Kolumne von Richard David Precht Kevin Kühnert wechselt die Fronten

Der Juso-Chef ist kein „verirrter Fantast“. Hinter seinen BMW-Äußerungen steckt ein Kalkül, dass den Finger direkt in die Wunden der Zeit legt.
1 Kommentar
Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Wenn man nur wüsste, mit was genau BMW Kevin Kühnert geködert hat! Denn irgendetwas Bombastisches muss es schon gewesen sein, damit der Juso-Vorsitzende der Öffentlichkeit erklärt, wie sinnvoll es wäre, den Konzern zu verstaatlichen oder irgendwie anders in Gemeineigentum zu überführen.

Wie unbedarft muss man eigentlich sein, um den jungen Mann als „verirrten Fantasten“ abzutun, wie so mancher Unionspolitiker es tut? Oder ihn gar als Anhänger des real gescheiterten Sozialismus zu sehen, wie unsere Ökonomen dräuen? Naheliegend ist es nur, ihn in der eigenen Partei nicht mehr für tragbar zu halten, wie mancher Sozialdemokrat richtigerweise grummelt – aber aus den falschen Gründen.

Warum? Fragen wir uns doch mal, warum Kühnert ausgerechnet BMW als Objekt staatlicher Begierde ausgemacht hat. Warum nicht einen anderen Automobilkonzern? Und warum nennt er nicht die Strom- und Energieversorgung oder Teile der Digitalwirtschaft, die Klassiker der Linken? Irgendeinen Grund wird Kühnert schon gehabt haben. Und so oft er seine These nun wiederholt, er verrät ihn uns nicht.

Nehmen wir den Vorschlag mal fünf Minuten ernst. Auf die Automobilindustrie kommen harte Zeiten zu. Das weiß jeder. Wie die Konkurrenz, so werden auch die bayerischen Hersteller in Zukunft schrumpfen. Das Elektroauto frisst nicht nur Strom, sondern zigtausend Arbeitsplätze. Den Rest erledigt das automatisierte Fahren.

BMW ist „ein Hersteller hochpreisiger, komfortabel ausgestatteter und gut motorisierter Reisewagen mit sportlichem Anspruch“, wie es auf Wikipedia heißt. Und genau das ist es, was in Zukunft niemand mehr braucht. Denn wohin mit der statusdiversifizierten Produktpalette des fetischisierten Individualverkehrs, wenn man damit in den Städten nicht mehr fahren darf? Wenn Milliarden Menschen kleine Robo-Cars als Taxis nutzen? Wenn man mit seinem ökostrom-betriebenen SUV vielleicht noch auf einsamen Dorfstraßen fahren darf, aber, weil Sicherheitsrisiko, nirgendwo sonst?

Wir werden sein ein Volk ohne Wagen! Nicht heute oder morgen, aber das Übermorgen rückt näher. Nie waren die Dinosaurier so groß wie in der Kreidezeit, kurz bevor sie ausstarben. So gut wie heute wird es BMW nie wieder gehen. Das Kerngeschäft wird schwinden, die Negativschlagzeilen sind programmiert.

Warum nicht verkaufen, und zwar jetzt, und zwar schnell? Und wenn sich kein Dummer findet, warum nicht der Staat? Und da muss irgendjemand in der Chefetage Kevin Kühnert eingefallen sein. Bei Christian Lindner würde jeder sofort stutzig. Die AfD ist beim Thema Auto und Autobahnen verbrannt. Und von Robert Habeck weiß man, dass der sowieso nichts tut, der will nur spielen.

Da kommt Kevin Kühnert gerade recht. Absolut unverdächtig. Eloquent, frech, radikal. Aber wie man die Jusos kennt, wechseln ihre einstigen Vorsitzenden, wann immer sie die Macht haben, irgendwann die Seiten. Warum diesmal nicht schon vorher? Denn, wohlgemerkt: Kühnert will BMW nicht ersatzlos beschlagnahmen. Ein Walter Ulbricht ist er nicht.

Natürlich werden die Aktionäre entschädigt – zum gegenwärtig rekordverdächtigen Börsenwert. Und der Staat darf dann in den nächsten drei Jahrzehnten durch die Turbulenzen eines untergehenden Geschäftsmodells schlingern und nach und nach mehr als die Hälfte der 135.000 BMW-Mitarbeiter entlassen. Aus Gewinnen werden atemberaubende Verluste. Und die deutsche Wirtschaftslobby sieht sich bestätigt: Da sieht man es wieder, der Staat kann nicht wirtschaften! Selbst BMW richten die zugrunde. Traurig, traurig.

Wäre es nicht übrigens gut, die Commerzbank und die Deutsche Bank gleich mit zu verstaatlichen? Und den einen oder anderen Versicherungskonzern? Die Liste der Verstaatlichungswilligen, die hinter der Tür warten, ist lang. Was hätte RWE und seinen Aktionären vor zehn Jahren Besseres passieren können als seine Verstaatlichung zum Kurswert? Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. „Was hat er geraucht?“, fragen sich Kühnerts Parteigenossen. Richtig wäre zu fragen: Welche Zigarre mit wem?

Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Auch sein aktuelles Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist ein Bestseller.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°4/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 24. Mai 2019 am Kiosk erwerben.

Mehr zu: Kolumne von Richard David Precht - Kevin Kühnert wechselt die Fronten

1 Kommentar zu "Kolumne von Richard David Precht: Kevin Kühnert wechselt die Fronten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Der Artikel, von Richard Precht, war, wie immer sehr amüsant, gut durchdacht als auch hervorragend formuliert. Nur die Frage, nach dem warum bleibt offen. Was wollte Herr Kühnert damit in der Öffentlichkeit erreichen? Er dürfte doch auch wissen, wie sich Technik und Verkehr zukünftig voraussichtlich entwickeln werden, also was hätte er mit einem staatlichen U der Autobranche vor? Nur den Bürger für den Niedergang zur Kasse bitten, wäre etwas zynisch. Es wäre doch viel besser Energie und Geld in andere zukunftsträchtige Forschungen & Entwicklung zu stecken? Silizium-Batterien und Akkus z.B., für Elektromobilität und Solarstrom, weniger selten und größere Speicherkapazität. Was könnte man damit alles verbessern? Wir könnten den Verkehr revolutionieren, Klima schonen, Menschen nicht ausbeuten, mobil bleiben, etc. Anderenfalls sollten wir vielleicht aufs Klonen setzen und auf Flugsaurier umsteigen, nur der Zuspruch in der Gesellschaft wäre vielleicht gering. Gegen einen Hausdrachen hätte ich persönlich nichts, wer weiß gegen was od. wen man den noch einsetzen kann? 😊. Eigentlich bin ich schon zuversichtlich, dass uns etwas einfällt um den Planeten noch zu retten und dennoch nicht auf alles verzichten müssen. Ein menschliches Bedürfnis ist mobil zu sein, zu reisen, Neues zu entdecken und sich zu entfalten, dies muss nicht zwingend im Gegensatz stehen zu den Bedürfnissen unseres natürlichen Lebensraumes. Wir müssen diesen nur auch erkennen und respektieren, rechtzeitig mit Verstand umsteuern! Das würde ich mir von Politik wünschen, strategisch planen für Bürger und Umwelt. Die Hoffnung bleibt und ebenfalls die Frage nach dem sinnstiftenden Gedanken, den Herrn Kühnert wohl geritten hat? Lieben Gruß