Essay Jürgen Fitschen Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.
  • Jürgen Fitschen
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Jürgen Fitschen übernimmt am 1. Juni gemeinsam mit Anshu Jain den Vorsitz der Deutschen Bank von Josef Ackermann. Quelle: Reuters

Jürgen Fitschen übernimmt am 1. Juni gemeinsam mit Anshu Jain den Vorsitz der Deutschen Bank von Josef Ackermann.

(Foto: Reuters)

Wertewandel - dieses Thema als Banker aufzugreifen mag vermessen anmuten in Zeiten, in denen das Ansehen der Banken auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Die Kritik, die uns seit der Finanzkrise 2008 beschäftigt, zwingt die Finanzbranche aber, sich der Frage nach ihrer Wertorientierung zu stellen.

Man kann die Rolle der Banken in unserem marktwirtschaftlichen System als die eines Generators wirtschaftlicher Werte beschreiben. Dann wird deutlich, dass der Vorwurf, die Finanzindustrie sei nicht produktiv und wertschöpfend tätig, ins Leere geht. Banken arbeiten als Generatoren der industriellen Produktionsprozesse und der weltweiten Vermarktung und Distribution von deren Erzeugnissen. Der weltweiten Wirtschaftskreisläufe also, die in ihrer modernen Gestalt für viele Menschen immense Wohlstandsgewinne gebracht haben.

Banken arbeiten unsichtbar und lautlos - wie die Generatoren, die den für die Industrieproduktion erforderlichen Strom bereitstellen. Eine funktionierende Finanzindustrie ist Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung - ihr vorzuwerfen, sie sei an diesen Prozessen nicht konstruktiv beteiligt, wäre ebenso wenig zutreffend, wie dies von den Energieversorgern zu behaupten. Und dass solche Dienstleister auch Geld verdienen wollen, ist nicht nur legitim, sondern für das Funktionieren des marktwirtschaftlichen Systems unverzichtbar.

Grundsätzlich gilt: Zielgerichtetes unternehmerisches Handeln ist per se ethisch relevant. Gewinnorientierung - auch bei Banken - steht nicht im Widerspruch zu dem, was wir gemeinhin als moralischen Wert fassen. Denn dauerhafter Erfolg ist für ein Unternehmen nur möglich, wenn eigener Vorteil, Kundennutzen und gesellschaftliche Akzeptanz Hand in Hand gehen. Ökonomische Werte zu schaffen ist wertvoll: Dem sollte jeder zustimmen, der sich nicht radikaler Kritik am Kapitalismus und unserem marktwirtschaftlichen System verschrieben hat.

Für Banken heißt das: Einen grundlegenden Wandel hin zu anderen, neuen oder alten Werten müssen sie nicht vollziehen, sondern ihre Reflexions- und Kommunikationsaufgaben erledigen. Intern den Wertschöpfungsauftrag im oben skizzierten Sinne als Richtschnur verankern und zum Prüfstein für Prozesse und Instrumente machen. Und extern ihren Beitrag verdeutlichen gegenüber Kunden, der Politik und einer Gesellschaft, die die Banken und ihre Vertreter zunehmend als nur mit der eigenen Bereicherung befasstes System verstehen.

Hier hat die Branche möglicherweise am meisten gesündigt. Wer nur über eigene Profite und Renditen spricht, ohne den Wertschöpfungsbeitrag der Banken deutlich zu machen, kann nicht erwarten, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle der Banken verstanden wird.

Kunden und Projekte sollten strenger überprüft werden
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43 Kommentare zu "Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft"

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  • Die Deutsche Bank AG spricht von Unterstützung der "Kleinbauern in den Schwellenländern"! Wenn ich nicht lache! Da bekommt nicht mal der Mittelständler um die Ecke einen Überbrückungskredit - aber natürlich der Kleinbauer im entfernten Schwellenland, der seine Ernte "vorfinanziert"! Mit diesem Argument sollte mal ein Handwerker zu dieser Bank gehen und sagen er "möchte seine zukünftigen Erträge vorfinanzieren"!
    Und dann auch noch "Die Systemrelevanz von Banken" als "neuen Leitgedanken" festsetzen zu wollen in der Politik und Gesellschaft! Unverschämt! Dann können wir den kompletten deutschen Mittelstand als wirklich systemrelevant einstufen und die Kräfte der Marktwirtschaft mal eben außer Kraft setzen! Insolvenzen braucht dann keiner mehr in den systemrelevanten Branchen zu befürchten. Dann ist da ja der Steuerzahler! Der wird es schon richten!

  • Anshu Jain war doch der Immobilien-Chef in New York und verantwortlich für die Immobilien-Blase in Amerika. Wie kann man so jemand in den Vorstand einsetzen?

  • Cassandra versteht nicht, was spekulieren bedeutet. Spekulanten haben «ber die Zeit gesehen keinen Einfluss auf die Preis. Ein Spekulant kauft, um sp'ter zu verkaufen. Im ersten Moment treibt er den Preis nach oben, im zweiten nach unten. Spekulationen auf Rohstoffe sind sehr nützlich und helfen den Armen sogar mehr als den reichen Menschen.

    Bei dir sieht man, dass du von Wirtschaft und Investieren keine Ahnung hast und nur Fachbegriffe in den Raum schmeißt.

  • Danke Cassandra, ein sehr einleuchtender Bericht!
    Nachdem ja jetzt eine Welle der Rekapitalisierung und der Konsolidierung anrollen wird, wird man nicht mehr alle retten können. Es darf gewettet werden, welche Bank zuerst den Bach runter geht......

