt das?
Ich kann da nur aus meinem Leben berichten. Vieles, was jetzt als „der Osten“ wahrgenommen wird, ist eine Rumpfgesellschaft, weil es eine riesige Auswanderungsbewegung von jungen Leuten nach München oder Kassel, Hamburg oder Los Angeles gegeben hat. Die sitzen nicht mehr in Sachsen-Anhalt. Bei einem Klassentreffen meiner alten Schule war ich der Einzige, der noch in Berlin lebt.

In welchem Zustand ist die Republik heute? Wie weit ist die Einheit gediehen?
Es gibt eine Menge grundlegender Missverständnisse. Zum Beispiel zu glauben, den Ostdeutschen immer ganz viel erklären zu müssen. Ein Gespräch sollte auf Augenhöhe stattfinden. Die Gleichschaltungswelt der DDR kann nicht verstehen, wer sie nicht erlebt hat. Das Unbehagen entsteht, weil ganz viele Dinge aussahen wie bei den Nazis. Erst haben die Nazis die bürgerliche Gesellschaft zerschlagen, dann an deren Stelle und mit anderem Vorzeichen die Kommunisten. Beide haben gesagt: „Wir nehmen euch an die Hand, ihr müsst nicht selber denken, das machen wir für euch.“ Noch ist der Kalte Krieg nicht zu Ende, wie wir jetzt sehen.

Meine Jugend in der DDR sah so aus, dass ich immer und zu allem eine klare und linientreue Meinung abgeben sollte. Norbert Bisky

Wie viel Diktatur steckt womöglich noch in Ihnen?
Ich hoffe, es ist keine Diktatur, aber die Diktaturerfahrung steckt mir schon in den Knochen. Die werde ich auch nicht los. Ich selbst war zu jung, um jemandem was Böses zu tun. Diana Vreeland, einst Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, hat gesagt: „Jede Periode wirft sehr lange Schatten.“ Das ist gut formuliert.

Ich arbeite da meine Kindheit und Jugend in der DDR ab. Stabilität ist ja nichts Selbstverständliches. Die Bundesrepublik ist eine ungewöhnlich stabile „Insel“. Ich reise jetzt viel in der Welt herum. Der Normalzustand ist, dass die Dinge instabil sind. Was die Ostdeutschen erfahren haben, haben Millionen Menschen auf der Welt auch erleben müssen. Dass etwas zusammenbricht, dass etwas Neues beginnt, dass die Gesellschaft entwertet wird, die Systeme nicht mehr funktionieren.

Müssten die, die diese Systemänderung nicht erlebt haben, beweglicher werden?
Ach, nein, es ist ja toll, dass es diesen Gleichfluss gibt. Ich hatte mal ein Stipendium im Münsterland. Es war herrlich dort! Da sage ich nicht: „Hey, ihr müsst mal dramatische Zusammenbrüche erleben.“ Aber es ist ein anderes Denken, wenn man solche Dinge durchgemacht hat wie ich. Es verändert die eigene Wahrnehmung, wenn man auch mal in Panik war.

Wenn andere Künstler aus der ehemaligen DDR wie Uwe Tellkamp oder Neo Rauch sich heutzutage kritisch zur Flüchtlingspolitik der ‧Kanzlerin äußern, muss man bisweilen fürchten, dass ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt werden. Was macht Ihnen mehr Sorgen: der Rechtsruck in der Gesellschaft oder die Empörungsindustrie im Land?
Ich mache mir gar keine Sorgen. Aber ich positioniere mich klar gegen den Rechtsruck. Da sind gefährliche Leute dabei, die sich jetzt wieder laut trauen. Sie versuchen, die stabile Struktur in Deutschland durcheinanderzubringen. Sie versuchen zu verhindern, dass Leute wie ich an einer Hochschule unterrichten, was ich bis letztes Jahr gemacht habe. Nur weil ich nicht in ihr Mainstream-Familienbild passe. Ansonsten schäme ich mich dafür, dass so viele Ostdeutsche Fremden mit einer menschenverachtenden Haltung entgegentreten.

Gibt es eigentlich immer noch Betrachter, die Ihren eigenen Gemälden faschistoide Züge unterstellen?
Die gibt es nicht mehr, nein. Das Thema bleibt interessant. Wie man jetzt an den politischen Veränderungen sieht, ist die fürchterliche Gleichschaltung, die im ganzen Ostblock eine Rolle gespielt hat, ästhetisch verwandt zur Gleichschaltung in faschistischen Diktaturen. Dazu habe ich alles gesagt.

