Ruhe bitte! Entspannung beim Blick in den Sternenhimmel auf rauer See

Der Alltag auf einem Kreuzfahrtschiff kann stressig sein. Um sich von dem ständigen Trubel zu erholen, hat Kapitän Ulf Wolter ein ganz besonderes Rezept.
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Der 52-Jähige ist seit sechs Jahren Kapitän der MS Europa 2 mit rund 500 Gästen und einer 370-köpfigen Crew an Bord. Quelle: Dennis Mischko / Hapag Lloyd
Ulf Wolter

Der 52-Jähige ist seit sechs Jahren Kapitän der MS Europa 2 mit rund 500 Gästen und einer 370-köpfigen Crew an Bord.

(Foto: Dennis Mischko / Hapag Lloyd)

Den größten Stress habe ich, wenn sich das Wetter stark verschlechtert. Wie neulich, als wir in der Südsee unterwegs nach Samoa waren und ein Zyklon aufzog. Dann muss ich schnell reagieren, denn die Sicherheit von Gästen und Crew steht an erster Stelle. Klar, dass ein tropischer Wirbelsturm umfahren wird. Doch wenn ich den Kurs zu stark ändere, fallen bestimmte Reiseziele aus.

Dafür muss attraktiver Ersatz gefunden werden. Also hole ich rasch meine vier Hauptabteilungsleiter, die für Technik, Nautik, den Hotelbetrieb und die Ausflüge verantwortlich sind, zusammen. Mit ihnen stimme ich den besten Plan B ab. Es muss geklärt werden, wo das Wetter besser ist, ob beim angepeilten Ersatzhafen ein Liegeplatz frei ist und welches touristische Programm wir dort anbieten. 

Am allerwichtigsten ist jedoch, schnellstens persönlich die Passagiere über die neue Route zu informieren. Das lehrt die Erfahrung. Also bitte ich unsere etwa 500 Gäste per Durchsage ins Bordtheater. Dort erkläre ich ihnen anhand von Wetterkarten, warum wir vom geplanten Reiseverlauf abweichen müssen. Das schlägt manchmal auf die Stimmung, wenn die Gäste über geplatzte Ausflüge und Besichtigungen verständlicherweise enttäuscht sind.

In solchen Situationen reagiere ich mit viel Feingefühl. Ich gebe allen die Möglichkeit, Fragen zu stellen – auch später noch. Als Kapitän gehört es für mich ohnehin dazu, sehr oft präsent zu sein für die Passagiere. Und natürlich in jeder Situation Gelassenheit auszustrahlen – gehen die Wogen auch noch so hoch. Ich selbst habe keine Angst vor schlechtem Wetter.

Mein Tag als Seemann beginnt spätestens um 9 Uhr. Bevor ich meine Runde über die Brücke drehe und das Wetter checke, brauche ich einen kräftigen schwarzen Tee in meinem Lieblingsbecher mit den Pinguinen drauf. Der erinnert mich an meine Fahrten zur Antarktis und den Falklandinseln. Wenn keine Anlege- oder Ablegemanöver anstehen, erledige ich meist Verwaltungskram. Jeder Tag auf See hält genug Überraschungen bereit.

Richtig zur Ruhe komme ich erst spät am Abend. Dann gehe ich allein auf die Brückennock und blicke über das Meer. Ich genieße das Rauschen, den Wind oder die laue Luft, den weiten Blick – und vor allem den tollen Sternenhimmel. Ich brauche diese Momente draußen, auch wenn das Meer aufgepeitscht ist oder es stürmt.

Dann kann ich ungestört meinen Gedanken nachhängen. Und mich schon mal auf zu Hause freuen. Nach zwei bis drei Monaten unterwegs habe ich ebenso lang Landgang am Stück. Also Zeit für meine Frau und meinen Sohn in Hamburg. Was andere als ganz normalen Alltag empfinden mögen – einschließlich Teenager-Allüren und Einkäufe – ist für mich der wahre Urlaub.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°4/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 24. Mai 2019 am Kiosk erwerben.

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