  • Da kann die DB noch soviele gekaufte Imageartikle in der Finanzpresse kurz vor der HV veröffentlichen. Wenn solche Mitarbeiter dort arbeiten, braucht Herr Fitschen uns nichts über den Nutzen der Banken und den positiven Beitrag erzählen.

    Die Welt steht vor dem Finanzexodus und viele Hungern und die DB Mitarbeiter machen sich darüber Gedanken, wie sie mit ihren obzönen Gehältern und Bonis auf Rohstoffspekulationen noch mehr Gewinn machen können!

    Oja, was für ein kluger 32-jähriger - sehr "clevere" CTA Strategie - Computer, die ohne mit der Wimper zu zucken, den Trend von Übertreibungen bei den Rohstoffspekulationen noch verstärken!
    Renditeziel 20 Prozent - Deutsch-Banker will Hedge-Fonds gründen
    erschienen im Handelsblatt - 10.05.2012, 09:48 Uhr

    Noch arbeitet er in der Securities-Abteilung der Deutschen Bank, doch bald will Ryo Ishiyama einen Hedge-Fonds gründen. Dieser soll weltweit in Rohstoff-Futures investieren und möglicherweise bereits im Juli dieses Jahres an den Start gehen. Zum Start verfügt der Fonds den Planungen zufolge über ein Anlagekapital von 300 Millionen Yen (2,9 Millionen Euro), wovon 200 Millionen Yen von Ishiyama selbst kommen.

    Ziel seines Fonds ist es, eine jährliche Rendite von rund 20 Prozent zu erzielen. Die Investments sollen unter anderem an der New York Mercantile Exchange, der größten Rohstoffbörse der Welt, und an der Tokyo Commodity Exchange erfolgen.

    Klassische CTA-Strategien - die auf Computer-Modellen basieren, die historischen Preiskurven folgen - entwickeln sich meist besonders dann gut, wenn die Märkte klaren Trends folgen.

  • Sehr geehrter Herr Fitschen,
    wann werden die Banken anfangen, sich an der Wiedergutmachung der immensen finanziellen Schäden, die sie angerichtet haben und die mittlerweile weitgehend auf die Staatshaushalte und den Steuerzahler abgewälzt wurden, zu beteiligen???

  • Volle Zustimmung zu Ihrer gesamten Ausführung.

    Und damit man noch liquider ist und noch mehr zocken kann, hat Ackermann vor seinem Abgang noch einen "guten Deal" gemacht, wie man ohne Kapitalerhöhung oder sonstwas immerfort an mächtig Liquidität herankommt!


    Aus dem Artikel des HB vor einigen Tagen:

    Angst vor dem Durchmarsch der Investmentbanker
    22.05.2012, 15:30 Uhr

    Anshu Jain gelangte durch den Erfolg des von ihm verantworteten Investment-Bankings an die Spitze der Deutschen Bank. Das löst Ängste aus, die Rückbesinnung auf das Privatkundengeschäft könnte infrage gestellt werden.

    Durch die weltweite Finanzkrise sind die Verantwortlichen der Deutschen Bank um Konzernchef Josef Ackermann zu der Einsicht gekommen, dass ihnen ohne Kleinsparer das Geld ausgehen könnte.
    Deshalb kauften sie mehr als 90 Prozent der Postbank für insgesamt rund 5,6 Milliarden Euro und erhielten dadurch den Zugang zu 14 Millionen Kunden und Spareinlagen über 120 Milliarden Euro.

    Ackermanns erklärtes Ziel war es, dem vergleichsweise stabilen Geschäft mit Privat- und Geschäftskunden mehr Gewicht zu verleihen und so die Schwankungen im Investment-Banking besser auszugleichen

    Durch den Wechsel des ehemaligen Spartenchefs Anshu Jain an die Konzernspitze fürchten Kritiker jetzt einem „Durchmarsch der Investmentbanker“.


    Da kann ein Fitschen noch so salbungsvoll daherreden, alles unglaubwürdiges Geschwätz der gerissenen Clique.

  • So so die Finanzwirtschaft würde zusammenbrechen: der honorige Herr Fitschen hat wohl den Derivathandel "vergessen".

    Williams Lindsey warnt: JPMorgans Ankündigung der 2 Milliarden Verlust im Derivatmarkt ist der Startschuss des Zusammenbruchs des gesamten Derivatmarktes. Alleine in den 9 größten amerikanischen Banken lagern weit über 200 Billionen Dollar (!!) an Derivaten (zum Vergleich: Das Weltsozialprodukt beträgt 75 Billionen Dollar). Der Dollar steht vor dem Zusammenbruch, ebenso der Euro. Große Treffen haben über das letzte Wochenende stattgefunden, um die Situation nicht in Panik abgleiten zu lassen.

    JP Morgan Chase hat ca. 70 Billionen an Derivaten in den Büchern, Citi Bank 52 Billionen, Bank of America 50 Billionen und Goldman Sachs 44 Billionen. Das sind nichts anderes als wertlose Papiere.

    Das sind die Atom-Bomben der Finanzindustrie. J.P.M. ist erst der Anfang, -Aber vom Ende-

  • aber die Miete steigt nicht mit jedem monat, den man nicht zahlt, sondern der vertrag endet ;) Jedoch haben die banken kein interesse daran dieses spiel zu beenden.

  • Soviel asoziale Arroganz ist kaum zu glauben.

    Bürger aller Länder vereinigt Euch und zieht Euer Geld bei diesen Leuten ab. Die Tagesgeldanleihe der Bundesrepublik Deutschland ist fast so sicher wie die Bundesbank.

    Fehlt nur noch ein Bundestag mit Rückgrat. ;-)

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