Wie viele Shitstorms haben Sie selbst schon erlebt? Oder sind Sie als schwuler Linker aus ostdeutschem SED-Elternhaus, der gern mal blonde Jünglinge in Riefenstahl-Posen malt, für Kritiker einfach zu schwer einzuordnen?
Den größten Shitstorm habe ich abbekommen, nachdem ich aus Israel zurückkam. Ich hatte mich positiv über meine Zeit in Tel Aviv geäußert – und wurde dafür unglaublich attackiert. Kommt aber inzwischen seltener vor. Ich sitze zwischen allen Stühlen, fühle mich da ganz wohl und will auch gar nicht so eindimensional im Denken und Handeln sein. Das macht es für manche Leute komplizierter, mich zu verorten.

Sie sind oft in Israel und Brasilien. Politische Zeitumstände reißen Sie dann kurz an in Ihren Bildern. Tanzen wir auf dem Vulkan und merken es nicht?
Apokalyptische Darstellungen der alten Meister liebe ich, auch Weltuntergangsfilme. Ich finde solche Darstellungen vom Bild her interessant, finde aber nicht, dass wir auf einem Vulkan tanzen. Vielleicht sind die Bedingungen einfach weniger stabil, als wir bisher gedacht haben. Ich persönlich habe eigentlich keine Lust, Politik in meine Bilder hineinzunehmen, sie drängt sich nur immer wieder auf. Am liebsten würde ich in meinen Bildern nur meinen privaten Kram abhandeln.
Alles Private ist auch politisch, wie man an Ihren aktuellen Arbeiten sehen kann.

Momentan arbeite ich an einem großen Bild von 50 Quadratmetern. Da greife ich Themen auf, die mich in den letzten zwei Jahren beschäftigt haben. Figuren, die stürzen, fallen, fliegen. Sie haben keinen festen Boden unter den Füßen. Visuelle Instabilität in leuchtenden Farben. Parallel dazu entsteht eine Gruppe von Bildern, die sich mit Rebellion und Aufstand beschäftigt, mit Steineschmeißern, Molotowcocktail-Werfern. Die Unzufriedenen und Unruhestifter stehen – glaube ich – für unsere Zeit.

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Werk zurückschauen – empfinden Sie das eher als eine Art von Flow, oder gab es echte Brüche?
Es gibt ein paar Brüche. Aber ich komme immer wieder zurück zu Themen, die mich beschäftigen. Die verändern sich nicht. Der deutlichste Bruch war bislang wohl der Tod meines jüngeren Bruders im Jahr 2008. Und in zeitlicher Nähe dazu der terroristische Anschlag in Mumbai auf das Hotel Taj Mahal, bei dem fast 200 Menschen starben. Den hatte ich in unmittelbarer Nähe miterlebt.

Woran sieht der Betrachter, dass diese Ereignisse Sie aus der Bahn geworfen haben?

In der Ausstellung „Befall“ war zum Beispiel kein einziger Mensch zu sehen. Ich habe dann sehr dunkle und gewalttätige Bilder gemalt. Ausstellungen habe ich auch ohne bemalte Leinwände gemacht, nur mit Installationen.

Norbert Bisky: „Man sieht die Energie, die die Person hatte, als sie die Farbe auftrug. Jedes Kind kann sehen, in welcher Verfassung der Maler war.“ Quelle: Urban Zintel für Handelsblatt Magazin / VG Bild-Kunst 2019
Farben

Norbert Bisky: „Man sieht die Energie, die die Person hatte, als sie die Farbe auftrug. Jedes Kind kann sehen, in welcher Verfassung der Maler war.“

(Foto: Urban Zintel für Handelsblatt Magazin / VG Bild-Kunst 2019)

Wie arbeiten Sie eigentlich? Streng nach einem Zeitplan?
Nicht wie Thomas Mann. Wenn ich in Berlin bin, arbeite ich täglich im Atelier, sieben Tage die Woche, bis zu 17 Stunden. An einem doofen Tag gehe ich aber auch nach zwei Stunden. Malerei hat etwas sehr Manuelles. Man sieht die Energie, die die Person hatte, als sie die Farbe auftrug. Jedes Kind kann sehen, in welcher Verfassung der Maler war.

