Deutschland: Europa muss die Krise als Chance begreifen
Die Institution soll die Einzelstaaten unterstützen und Impulse für die Zukunft setzen.
Foto: Moment Open/Getty ImagesDie deutsche EU-Ratspräsidentschaft fällt in eine Zeit der großen Herausforderungen, birgt aber auch enorme Chancen für Europa. Die Bewältigung der Coronafolgen, Klimaschutz, Digitalisierung und Europas Verantwortung in der Welt gehören zu den Kernthemen des deutschen Programms für die kommenden sechs Monate.
Nicht nur in Europa die Krise bewältigen, sondern auch Perspektiven aufzeigen, die Wege in die Zukunft ebnen – das ist die richtige Mischung und muss konsequent umgesetzt werden.
Manch einen verleiten die aktuellen wirtschaftlichen Eckdaten dazu, zunächst nur auf die Stabilisierung der Wirtschaft zu fokussieren. Jüngste Konjunkturprognosen sagen für alle europäische Staaten einen historischen Einbruch im Jahr 2020 voraus.
Die Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben länger gedauert als ursprünglich erwartet. Fehlende Nachfrage und unterbrochene Lieferketten haben auch viele Unternehmen, die nicht behördlich geschlossen wurden, dazu veranlasst, die Produktion vorübergehend einzustellen.
Mit den Lockerungen ab Mai konnte die wirtschaftliche Erholung beginnen. Sowohl der Sachverständigenrat als auch andere Institutionen prognostizieren eine langsame, aber stetige Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität, die sich in Deutschland im kommenden Jahr in einem Wachstum von um die fünf Prozent niederschlagen dürfte.
Alle Prognosen unterstellen dabei eine stetige Verbesserung des ökonomischen Umfelds, was aktuell gemeinhin als wahrscheinlich gilt. Dafür muss es aber gelingen, im Fall einer zweiten Coronawelle oder bei lokalem Wiederaufflammen der Pandemie das Infektionsgeschehen ohne erneute umfassende Beschränkungen in den Griff zu bekommen.
Professor Veronika Grimm ist Mitglied im Rat der Wirtschaftsweisen.
Foto: FAU/Giulia IannicelliEs sind kluge Strategien gefragt, die – bis ein Impfstoff oder wirksame Medikamente verfügbar sind – eine neue Normalität etablieren und bestmöglich Gesundheitsschutz mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten verbinden.
Die Nutzung der Corona-App, gezielte Teststrategien, „Smart Distancing“ und eine gute personelle und technische Ausstattung der Gesundheitsämter sind dabei wichtig. Dies ermöglicht die Wiederaufnahme zahlreicher Aktivitäten und im Fall neuer Infektionsherde die regionale und zielgerichtete Unterbrechung von Infektionsketten, ohne die wirtschaftliche Erholung zu bremsen.
Für die Erholung einzelner Staaten – insbesondere auch Deutschlands – ist es außerdem wichtig, dass der europäische Binnenmarkt und die globalen Absatzmärkte sich erholen. Denn die Lieferketten sind in hohem Maße international vernetzt.
Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland beziehen im Schnitt knapp ein Viertel ihrer Vorprodukte aus dem meist europäischen Ausland. Die Exportmärkte liegen zudem oft außerhalb Europas, zum Beispiel im Fall der Automobilindustrie oder auch im Maschinenbau.
Digitalisierung und Klimaschutz
Die europäische Staatengemeinschaft sollte ihre Mitgliedstaaten nun bei der Erholung unterstützen und gleichzeitig deutliche Impulse für die Zukunft setzen. Mit dem Green Deal, dem Vorschlag eines „Next Generation EU“-Fonds, der in dieser Woche vorgestellten Wasserstoffstrategie sowie dem Programm für eine Integration der Energiesysteme gibt es Konzepte mit dem Potenzial, die Erholung zu begleiten und gleichzeitig den Strukturwandel in Europa zu beschleunigen.
Schon heute ist abzusehen, dass die Pandemie einige dauerhafte Anpassungen nach sich zieht, etwa ein geringeres Reiseaufkommen durch die zunehmende Digitalisierung oder auch Veränderungen in der Tourismusbranche.
Auch Anpassungen der internationalen Arbeitsteilung und der Handelsbeziehungen sind möglich – denn nicht nur in Europa, auch in China wird darüber nachgedacht, Abhängigkeiten zu reduzieren. Klare und attraktive Zukunftsperspektiven in der EU erleichtern den Unternehmen und der Politik die Reaktion auf diese Entwicklungen.
Deshalb ist es so wichtig, nicht nur die Wirtschaft zu stabilisieren, sondern im gleichen Zug Rahmenbedingungen und Programme für die anstehenden Transformationen zum Beispiel in den Bereichen Digitalisierung und Klimaschutz zu etablieren. Nur so werden die privatwirtschaftlichen Investitionen ausgelöst, die die Basis für neue Geschäftsfelder, eine rasche Erholung und nachhaltiges Wachstum sind.
Corona wirbelt die Welt durcheinander. Von einem Tag auf den anderen kam die Weltwirtschaft zum Stillstand. Jetzt versuchen die Volkswirtschaften wieder zur Normalität zurückzukehren, doch so einfach ist das nicht mit der ökonomischen Analyse: Was richtete das Virus mit der Weltwirtschaft an? Sechs bekannte Ökonominnen und Ökonomen aus allen Regionen der Welt haben sich aus ihrer Perspektive für das Handelsblatt dieser Frage angenommen und analysieren mit ihrem Sachverstand die Situation.
Foto: SmetekLesen Sie hier, wie die anderen Top-Ökonomen die Zukunft einschätzen:
- Bert Rürup und Axel Schrinner: Corona verschärft die Strukturkrise in Schlüsselbranchen wie Auto oder Maschinenbau
- Lorenzo Codogno: Mit Hilfen und Reformen muss sich Italien bald erholen – nicht wie nach der Finanzkrise
- Joseph E. Stiglitz: Mehr Arbeitsplatzabbau, Ungleichheit und Wachstumsverlust durch Corona – der Staat muss gegensteuern
- Dan Wang: Chinas Wirtschaft wird 2020 als eine der wenigen aller G20-Staaten ein positives Wachstum aufweisen
- Richard Koo: Es droht eine gefährliche Deflationsspirale wie in Japan
Insbesondere die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft verschafft vielen Unternehmen in zahlreichen Sektoren Perspektiven. Sie bietet darüber hinaus die Chance, den Zusammenhalt in der EU zu stärken durch neue zukunftsfähige Kooperationen zwischen EU-Staaten und darüber hinaus. Europa muss die Krise als Chance begreifen und in wichtigen Handlungsfeldern schneller voranschreiten, seine Wettbewerbsfähigkeit festigen und ausbauen und Wachstumschancen generieren.
Krisen sind auch immer ein „Window of Opportunity“ für notwendige Reformen. Für den langfristigen Zusammenhalt und die Widerstandsfähigkeit der EU wird es entscheidend sein, auf Augenhöhe notwendige Verbesserungen des Rahmenwerks zu verhandeln, die ausreichende fiskalische Spielräume aller Staaten auch in zukünftigen Krisen sicherstellen. Mit gemeinsamen Visionen im Blick wird auch dies leichter zu stemmen sein.