Angeblich sprechen Sie manchmal mit den Leinwänden. Was sagen Sie zu unvollendeten Bildern?
Ich verbringe ja viel Zeit mit den Bildern. Wenn es mal nicht so klappt, sage ich auch: „Geh in die Ecke und schäm dich!“ Oder: „Jetzt wird’s gut.“ Wenn ich zum Teil über Jahre an einer Komposition arbeite und es trotz all der Zeit nicht so läuft wie erwartet, dann bekomme ich schon mal einen Wutanfall.

Eigens für den Berliner Techno-Bunker Berghain haben Sie eine Reihe von Bildern geschaffen. Was braucht ein Gebäude, damit Sie sich mit ihm ganz direkt auseinandersetzen?
Das ist eine wilde Frage, weil ich mich ungern auf so etwas Auftragsähnliches einlasse. Das Berghain ist aber ein so einzigartiger Ort, dass ich gesagt habe: „Ich schaue mal, ob ich einen Vorschlag machen kann.“

Was bedeutet Ihnen das Berghain?
Es ist ein Ort, der für unsere Zeit steht, der sehr viel mit meinem Leben zu tun hat. Ein Ort, der die Aufbruchstimmung in der Stadt Berlin symbolisiert, wo runtergeranzte, ehemals sozialistische Industriehallen leer geräumt werden und junge Leute dort Party machen. Es ist toll, für einen derart aufgeladenen Ort etwas zu machen. Meine über eine 30-Meter-Wand in viele Leinwände zerlegte Arbeit „Vertigo“ sehen dort ganz nebenbei viele Leute. Menschen, die nie in eine Galerie oder ein Museum gehen würden. Es gibt nicht mal ein Namensschildchen.

Ich sitze zwischen allen Stühlen, fühle mich da ganz wohl und will auch gar nicht so eindimensional im Denken und Handeln sein. Norbert Bisky

Bedeutet der Rave von Tausenden nicht Stress für die Bilder?
Wir haben eine äußerst robuste Leinwand gesucht und gefunden. Die hält das feuchtwarme Klima dort gut aus.

Die großen Museen boomen, die Preise für Kunst haben teils astronomische Höhen erreicht. Sind das gute Zeichen für die Kunst?
Erstens finde ich es toll, dass sehr viele Leute Bilder, Skulpturen oder Performances machen. Dann machen sie schon mal nix Böses. Es gibt so viele Leute, die schlechte Dinge tun. Zweitens hat es noch nie so viele Leute gegeben, die sich für die Künstler interessieren. Und auch das ist erst mal gut.

Was wäre schlechter Zeitvertreib?
Mit Waffen handeln, Frauen und Schwächere misshandeln, die Umwelt zerstören. Es gibt so viele Dinge, die die Welt wirklich nicht zu einem besseren Ort machen.

Wie erleben Sie den Kunstmarkt? Was hat sich da verändert, seit Sie vor rund 20 Jahren angefangen haben?
Der sogenannte Kunstmarkt wird immer wie ein Mysterium beschrieben. Aus meiner Sicht sind das aber konkret handelnde Personen. Manche kenne ich, andere nicht. Einige sind offen, andere spekulieren rum. Aber Gott sei Dank funktioniert das nicht so richtig. Ich habe den Luxus, dass ich auch privat gerne mit meinen Galeristen was trinken gehe.

Bei Ihrem Galeristen Johann König sind Sie in der ersten Liga der Branche angekommen. Was für eine Beziehung haben Sie zu ihm?
Die beste, die ich bisher erlebt habe. Johann vertritt aus meiner Perspektive einen neuen Spirit im Umgang mit Künstlern, sehr partnerschaftlich, transparent und auf Augenhöhe. Er hat keine Angst vor einer eigenen Haltung, vor großen Vorhaben und schon gar nicht vor der Zukunft. Die Welt verändert sich, die Künstler – und die Kunst – verändern sich auch. Da kommen Sie mit einmal gefassten Meinungen nicht weiter.

Exklusive Kunstedition für Handelsblatt-Leser
Norbert Bisky
„Aufsteiger“, 2019
Ditone-Print, 47,2 x 37,1 cm
Rahmen: weiß gebeizter Ahorn.
Vom Künstler betitelt, signiert, datiert und nummeriert.
Auflage: 30 + 15 AP.
Preis: 2 500 €*

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Und die Sammler?
Erlebe ich als sehr wache, intelligente Leute. In meinem Fall sind unter anderem eine Filmprofessorin und ein Physiker dabei, ein Medizinforscher und Unternehmer, die versuchen, mit Geld sinnvoll umzugehen. Auch jemand, der Kunst kauft, tut nichts Schlechtes.

Kürzlich zahlte ein Sammler 90 Millionen Dollar für ein Poolbild von David Hockney. Sind solche Summen für Sie noch nachvollziehbar?
Wenn für Hockney so unfassbare Summen gezahlt werden oder für Gerhard Richters Bilder, dann haben diese Werke für viele Leute einen großen kulturellen Wert. Sie wurden ja vor 40 oder mehr Jahren gemalt, ihre Aussage, ihre Kraft hat nichts mit Geld zu tun. Geld ist nur ein Symbol dafür, dass diese Kunst Bestandteil unserer Kultur geworden ist. Ich finde es toll, wenn einzelne Kunstwerke so einen Status erreichen.

Was bedeutet Ihnen selbst Geld?
Nicht viel. Als ich zwischen 20 und 30 Jahre alt war, hatte ich wenig. Mit 30 habe ich noch gekellnert. Erst seit 2001 verdiene ich Geld mit dem, was ich mache. Ich habe Ateliers in Berlin und Andalusien. Geld gibt mir eine Menge Flexibilität und Freiheit.Aber sonst …?

Sie könnten Assistenten anstellen.
Alle in meinem Umfeld verzweifeln darüber, dass ich jeden Pinselstrich selber mache. Dadurch ist meine Malerei langsam. Ich könnte ja eine Industrie aufbauen, eine Produktion ankurbeln – aber das interessiert mich alles nicht. Ich mag meine Ruhe. Ich will keine Industrie, sondern eine persönliche Beziehung zu meinen Bildern haben. Und das hat indirekt auch mit Geld zu tun.

Was kann Geld?
Geld ist ein Kommunikationsmittel. Manchmal bringt es Klarheit in eine Beziehung zwischen Leuten. Ich habe das große Glück, mehr Geld zur Verfügung zu haben, als ich brauche. Das ist ein wahnsinniger Luxus. Aber ich lebe auch entsprechend einfach. Ich brauche keinen Ferrari. Ich habe den Luxus, darüber nachdenken zu können, wie ich leben möchte. Jede Entscheidung, die ich im Leben treffe, hat eine Rückkopplung auf die Bilder.

Geld ist nur ein Symbol dafür, dass Kunst Bestandteil unserer Kultur geworden ist. Norbert Bisky

Wann ist ein Tag ein guter Tag für Sie?
Immer dann, wenn ich bei einem Bild das Gefühl habe: Jetzt wird es. Dann bin ich erschöpft, fühle mich aber auch lebendig. Diese Bilder zu malen macht wahnsinnig Spaß.

Was machen Sie nach 17 Stunden Arbeit im Atelier?
Dann gehe ich nach Hause, trinke ein Bier und gehe schlafen. Ich feiere auch manchmal, aber das sind dann andere Zeiten, in denen nicht gemalt wird.

Wann ist es besonders anstrengend, Norbert Bisky zu sein? Bei Interviews wie diesem hier womöglich?
Am anstrengendsten ist es, wenn Dinge nicht so funktionieren, wie ich es möchte. Es ist ein Beruf, der einen ein bisschen versaut. Ich habe ja so viel Kontrolle über die Bildwelten. Öffentliche Auftritte sind bisweilen auch anstrengend. Zum Beispiel wenn mir Fragen zur Weltlage gestellt werden, als hätte ich Antworten darauf. Ich bin nicht schlauer als mein Publikum. Mir geht auch Kunst auf die Nerven, die vorgibt, schlauer zu sein als ihre Betrachter.

Wie entstehen eigentlich die rätselhaften Titel Ihrer Werke?
Ich habe dafür eine lange Sammlung. Wenn ich über ein cooles Wort stolpere, notiere ich es. Manchmal suche ich lange nach einem passenden Titel und verändere auch bereits bestehende. Auf der Rückseite stehen öfter mal drei durchgestrichene Titel – und der aktuelle.

Herr Bisky, vielen Dank für das Interview.

Der Künstler wirft nichts weg. Auch vermeintlich Missratenes kann Ausgangspunkt werden für neue Kunst, erlebte Susanne Schreiber bei Norbert Bisky. Aus verworfenen Leinwänden schneidet der 48-Jährige gern noch Teile aus und setzt sie als Collagen neu zusammen.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°4/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 24. Mai 2019 am Kiosk erwerben.

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